Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Pille…. palle… palliativ

with 8 comments

„Hmmmm.“
Ich nippe an meinem Espresso.
„Was ist denn nun das Besondere an Palliativmedizin?“ frage ich.
Kalle nickt.
Offenbar hat er auf diese Frage gewartet.
Palliativmedizin ist eine Fachrichtung, wie jede andere auch,“ beginnt er, „und natürlich gibt’s dazu entsprechende Lehrbücher. Ich könnte Dir jetzt einen Vortrag darüber halten, was da drin steht. Aber das kannst Du auch selbst tun!“
Er holt tief Luft.
„Aber Palliativmedizin ist anders!“ fährt er fort.
„Inwiefern?“
„Du hast andere Prioritäten!“
„Zum Beipiel?“
„Du willst, dass es Deinen Patienten gut geht!“
„Will das nicht jeder Arzt… äh… also fast jeder Arzt?“
Kalle lächelt.
„Die moderne Medizin – so wie sie in Deutschland seit dem Neunzehnten oder auf jeden Fall seit dem zwanzigten Jahrhundet praktiziert wird – zieht vor allem darauf ab, dass ein Mensch so lange wie möglich lebt!“
„Was ist falsch daran?“
„Du hast doch bestimmt auch irgendwann einmal Situationen erlebt, in denen bei Schwerstkranken oder Sterbenden Patienten Maßnahmen getroffen wurden, die eigentlich keinen Sinn mehr ergaben, aber man hat es trotzdem getan, weil man nicht aufgeben darf… und letztendlich auch, weil man Angst davor hat, von wütenden Angehörigen vor Gericht gezerrt zu werden!“
Ich nicke zustimmend.
„In der Palliativmedizin ist anders. Da darf man gesunden Menschenverstand benutzen!“

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Written by medizynicus

14. September 2012 um 08:18

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

8 Antworten

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  1. Wenn es einen extra-großen „Gefällt mir“-Button gäbe, hätte ich ihn jetzt gedrückt!

    Manchmal sind Menschen in einer physischen und psychischen Verfassung, in der man sie – wären sie ein Tier – längst erlöst hätte. Aber als Mensch muss man da weiter durch; egal ob man will bzw. kann oder nicht. Weitere Quälereien, weil die Medizin noch was hergibt; ums Verrecken weiter“leben“.

    Manchmal frage ich mich, wer den Begriff „Human“_Medizin definiert hat und ob er noch bei Verstand war/ist.

    Führt das obige Gespräch noch weiter in Richtung „Menschenwürde“ und das, was jeder für sich als solche per Gesetz empfinden darf?

    skriptum/skryptoria

    14. September 2012 at 09:25

  2. Den Kommentar von Skriptum finde ich fast genauso erquickend, wie den Inhalt eurer Webseite! Mediziner sind schon ein ganz eigenes Völkchen !! Da kann man sogar noch was dazu lernen.

    DaBlackOne

    14. September 2012 at 09:42

  3. und wer passt auf die Psyche des Palliativmediziners auf? ich stell mir das Berufsbild
    fürs eigene Erleben ganz schön heftig vor.
    Gruss Landkrauter

    landkrauter

    14. September 2012 at 15:57

  4. ich stelle mir den beruf des palliativmediziners sogar eher angenehmer, als den beruf des „nach heilung sterbenden“ arztes vor. ich glaube, dass es für so einen arzt sehr schwer ist, wenn der patient auf nichts mehr anspricht oder einfach verstirbt, obwohl eine heilung „eigentlich“ möglich wäre. vielleicht denkt man dann, man hätte versagt und macht sich selbst schwere vorwürfe.

    ganz anders ist das in der palliativmedizin: du weißt, dass nichts mehr geht und versuchst dem patienten das restliche leben so angenehm wie möglich zu machen.
    wenn der patient stirbt, weißt du, dass es ihm dank dir noch recht akzeptabel (kann man in so einer situation sagen, dass es einem gut geht?) ging und er dank dir nicht so sehr leiden musste.

    OP-Tisch-Pilotin

    14. September 2012 at 17:23

  5. btw: es sollte „nach heilung stREbenden“ heißen^^

    OP-Tisch-Pilotin

    14. September 2012 at 18:00

  6. Aber auch als Palliativmediziner muss man sich mit viel Bürokratie, mangelndem Interesse der Kassen und der Politik zur Durchsetzung der Patientenrechte usw. rumschlagen.

    @Landkrauter: Sicherlich kann der Job auch belastend sein, aber wenn einem diese Art der Medizin am Herzen liegt, dann muss einen das nicht belasten. Schließlich weiß man am Ende oft, dass man derjenige war, der das Leiden wirklich gelindert und nicht verlängert hat, der zuhören konnte und versucht hat, nach den Bedürfnissen des Patienten zu handeln, so dass dieser in Würde gehen konnte. Schließlich wird jeder einmal sterben und man hat versucht das unumgängliche so angenehm wie möglich zu gestalten, das kann auch sehr befriedigend sein.

    Tänzerin

    14. September 2012 at 20:30

  7. @ taenzerin. ja, abstrakt ist das absolut richtig.
    und was ist mit der seite des taeglichen erlebens?
    der sicherlich mit aller wucht eintretenden rueckschluss
    auf das eigene sterben? der verlust der illusion, des “ mir wird das nicht passieren?“
    @ op tisch pilotin: das hat was! p.s dein blog ist cool! keep on going and take care.
    gruss landkrauter

    landkrauter

    14. September 2012 at 21:53

  8. Der Dialog hat so richtig mein Herz erfreut, kann mich der Meinung von Skriptum nur anschließen.
    @ landkrauter. Regelmäßig mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert zu werden, nimmt dieser Vorstellung mit der Zeit den Schrecken und gesteht dem Tod den Platz zu der ihm zusteht …zum Leben gehörend

    ametrin

    15. September 2012 at 01:20


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