Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Die Namen der Pillen

with 18 comments

Herr Krawummski hat Blutdruck.
Also gut, jetzt mal langsam. Ist mir schon klar, jeder Mensch hat Blutdruck. Zumindest jeder lebende Mensch. Wer keinen Blutdruck hat, der sollte sich schleunigst mal reanimieren lassen und falls gerade kein fitter Anästhesist oder Notarzt zur Hand ist sind die Chancen hoch, dass man bald den Bestatter seines Vertrauens kontaktieren sollte. Also, die Anghörigen sollten das natürlich tun, aber darum geht es jetzt ja gar nicht.
Der Blutdruck von Herrn Krawummski ist zu hoch.
Und das berechtigt ihn, von nun an am Stammtisch und auch sonst überall mit stolzgeschwellter Stimme verkünden zu dürfen: „Isch abe Blutdruck!“
Und mich berechtigt es, ihm eine Pille dagegen aufzuschreiben.
Alles kein Problem!
„Geben wir eine halbe Ramipril!“ sage ich zu Jenny.
Ist Okay, sagt Jenny und nickt dienstbeflissen, wie sich das für eine fleißige Schwester gehört. Vielleicht sagt sie auch „geht klar!“ oder „alles in Ordnung, Doc,“ oder „machen wir doch, Chef!“, so genau habe ich da gerade nicht hingehört. Hatte wichtigeres zu tun, das Ramipril aufschreiben nämlich, eine halbe Zwanziger einmal täglich morgens.
Eine Stunde später steckt Jenny den Kopf durch meine Arztzimmertür.
„Hamwanich!“
„Wie bitte?“
„Haben wir nicht, das Ramipril!“
Das gibt’s doch nicht! Ramipril ist ein absolutes Standardmedikament, das dürfte so mindestens jeder zweite Patient hier auf Station bekommen.
Das gibt’s hier nicht?
Gibt’s doch nicht!
Kopfschüttelnd bewege stehe ich auf, folge Jenny ins Schwesternzimmer zum Medikamentenschrank und eine Sekune später habe ich eine Schachtel der gewünschten Pillen da herausgezogen.
Jenny schmollt.
„Hättste doch auch gleich sagen können, dass das Delix ist!“
„Ach, Jenny-Schatz! Du weißt doch, dass jedes Medikameent zwei Namen hat.“
„Und Ihr Doktors müsst immer den falschen verwenden!“
Den Falschen? Nee, den Richtigen!
Warum muss das Leben bloß immer so kompliziert sein?

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Written by medizynicus

8. Februar 2012 um 08:15

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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18 Antworten

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  1. Bitter.
    Ne Krankenschwester müsste das doch wissen. Und mit den richtigen Namen tut man sich doch viel einfacher.

    Hellebora

    8. Februar 2012 at 08:25

  2. PÖH!
    Ärzte, die den Namen eines Medikaments aufschreiben und nicht den Wirkstoff…. PÖH!
    Dass die Krankenschwestern hier immer so schlecht wegkommen…Verlange nach einer Gegendarstellung ;))

    muckeltiger

    8. Februar 2012 at 09:15

  3. Das ist aber auch verwirrend mit Wirkstoff- und Markennamen.

    Der Maskierte

    8. Februar 2012 at 09:19

  4. Hachja, kenn ich auch, bei meinem Klinikpraktikum für meine Rettungssani Ausbildung in der Anästhesie hat mich die Anästhesistin auch Lasix aus der Einleitung holen lassen, ich stand also vor diesem Schrank mit den ganzen Medis, die alle schön alphabetisch geordnet sind und suchte nach Lasix… Nix gefunden! Ich wusste zwar, dass das Zeug noch einen zweiten Namen hat, hatte aber keine Ahnung welchen. Naja, bin zur Anästhesistin und hab gesagt: „Also bei L hab ich nichts gefunden“ Worauf sie mich in den Nachbarsaal geschickt hat um welches zu holen. Ich also dort zum Pfleger: „Ich soll fragen ob ihr Lasix für uns im anderen Saal hättet, da gibts irgendwie keins“ Er greift also in den Schrank und drückt mir etwas wo Furosemid draufsteht in die Hand! Ich wäre irgendwie gerne im Boden versunken…

    Tänzerin

    8. Februar 2012 at 09:38

  5. wozu sind eigentlich marken- bzw. wirkstoffnamen unterschiedlich? hat das einen tieferen sinn oder nutzen?

    Ich

    8. Februar 2012 at 09:42

  6. @muckeltiger: aber Ramipril ist doch der Wirkstoff und Delix der Markenname

    Kikki

    8. Februar 2012 at 10:44

  7. @Ich: Wenn ein Wirkstoff auf den Markt kommt, bekommt es neben seinem Wirkstoffnamen einen „griffigen“ Markennamen, beispielsweise beim Wirkstoff Acetylsalicylsäure „Aspirin“. 10-15 Jahre nach Markteintritt läuft das Patent ab, aber der Markenname bleibt in den Köpfen von Ärzten und Patienten verankert und wird von Ärzten gerne weiterhin verschrieben, obwohl es günstigere Generika z.B. von Ratiopharm, Hexal, Sandoz und Co. gibt. Die Generikafirmen dürfen ihr Medikament aber nicht mit dem Markennamen bezeichnen, sondern nur mit dem Wirkstoffnamen (Aspirin ist in Deutschland immer von Bayer).
    Das ist wir bei bei anderen Marken: Ob Du jetzt ein Taschentuch der Firma Tempo oder ein Taschentuch einer anderen Firma nimmst, dürfte Dir bei einem Schnupfen herzlich egal sein. Aber Du wirst einen Freund stets nach einem „Tempo“ fragen, oder?
    Dasselbe bei „Edding“, „Prittstift“, „Kärcher“, „UHU“, „IPhone“ und eben auch bei „Viagra“, „Dolormin“, „Benuron“, was Synonyme für „Filzsstiftmarker“, „Klebestift“, „Hochdruckreiniger“, „Alleskleber“, „Smartphone“ und eben „Sildenafil“, „Ibuprofen“ und „Paracetamol“ sind.

    McCloud

    8. Februar 2012 at 11:17

  8. das ist so nicht richtig. der wirkstoffname – INN: international nonproprietary name, auch „internationaler freiname“ oder „generischer name“ ist die internationale bezeichnung für einen arzneimittelwirkstoff, damit dieser weltweit erkannt wird und verwechslungen ausgeschlossen sind. er wird von einem internationalen gremium vergeben, und spiegelt nach möglichkeit die zugehörigkeit des stoffes zu einer bestimmten substanzklasse wider. INN-namen sind gemeinfrei, also nicht patentgeschützt.

    die bezeichnung des fertigen medikaments wiederum wird vom hersteller desselben vergeben, der name wird aus verständlichen gründen patentgeschützt. der patentschutz kann im prinzip ewig erhalten werden wenn es entsprechende gründe gibt.

    da früher jedes medikament in jedem land einzeln zugelassen wurde – dank der eu gibt es ja gottseidank jetzt schon eu-zulassungen, die für alle eu-länder gelten – konnte es geschehen dass, wenn ein land ein medikament unter einem bestimmten namen zugelassen hatte, bei einem zulassungsantrag in einem anderen land zehn jahre später dieser name wegen verwechslungsgefahr mit einem anderen medikament nicht gewählt werden konnte. so kam es dazu, dass ein und dasselbe medikament von ein und demselben hersteller in drei deutschsprachigen ländern jeweils einen anderen namen hatte.

    was 10 bis 15 jahre nach der markteinführung abläuft ist das patent für ein arzneimittel, das heisst, eine andere firma kann es nachmachen. ist der ursprüngliche name durch den hersteller noch patentgeschützt, muss der generika-hersteller seinem präparat einen anderen namen geben – das ist so gut wie immer der fall.

    viele hersteller weichen dann der einfachheit halber auf INN-name + herstellername aus, dann gibt es z.b.
    ramipril 20 mg – x-pharma, ramipril 20 mg – y-pharma, und so weiter.

    da die generika kostengünstiger sind ist es also durchaus sinnvoll, den INN-namen aufzuschreiben und nciht den phantasienamen eines bestimmten präparates: die apotheker sind angehalten – entsprechend den verträgen der hersteller mit den krankenkassen – die billigste packung abgeben.

    kelef

    8. Februar 2012 at 12:00

  9. @kelef: Du schreibst, dass meine Antwort so nicht richtig ist. Ich glaube, wir meinen beide das Gleiche.
    Das Medikament ist natürlich über den Wirkstoff definiert. Und der INN-Name wird durch die WHO vergeben, normalerweise wird aber der Empfehlung des Herstellers gefolgt.
    Aber Delix darf halt nur das Ramipril der Firma Sanofi heißen und nicht das Produkt eines Generikaherstellers, da hat Sanofi die Markenrechte drauf. Und bei vielen Ärzten, Krankenschwestern, etc. ist halt nur der Name des Originalpräparats im Bewusstsein, s. oben bei „Jenny“.
    Und auch viele Kunden in einer Apotheke bestehen auf dem original Aspirin, da kann man sich den Mund fusselig reden, dass das Produkt einer anderen Firma faktisch gleich ist (+- 20% Unterschied in der Bioverfügbarkeit).

    Was Du aber zu INN-Namen schreibst, ist korrekt. Ein Beispiel für unterschiedliche Bezeichnungen von Wirkstoffen ist übrigens Paracetamol (Europa) und Acetaminophen (USA), sehr verwirrend.
    Und ein Beispiel für fehlenden Markenschutz im Ausland ist das oben erwähnte Aspirin. Während in Deutschland nur das Präparat der Fa. Bayer so heißen darf, gibt es Länder, in denen damals (ca. 1900) kein Markenschutz beantragt wurde. Dort dürfen auch Generikahersteller ihr ASS Aspirin nennen, was der Grund ist, warum „Aspirin im Ausland soooo viel billiger ist als in Deutschland“ (ich kanns nicht mehr hören).

    McCloud

    8. Februar 2012 at 12:29

  10. Wenns mal nur zwei Namen wären… spätestens nach Ende des Patentschutzes hat mans ja eher mit 2-5 Namen zu tun. Aber gabs da nicht nen Vorstoß im Zusammenhang mit irgendwelchen EU-Regelungen, sich irgendwann tatsächlich auf die Wirkstoffnamen zu beschränken? Könnte ja dann klappen… so in 10-15 Jahren 😉

    Neri

    8. Februar 2012 at 13:15

  11. @neri: würde ja schon reichen, wenn man die Hersteller verpflichten würde, den INN mindestens in gleicher Größe wie den Markennamen auf die Schachtel zu drucken.

    sphere

    8. Februar 2012 at 15:59

  12. @Kikki: Lach!
    Klappe schneller als der Kopf, hm? (Ich bin schon zu lange raus aus dem Geschäft.)

    muckeltiger

    8. Februar 2012 at 22:51

  13. ramipril ist doch viel schöner. ramipril hexal, ramipril stada, ramipril ratiopharm … lieber in INN aufschreiben und das auch _ohne_ firma, dann macht man den apotheker glücklich und den patienten zufrieden! 😉

    Bäddi

    9. Februar 2012 at 13:15

  14. @mccloud: sorry, ja, wir meinen das gleiche, aber ich war zu lange mit dem herumfrickeln am text beschäftigt und dann habe ich eigentlich ausbessern wollen auf „nicht ganz vollständig“, und dann klingelten die telefone, und dann hab ich vergessen und nur gespeichert. tut leid.

    die erste formulierung kam daher, dass ich in der eile beim ersten lesen verstanden hatte dass das patent für den namen abläuft, was ja aber gar nicht dastand. man soll eben gleich korrigieren wenn einem ein fehler auffällt – besonders wenn es ein eigener ist.

    wollte mit meiner einlassung ja nur noch genauer erklären wie es zu den verschiedenen bezeichnungen kommt, und woher sie stammen.

    kelef

    9. Februar 2012 at 14:32

  15. Hallo leute, habe den Blog gelesen muss sagen echt der Hamer ;D ein echter Artztbesuch sieht genau so aus ;D endlich mal ein Blog der tatsächlich wahrheitsgemäß ist und kein egeschwollenes getexte bei dem mann am ende auch nicht schlauer ist !! 😀 top danke dafür LG dani

    Daniel *Spam*

    9. Februar 2012 at 14:47

  16. Ich dachte, die maximale Tagesdosis von Ramipril ist 10mg. Dann habt ihr 20er Tabletten?

    Chris

    9. Februar 2012 at 16:15

  17. @Chris: Du hast natürlich Recht! Es sollte eine halbe (oder eine ganze) Zehner sein! Danke fürs aufmerksame Lesen!

    medizynicus

    9. Februar 2012 at 20:19

  18. […] Alleine schon die diversen Wirkstoff- und Medikamentennamen (siehe den aktuellen Beitrag beim Medizynicus)! Dabei muss man die Dinge doch nur mit einfachen Worten erklären, dann werden sie auch ganz […]


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