Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for April 2012

Vierundzwanzig Stunden Freiheit

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Bad Dingenskirchen, Montag Abend, neunzehn Uhr.
Neunzehn Stunden Montag liegen hinter mir. Zunächst acht Stunden Rest von einem Wochenenddienst, und dann… elf Stunden Montag.
Montag. Hey, Leute, weiß hier jemand, was ein Montag ist? Okay, okay, schon gut, weiß schon, Ihr kennt Euch aus, ich brauch’s nicht mehr zu erklären.
Um neunzehn Uhr nicke ich dem Pförtner freundlich zu… trete durch die Glastüre und… und der Duft eines milden Frühlingsabens schlägt mir entgegen.
Frühling!
Duft!
Abend!
Freiheit!
Jawohl, Freiheit, vierundzwanzig Stunden lang, denn morgen ist bekanntlich Feiertag und nicht ich habe Dienst!
Tief durchatmen.
Langsam, langsam den Parkplatz überqueren… die Straße entlang gehen… die Wohnungstüre aufsprerren… im Sessel kollabieren… einen Schluck trinken… aufs Klo gehen…. duschen…. frische Klamotten anziehen…
Und auf geht’s in den Bad Dingenskirchener Frühlingsabend, die lauwarme, duftende Frühlingsluft einatmend auf direktem Wege zu Gepetto am Marktplatz, wo man draußen sitzen kann, ein großes Bier bestellt und dazu eine Pizza Cosa Nostra, extra scharf und mit ganz viel Knoblauch, denn morgen brauche ich keine Rücksicht auf Patienten zu nehmen….
Morgen?
Die ganze Welt steht mir offen!
Vierundzwanzig Stunden lang. Ich könnte… einkaufen, Kaffeetrinken, spazieren gehen, bloggen, feiern, mich hemmungslos besaufen, Leute treffen, in die Welt hinaus fahren, verreisen…
Ja, verreisen! Ein Vierundzwanzigstunden-Kurztripp. Mittwoch morgen, um acht Uhr und vier Minuten muss ich wieder an Bord sein.
Also…. hat jemand irgendwelche Tipps?
Bin für alles offen!
Aber jetzt muss ich erstmal meine Pizza Cosa Nostra vertilgen. Extra scharf. Mit ganz viel Knoblauch!

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Written by medizynicus

30. April 2012 at 20:41

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine…

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…und Bad Dingenskirchen liegt am Pieselbach.
Das ist so, das war schon immer so und es wird auch bis in alle Ewigkeit so bleiben. Deutschland definiert sich ja bekanntlich durch seine Flüsse: die großen Flüsse, als da wären der Rhein oder die Donau und natürlich – schönen Gruß an die mitlesenden Nordlichter – die Elbe und die Weser (ganz lieben Gruß!), und dann gibt’s natürlich auch die Nebenflüsse, den Main zum Beispiel oder die Lahn (noch’n ganz lieben Gruß!), ja, Neckar und Mosel lasse ich auch noch gelten und da unten im Süden den Inn und die Isar selbstverständlich auch… aber den Pieselbach?
Damals, so ungefähr vor hundert Jahren, da haben die Stadtväter von Bad Dingenskirchen mal eine Eingabe an Kaiser Wilhelm den Zwoten (also den echten, nicht den Hausarzt Dr. Wilhelm Kaiser) gesandt, man bitte untertänigst um Erlaubnis, den anstößigen Namen ändern zu dürfen, worauf seine Majestät einverstanden waren, aber nur unter der Bedingung, dass der neue Name „Urinocco“ lauten sollte.
Die Bad Dingenskirchener Stadtväter fanden das gar nicht lustig und haben die Stadt daher im kurz darauf folgenden Weltkrieg beschclossen, ihre Stadt kampflos dem Feind zu überlassen, was im Übrigen eine ziemlich kluge Entscheidung war, also natürlich nicht für den Bürgermeister, der wurde nämlich umgehend standrechtlich erschossen, aber für die Stadt, welcher aus diesem Grunde die Bombardierung erspart blieb. Wenn ich mich recht erinnere, spielt diese letzte Geschichte allerdings im zweiten Weltkrieg, macht aber nichts, denn die Bad Dingenskirchener Stadtväter sind ziemlich nachtragend.
Aber… äh…. wo war ich denn nun eigentlich stehen geblieben? Was wollte ich nochmal sagen?
Richtig!
Der Pieselbach!
Also, es gibt da irgendwo im Rheinland eine ziemlich große Stadt, die heißt Kölle und liegt, wie schon erwähnt am Rhein. Über selbigen gibt’s eine Brücke. Und an der Brücke gibt’s ne Menge Vorhängeschlösser. Wenn sich nämlich zwei Menschen ganz lieb haben, dann hängen sie so ein Vorhängeschloss an die Brücke, werfen den Schlüssel in den Rhein und gehen dann heim, Körperflüssigkeiten austauschen oder so.
Ja, und was sehe ich da plötzlich, als ich, letzens, also ich nach Feierabend, also kurz vor Ladenschluss auf der Jagd nach ein paar frischen Schrippen, Semmeln oder Rundstücken im Laufschritt vom Krankenhaus her kommend kurz unterhalb der Stelle wo der Köttelbach mündet die Brücke überquere?
Ich glaub, mein Schwein pfeift!
Natürlich son Vorhängeschlossdingsda. Und vorgestern gleich noch eins. Und heute schon ganz viele. Ich glaub, mich knutscht ein Elch… naja, und wo wir beim Thema knutschen sind…. also, ich könnte mir ja was besseres vorstellen als…. aber lassen wir das.
Nee, was muss Liebe schön sein!

Written by medizynicus

17. April 2012 at 19:50

Placebotherapie mit Grenzen!

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Noch ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian Mang, Mainz
Meine erste Erfahrung damit hatte ich während meines Studiums! Ich musste lernen und dann plötzlich: Kopfschmerzen! Verdammte Kopfschmerzen! Nun, es musste aber weitergelernt werden, da half alles nichts! Also ging ich in die Küche, suchte die Packung mit Schmerztabletten! Nur noch zwei! Das musste reichen für heute! Ich drückte eine Tablette Thomapyrin aus der Blisterpackung, suchte mir etwas zu trinken, um die Tablette einzunehmen und wartete danach ab. Tatsächlich, nach einer halben Stunde wurden die Kopfschmerzen weniger und nach 45 Minuten war ich wieder wie neu! Mit dem Lernen konnte es weiter gehen!
Alles soweit wunderbar! Neben mir lag auf dem Schreibtisch die Blisterpackung. Eine Tablette war ja zum Glück noch da, falls ich sie brauchen würde.

Stunden später gehe ich in die Küche und stelle einen gebrauchten Teller in die Spüle! Und da die Überraschung! Auf dem Rand der Spüle lag noch die Schmerztablette von heute Mittag! Als ich nach der Wasserflasche gegriffen hatte und ein Glas aus dem Schrank holte, hatte ich offensichtlich die Tablette auf die Spüle gelegt, anstatt sie einzunehmen! Aber die Nichteinnahme hatte prima gewirkt! Ich war völlig unvoreingenommen einem Placeboeffekt erlegen! Konnte so etwas funktionieren? Ja, offensichtlich, ja! Ich war ja völlig beschwerdefrei geworden…

Nach einigen Jahren war ich Assistenzarzt und musste logischerweise auch Nachtdienste absolvieren. Ich arbeitete tagsüber auf einer pulmologischen Station! Man kannte die Patienten mit der Zeit recht gut, denn die Liegezeiten auf dieser Station waren nicht gerade kurz! Immer wenn ich tagsüber Visite machte, las ich in den Nachtberichten, dass Herr K. fast jede Nacht einen schweren Asthmaanfall hatte und dass er daraufhin vom jeweiligen Nachtdienst stereotyp hochdosiert drei i.v.-Spritzen verabreicht bekommen hatte mit einem Beta-2-Mimetikum, einem Theophyllin (beides zur Erweiterung der Luftwege) und einem Corticoid zur Unterdrückung des entzündlichen Geschehens! Die wiederkehrende Corticoid-Therapie hinterließ natürlich Spuren, der Patient entwickelte ein Cushing-artiges Aussehen und eine Steroid-Akne am gesamten Oberkörper!

Eines Nachts wurde ich im Notdienst auf meine eigene Station gerufen! Herr K. hatte seinen nächtlichen Anfall! Wir wussten, dass in der Lungenfuktionsprüfung seine Asthmaanfälle echt waren, er täuschte die Atmennot nicht vor! Trotzdem kam mir irgendetwas merkwürdig vor! Mein Instinkt sagte mir, dass mit dieser Regelmäßigkeit der Anfälle etwas seltsam war. Ich gab der Schwester, die mir auf dem Flur begegnete mit den erwähnten drei Spritzen, die Anweisung, die Spritzen auf die Seite zu legen und mir noch einmal drei neue Spritzen zu holen, die aber allesamt Kochsalzlösung enthalten sollten!
Ich betrat das Patientenzimmer und ließ mir von der Schwester die drei Placebospritzen nacheinander anreichen! Fraktioniert spritzen, immer wieder den Patienten fragen, ob er eine Wirkung spüre, und abwarten. Der Patient, der vorher mit hoch aufgerichtetem Körper keine Luft mehr ausatmen konnte, schaute mir zu, während ich die Spritzen immer wieder ein bisschen drückte und er merkte die kühle Flüssigkeit in seiner Vene. Nach einigen Minuten hatte er die exakt gleiche Rückbildungsphase seiner Atemnot unter Anwendung von Kochsalzlösung, als hätte ich ihm hochdosiert das Betamimetikum, das Theophyllin und das Corticoid in die Vene verabreicht! In dieser Nacht gab es auch keine weiteren Besonderheiten mehr.
Ich besprach das Vorkommnis mit dem Oberarzt am nächsten morgen und wir kamen zu dem Schluss, dass wir dem Patienten darüber nichts sagen würden: Zu groß war unsere Angst, dass er zukünftig evtl. denken würde, dass die Spritzen, die wir ihm im Notfall geben müssten, keinen Wirkstoff enthalten würden, selbst wenn wir ihn mit Verum behandeln würden. Wir wollten nicht riskieren, dass unsere echten Wirkstoffe durch eine Panikreaktion evtl. schlechter wirken würden. Wir waren allerdings ratlos, woher diese nächtlichen Anfälle aus dem Nichts heraus entstanden. Die meisten diensthabenden Kollegen gaben nach dem Notfallschema natürlich immer wieder die oben erwähnte Kombi stark wirksamer Arzneistoffe. Wir konnten ja keine Anweisung erlassen, dass der Patient nur noch mit Kochsalz zu behandeln sei, dazu ist ein Status asthmaticus zu ernst!

Der Station angegliedert war ein Schlaflabor und Herr K. musste eines Tages mit seinem Bett für eine Nacht lang in eines dieser Schlaflaborzimmer gefahren werden, denn er war Türke und die Schwestern hatten einen Kurden zu ihm ins Zimmer gelegt, was zu solchen Auseinandersetzungen führte, dass wir die beiden trennen mussten! Und zum Glück gab es Zivis! Die Zivis hatten trotz Ihrer Dienstanweisung nicht mehr die Geräte im Schlaflabor kontrolliert und so war in dieser Nacht unbemerkt geblieben, dass die Video-Langzeitaufzeichnung noch lief! Keiner hatte das bemerkt, bis am nächsten Tag jemand, der die Messungen der Woche auswerten wollte, bemerkte, dass eine aktuelle Aufzeichnung vorlag: Eine Nacht von Herrn K., der in dieser Nacht wiederum einen seiner schweren Asthmaanfälle „erlitten“ hatte.
Und was man dann sah, verschlug uns die Sprache… Herr K. war nachts aufgestanden und man konnte gut erkennen, dass er sich an seinem Bett zu schaffen machte! Der arme kranke Herr K. hob plötzlich ca. 25 Mal sein schweres Krankenbett an, was ihn sichtlich belastete. Und siehe da, unter dieser Belastung fing er an zu keuchen, dann zu röcheln und entwickelte einen Asthmaanfall! Er drückte die Notfall-Klingel und legte sich mit Atemnot ins Bett. Kurz danach kam die Schwester ins Zimmer und die nächtliche Notfall-Behandlungskaskade kam in Gang! Auf dem Video war zwar nachweisbar, dass Herr K. in seiner längeren Krankengeschichte offensichtlich herausgefunden hatte, dass er mit körperlicher Anstrengung ein Belastungsasthma auslösen konnte und dies zur Provokation der Anfälle ausnutzte! Aber was tun! Wir konnten und durften ihn damit nicht konfrontieren, denn unsere Videoaufnahme war im strengen juristischen Sinne illegal! Ohne das Wissen eines Patienten dürfen keine Aufzeichnungen gemacht werden.

Um die Geschichte aufzulösen: Wir telefonierten ein wenig herum und erkundigten uns in den umliegenden Krankenhäusern. Herr K. war auch dort kein Unbekannter! Immer wieder war er mit Asthma-Anfällen stationär aufgenommen worden! Wir fanden heraus, dass der 52-jährige einen Frühberentungs-Antrag gestellt hatte, der zunächst abgelehnt worden war. Was folgte waren wochenlange wiederkehrende stationäre Aufenthalte und immer wieder Arbeitsunfähigkeit!

In einem Gespräch vermittelten wir Herrn K., dass wir Hinweise darauf hätten, dass er an seinen Asthmaanfällen nicht unschuldig war. Wir durften natürlich nicht sagen, warum wir dies vermuteten. Nach diesem Gespräch sahen wir Herrn K. in unserer Notaufnahme nie mehr!

Einige Wochen später war ich in der weiter entfernteren Nachbarstädte zu Fuß unterwegs, es war ein frostiger, sehr kalter Januartag! Und ich dachte, ich traue meinen Augen nicht! Herr K. saß in der Innenstadt in der Fußgängerzone auf einer Bank! Er trug allerdings nur eine ganz dünne Trainingsjacke, die Vorderseite war geöffnet und nur ein T-Shirt trennte ihn von der Kälte! Mir schoss durch den Kopf, dass er evtl. inzwischen vielleicht herausgefunden hatte, dass auch Kälte massive akute Asthmaanfälle auslösen kann.
Wie es dann letztlich mit ihm weiterging, darüber kann man nur spekulieren! Es liegt nahe, dass er mit viel Geduld und Mut zur Selbstgefährdung durch seine immer wieder ausgelösten Notfallsituationen irgendwann dann doch noch seinen Frühberentungs-Antrag „durchsetzen“ konnte…

Written by medizynicus

11. April 2012 at 23:38

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

…hey, und noch einer!

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Noch ein Anästhesistenblog:

Doc Vabor, der Gas-Wasser-Drogen-Man bloggt life aus dem Krankenhaus am Rande des Wahnsinns und erzählt von Tavor-Lecksteinen und Haldol in der Klimaanlage. Herzlich Willkommen in Spelunkistan…. äh… Bloggistan…. äh… weißt scho!

Written by medizynicus

11. April 2012 at 07:18

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Runde Ostereier für alle…

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Ja, Leute, es ist mal wieder soweit, das letzte Blogroll-Update (mit Nachtrag) ist schon eine ganze Weile her. Welche versteckten Perlen (…äh, Ostereier?…) gibt es da also zu finden?

  • Sehr gefreut habe ich mich über einen Kommentar von Angel, ihres Zeichens Autorin der Engelschronik: Angel (die natürlich im richtigen Leben anders heißt) gehört nämlich zum auserwählten Kreis derjenigen Blogger, die ich einmal persönlich kennengelernt habe, allerdings vor langer, langer Zeit. Sie bloggt nämlich schon länger, als es Blogs gibt, also zu einer Zeit, als Blogs noch Webtagebücher hießen und die HTML-Codes noch handgestrickt waren. Ursprünglich kommt Angel aus dem Allgäu, lebt inzwischen in München und ist leidenschaftlicher Outdoor-Fan. Sie schreibt übers Berg- und Skiwandern und übers Reisen. Schön, Dich wieder zu sehen!
  • …und da wir beim Thema Reisen sind, bleiben wir doch gleich dabei. Emergencygirl ist von ihrer langen Australien- und Asienreise (spannend ihr Artikel über einen engagierten Schweizer Kinderarzt in Kambodscha) zurückgekehrt, nennt sich jetzt CityGirl und schreibt über ihre Erlebnisse als Fremde im eigenen Land. Spannend!
  • Weiter geht’s mit dem Chirurgenwelpen, also eigentlich einer Welpin, die über ihre Erlebnisse aus OP, Notaufnahme und vom Notarztfahren berichtet. Den Blog gibt’s schon eine ganze Weile – und er wird immer besser.
  • Dass Chaos-Josephine – die Gynäkologin und Kreisssaalartistin – wieder da ist, hatte ich schon berichtet, aber mit falschem Link. Hier also endlich der richtige Link.
  • Eine weitere Neuentdeckung ist Synonymo, ein Medizinstudent. Wunderschön seine Geschichte über den kleinen Bären, der das Meer sehen will
  • …dann gibt’s noch den Rettungslehrling, den es schon vorher gab und der sich umbenannt hat
  • Und zum Schluß noch der Hinweis auf Sinnsucht – ein schönes Privatblog. Lest selbst!

Written by medizynicus

9. April 2012 at 07:16

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Osterei im Schlabberlatz

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Martin Bückling klopft mir gönnerhaft auf die Schultern.
„Also, dann wünsche ich Dir noch ganz dicke Eier…“
Er legt mit gespieltem Entsetzen die Hand auf den Mund.
„…ich meine, vielleicht doch lieber in paar leckere Osterhäschen…“
Dann lässt er dezent das Diensthandy in meine Kitteltasche gleiten, tippt noch kurz mit zwei Fingern an die Stirn, dreht sich um und ist weg.
So ein Arschloch!
Grummelnd begebe ich mich nach oben auf die Zwo. Im Arztzimmer war der Osterhase in Gestalt von Frau Olschewski, die ist knapp neunzig und wird von ihrem fünfundachzigjährigen Ehemann liebevoll versorgt und da Männe früher mal Konditor war, ist unsere Pralinenversorgung derzeit mehr als überdurchschnittlich gut geregelt. Inzwischen sind wir soweit, dass wir die Olschewski’schen Pralinen krankenhausweit als Tauschwährung einsetzen gegen alles, was sonst noch begehrenswert sein könnte.
Also kurz bei den Schwestern vorbei, die frühstücken gerade, ich greife mir einen Kaffee und ein Stück Osterlamm, lasse im Gegenzug einen Olschewski-Osterhasen da und mache mich dann auf zur Visite.
Vom Fernseher grüßt der Papst. Er grüßt fast aus jedem Zimmer, egal ob der jeweilige Patient sich zum evangelischen, katholischen, homöopathischen oder esoterischen Glauben bekennt.
Nur in Frau Wondrascheks Zimmer ist es still. Kein Fernseher an, kein Papst.
Frau Wondraschek strahlt.
„Guten Morgen, Herr Doktor!“ sagt sie.
Es klingt allerdings eher wie: „wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
„Guten Morgen Frau Wondraschek,“ sage ich, „und ein frohes und gesegnetes Osterfest wünsche ich Ihnen!“
„Schauen Sie mal, Herr Doktor!“ sagt Frau Wondraschek.
Es klingt natürlich eher wie : „wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
Frau Wondraschek hat nämlich einen Schlaganfall hinter sich und dadurch eine ganz erhebliche Sprachstörung davongetragen. Essen und trinken ist auch nicht mehr so ganz einfach, sie verträgt nur noch Breikost und die Getränke müssen angedickt werden, damit sie sich nicht verschluckt.
„wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“ sagt Frau Wondraschek und das soll heißen….
Ja, was eigentlich?
Dann sehe ich die bunten Eierschalen auf dem Boden. Und die Krümel auf dem Schlabberlatz und im Mundwinkel.
„wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
Ach ja?
„Schaun Sie mal, Herr Doktor, ich habe ein ganzes Osterei gegessen!“
Na, wenn das mal kein Fortschritt ist. Frohe Ostern, Frau Wondraschek!

Written by medizynicus

8. April 2012 at 16:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Gastbeitrag: Diabetes, Kreppel und Fleischwurst

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Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian Mang, Mainz
Ein Medizinstudent, der auch hier bei WordPress ist (Synonymo), hat mich auf diese Seite aufmerksam gemacht! Ich bin selbst Arzt und lese mit Amüsement, wie sehr sich doch die Erlebnisse ähneln, die man mit Patienten und Angehörigen macht! Wobei -ehrlich gesagt- die Patienten von Medizynicus ja direkt noch geordnet denken, wenn ich das mit meinen Highlights vergleiche… ein Beispiel:

Ein Diabetiker brachte mir, nachdem ich bereits während einiger vorheriger Sitzungen mehrere Stunden Ernährungsschulung in ihn investiert hatte, in die Sprechstunde einen halben Ring warme Fleischwurst mit und packte sie auf meinem Schreibtisch aus mit den in rheinhessisch dargebrachten Worten: “Herr Doktor, Sie müsse mal was gutes esse! Sie sehe immer so ausgehungert aus”
(Während er das sagte, hatte er sich beim Anblick der vor uns liegenden Fleischwurst offenbar vagal so sehr erregt, dass seine nach aussen gespitzten Lippen ganz nass wurden vor Freude!) “Und zum Nachtisch habe ich Ihnen ein paar schöne Kreppel (=Berliner) mitgebracht!”
Wie von Zauberhand öffnete sich eine Tüte mit 6 (!) Kreppeln, die allesamt für mich gedacht waren, weil der Patient vorsorglich für sich selbst noch eine weitere Tüte mitgebracht hatte!
Das war einer jener Momente, bei denen in einem Comic über mir lediglich nur noch eine Gedankenblase gezeichnet worden wäre, die entweder leer gewesen wäre oder maximal drei Gedanken-Punkte beinhaltet hätte…

Dennoch war der Patient “extrem gesundheitsbewusst” und ich wurde im weiteren Gespräch missioniert! Ich wurde in einem Monolog aufgeklärt über die Cholesterin-Lüge! Er esse jeden Tag zwei bis drei Eier, denn Cholesterin sei ja ganz wichtig für den Körper. Ich unterliess den Versuch, zwischen nutritivem und endogen synthestisiertem Cholesterin zu differenzieren und überlegte stattdessen, wie ich ohne Verlust meiner Rolle als beispielgebendem und ernährungsbewusstem Arzt die vor mir liegende Fleischwurst in mich stopfen könne, da ich tatsächlich bis zum Nachmittag noch nicht ausreichend gegessen hatte! Ich war hin- und hergerissen und fühlte mich ein wenig an Tantalus erinnert.

Währenddessen steigerte sich der Patient in Wut über all diese unnötigen Ernährungsrestriktionen, die er für völligen Unsinn hielt! Im Gegenteil, er würde jeden Morgen ein halbes Glas Olivenöl zum Frühstück trinken, denn das sei ja gesund! (Mir wurde kurz übel bei der Vorstellung, pures Öl zu trinken, aber zum Glück war ich gedanklich ja immer noch abgelenkt durch die Fleischwurst, die langsam zu erkalten drohte!)

Und dann folgte das Thema Ausleitung (übrigens auch der Grund warum ich diesen Kommentar an dieser Stelle untergebracht habe)… “Die Schulmedizin hat ja keine Ahnung! Der Bluthochdruck, den Sie bei mir messen (180/110) ist ja kein Bluthochdruck! Das ist nur Folge der Vergiftung!” Erwartungsvoll schaute er mich an, wartete aber die von mir offensichtlich zu stellende Frage “Welche Vergiftung?” gar nicht ab, sondern redete weiter! “Ich habe Ihre Medikamente ausgependelt, Herr Doktor! Die sind für mich nicht geeignet! Ich habe alles abgesetzt!”
Zum Glück brachte mich meine Hypoglykämie in eine Art Trancezustand, so dass ich den weiteren Ausführungen kampflos “folgte”… “Sie haben den völlig falschen Ansatz, Herr Doktor! Mein Nachbar hat seinen Blutdruck im Griff, indem er Knoblauchzehen in Schnapps angesetzt hat und davon täglich ein Gläschen trinkt!”

“Ihre Medikamente dagegen sind Gift”
(Mir schoss durch den Kopf, dass er strenggenommen im pharmakologischen Sinne sogar ja recht hatte! Aber ohne dies zu kommentieren, gab es für mich eine viel entscheidendere Kardinalsfrage: “Ob diese Kreppel wohl gefüllt oder ungefüllt sind?”)

“Herr Doktor! Ich habe Ihnen hier die Lösung mitgebracht!” Er packte aus seiner Tasche einen Aluminiumring, ein Kabel und eine mit einem Bergkristall gefüllte Aluminiumspitze aus, die er miteinander zusammensteckte! In den Aluminiumring stellte er mehrere kleine Kochsalz-Ampullen, die mit einem unleserlichen handschriftlichen Vermerk versehen waren! “Das hier ist fürs Blut, das hier für die Leber, das hier für die Toxine, das hier für die Nervenkraft und das hier für das Herz! Wenn ich nun einen Tupfer mit einem Blutstropfen von mir unter die Aluminiumspitze lege oder die Spitze auf ein Foto von mir richte, werden alle krankmachenden Prozesse aus mir ausgeleitet!” (Der Begriff war offenbar von der Homöopathie geborgt worden).
“Und, Herr Doktor, wenn Sie mir einen Blutstropfen von sich auf einem Tupfer mitgeben, kann ich auch für Sie eine Fernbehandlung machen, die Sie gesund hält!”

Ich fragte lakonisch, was denn diese Apparatur gekostet habe und von wem eigentlich die beschrifteten Ampullen stammten?
Der Patient erläuterte mir, dass er dies alles in einem Spar-Set bei seiner “Heilerin” in Alzey bestellt habe und dass er die Grundausstattung mit 10 Ampullen, die ja immerhin individuell von der Heilerin für eine erfolgreiche Ausleitung mit mentaler Kraft versehen worden seien, für 3.900 Euro gekauft habe!

Ich blickte ihn ungläubig an! “Eine Ampulle für Geisteskraft scheint es nicht zu geben”, dachte ich im Stillen!

Ohne selbst in weiter ausdifferenzierte Gedanken zu verfallen, gab ich die für diese Sitzung geplante Diabetes-Schulung resigniert auf, ging in den Nachbarraum, holte mir ein Besteck und verspeiste in Anwesenheit des Patienten die von ihm mitgebrachte Fleischwurst!

Ich glaube, in meiner gesamten Laufbahn habe ich selten einen Patienten so glücklich gemacht, denn während ich aß, machte der Patient mit leerem Mund korrespondierende Kaubewegungen mit und kommentierte jeden zweiten Bissen von mir wiederholt mit dem Satz: “Gell, däs schmeckt?”

Written by medizynicus

5. April 2012 at 17:36

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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