Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Palliativ-Kasuistik – Teil 2

with 7 comments

Unsere Patientin – nennen wir sie der Einfachheit einfach Frau Müller – liegt also im Klinikum der Zentralversorgung auf einer orthopädisch / unfallchirurgischen Station. Inzwischen hat man herausgefunden, dass der Primärtumor in der linken Brust zu suchen ist (damit spinne ich das Fallbeispiel einfach weiter und hoffe, Orthopaedix ist mir nicht böse deswegen).
Außerdem hat man auch die Art der Zellen genauer bestimmen können. Anhand dessen hat man dem ganzen Geschehen einen Namen geben können. Genau gesagt handelt es sich dabei um eine ziemlich lange und für den Laien eher abstrus wirkende Formel. Die soll uns jetzt nur am Rande interessieren.
Wichtiger ist das Ergebnis der Tumorkonferenz:
Aufgrund des fortgeschrittenen Geschehens kommt eine Operation nicht mehr in Frage.
Möglich sind noch eine Chemotherapie, sowie eine palliative Bestrahlung der Skelett-Metastasen, insbesondere der Wirbelsäule. Ergänzend kommen noch eine Hormontherapie sowie eine Behandlung mit sogenannten Bisphosphonaten in Frage.
Und außerdem – da sind sich alle Teilnehmer der Tumorkonferenz einig – soll das Palliativ-Team frühzeitig mit eingebunden werden.
Noch am selben Nachmittag führt die junge Stationsärztin ein langes Gespräch mit der Patientin. Diese starrt die meiste Zeit über nur geradeaus und nickt wie geistesabwesend.
Zur selben Zeit füllt der engagierte PJ-Student am Stationscomputer ein Formular aus und bittet um ein palliativmedizinisches Konsil (wir unterstellen mal, dass wir uns in einem von den ganz wenigen fortschrittlichen Krankenhäusern befinden, wo die EDV-Abteilung tatsächlich eine Unterstützung ist und so etwas möglich macht – in geschätzten 99 Prozent aller deutschen Krankenhäuser werden diese Formulare noch handschriftlich auf Papier ausgefüllt).
Wenige Minuten später ruft der Kollege von der Palliativstation zurück. Er verspricht, gleich heute noch vorbeizukommen und schaut sich inzwischen schon einmal die elektronische Krankenakte der Patientin an:
Müller, Erna, geboren am geboren am 13. Juli 1962.
Und unser Kollege liest weiter: Natürlich hat der aufmerksame PJ’ler eine ausführliche Sozialanemnese erhoben und alles schön dokumentiert (in unserem Krankenhaus wird so etwas bekanntlich immer gleich in den PC eingegeben, handgeschmierte Anamnesebögen gibt’s schon lange nicht mehr): Unsere Patientin ist gelernte Frisörin und Inhaberin eines eigenen Salons mit mehreren Angestellten.
Sie ist geschieden und hat zwei gerade erwachsene Kinder. Der neunzehnjährige Sohn hat gerade sein Studium begonnen, die zweiundzwanzigjährige Tochter hat letztes Jahr ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen, vor ein paar Wochen geheiratet und ist jetzt schwanger. Außerdem kümmert die Patientin sich um um ihre pflegebedürftige, grenzwertig demente, fünfundachtzigjährige Mutter.
Wichtige Vorerkrankungen sind nicht dokumentiert.
Frau Müller war anscheinend bislang immer gesund gewesen. Jedenfalls ist sie offenbar jahrzehntelang nicht zum Arzt gegangen. Ach ja, natürlich, bevor wir es vergessen: sie raucht. Zwanzig Zigaretten am Tag, seit ihrem sechzehnten Lebensjahr.
Unser Kollege überfliegt noch kurz die Informationen zur aktuellen Behandlung – Schmerzmedikation wegen der Rückenschmerzen, ein Antidepressivum, ein Schlafmittel – und macht sich dann auf den Weg… und dabei überlegt er sich, was ihn wohl sonst noch interessieren könnte…

Advertisements

Written by medizynicus

16. September 2012 um 19:00

Veröffentlicht in Palliativmedizin

7 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. *hihi* heee, jetzt machst du aber aus der Story gaanz vieles, was so gar nicht war 😛 Schon allein, dass wir noch Papiere ausfüllen und die Palliativ von Onkologen geführt wird (weil gerade erst frisch eröffnet) 😀

    Und jaa, der PJ’ler hat natürlich gaaanz fleißig gearbeitet. Versteht sich da von selbst!

    Ich bin auf deine weiteren Ausführungen gespannt, muss mich aber inzwischen von der Geschichte, die du hier erzählst, distanzieren, denn das war nicht unsere Patientin (nicht, dass jmd denkt, ich verschweige die halbe Krankengeschichte, damit es abstruser bei uns im Blog klingt :P)

    Orthopaedix

    16. September 2012 at 19:58

  2. @Orthopaedix: Ja, ist mir schon klar, dass sich die Story zwangslöufig nach und nach von Deinem Fall entfernt… es sei denn, natürlich, Du würdest Deinen Fall auf Deinem Blog fortführen 🙂
    Ich finde den Fall nur einfach so richtig, fast lehrbuchmäßig klassisch typisch…. vor allem genau diese Reaktion der Patientin…. und auch der behandelnden Kollegen 🙂
    Palliativ-Station von Onkologen? Hmmm. Ist natürlich ein Thema für sich, auf das ich auch noch zu sprechen kommen werde… Es gibt übrigens sogar die Theorie, „Palliativmedizin sei das Gegenteil von Onkologie“, aber das Zitat stammt von einem Kollegen, der offenbar dem in vielen Krankenhäusern üblichen Kompetenzgerangel zum Opfer gefallen war…

    medizynicus

    16. September 2012 at 21:06

  3. “Palliativmedizin sei das Gegenteil von Onkologie”

    Ach? Ich hätte eher getippt, dass es Onkologen gibt, die den Palliativ-Medizinern eifrig zuarbeiten. Nicht unbedingt gezielt aber durchaus in Kauf nehmend. Vielleicht noch eine mögliche Wendung!?

    Ist eigentlich „in Kauf nehmen“ und „berechnen“ das Gleiche?

    skriptum/skryptoria

    16. September 2012 at 21:40

  4. @Skriptum: Die Bemerkung des Kollegen zielte vor allem darauf ab, dass „die bösen Onkologen“ in erster Linie Chemos und Bestrahlungen machen wollen, „koste es, was es wolle“, also „Hauptsache, wir tun was!“ – und dabei oft leider die extremen Nebenwirkungen ein wenig bagatellisieren und die Erfolgsaussichten überschätzen…
    Palliativmediziner hingegen haben hingegen ab und zu einmal ein wenig „Mut zum Nichtstun“….

    medizynicus

    16. September 2012 at 22:35

  5. @medizynicus

    So meinte ich es auch. Vielleicht hatte ich es etwas unglücklich ausgedrückt. Oder wir meinten mit unterschiedlichen Worten die gleiche Richtung. Uneinig sind wir uns zumindest nicht! ;o)

    Die „Erfolgsaussichten überschätzen“ oder die a) Aussichtslosigkeit bzw. b) überwiegenden Neben- und Nachwirkungen gern mal vergessen zu erwähnen?

    Hach, Fragen über Fragen …

    skriptum/skryptoria

    17. September 2012 at 00:46

  6. Als ich vor einigen Jahren von der Onkologie auf die Palliativstation wechselte, habe ich den Chefarzt der Onkologie per Telefon davon informiert.
    Der reagierte sehr seltsam: „Aber Schwester ……, wissen sie, was das heißt?“
    „Äh, was denn?“
    „Dass sie nicht mehr heilen können!“
    Ich musste spontan zurück fragen, wen er denn in den letzten Jahren GEHEILT hätte. Ich habe immer nur wahrgenommen, dass auch seine Patienten irgendwann dann doch nicht mehr nach Hause gingen bzw. gingen sie ganz nach Hause.

    Ich fürchte, da gibt es nur sehr, sehr langsam ein Umdenken. Es ist leichter, die Patienten in ein Hospiz zu verlegen. Da sind sie aus den Augen, aus dem Sinn. Sie im eigenen Haus an die Palliativstation weiterzugeben gleicht einer Kapitulation.

    golm

    17. September 2012 at 08:49

  7. Ich war grad „schnuppern“ auf unserer Palli (eines KH der Maximalversorgung) und da dort alle wahnsinnig teamfähig und kollegial sind, färbte das auch die Beziehungen zu den Ärzten der „Zubringer“ (wenn ich das jetzt mal so nennen darf).
    Vorher hab ich auf einer Onko eines kleinen Hauses gearbeitet, und mangels Hospiz in greifbarer Nähe (von Palliativstation ganz zu schweigen) war es selbstverständlich, die Palliativpatienten nicht „zu turfen“. Insgesamt empfand ich dort ALLE Onkologen als menschlich und fachlich hochkompetent (sowie mit angemessenen Realitätsbezug) und kann mit den Vorurteilen der Vorschreiber nicht allzuviel anfangen.
    Und ansonsten werd ich hier fleißig weiterkommentieren und mal gucken, ob ich diese Situation (und den Umgang mit ihr) auch so „klassisch“ finde 😉

    Rapunzella

    17. September 2012 at 19:12


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: