Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Hätte Oma Schneider nicht zu sterben brauchen? (Palliativ-Kasuistik Nr. 2)

with 15 comments

Heute ist Oma Schneider gestorben.
Und zwar nur allein deshalb, weil ich zu blöd war, rechtzeitig das Richtige zu tun.
Hätte ich mich besser angestellt, dann könnte sie mir jetzt von ihren Enkeln erzählen und davon, wie sie damals anno zwoundfünfzig…
Stattdessen liegt sie jetzt in einem Kühlfach im Keller und ist einfach nur tot.
Bis vor zwei Wochen war Omma Schneider noch eine rüstige Dame von Anfang Neunzig, die mit etwas Unterstützung durch Sozialstation und ihre große Familie zu Hause irgendwie zurechtgekommen ist.
Dann ist sie über die Teppichkante gestolpert.
Glück gehabt, keine Schenkelhalsfraktur, nur ein paar Prellungen. Aber im Krankenhaus hat man dann Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) festgestellt, was eine hinreichende Erklärung für ihre in der letzten Zeit doch recht häufigen Schwindelatacken liefert.
Wir behalten sie also noch ein wenig hier im Krankenhaus, geben ihr Schmerzmittel und diagnostizieren ein wenig herum.
Dann klopft Schwester Paula an die Tür meines Arztzimmers.
Frau Schneider geht es nicht so gut, ob ich nicht mal…
Nee, kann ich nicht. Es ist zwei Stunden nach Feierabend, ich wil nach Hause, habe noch Berge von Papierkram zu erledigen und außerdem keinen Dienst.
Am nächsten Morgen geht es Frau Schneider… nee, noch immer nicht berauschend. Was ist los? Kein Appetit, Schwindel, ein bißchen Übelkeit und vor allem ständig müde… Blutdruck im Keller… naja, wird wohl das Wetter sein, oder was weiß ich, mit zweiundneunzig braucht man nicht mehr viel Appetit!
Schreiben wir mal ein EKG, nehmen wir Blut ab, hängen eine Infusion an… das Übliche halt.
Dann ist Wochenende, auf das Wochenende folgt ein Montagmorgen und um sieben Uhr dreißig ein bitterbös-strafender Blick von Kollege Martin Bückling, der hatte nämlich Dienst:
„Deine Frau Schneider, die habe ich vor einer Stunde auf die Intensivstation verlegt!“
„Was ist los?“
„Die ist im septischen Schock… schlechte Karten, sag ich mal!“
Wie bitte? Eine Blutvergiftung! Möglicherweise hervorgerufen durch einen eigentlich ganz harmlosen Harnwegsinfekt…
„Hast Du die Laborergebnisse nicht gesehen?“
Die lagen seit Freitag Abend in meinem Postfach. Ich habe zwar noch das Blut abgenommen, aber dummerweise nicht mehr das Ergebnis abgewartet, weil… irgendwann will man schließlich Feierabend machen. Nee, hilft nix, hätte man dran denken müssen, oder zumindest dem Dienst habenden Bescheid sagen!
„Die Angehörigen habe ich noch nicht angerufen!“ sagt Martin, mit mehr als vorwurfsvollem Ton „Das kannste selbst machen!“
Mehr als schuldbewusst hänge ich mich ans Telefon.
Eine Stunde später sitze ich der versammelten Familie gegenüber: Zwei Söhne samt zugehöriger Schwiegertöchter, und dann gibt es noch eine achtzigjährige Schwester. In meinem Arztzimmer wird es eng. Geduldig erkläre ich, was los ist. Die Angehörigen stellen viele Fragen. Und schließlich räuspert sich der älteste Sohn, druckst ein wenig herum, schaut mich dann an: „Muss das wirklich sein?“ fragt er.
„Was meinen Sie?“
„Das mit der Intensivstation!“
„Nun ja, da ist sie am besten aufgehoben, vom medizinischen Standpunkt her, da kann man ihren Kreislauf überwachen und…“
„Unsere Mutter hat doch längst mit ihrem Leben abgeschlossen!“
„Wie meinen Sie das?“
„Letztens sagte sie seufzend, dass der Herrgott sie wohl vergessen hätte… und sie wollte auf keinen Fall auf einer Intensivstation sterben…“
Die Schwiegertochter unterbricht ihn.
„Wir möchten uns in Würde von ihr verabschieden!“ sagt sie.
Zehn Minuten später spreche ich mit Schwester Paula. Die schafft es, oben auf der Normalstation ganz hinten am Ende des Flures ein ruhiges Einzelzimmer frei zu räumen, obwohl wir eigentlich mehr als voll belegt sind.
Eine halbe Stunde später ist Frau Schneider dort.
Zwei Stunden später ist sie tot.
„Vielen Dank, Herr Doktor!“ sagt die Schwiegertochter, und drückt mir mit rotgeweinten Augen die Hand.
Ich bin beschämt.

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Written by medizynicus

18. September 2012 um 22:28

15 Antworten

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  1. Tja,
    da frage ich mich: Hätten die Angehörigen genauso reagiert, wenn sie nun das wüßten, was ich hier im Post gelesen habe?

    Und es ist die immerwährende Frage: Wer entscheidet über mein Leben?

    ednong

    19. September 2012 at 04:25

  2. Ein ernstes Thema.
    Da sollte man dann mal über eine Änderung der internen Abläufe nachdenken. Bei uns gehen die angeforderten Befunde auch an den Diensthabenden (und sind sowieso im KIS). Der kann dann ggf. entscheiden. Es hätte hier ja auch einen Patienten treffen können, der, weil z.B. deutlich jünger, noch nicht mit seinem Leben abgeschlossen hat. Das wäre dann erst recht tragisch! Ich sehe hier die Verantwortung am Ehesten bei der Klinik und nicht beim Arzt (und nein, ich bin kein Arzt).
    LG

    Antje aus M an der E

    19. September 2012 at 13:15

  3. Oha.
    Das wäre ich an ihrer Stelle auch.
    Aber so ist das nun mal, wenn man in einem Beruf arbeitet, bei dem es um Leben und Tod geht. Und ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die diese Aufgabe trotz dieser heftigen Verantwortung überhaupt annehmen. Sie sind eben kein Gott in weiß sondern nur ein Mensch. Menschen machen Fehler. Menschen können aber auch daraus lernen.
    Frau Schneider hilft das zwar nicht viel aber ich denke, Sie werden diese Erfahrung in ihr künftiges berufliches Handeln mit einfließen lassen.
    Von daher:
    Wenn man bis zum Hals in der Scheiße steht, sollte man den Kopf nicht auch noch hängen lassen… *schulterklopf

    wupperwasser

    19. September 2012 at 14:42

  4. Bin ich jetzt die einzige, die das nicht so dramatisch sehen kann?

    Die alte Dame war 92, hatte „mit dem Leben abgeschlossen“, es zeichnete sich ab, dass es mit ihrer Rüstigkeit wohl langsam abwärts gehen würde („ihre in der letzten Zeit doch recht häufigen Schwindelatacken“ aufgrund des Vorhofflimmerns), sie hatte bis zuletzt ein gutes Leben – und das Ende kam schnell.

    Jou, sie ist an einer Sepsis gestorben, die sich vielleicht hätte verhindern lassen.
    Wäre sie richtig behandelt worden, wäre sie in vier Monaten vielleicht an ihren Herzproblemen gestorben. Oder wäre aufgrund der Schwindelattacken noch einmal gestürzt, hätte sich dabei tatsächlich den Oberschenkelhals gebrochen und wäre dank mannigfaltiger Komplikationen nach Wochen des Dahinsiechens von dieser Erde gegangen. Wäre das besser gewesen?

    Ich glaube, Oma Schneider würde sich Rückblickend nichts draus machen. Jeder stirbt einmal an irgendwas. Ihr Ende kam spät und es kam rasch. Hätte ich auch gerne so.

    Susanna

    19. September 2012 at 15:02

  5. „rückblickend“ bitte 1x klein

    Susanna

    19. September 2012 at 15:03

  6. Oh, Mann. Sie trifft wohl eher nicht die Schuld. Warum liegen die Ergebnisse ein Wochenende lang im Postfach statt beim Diensthabenden? Der hätte sich den Blick echt sparen können. LG

    iLilly

    19. September 2012 at 16:08

  7. Der eigentliche Fehler liegt ganz am Anfang der Kette – in der Aufnahme der Patientin ins Krankenhaus. Mit den paar Prellungen und einem Hinweis an den Hausarzt, wegen des Vorhofflimmerns (VHF) über Marcumar und Co. nachzudenken (nicht ganz ungefährlich in dem Alter), wäre der rüstigen 90jährigen sicher besser geholfen gewesen. So hat sie eine Menge Diagnostik ohne wirkliche therapeutischen Konsequenzen über sich ergehen lassen und sich einen Harnwegsinfekt eingefangen…

    Gibt es am Wochenende bei Euch keine Visite, die außer einem Blick auf die Patienten auch einen in die Kurve / auf die Laborwerte wirft?!

    Antje

    19. September 2012 at 16:34

  8. muss es unbedingt einen fehler gegeben haben? kan nicht auch ein alter mensch sich ins bett legen und für sich selbst mit dem leben abschliessen? die genesung wird ja bei allen menschen auch ein wenig vom willen beeinflusst: compliance, hypochondrie, placebo-effekt, etc. usw., das sind ja genauso wie das werfen mit homöopathischen kugerln nach bakterien immer dinge, die wunder wirken können, in welcher richtung auch immer.

    wäre es nicht vielleicht ein grösserer fehler gewesen, die alte frau ein paar wochen lang zu hause mehr oder weniger im bett liegen zu lassen, um sie dann mit einer lungenentzündung o.ä. erst recht ins krankenhaus bringen zu müssen? sind herzrhythmusstörungen bei einem so alten menschen anzeichen einer echten erkrankung oder nur die logischen abnützungserscheinungen nach so langem funktionieren?

    kennen wir nicht alle menschen, die – aus welchen gründen und in welchem alter auch immer – beschlossen haben nicht mehr leben oder gesund werden zu wollen, und die sich dann einfach ins bett gelegt oder in den lieblingssessel begeben haben und dort friedlich eingeschlafen sind? die in hohem alter immer noch auf die berge geklettert sind, wie sie das fünfzig jahre lang gemacht haben, und die dann – völlig überraschend natürlich – mit über achtzig jahren beim aufstieg ein schlaganfall oder ein herzinfarkt dahingestreckt haben? der mensch hat viele geheimnisse, von denen er oft selbst nichts weiss. wir sollten das annehmen können, so wie offensichtlich die familie der alten frau das getan hat, voller herzlichkeit, liebe und würde.

    wenn ein alter mensch mit dem leben abgeschlossen hat, dann kann man ihn zwar technisch oft noch am leben erhalten, auch bei gutem bewusstsein, aber ob der mensch das wirklich will bleibt dahingestellt. meine ich halt.

    kelef

    19. September 2012 at 17:20

  9. > Wäre sie richtig behandelt worden, wäre sie in vier Monaten vielleicht an ihren Herzproblemen gestorben.

    Oder sie wäre 110 Jahre alt geworden.

    michael

    20. September 2012 at 00:37

  10. @Susanna: Genauso sehe ich das auch. Eine Behandlung des Harnwegsinfektes hätte auch nur das nächste nach sich gezogen. alles schon tausend Mal erlebt. Menschen in dem hohen Alter werden im Krankenhaus immer nur noch kranker. Bis auf die Sache mit der Intensivstation ist es doch auch gut gelaufen.

    @Michael: Sie wäre auf gar keinen Fall 110 Jahre alt geworden. Sie ist nicht vermehrt gestürzt, weil sie kerngesund war. Das waren Vorboten. Der Aufenthalt im Krankenhaus hat die ganze Sache beschleunigt, aber 110 wäre sie nicht mehr geworden. Vielleicht 93, aber das wollte sie ja offenbar gar nicht mehr. Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Laborwerte.Die Familie hat das begriffen……

    golm1512

    20. September 2012 at 08:03

  11. > Sie ist nicht vermehrt gestürzt,

    Sie ist einmal gestürzt. Daraus mehrmals zu machen und ein schnelles Ableben zu prophezeien, ist Dummfug.

    > aber das wollte sie ja offenbar gar nicht mehr.

    Auch falsch. Die Angehörigen behaupteten, dass die Frau nicht älter werden will.

    > Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Laborwerte.

    Eine billige Rechtfertigung für eine schludrige Behandlung!

    michael

    20. September 2012 at 23:09

  12. Das vielleicht Wichtigste ist: Wie wird in Ihrem Krankenhaus mit diesem Fehler umgegangen? Wird der Fehler vertuscht oder wird transparent über eine Änderung der Betriebsabläufe nachgedacht?
    Fehler passieren, das ist menschlich. So ganz kann ich aber einigen Kommentatoren nicht recht geben, die da schreiben, dass das nicht so schlimm wäre, da die Dame eh schon 92 Jahre alt gewesen wäre.

    Muggel

    22. September 2012 at 19:20

  13. Das Tröstliche daran ist sicher, das die Dame mit 92 Lenzen „ihr Leben gelebt hat“, sicher.
    Gefährlich zynisch, würdelos und menschenverachtend finde ich aber Aussagen, die in Richtung „die hätte eh nur noch xy Monate gehabt“ gehen. Meine Herren, das weiß niemand.
    Die Stirn musste ich dann doch kräuseln bei „ich habe die Blutwerte nicht abgewartet, weil ich 2 h nach Feierabend auch mal nachhaus wollte“ – komisch, ich kenne das so, dass die diensthabende Schwester durchaus einen Blick drauf werfen kann und dann ihren diensthebenden Stationsarzt informiert.. Die Verantwortung für die Patienten tragen ja immer mehrere. !

    muckeltiger.blogspot.com

    24. September 2012 at 20:09

  14. Über die Art und Weise der Behandlung kann ich nicht urteilen.
    Aber ich möchte meinen Respekt dafür aussprechen, dass Sie über Ihre Fehler öffentlich schreiben, wissend, dass äußerst kritisch kommentiert werden wird. Sich selbst einzugestehen, dass man einen Fehler gemacht hat, ist nicht leicht. Schon gar nicht, wenn die Konsequenzen so schlimm sein können.
    Seine Arbeit zu reflektieren und für seinen Fehler ein schlechtes Gewissen zu haben, ist doch auch ein Schritt, daraus zu lernen.
    Das hilft Oma Schneider nicht mehr, ja. Aber vielleicht einem der zukünftigen Patienten.

    strandkaddi

    29. September 2012 at 18:12

  15. sehe ich auch so, die schuld trägt niemals jemand alleine. die akte ist für alle sichtbar immer zugänglich…

    *Spammer*

    9. November 2012 at 19:20


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