Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Gastbeitrag: Warum Politiker keine guten Ärzte basteln können und trotzdem niemand auf die Trillerpfeifen der Studierenden hört

with 4 comments

Ein Gastbeitrag von Prof. Michael Mang, Mainz
Es ist grotesk! Und das immer wieder von neuem! Politik entscheidet, hat aber von der Materie, über die entschieden wird, oft keine Ahnung!
Ich habe gestern die Demonstration der Medizinstuenten „gegen das Pflichtfach Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr“ gesehen, ich stand deswegen im Stau und sah die weissen Kittel, hörte die Trillerpfeifen, die Sprechchöre…
Es war ein Déjà-vu!!
Es war die exakt gleiche Situation wie vor über 20 Jahren, als ich als Student mit den Kommilitonen in einem Demonstrationszug von der Klinik zum Ministerium gezogen bin: Transparente, Kittel, Sprechchöre… Nur damals nicht die Forderung „Wahlfreiheit“, sondern „Nieder mit dem AiP“… Wir waren ein Menschenzug, der quer durch die Mainzer Innenstadt lief, wir äusserten unseren Unmut vorm Ministerium, das Fernsehen war anwesend, damals noch der Südwestfunk!
Abends war ich gespannt auf die Berichterstattung im Fernsehen und: NICHTS! Nirgendwo ein Beitrag, weder bei ARD, noch bei ZDF, noch nicht mal im Reginalprogramm von SWF oder HR. NICHTS! Obwohl bundesweit gestreikt worden war und fast alle Medizinstudenten Deutschlands auf den Beinen gewesen waren! Und ich lernte zum ersten Mal ein entscheidendes Merkmal unseres Staates kennen: wenn kein politisches Interesse an einer Sache besteht oder kein starker Lobbyismus besteht, werden Dinge totgeschwiegen! Wenn es nicht „passt“, wird darüber auch nicht berichtet!!
Und während ich im Auto saß und die Studierenden beobachtete, taten sie mir leid! All das, was sie da machen, ihr Engagement, Ihre Frustration, all das wird NICHTS bewirken! Mediziner haben keine Lobby!
In Berlin und früher Bonn werden Staatssekretäre beauftragt, politische Lösungen auszuarbeiten! Das sind oft 35-jährige Emporkömmlinge, die meinen, das Rad neu erfunden zu haben! Und dann wird sich selbst verwirklicht: Organigramme werden am PC presentiert, Flip-Charts werden vorgeführt, eine Melange von Ideen wird gesammelt, es wird viel geschwatzt und sich wichtig getan… Leider oft ohne jede echte Fachkenntnis! Entscheidungen werden gepuscht, die die ultimative Sparmaßnahme darstellen sollen, usw…
Ermüdend, denn mit wiederkehrender Sicherheit, stellen sich diese Neuerungen als völliger Flopp heraus!
So musste damals ganz dringend der Arzt im Praktikum eingeführt werden (AiP), um ganz dringend die Ausbildung der Ärzte zu verbessern! Tatsache war, dass sich die Krankenhäuser über viele Jahre mal schön sanieren konnten, weil die „Ärzte im Praktikum“ die gleiche Arbeit wie ein Assistenzarzt machten, dafür aber 1,5 Jahre nur ein Drittel des ihnen zustehenden Geldes bekamen!
Der „praktische Arzt“ wurde im gleichen Zuge abgeschafft, man wollte verhindern, dass man sich nach dem Studium niederlassen konnte! Es war plötzlich so wichtig, dass man mindestens Allgemeinmediziner sein müsse, um Patienten medizinisch angemessen versorgen zu können! „Belohnung“ damals; Die Facharztweiterbildung sollte nur noch drei Jahre dauern! Hat sie dann auch… ein paar Jahre lang… dann machte man sich Sorgen um die Ausbildung der Allgemeinmediziner und die Weiterbildungszeit wurde wieder auf 5 Jahre erhöht! Das heisst im Ergebnis: „Praktischer Arzt“ war abgeschafft, Allgemeinmedizinerausbildung war so lang wie vorher, 5 Jahre!
Ja, was war denn mit denen, die vorher als praktischer Arzt tätig waren? Die wurden von den Ärztekammern ohne Facharztprüfung zu Fachärzten für Allgemeinmedizin erklärt und durften das fortan an Ihre Tür schreiben! Die Überraschung für manchen Kollegen in der Augenheilkunde oder sonstwo: plötzlich wurde man auch noch Facharzt für Allgemeinmedizin, weil man 30 Jahre vorher mal ein Jahr in der Allgemeinmedizin gearbeitet hatte.
Dann veränderte man das Examen der Mediziner! Kosten sollten gespart werden. Physikum plus drei Stattsexamen! Viel zu teuer! Wie in einem Optimierungsprozess in der Industrie kam man zu dem Ergebnis: Bei der „Fertigung“ (Entschuldigung, ich meinte Ausbildung) von Medizinern reicht auch eine „Endabnahme“ von Wissen, das Hammerexamen war geboren!
Inzwischen hat man gelernt, dass man in der „Fertigung“ wohl doch besser auch mal eine Zwischenkontrolle gemacht hätte, denn das Wissen der „gefertigten“ Assistenzärzte wurde zwar digital modern in der „Endabnahme“ geprüft, Problem nur, von Patientendiagnostik, Patientenführung und Complianceförderung hatten die jungen Ärzte zunehmend weniger Ahnung.
Inzwischen gibt es neue Staatssekretäre, die wieder neue Räder erfinden! Die vorhergehenden sind auf gut bezahlten Beamtenstellen nach oben gelobt! Neueste Idee: Man kann die „Qualität“ der kommenden Ärzte erhöhen, indem man sie examenstechnisch öfter zwischenprüft! Welche Erkenntnis!!
Tja, und jetzt die letzte Idee: der Landflucht von Ärzten begegnen, indem man eine Zwangsausbildung in Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr, dem letzten Teil des Studiums, initiiert! Klar, jemand, der Orthopäde oder Augenarzt werden will, wird das mit brennendem Interesse wahrnehmen! Was für „dumme“ Menschen sitzen da an den politischen Entscheidungspositionen, dass solche undurchdachten Dinge sogar im Bundesrat zur Abstimmung landen??
Leider wird alles Demonstrieren nichts nutzen… Diese Dinge laufen ab wie eine unkontrollierte Maschinerie!
Man wird eines Tages erkennen, dass die Landflucht der Ärzte deshalb besteht, weil auch Ärzte heutzutage nicht mehr zu Arbeitsbedingungen wie vor 100 Jahren arbeiten wollen, vor allem ohne finanziellen Anreiz! Aber die Politiker glauben ja, alle Ärzte seien so unermesslich reich… der Landarzt ganz sicher nicht!
Ärzte haben keine Lobby! Deshalb wird man erst schlauer, wenn Patienten sterben, um es etwas überspitzt zu sagen!
Bis dahin wird im Gesundheitswesen gespart! Denn manche Krankenkasse braucht dringend einen Verwaltungsbau mit Glasfassade und Granitapplikationen… ausserdem müssen wir im Gesundheitswesen ein paar Milliarden einsparen, der Euro muss ja finanziert und stabilisiert werden! Sagt die Automobil-Lobby… wegen des Exportes…
Armes Deutschland, du vernachlässigst sträflich deine Medizinstudenten! Gute Ausbildung kann nicht auf dem Papier stattfinden! Nicht in einem solchen Beruf!
Aber die Politiker stehen da ja aussen vor, die machen sich keine Sorgen! Wenn DIE mal krank sind, wird nur allerbeste medizinische Versorgung wahrgenommen! Da wird kein unerfahrener, gerade approbierter Arzt gewählt für die eigene Behandlung! Man begrüsst sich mit Handschlag mit den Chefärzten der Bundeswehrzentralkrankenhäuser und der Charité! Diese Wahl hat der Kassepatient nicht! Er muss mit dem Ausbildungsstand von Medizinern vorlieb nehmen, den unser Staat zu bezahlen bereit ist!

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Written by medizynicus

11. Mai 2012 um 15:07

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

4 Antworten

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  1. Ich würde diese gänzlich pessimistische Einschätzung nicht ganz so schwarz sehen. Ja, die Lobby mag fehlen, aber inzwischen lassen sich unerwünschte Themen nicht mehr mit den altbewährten Methoden totschweigen und es entsteht immer öfters eine Gegenbewegung. Davon sind keine Wunder zu erwarten, aber steter Tropfen höhlt den Stein.

    Der Maskierte

    11. Mai 2012 at 15:36

  2. In weiten Teilen kann man dem oben gesagten nur zustimmen.
    Allerdings beißt sich beim Unmut darüber, das man sich nach dem Studium (mit praktischer Erfahrung einzig aus dem PJ) und der Aussage, daß „gute Ausbildung nicht nur auf dem Papier stattfinden kann“ und den dazugehörigen Thesen (ua. auch die frisch approbierten Unerfahrenen Kollegen, die keine Politiker behandeln sollen) der Hund selbst in den Schwanz, oder?

    Ich finde es jedenfalls sinnvoll, daß man sich nicht mehr direkt nach der Uni niederlassen darf….

    Mit freundlichen kollegialen Grüßen,
    docvapor

    docvapor

    11. Mai 2012 at 15:37

  3. Zitat hartmannbund newsletter von heute:
    „Die Länderkammer hat in ihrer heutigen Sitzung entgegen der Empfehlungen des Gesundheitsausschusses der Ersten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte zugestimmt. Ein Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr (PJ) ist damit vom Tisch. “

    vllt hats ja doch was gebracht 😉

    Ich

    11. Mai 2012 at 20:24

  4. Bei Spon habe ich auch davon gelesen. Es gab also wenigstens eine Randnotiz. Ansonsten bekomme ich die Bedeutung vom Dasein als Mediziner durch eine gute Freundin mit, die gerade ihre Facharztausbildung absolviert. Und je öfter und länger ich ihren Erzählungen über Arbeitszeiten und dem vorherrschenden Zustand „auf Arbeit“ lausche, desto weniger würde ich mit ihr – und sei es nur für einen Tag – tauschen wollen.
    Dennoch muss ich als angehende Sozialarbeiterin auch anmerken: Es sind nicht nur Ärzte, die für die Gesellschaft von enormer Bedeutung sind, ohne Lobby.

    wupperwasser

    15. Mai 2012 at 18:11


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