Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Osterei im Schlabberlatz

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Martin Bückling klopft mir gönnerhaft auf die Schultern.
„Also, dann wünsche ich Dir noch ganz dicke Eier…“
Er legt mit gespieltem Entsetzen die Hand auf den Mund.
„…ich meine, vielleicht doch lieber in paar leckere Osterhäschen…“
Dann lässt er dezent das Diensthandy in meine Kitteltasche gleiten, tippt noch kurz mit zwei Fingern an die Stirn, dreht sich um und ist weg.
So ein Arschloch!
Grummelnd begebe ich mich nach oben auf die Zwo. Im Arztzimmer war der Osterhase in Gestalt von Frau Olschewski, die ist knapp neunzig und wird von ihrem fünfundachzigjährigen Ehemann liebevoll versorgt und da Männe früher mal Konditor war, ist unsere Pralinenversorgung derzeit mehr als überdurchschnittlich gut geregelt. Inzwischen sind wir soweit, dass wir die Olschewski’schen Pralinen krankenhausweit als Tauschwährung einsetzen gegen alles, was sonst noch begehrenswert sein könnte.
Also kurz bei den Schwestern vorbei, die frühstücken gerade, ich greife mir einen Kaffee und ein Stück Osterlamm, lasse im Gegenzug einen Olschewski-Osterhasen da und mache mich dann auf zur Visite.
Vom Fernseher grüßt der Papst. Er grüßt fast aus jedem Zimmer, egal ob der jeweilige Patient sich zum evangelischen, katholischen, homöopathischen oder esoterischen Glauben bekennt.
Nur in Frau Wondrascheks Zimmer ist es still. Kein Fernseher an, kein Papst.
Frau Wondraschek strahlt.
„Guten Morgen, Herr Doktor!“ sagt sie.
Es klingt allerdings eher wie: „wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
„Guten Morgen Frau Wondraschek,“ sage ich, „und ein frohes und gesegnetes Osterfest wünsche ich Ihnen!“
„Schauen Sie mal, Herr Doktor!“ sagt Frau Wondraschek.
Es klingt natürlich eher wie : „wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
Frau Wondraschek hat nämlich einen Schlaganfall hinter sich und dadurch eine ganz erhebliche Sprachstörung davongetragen. Essen und trinken ist auch nicht mehr so ganz einfach, sie verträgt nur noch Breikost und die Getränke müssen angedickt werden, damit sie sich nicht verschluckt.
„wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“ sagt Frau Wondraschek und das soll heißen….
Ja, was eigentlich?
Dann sehe ich die bunten Eierschalen auf dem Boden. Und die Krümel auf dem Schlabberlatz und im Mundwinkel.
„wwwwuwuwww hrrrrrwwww dwwww!“
Ach ja?
„Schaun Sie mal, Herr Doktor, ich habe ein ganzes Osterei gegessen!“
Na, wenn das mal kein Fortschritt ist. Frohe Ostern, Frau Wondraschek!

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Written by medizynicus

8. April 2012 um 16:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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