Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

In Guten und in schlechten Zeiten

with 9 comments

Herr Eipeldauer hat mich auf dem Flur abgefangen.
„Wie geht’s meiner Frau?“ fragt er.
Wie es seiner Frau geht?
Schlecht wäre untertrieben. Sauhundsmiserabel wäre ein besserer Ausdruck. Eigentlich rechnen wir täglich mit ihrem Ableben. Seit über einer Woche schon. Aber sie will nicht. Sie hält sich hartnäckig.
„Unverändert!“ sage ich und bemühe mich, betont optimistisch zu klingen.
„Wird schon wieder!“ will ich hinzufügen, obwohl ich genau weiß, dass da gar nichts mehr wird, und so lasse ich es auch lieber sein.
Herr Eipeldauer nickt und trippelt ein paar Schritte weiter. So einfach fällt ihm das Trippeln auch nicht mehr, immerhin muss er auch schon an die neunzig sein, wenn man das Geburtsdatum seiner Frau als Maßstab nimmt. Aber geistig topfit. Nix mit Demenz, keine Ahnung, wie er das geschafft hat.
Herr Eipeldauer trippelt den Gang entlang und kurz vor der Tür des Zimmers, welches er gemeinsam mit seiner Frau bewohnt – wir haben ihn gnädigerweise als Begleitperson mit aufgenommen – kurz vor der Zimmertür also, da hält er noch einmal inne und dreht sich um.
„Ich weiß schon Bescheid!“ sagt er und nickt nochmals, „Ich weiß Bescheid, Herr Doktor, Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen!“
Was soll ich darauf antworten?
Manchmal sollte man lieber schweigen.
„Wissen Sie, Herr Doktor,“ fährt Herr Eipeldauer fort, „wir sind jetzt seit fünfundsechzig Jahren verheiratet!“
Er schaut mich an.
„Fünfundsechzig Jahre, Herr Doktor! Und damals habe ich ihr versprochen, dass ich bei ihr bleiben werde. In guten wie in schlechten Tagen. Die guten Tage hatten wir gehabt. Und jetzt wünsche ich mir nur, dass ich noch eine halbe Stunde leben darf, wenn sie die Augen schließt. Nur damit ich weiß, wohin sie geht!“
Sagts und schließt die Tür hinter sich.
Und ich bleibe stehen und sage gar nichts.
War heute nicht Valentinstag?

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Written by medizynicus

14. Februar 2012 um 23:22

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. *schluck*

    Frau Muschel

    15. Februar 2012 at 07:49

  2. tja ….. welch grösseren liebesbeweis kann es geben… blumen? schoki? nein, einfach nur einander beizustehen…. so lange zeit und auch in den letzten minuten…

    sehr mutig und sehr stark

    svnshadow

    15. Februar 2012 at 08:16

  3. genau, *schluck*
    ich glaube manchmal so eine feste Bindung gibt es in modernen Beziehungen gar nicht mehr…

    Hightower

    15. Februar 2012 at 08:52

  4. *tränchen verdrück* Das ist wunderbar. Hoffen wir, dass ihm der Wunsch erfüllt wird, kurz nach ihr zu gehen.

    Meine Nachbarn sind ebenso alt. Knapp 90 und auch schon 65 Jahre verheiratet. Er ist körperlich etwas fitter aber geistig nicht mehr, sie umgekehrt. Jeden Tag bei Wind und Wetter sind die beiden unterwegs. Wollen nichts verpassen. Sie schleppt sich zum Auto, er fährt es. Manchmal denke ich, dass sie gerne mal einen Tag zu Hause bliebe aber anders als täglich unterwegs kann ich mir die beiden auch nicht vorstellen. Jeden Morgen lege ich ihnen die Zeitung vor die Tür um ihnen die Treppen zu ersparen und jeden Vormittag werde ich nervös wenn die Zeitung um 10 oder gar 11 Uhr immer noch da liegt. Den beiden wünsche ich auch, dass sie gemeinsam gehen dürfen. Die können nicht ohne einander. Die wahre große Liebe. Ich gestehe, ich bin neidisch.

    Blogolade

    15. Februar 2012 at 09:19

  5. Ja, die guten Tage… Manchmal vergessen wir, daß wir mittendrin sind.

    Thomas

    15. Februar 2012 at 10:45

  6. da bekommt man ja tränen der rührung in die augen …

    Bäddi

    15. Februar 2012 at 10:51

  7. 😦
    Wer braucht schon den Valentinstag? Ist eh nur für die Blumenhändler wichtig. Kleine (große) liebevolle Gesten und/oder Geschenke kann und sollte man das ganze Jahr über denjenigen geben, den man liebt und nicht nur an diesen Tag.

    greenleaflegolas

    17. Februar 2012 at 18:16

  8. WUNDERSCHÖN!

    Kim

    21. Februar 2012 at 15:41

  9. Das ist so bewegend, dass mir die Worte fehlen.

    Andrea

    22. Februar 2012 at 23:28


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