Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Juni 2012

Fast ein Stilleben

Sonntagnachmittag. Das Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen ist ein Hort des Friedens. Das Wetter ist nicht schön genug für ausufernde Outdoor-Aktivitäten und auch nicht schlecht genug für Indoor-Heimwerkerunfälle, will sagen, in der Notaufnahme herrscht gerade himmlische Ruhe.
Nachdem ich die Zeitungen der letzten drei Tage durchgeblättert und sieben Tassen Krankenhauskaffeplörre getrunken habe ist es Zeit für einen kleinen Verdauungsspaziergang, mal sehen, ob da oben auf Station etwas los ist…
Auch dort keine Gefahr im Verzug.
Nanu?
Kein Geschrei aus Zimmer dreizehn?
Was ist mit Frau Schrumski? Warum brüllt die nicht?
Nicht, dass ihr am Ende noch etwas zugestoßen ist…?
Dann finde ich sie. Hinten im Aufenthaltsraum. Sie sitzt in einem der Plüschsessel, deren Plüsch schon eine Menge erlebt hat, auf das ich hier nicht eingehen will.
Vor ihr ein kleines Tischchen. Und gegenüber Frau Meier ohne Ypsilon.
Und auf dem Tischchen ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel.
Frau Meier ohne Ypsilon ist stocktaub. Sie rollt die Würfel und zieht abwechselnd mit den blauen und den roten Figuren, wobei die Weite der Züge nicht immer exakt der Anzahl der Würfelaugen entspricht, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an, oder?
Ist ja schließlich nur ein Spiel. Und Oma Schrumski schreit nicht mehr.

Written by medizynicus

10. Juni 2012 at 16:51

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Man kann die Uhr danach stellen…

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Okay, es bleibt beim einszunull auch nach Vier Minuten Verlängerung. Und weil es ein langweiliges Spiel war und bloß Vorrunde hält sich hier in Bad Dingenskirchen das Autogehupe und Vuvuzelagetröte in Grenzen.
Doch keine zwei Minuten nach Abpfiff tönt schon das erste Marzinshorn durch die milde Sommerabendluft und jetzt stehen schon zwei Wagen in der Einfahrt zur Notaufnahme.
Dabei war es die letzten eineinhalb Stunden wundersam still… Richtig gemütlich war es, oben auf Station Zwo, hinten im Patienten-Aufenthaltsraum, da gibt’s nämlich einen Fernseher, Opa Piepenflöz hat richtig mitgefiebert, Oma Meier ohne Ypsilon ist in ihrem Rollstuhl eingenickt und sogar Frau Schrumski hat mit dabei gesessen und war ausnahmsweise ganz still.
Aber jetzt muss ich man los in die Notaufnahme… Leben retten gehen und so….

Written by medizynicus

9. Juni 2012 at 23:14

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Tuskegee: als Ärzte nicht heilten sondern sterben liessen

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Es war einmal, irgendwo in Amerika…
…vor langer, oder eigentlich doch gar nicht so länger Zeit, da wollten ein paar kluge Ärzte wissen, was mit kranken Menschen passiert, wenn… Wenn man sie einfach weiter krank sein lässt.
Die Ärzte waren von heller und die Anderen Menschen von dunkler Hautfarbe. Jene Anderen litten an „schlechtem Blut“ und wussten nicht, dass die Ärzte diese Krankheit Syphillis nannten.
Die Ärzte versprachen, zu helfen. Kostenlos.
Aber sie halfen nicht, sie schauten nur beim kranksein zu, und später dann auch beim Sterben. Die Pillen und Spritzen, die sie verteilten, waren wirkungslos. Das wussten die Opfer – Pardon, die Patienten aber nicht.
Fast fünfzig Jahre lang lief diese wissenschaftliche Studie, und bestimmt haben einige der beteiligten Ärzte ganz toll Karriere gemacht dabei…
…und wenn ich jetzt in meinem Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten blättere, dann finde ich dort ein langes Kapitel über die Syphillis. Und ich erfahre dort auch einiges über die Spätstadien der Krankheit, die man heutzutage in unseren Breiten eigentlich gar nicht mehr sieht, und schon gar nicht in unbehandeltem Zustand. Es gibt ausführliche Beschreibungen über diese Krankheitssymptome und auch Abbildungen… Und ich möchte gar nicht wissen, ob das eine oder andere historische Photo nicht in Tuskegee geschossen worden ist.

Written by medizynicus

9. Juni 2012 at 16:27

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Wochenend und…. Äh, wie war das nochmal?

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Siebzehn Uhr neunundfünfzig. Ich sitze demotiviert im Arztzimmer und schaue hinaus in den Bad Dingenskirchener Sommerhimmel. Der ist momentan gerade ein bisschen blau und auf meinem Schreibtisch liegen noch drei Krankenakten, die unbedingt heute noch diktiert gehören. Unbedingt! Dringend!! Mit drei Ausrufezeichen!!!
Steht genau so so auf dem Post-it-Zettelchen, welches Chef persönlich draufgepappt hat. Allerdings hat Chef sich vor zehn Minuten ins Wochenende verabschiedet, die Sekretärin auch und damit hat das alles jetzt Zeit bis Montag früh, oder?
Und angesichts der Tatsache, dass ich morgen früh sowieso in diesem Lokal wieder meine Aufwartung machen werde….
Weg mit den Akten! Umziehen und…..
Klopf, klopf klopf an der Tür.
Herein?
Schwester Paula: „Da sind Angehörige draußen, die wollen ’n Doktor sprechen!“
Angehörige? Um diese Zeit! Is klar, ne?
Wie gut, dass ich keinen weißen Kittel mehr anhabe!
„Wo sind die?“
„Vorn auf Zimmer eins!“
Ich erhebe mich.
„Schwester Paula?“
Sie schaut mich dienstbeflissen an.
„Falls mich irgendwer sieht und Fragen stellen sollte: ich bin nur der Hausmeister!“
So, und jetzt schnell zum Hinterausgang und nix wie raus!
Zehn Minuten später bin ich bei Gepetto auf der Terrasse. Der strahlt mich an.
„Dreifache Espresso, Dottore, wie immer?“
Aber klar, selbstverständlich wie immer!
Sein Laden ist auffällig mit Flaggen und Devotionalien von Bella Italia geschmückt. In der Ecke läuft der Fernseher.
Und wenn Spelunkistan gewinnt, ist das Wochenende gerettet.

Written by medizynicus

8. Juni 2012 at 22:47

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Warum schreit Frau Schrumski?

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Die Luft klebt und stinkt nach einer Mischung aus Schweiß, Urin Scheiße und Desinfektionsmittel. Wir haben alle verfügbaren Fenster geöffnet und ab und zu knallt deswegen eine Tür – aber die Erleichterung ist nur minimal, und die Duftwolke kriecht unaufhaltsam weiter in Richtung Stationsküche… ungefähr so muss es in einem mittelalterlichen Pestspital gerochen haben, oder in einer tropischen Quarantänestation, wo gerade die Cholera ausgebrochen ist.
Der passende Soundtrack dazu?
Jawohl! Natürlich Frau Schrumski. Die hat sich nämlich zu allem Übel auch noch einen fiesen Magen-Darm-Keim eingefangen.
„Wo ist denn da der Knopf zum Ausschalten?“ fragt Jenny.
„Die arme Frau kann doch nichts dafür!“ sagt Kalle.
„Warum schreit die eigentlich ständig?“
„Weil sie Angst hat!“
„Angst? Ich denk, die kriegt gar nichts mehr mit!“
Kalle schüttelt den Kopf.
„Nein, sie kriegt eine Menge mit!“ sagt er.
„Aber die ist doch stockdement!“
Kalle nickt.
„Richtig. Sie ist dement. Und zwar so dement, dass sie gerade noch mitbekommt, dass in ihrem Kopf irgendwas nicht stimmt. Und das macht ihr Angst!“
„…und wenn sie deswegen wie am Spieß brüllt, dann macht das mir Angst!“
„…und diese Angst spürt Frau Schrumski. Was Du ihr sagst, versteht sie nicht. Oder sie hat es nach spätestens drei Minuten wieder vergessen. Aber wie Du es sagst, wie Du drauf bist, wenn Du in ihr Zimmer trittst, das kriegt sie sehr wohl mit!“
„Und das heißt?“
„Das heißt,“ Kall legt die Handflächen zusammen, verneigt sich leicht und lächelt wie ein Buddha, „das heißt, in der Ruhe liegt die Kraft!“
Er schiebt die noch halbvolle, kaltgewordene Krankenhauskaffeplörrentasse beiseite und steht auf.
Eine Minute später wird es tatsächlich ruhiger in Zimmer dreizehn. Wenn auch nur vorübergehend.

Written by medizynicus

7. Juni 2012 at 19:32

Hautkrebs Ahoi!

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Steig ich doch soeben aus dem Zug, biege nichtsahnend um die Ecke – und werde angegrinst.
Von einem Würstchen. Das guckt mich von einem riesengroßen Werbeplakat an, ist so bleich wie eine Bratwurst nun mal ist, wenn sie soeben frisch vom Schwein… äh, frisch vom Metzger gekommen ist und behauptet, gebräunt sehe sie viel schicker aus.
Absender der Botschaft: das freundliche Sonnenstudio von nebenan.
Ja hallo?
Geht’s noch?
Okay, Sonne ist schon was Feines, vor allem in Verbindung mit Strand und Meer oder von mir aus gerne in der Budget-Version mit Stadtpark und Baggersee, und wenn man dabei ein bisschen Braun wird, ja, von mir aus, aber Sonnenstudiobräune – mal ganz abgesehen von den gesundheitlichen Aspekte, auf die ich natürlich schon quasi von Amts wegen an dieser Stelle eingehen muss, ehrlich gesagt rangiert Sonnenstudiobräune bei mir in der gleiche. Kategorie wie Nagelstudionägel, Tattoos und Piercings… Will sagen, einfach megeroberunsexy. Aber auch sowas von unsexy, Mädels!
Also Leute, weg von den Hautkrebskanonen und raus an den Baggersee, Bikinifigur zeigen!

Written by medizynicus

2. Juni 2012 at 11:49

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Heulbojen

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„Hilfe! Hilfe! Kommt denn keiner?“
„Doch, Frau Schrumski, natürlich kommt wer!“
Frau Schrumski wendet langsam, wie im Zeitlupentempo ihren Kopf in meine Richtung.
„Herr Doktor!“
„Ja, Frau Schrumski?“
„Herr Doktor, Herr Doktor, ich Krieg keine Luft mehr!“
„Das wird schon wieder, Frau Schrumski!“
„Aber natürlich, Frau Schrumski!“
„Herr Doktor?“
„Helfen Sie mir!“
„Aber selbstverständlich! Dazu bin ich ja da!“
Ich nehme ihre Hand, Drücke sie fest, schaue ihr tief in die Augen, zwinkere ihr zu, lasse die Hand wieder los und drehe mich um.
„Das wird schon wieder, Frau Schrumski!“
Langsam, wie in Zeitlupentempo bewege ich mich zur Zimmertür.
„Hilfe!“
Auf Zehenspitzen schleiche ich aus dem Zimmer hinaus.
„Hilfe! Hilfe! Warum kommt denn keiner?“
Zehn Tropfen Promethazin? Ein Milligramm Lorazepam? Oder lieber eine Zehner Oxazepam? Melperon? Haloperidol? Alles schon ausprobiert. Manchmal funktionierst, manchmal auch nicht. Heute halt gerade mal nicht.
„Hilfe! Hilfe! Ich krieg keine Luft!“
Ich mache mich auf den Weg zum Schwesternzimmer.
„Irgendwas Besonderes?“ fragt Jenny.
Ich gieße mir einen Kaffee ein.
„Frau Schrumski erstickt gerade!“ Sage ich und setze mich.
Jenny blättert in einer Zeitung.
„Ach so!“ sagt sie ohne aufzublicken.
„Hilfe!“ brüllt es aus dem Flur, „Hilfe! Hilfe! Warum hilft mir denn keiner?
Ich trinke einen Schluck. Der Kaffee ist viel zu heiß. Und schmeckt nach eingeschlafenen Füßen.

Written by medizynicus

1. Juni 2012 at 19:29

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