Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Tja, Frau Schroppke…

with 3 comments

…nein, ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass Sie nach Hause gehen wollen, absolut nichts, auch wenn Ihr Entschluss, dieses gastliche Haus jetzt sofort und in dieser Minute zu verlassen zugegebenermaßen ein wenig plötzlich kommt. Nicht unerwartet und keineswegs überraschend nichtsdestotrotz.
Nee, wirklich nicht überraschend! Auch wenn das Überraschungsmoment ja offenbar von Ihrer Seite durchaus beabsichtigt war. Ich nehme die ganze Sache mit… sagen wir ‚professionellem Gleichmut‘ hin, genauso wie auch Ihr Statement dass Sie unser Haus nur deshalb verlassen, weil wir Ihnen nicht geholfen haben.
Letzteres ist falsch.
Das sagte ich bereits gestern.
Es ist zwar richtig, Ihre Schwindelatacken, die Übelkeit, die Bauchschmerzen und die Atemnot sind nicht besser geworden. Zumindest in Ihrer subjektiven Wahrnehmung.
Sie haben uns sogar durchschnittlich alle zwei Tage ein neues Symptom aufgetischt, und zwar mit schöner Regelmäßigkeit immer dann, wenn wir ein neues Medikament ansetzen, dessen Beipackzettel Sie natürlich gründlichst auf potentielle Nebenwirkungen hin studiert haben.
Dass „bei all den vielen Tests nichts rausgekommen ist“ stimmt übrigens auch nicht.
Im Gegenteil: Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass sämtliche Ihrer körperlichen Funktionen einwandfrei in Ordnung sind. Das ist doch eigentlich eine gute Nachricht, oder?
Wir haben sogar eine Diagnose stellen können:
Sie leiden an einer mittelschweren Depression mit ausgeprägter Somatisierungstendenz.
Diese Diagnose haben wir Ihnen mehrfach ausführlich erklärt… also, wir haben es zumindest versucht… Nein, Frau Schroppke, niemand hat behauptet, dass Sie verrückt seien!
Nein, keiner hat Ihnen gesagt, Sie hätten einen an der Klatsche!
Im Gegenteil, wir haben mit Engelszungen…
…ist ja auch egal. Sie wollten es nicht hören. Das ist übrigens ein Teil Ihres Krankheitsbildes, das Nicht-Hören-Wollen.
Vorhin habe ich mit Ihrem Hausarzt telefoniert. Der könnte Ihnen helfen. Ein guter Hausarzt, der Sie langfristig und verständnisvoll begleitet, das ist es, was Sie jetzt brauchen!
Wollen Sie das?
Wohl eher nicht. Sonst würden Sie Ihre Hausärzte nicht häufiger wechseln als Unterwäsche.
Sie gehen sowieso lieber zum Heilpraktiker. Was der mit Ihnen macht, weiß ich nicht. Ich gehe davon aus, dass er eine Menge Geld an Ihnen verdient.
Aber das ist nicht mein Problem.
Gehen Sie also hin in Frieden!
Und machen Sie ruhig noch ein bißchen Stunk. Damit können wir leben, denn das sind wir gewohnt.
Aber ein schlechtes Gewissen haben wir deshalb nicht!

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Written by medizynicus

30. August 2012 um 13:43

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

3 Antworten

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  1. Heutzutage braucht man sich für sowas echt nicht mehr schämen.
    Aber bei manchen nützt alles gute zureden nicht.
    whatever

    stellinchen

    30. August 2012 at 15:41

  2. *LACH* die Beiträge über Frau Schroppke sprechen mir gerade so aus der Seele.
    Danke Dr. Medizynikus
    Gruss Landkrauter

    landkrauter

    30. August 2012 at 16:09

  3. Schade, dass solche Patienten den wirklich kranken die Zeit stehlen. Wäre sie doch lieber gleich zum Heilpraktiker gegangen.

    Thomas

    3. September 2012 at 09:18


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