Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Heulbojen

with 7 comments

„Hilfe! Hilfe! Kommt denn keiner?“
„Doch, Frau Schrumski, natürlich kommt wer!“
Frau Schrumski wendet langsam, wie im Zeitlupentempo ihren Kopf in meine Richtung.
„Herr Doktor!“
„Ja, Frau Schrumski?“
„Herr Doktor, Herr Doktor, ich Krieg keine Luft mehr!“
„Das wird schon wieder, Frau Schrumski!“
„Aber natürlich, Frau Schrumski!“
„Herr Doktor?“
„Helfen Sie mir!“
„Aber selbstverständlich! Dazu bin ich ja da!“
Ich nehme ihre Hand, Drücke sie fest, schaue ihr tief in die Augen, zwinkere ihr zu, lasse die Hand wieder los und drehe mich um.
„Das wird schon wieder, Frau Schrumski!“
Langsam, wie in Zeitlupentempo bewege ich mich zur Zimmertür.
„Hilfe!“
Auf Zehenspitzen schleiche ich aus dem Zimmer hinaus.
„Hilfe! Hilfe! Warum kommt denn keiner?“
Zehn Tropfen Promethazin? Ein Milligramm Lorazepam? Oder lieber eine Zehner Oxazepam? Melperon? Haloperidol? Alles schon ausprobiert. Manchmal funktionierst, manchmal auch nicht. Heute halt gerade mal nicht.
„Hilfe! Hilfe! Ich krieg keine Luft!“
Ich mache mich auf den Weg zum Schwesternzimmer.
„Irgendwas Besonderes?“ fragt Jenny.
Ich gieße mir einen Kaffee ein.
„Frau Schrumski erstickt gerade!“ Sage ich und setze mich.
Jenny blättert in einer Zeitung.
„Ach so!“ sagt sie ohne aufzublicken.
„Hilfe!“ brüllt es aus dem Flur, „Hilfe! Hilfe! Warum hilft mir denn keiner?
Ich trinke einen Schluck. Der Kaffee ist viel zu heiß. Und schmeckt nach eingeschlafenen Füßen.

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Written by medizynicus

1. Juni 2012 um 19:29

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

7 Antworten

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  1. Tjaja der Krankenhauskaffee…Man kann unmöglich verantworten, dass der auch noch schmeckt.

    gotsassaufeinemast

    1. Juni 2012 at 20:03

  2. Ich war vor kurzem selbst Patientin im Kh und da gab es auch so eine „Schrei-Oma“. Ich kann ja schon nachvollziehen, dass das für das Pflegepersonal und die Ärzte anstrengend ist. Aber immerhin haben Sie irgendwann Feierabend! Die Mitpatienten hören das den ganzen Tag und die ganze Nacht. 😉

    wupperwasser

    2. Juni 2012 at 23:35

  3. andersrum ist das Gefühl, keine Luft zu kriegen, schon ein mieses.

    Blogolade

    3. Juni 2012 at 08:50

  4. @blogolade: luftnot ist extrem unangenehm! Aber was diese Patientin angeht: sie bekommt ja immerhin noch genug Luft um stundenlang ausdauernd zu schreien. Was sie hat, ist Angst. Abgesehen davon ist sie dement – vermutlich so dement, dass sie gerade noch mitbekommt, dass mit ihrem Kopf etwas nicht in Ordnung ist… Und das macht ihr noch mehr Angst….

    medizynicus

    3. Juni 2012 at 09:07

  5. Mal mit einem sedierenden Antidepressivum oder gar Placebo versucht? Benzos wirken bei älteren gern mal paradox oder niederpotente NLs sind zumindest nach neueren Metaanalysen nicht das beste für Demente, wobei es bei dem Fall wohl schon nichtmehr schlimmer werden kann.

    Toiletman

    6. Juni 2012 at 00:24

  6. @Toiletman: Placebo kannste bei einem Dementen vergessen! Halt ich eh nicht viel von. Sedierendes Antidepressivum… klar, ein Versuch mit Mirtazapin ist es immer wert. Und was Neuroleptika angeht… Risperidon funktioniert oft (aber leider auch nicht immer).

    medizynicus

    7. Juni 2012 at 19:37

  7. umturfen zur psychiatrischen (die haben doch schallisolierte Räume?)? Genügend Opiate, dass es einen Elefanten umhaut?
    Alles irgendwie schwierig — aber *so* der heilung der sonstigen Patienten sicher auch nicht sonderlich zuträglich…

    Engywuck

    8. Juni 2012 at 12:06


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