Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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with 12 comments

„Hallo, Herr Doktor?“
Es ist viertel vor sechs. Mit etwas Glück schaffe ich es heute vielleicht noch rechtzeitig vor Ladenschluss zum Bäcker um frische Brötchen fürs Abendessen zu erwerben. Habe nämlich außer Keksen und Schokolade eigentlich nichts essbares mehr im Haus.
„Herr Doktor….!“
Was jetzt? Fliehen oder standhalten? Ich beschleunige meine Schritte in Richtung Ausgang und tu, als hätte ich nichts gehört.
„Eine Minute nur, Herr Doktor!“
Die Person, zu der die Stimme gehört kommt mir im Laufschritt hinterhergerannt. Ich höre sie hinter mir keuchen… ob ich es noch schaffe?
„Herr Doktor, ich weiß ja, dass Sie es eilig haben….“
Verloren! Die Person hat mich überholt und baut sich vor mir auf. Sie ist weiblich, Mitte fünfzig und ziemlich korpulent.
„Herr Doktor, es geht um meinen Vater, Herrn Ziegenhain!“
Weiß ich doch! Herr Ziegenhain ist ein richtig lieber Opa, Frau Ziegenhaintochter hingegen eine extrem nervige Nervensäge.
„Was kann ich für Sie tun?“
Kapitulation! Die Brötchen kann ich vergessen.
„…es ist wegen der Medikamente!“
Sie schaut mich erwartungsvoll an. Ich sage nichts.
„Sie wissen schon, die Antibiotika!“
Fragender Blick. Besser schweigen. Warten auf das, was noch kommt.
„Mein Vater kriegt doch Antibiotika, ja?“
„Das ist richtig!“
Immerhin hat er eine schwere Lungenentzündung.
„Ich meine nur… wir sind ja eigentlich gegen Chemie!“
Verständnisvolles Nicken. Aber lieber weiterhin erstmal nichts sagen.
„…also, er hat von mir ja Globuli bekommen…“
Das habe ich ihr erlaubt. Weiß ja bekanntlich jeder, dass da nix drin ist, also schaden die Dinger auch nix.
„…außerdem ist das Fieber ja schon runtergegangen!“
Was mich sehr freut. Unsere Therapie hat also angeschlagen.
„…Sehen Sie, Homöopathie wirkt eben doch!“
Sie grinst maliziös. Darf ich anmerken, dass ich anderer Meinung bin? Aber jetzt bitte keine Grundsatzdiskussionen!
„Was wollen Sie?“
„Ich verlange, dass die Antibiotika sofort abgesetzt werden!“
Damit Opa wieder auffiebert? Und ich mir am Ende noch so richtig fiese resistente Keime züchte? Kommt nicht in Frage! Aber ich mag jetzt wirklich keine Grundsatzdiskussionen! Scharf nachdenken…. und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen!
„Frau Kollegin!“
Frau Ziegenhaintochter ist nämlich Heilpraktikerin.
„Frau Kollegin, darf ich Ihnen einen anderen Vorschlag machen?“
Ich bemühe mich um einen verbindlich-gewinnenden Gesichtsausdruck.
„Frau Kollegin, wie wäre es….“
Immerhin, sie lächelt gebauchpinselt!
„….wie wäre es, wenn wir die Antibiotika noch ein paar Tage lang weitergeben und Sie leiten es dann homöopathisch aus?“
Händedruck. Nicken. Umdrehen und ab durch die Mitte. Der Bäcker hat schon zu, aber im Supermarkt kriege ich vielleicht noch abgepacktes Brot!

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Written by medizynicus

4. April 2012 um 20:20

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

12 Antworten

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  1. Super! Mit Honig fängt man – was fängt man da gleich wieder? Bienen? Wieso denke ich jetzt Mäuse? Na, egal, jedenfalls super Taktik!

    nadineswelt

    4. April 2012 at 21:34

  2. Well played, Master Medizynicus. Da muss man erst mal drauf kommen. Wer mit den Wölfen essen will, muss mit den Wölfen heulen.

    Mr. Gaunt

    4. April 2012 at 21:34

  3. rewe hat bis 10 auf, da ist doch viertel vor 6 noch gar keine gefahr. und wenn man nett fragt backen die einem auch viertel vor 10 noch 3 broetchen auf.. (oder verkaufen einem wahlweise die unaufgebackenen..)

    Ich

    5. April 2012 at 06:08

  4. @ich: Ja, ich hab schon gehört, es gibt in manchen Bundesländern in Orten ab einer bestimmten Größe Läden, die bis zehn Uhr abends geöffnet sind. Aber…. bist Du Dir so sicher, dass der rewe in Bad Dingenskirchen auch bis zehn Uhr auf hat????

    medizynicus

    5. April 2012 at 07:00

  5. Bad Dingenskirchen ist doch überall in der Provinz… 😉

    Hightower

    5. April 2012 at 08:27

  6. Oder einfach mal mehr einkaufen -> Gefriertruhe/schrank

    Was issn eigentlich jetzt mit dem Ohrwurm? *immer noch drauf wart*

    greenleaflegolas

    5. April 2012 at 09:02

  7. der rewe in bad dingenskirchen hat durchaus brauchbare öffnungszeiten 😉

    aber vielleicht wäre auch ein besuch beim berühmten schwedischen möbelhaus mal ganz nett – vorratsschränke angucken oder so 😉

    silberträumerin

    5. April 2012 at 09:11

  8. Hallo Medizynicus!

    Ein Medizinstudent, der auch hier bei WordPress ist (Synonymo), hat mich auf diese Seite aufmerksam gemacht! Ich bin selbst Arzt und lese mit Amüsement, wie sehr sich doch die Erlebnisse ähneln, die man mit Patienten und Angehörigen macht!

    Wobei -ehrlich gesagt- die Patienten von Medizynicus ja direkt noch geordnet denken, wenn ich das mit meinen Highlights vergleiche ;-))

    ein Beispiel:

    Ein Diabetiker brachte mir, nachdem ich mehrere Stunden Ernährungsschulung in ihn investiert hatte, in die Sprechstunde einen halben Ring warme Fleischwurst mit und packte sie auf meinem Schreibtisch aus mit den in rheinhessisch dargebrachten Worten: „Herr Doktor, Sie müsse mal was gutes esse! Sie sehe immer so ausgehungert aus“ (Während er das sagte, hat er sich beim Anblick offenbar vagal so sehr erregt, dass seine nach aussen gespitzten Lippen ganz nass wurden vor Freude über die vor uns liegende Fleischwurst!)
    „Und zum Nachtisch habe ich Ihnen ein paar schöne gefüllte Kreppel (=Berliner) mitgebracht!“
    Wie von Zauberhand öffnete sich eine Tüte mit 6 (!) Kreppeln, die allesamt für mich gedacht waren, weil der Patient vorsorglich für sich selbst noch eine weitere Tüte mitgebracht hatte!
    Das war einer jener Momente, bei denen in einem Comic über mir lediglich nur noch eine Gedankenblase gezeichnet worden wäre, die entweder leer gewesen wäre oder maximal drei Gedanken-Punkte beinhaltet hätte… 😉

    Dennoch war der Patient „extrem gesundheitsbewusst“ und ich wurde im weiteren Gespräch missioniert! Ich wurde in einem Monolog aufgeklärt über die Cholesterin-Lüge! Er esse jeden Tag zwei bis drei Eier, denn Chlesterin sei ja ganz wichtig für den Körper. Ich unterliess den Versuch, zwischen nutritivem und endogen synthestisiertem Cholesterin zu differenzieren und überlegte stattdessen, wie ich ohne Verlust meiner Rolle als beispielgebenden und ernährungsbewussten Arzt die vor mir liegende Fleischwurst in mich stopfen könne, da ich tatsächlich bis zum Nachmittag noch nicht ausreichend gegessen hatte! Ich war hin- und hergerissen und fühlte mich ein wenig an Tantalus erinnert.

    Währenddessen steigerte sich der Patient in Wut über all diese unnötigen Ernährungsrestriktionen, die er für völligen Unsinn hielte! Im Gegenteil, er würde jeden Morgen ein halbes Glas Olivenöl zum Frühstück trinken, denn das sei ja gesund! (Mir wurde kurz übel bei der Vorstellung, pures Öl zu trinken, aber zum Glück war ich gedanklich ja immer noch abgelenkt durch die Fleischwurst, die langsam zu erkalten drohte!)

    Und dann folgte das Thema Ausleitung (übrigens auch der Grund warum ich diesen Kommentar an dieser Stelle untergebracht habe)… „Die Schulmedizin hat ja keine Ahnung! Der Bluthochdruck, den Sie bei mir messen (180/110) ist ja kein Bluthochdruck! Das ist nur Folge der Vergiftung!“ Erwartungsvoll schaute er mich an, wartete aber die von mir offensichtlich zu stellende Frage „Welche Vergiftung?“ gar nicht ab, sondern redete weiter! „Ich habe Ihre Medikamente ausgependelt, Herr Doktor! Die sind für mich nicht geeignet! Ich habe alles abgesetzt!“
    Zum Glück brachte mich meine Hypoglykämie in eine Art Trancezustand, so dass ich den weiteren Ausführungen kampflos „folgte“…
    „Sie haben den völlig falschen Ansatz, Herr Doktor! Mein Nachbar hat seinen Blutdruck im Griff, indem er Knoblauchzehen in Schnapps angesetzt hat und davon täglich ein Gläschen trinkt!“

    „Ihre Medikamente dagegen sind Gift“
    (Mir schoss durch den Kopf, dass er strenggenommen im pharmakologischen Sinne sogar ja recht hatte! Aber ohne dies zu kommentieren, gab es für mich eine viel entscheidendere Kardinalsfrage: „Ob diese Kreppel wohl gefüllt oder ungefüllt sind?“)

    „Herr Doktor! Ich habe Ihnen hier die Lösung mitgebracht!“ Er packte aus seiner Tasche einen Aluminiumring, ein Kabel und eine mit einem Bergkristall gefüllte Aluminiumspitze aus, die er miteinander zusammensteckte! In den Aluminiumring stellte er mehrere kleine Kochsalz-Ampullen, die mit einem unleserlichen handschriftlichen Vermerk versehen waren! „Das hier ist fürs Blut, das hier für die Leber, das hier für die Toxine, das hier für die Nervenkraft und das hier für das Herz! Wenn ich nun einen Tupfer mit einem Blutstropfen von mir unter die Aluminiumspitze lege oder die Spitze auf ein Foto von mir richte, werden alle krankmachenden Prozesse aus mir ausgeleitet!“ (Der Begriff war offenbar von der Homöopathie geborgt worden).
    „Und Herr Doktor, wenn Sie mir einen Blutstropfen von sich auf einem Tupfer mitgeben, kann ich auch für Sie eine Fernbehandlung machen, die Sie gesund hält!“

    Ich fragte lakonisch, was denn diese Apparatur gekostet habe und von wem eigentlich die beschrifteten Ampullen stammten?
    Der Patient erläuterte mir, dass er dies alles in einem Sparset bei seiner „Heilerin“ in Alzey bestellt habe und dass er die Grundausstattung mit 10 Ampullen, die ja immerhin individuell von der Heilerin für eine erfolgreiche Ausleitung mit mentaler Kraft versehen worden seien, für 3.900 Euro gekauft habe!

    Ich blickte ihn ungläubig an! „Eine Ampulle für Geisteskraft scheint es nicht zu geben“, dachte ich im Stillen!

    Ohne selbst in weiter ausdifferenzierte Gedanken zu verfallen, gab ich die für diese Sitzung geplante Diabetes-Schulung resigniert auf, ging in den Nachbarraum, holte mir ein Besteck und verspeiste in Anwesenheit des Patienten die von ihm mitgebrachte Fleischwurst!

    Ich glaube, in meiner gesamten Laufbahn habe ich selten einen Patienten so glücklich gemacht, denn während ich aß, machte der Patient mit leerem Mund korrespondierende Kaubewegungen mit und kommentierte jeden zweiten Bissen von mir wiederholt mit dem Satz: „Gell, däs schmeckt?“

    Christian

    5. April 2012 at 10:41

  9. Das man wegen ein paar nutzloser Kügelchen auch noch der Gelegenheit beraubt wird, sein Essen käuflich zu erwerben. Ich würde mir irgendwo einen geheimen Hinterausgang basteln.
    Wahlweise ginge wahrscheinlich auch einfach zu behaupten, man arbeite gar nicht in dieser Institution und sei nur zufällig des Weges gekommen. Hunger macht zeitweise wirklich kreativ.

    gotsassaufeinemast

    5. April 2012 at 12:41

  10. in meiner Nachbarschaft gibt es Supermärkte die 24h geöffnet haben *g*

    Sylvia

    5. April 2012 at 16:43

  11. jeder rewe, den ich kenne (sogar in verschiedenen bundeslaendern und alle samt in der provinz) hat bis 10 auf 😉 sogar in kleinen 7.000 einwohner orten.. und wenn bad dingenskirchen sogar ein krankenhaus hat, wird es ja nicht noch kleiner sein 😉

    Ich

    6. April 2012 at 12:42

  12. sehr souverän gelöst würde ich sagen. ^^

    evilmichi

    10. Juli 2013 at 01:37


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