Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Die Namen der Pillen (Teil 2)

with 11 comments

Also, zunächstmal möchte ich doch all den Kommentatoren danken – insbesondere Kelef und McCloud, die das Wesentliche längst wunderbar erklärt haben.
Fassen wir also zusammen:
Nehmen wir an, ein paar Forscher wollen ein neues Medikament entwickeln.
Zum Beispiel ein Schmerzmittel.
Sie testen verschiedene Substanzen aus und stellen fest, hey, eine davon funktioniert ja tatsächlich! Man durchläuft die langwierigen und komplizierten Phasen der klinischen Testung und, hey presto, am Ende ist da ein neues Medikament.
Das besteht aus einer chemischen Substanz, die sich – gemäß den Richtlinien für Nomenklaturen chemischer Substanzen – beschreiben lässt.
Lange und komplizierte Moleküle haben lange und komplizierte Namen.
Beispiel gefällig?
Wie wäre es mit: 2-[2-(2,6-Dichlorphenylamino)phenyl]acetat
Kann das irgendwer aussprechen?
Allein schon die Schreibweise mit den vielen Zahlen und runden und eckigen Klammern ist ja eine Kunst für sich! Damit das Zeug halbwegs über die Zunge kommt – also ich meine jetzt die Zunge des Wissenschaftlers, nicht die des potentiellen Patienten – ist also eine Vereinfachung fällig. Lassen wir also ein paar Zahlen und Klammern weg, auch ein paar Buchstaben:
2-[2-(2,6-Dichlorphenylamino)phenyl]acetat.
Diclophenac. Oder Diclofenac.
Klingt doch schon etwas einfacher, oder?
Das ist jetzt der Begriff, den Wissenschaftler verwenden, wenn sie von der neuen Substanz sprechen.
Das ist dann der Internationale Freiname oder „Generic Name“ des neuen Medikaments. Den Begriff darf jeder verwenden, er ist nicht gesetzlich geschützt.
Gut, wir haben also tatsächlich ein neues Medikament.
Und das geht jetzt in Serie, es wird produziert und es muss vermarktet werden.
Dazu braucht der Hersteller – der natürlich flugs ein Patent angemeldet hat – einen neuen Begriff, der einzigartig ist, denn man will ja, dass der Käufer an das Produkt der eigenen Firma denkt und nicht an irgendwelche chemischen Substanzen.
Wie findet man einen solchen Markennamen?
Heutzutage hat jeder Pharmakonzern natürlich eine hochbezahlte Marketing-Abteilung und das „Branding“ ist eine richtige Wissenschaft für sich… früher ging man da viel hemdsärmeliger vor: Im Falle der oben beschriebenen Substanz schaute also der Mitarbeiter der betreffenden Abteilung mal kurz aus dem Fenster und stellte fest, dass er sich in der schönen Stadt Basel auf dem hässlichen Volta-Platz befand und – hey, Presto, das Zeug heißt bis heute Volta-ren (danke, Pharmama!).
Was bedeutet das für uns Ärzte?
Die meisten Medikamente haben mindestens zwei Namen. Das ist sehr verwirrend. Sowohl für die Patienten, als auch für alle Angehörigen von Berufsgruppen, die professionell mit dem Verteilen von Medikamenten zu tun haben.
Medizinisch macht das Ganze jedenfalls keinen Sinn.
Und im schlimmsten Fall gefährdet es sogar Menschenleben.

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Written by medizynicus

9. Februar 2012 um 23:47

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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11 Antworten

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  1. Was bedeutet das für Euch Ärzte?
    Ist doch ganz einfach:
    Kassenpatient -> Diclofenac
    Privatpatient -> Voltaren
    So schwierig kann das doch nicht sein. Aber wir Apotheker helfen gerne. 😉

    Mr. Gaunt

    10. Februar 2012 at 00:13

  2. Jaja,
    und der arme Patient, der sich dann den Namen gemerkt hat, der auf der Verpackung stand: Voltaren. Und dann genau das immer wieder haben will. Und woher soll der dann wissen, dass das in den Apotheken und Diclofenac gehandelt wird … 😉

    Aber ernsthaft: ganz besonders bei Tabletten ist das für die Patienten ätzend. Ganz besonders dann noch, wenn sie ins Krankenhaus eingeliefert werden und dann auf den Pillen was anderes steht als auf der, die er zu Hause nimmt.

    ednong

    10. Februar 2012 at 01:04

  3. Wobei ich bei medizinischem Personal erwarten würde, daß sie in der Lage sind, Generikanamen und Wirkstoff herauszufinden…

    Adromir

    10. Februar 2012 at 02:14

  4. Wow, mir war gar nicht bewusst, dass das so lustig abgekürzt wird. Kann man denn nicht um dieses Problem zu umgehen einen Flyer ausgeben, auf dem die verschiednen Begriffe draufstehen? Letztlich vertraue ich meist der Apothekerin oder dem Apotheker,wenn die mir sagen dass das in etwa das gleiche bloß unter anderem Namen. Übrigens haben wir in unserem Freundeskreis uns angewöhnt Medikamentennamen als sinnlos fremdwörter zu nehmen. Etliche Leute in unsere Studienzeit gingen uns mit auswenidg gelernten Fremdwörtern auf die Nerven, sodass wir einfach im Redefluß sowas gesagt haben wie, die Fußballer haben sich heute beim Spiel arg voltarenisch verhalten, die Reaktionw ar meistens zustimmendes Nicken, ein super Spiel also 😉 Lg Simmel

    Simmel

    10. Februar 2012 at 09:46

  5. Ja, die Nummer mit dem Markennamen und dem INN-Namen kann verwirren.
    Ich verstehe aber nicht, warum gerade in einem Krankenhaus von Ärzten nicht per se generisch verschrieben wird, also warum auf der Medikationsliste unbedingt Delix anstatt Ramipril drauf stehen muss. Im Studium oder der Ausbildung werden doch die INN-Namen beigebracht. Und diese stehen doch auf jeder Packung drauf. Und wenn man dann das Delix unter „R“ wie Ramipril einsortieren würde, sollte das doch keine Schwierigkeiten bereiten, oder?

    Aber manchmal kommt man auch nur mit dem Markennamen weiter, da der INN-Name das Arzneimittel nur unzureichend charakterisiert.
    Drei Beispiele:
    – „Antra“ und „Antra mups“: Beide enthalten Omeprazol und sind vom selben Hersteller. Allerdings ist „Antra mups“ im Gegensatz zu „Antra“ teilbar, was Vorteile hat, wenn man das Omeprazol über eine Sonde geben möchte.
    – „Adrimedac“ und „Caelyx“, bzw. „Myocet“. Alle drei enthalten Doxorubicin. Allerdings haben sie ein unterschiedliches Nebenwirkungsprofil (Caelyx und Myocet haben eine geringere Kardiotoxizität).
    – „Asprin 100 mg“ und „Aspririn protect“: Beide enthalten ASS und werden zur Thromboseprophylaxe eingesetzt, allerdings hat „Aspirin protect“ ein etwas geringeres Potential, Probleme mit dem Magen zu verursachen.
    Die Liste lässt sich fortsetzen. Gemein ist den Medikamenten, dass sie unterschiedliche Formulierungen haben.

    McCloud

    10. Februar 2012 at 13:54

  6. Das ist die Wahrheit – leider 😦

    Anja

    10. Februar 2012 at 16:52

  7. So schön die ausschliessliche Verschreibung des Wirkstoffes wäre, es gibt bei all Euren Überlegungen noch einen weiteren, nicht ganz unerheblichen Aspekt: In den Tabletten ist nicht nur der Wirkstoff, sondern es handelt sich um ein u.U. je nach Hersteller unterschiedliches Präparat durch die Art der Zubereitung und der Begleitstoffe. Das ist kein Argument gegen Generika, ist aber bei der Verschreibung aus formalen Gründen und auch bei Allergien nicht ganz unwichtig.

    Ein Lösung könnte sein, dass die Präparatenamen jeweils am Anfang den Wirkstoff führen müssen und dann den Hersteller. Bspw. Diclofenac-Spipha, Diclophenac-Baselpharm, Diclophenac-Rhenartis usw.

    Dienstarzt

    12. Februar 2012 at 14:24

  8. Ich halt dann mal die Klappe. Nach DER Blamage von neulich..
    schöne Woche!

    muckeltiger

    13. Februar 2012 at 14:55

  9. @McCloud

    Aspirin protect ist auch so ne Tablette, die Privatpatienten häufiger verschrieben bekommen als gesetzlich versicherte. Is ja schließlich auch dtl. teurer!
    Aber ist sie auch soviel „magenverträglicher“? Wohl eher nicht….bzw. allenfalls in so geringem Maße, dass es klinisch nicht relevant ist….mal wieder eine tolle PR-Aktion von BAYER.

    http://www.arznei-telegramm.de/html/2001_08/0108081_01.html

    NeuroDoc

    13. Februar 2012 at 21:04

  10. Hey Medizynicus, sch*** auf die Pillen! Hast du schon gehört? Die Heldin ist wieder da!!!!!!!!!

    docangel

    14. Februar 2012 at 11:50

  11. @Neurodoc: Wobei ASS 100 mg generell nicht von der gesetzl. Kasse übernommen wird, weder die magensaftresistente Formulierung noch die normale. Da kann es einem Arzt aus Budgetgründen eigentlich egal sein, welche der beiden Formulierungen er gerade verschreibt, Kunde zahlt eh selbst. Und da es die magensaftresistenten Formulierungen auch von Ratio, Stada und Co. gibt, ist das auch weniger eine PR-Aktion von Bayer.
    Der Grundgedanke, einen chemisch saueren Wirkstoff mit einem Polymer (Eudragit) zu überziehen, der sich erst im alkalischen pH auflöst, ist ja bei einem angegriffenen Magen nicht unbedingt verkehrt und durchaus sinnvoll. Natürlich kann man da nichts gegen die COX-Hemmung durch ASS und die dadurch erfolgende größere Säuresekretion machen (es wird halt nun mal leider nicht nur die COX in den Thrombozyten gehemmt).
    Übrigens, was den Preis angeht: Laut Roter Liste kosten ASS ratio 100 TAH 3,58 Euro, ASS ratio protect kosten ebenfalls 3,58 Euro. Aus pharmazeutischer Sicht ist ein Polymerüberzug einer Tablette echt Standard und kein Hexenwerk, was man hier auch am Preis sieht.
    Über Sinn oder Unsinn der magensaftresistenten Formulierung lässt sich gerne streiten, aber nachdem die beiden Formulierungen eh den identischen Preis kosten, würde ich der magensaftresistenten Formulierung den Vorzug geben.

    McCloud

    14. Februar 2012 at 12:58


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