Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for September 2012

Cool, cooler….

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„Hmm,“ meint Kalle und nippt an seinem Espresso.
Wir sitzen bei Gepetto und schauen hinaus in den Bad Dingenskirchener Spätsommerregen.
„Hmmmm.“ gebe ich zurück, wobei meine Aufmerksamkeit eher auf die lecker anzuschauende Mitbürgerin gerichtet ist, welche mit kurzem Röckchen und Regenschirm eilig den Marktplatz überquert.
„Was soll nun aus uns werden?“ seufzt Kalle, als die Schöne unser Blickfeld verlassen hat.
„Aus Dir ist doch schon etwas geworden!“ seufze ich zurück.
„Hmmm?“
„Hmmm!“
„Hmmmmmmmm.“
Ich ordere einen weiteren Espresso.
„Na, Du bist Oberarzt…“
„Funktionsoberarzt!“
„Immerhin. Hast nen guten Job, tolle Kollegen, eindrucksvolle Zukunftsperspektive…“
„Und Du?“
„Hmmmmm.“
Kalle richtet sich auf und schaut mich scharf an.
„He, Du, genau Dich meine ich!“
„Ja, hmmmmm, passt schon!“
„Was ist Deine Zukunftsperspektive?“
„Hmmmm.“
„Nee, das meine ich nicht. Wo willst Du in fünf Jahren sein?“
„Hmmm.“
„Komm, erzähl schon! Was ist Dir wichtig im Leben?“
„Hmmmmmm.“
„Also, Du willst ein toller Arzt sein. So etwas richtig Cooles machen. So, dass Du es Dir leisten kannst, hier im Cabrio vorzufahren, Die direkt vor der Terrasse ins Halteverbot zu setzen, die Designer-Sonnenbrille abzunehmen, den schönsten Mädels von Bad Dingenskirchen zuzuwinken…“
„Hmmmm.“
Kalle tippt mit seinem Zeigefinger auf meine Schulter.
„Du, Benno, ich hab’s!“
„Was?“
„Die ideale Karriere für Dich!“
„was meinst Du?“
„Du wirst der coolste Arzt aller Zeiten!“
„So etwas wie ein Neurochirurg?“
„Nee, viel cooler!“
„Operationen am offenen Herzen?“
„Noch cooler?“
„Hmmmm.“
„Kommst Du nicht drauf!“
„Hmmm.“
Ich schüttele den Kopf.
Kalle nimmt seine Billigsonnenbrille ab und schaut mir direkt in die Augen.
„Stell Dir vor…“
Kalle macht eine Kunstpause.
„…stell Dir vor: Du kommst ins Patientenzimmer. Da liegt ein Neuer. Du stellst Dich vor…“
Noch eine Kunstpause.
„…und dann…“
Räuspern.
„Und dann sagst Du…“
Kalle holt tief Luft.
„Dann sagst Du: Guten Tag, ich bin der letzte Arzt in Ihrem Leben!“

Written by medizynicus

12. September 2012 at 13:45

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Santa Claus is coming into Town!

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Vom Himmel strahlt die Sommersonne, die Luft ist schwül und drückend und während ich genervt meine Arztbriefe diktiere, wünsche ich mich an den nächstgelegenen Strand oder zumindest ins Freibad…. Das hat ja diese Woche noch geöffnet und ich hab’s in dieser Saison kein einziges Mal dorthin geschafft…
Noch schnell zwei venöse Zugänge gelegt, eine Gastroskopie- Aufklärung gemacht, ein paar Befunde einsortiert….
….und dann Feierabend!
Was gibt’s zum Abendessen?
Leerer Kùhlschrank!
Kurz beim Supermarkt vorbei, ich weiß, es ist nicht gesund, mit knurrendem Magen einkaufen zu gehen, aber….
Aber….
Was in Dreiteufelsnamen ist denn DAS?
Direkt vor der Kasse springt mich ein gutsortierter Wühltisch an, darauf Lebkuchen, Spekulatius, Printen, Dominosteine… Und noch viel mehr von diesem Zeug, und auf dem Preisschild prangt doch tatsächlich…
Siehe oben…
Leute, es ist Sommer!

Written by medizynicus

11. September 2012 at 19:08

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Tage wie dieser… (Teil 2)

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Jeder Tag ist einzigartig.
Und Dieser ist ein ganz besonderer Tag… zumindest für den Patienten auf Zimmer Dreizehn.
Für ihn war es nämlich der Letzte.
Aber das war Euch doch schon klar, oder?
Oder eher nicht?
Also: Wenn bei uns auf Station jemand gestorben ist, dann hängt da ein Schild an der Zimmertür des Verstorbenen. Ein ganz besonderes Schild, es wurde von Schwester Paula mit viel Liebe handgebastelt und dann ganz pragmatisch laminiert. Es handelt sich um ein abstraktes Gemälde, welches wohl so eine Art Sonnenuntergang darstellen soll, in eher gedeckten, nicht allzu kitschigen Farben… und darunter dann der eher dezente schriftliche Hinweis, dass sich eventuelle Besucher doch bitte vor Betreten des Zimmers an das Pflegepersonal wenden sollen.
Dieses Schild ist eine heikle Angelegenheit: Ein erster Linie soll es verhindern, dass Tantchen Elfriede fröhlich mit Kuchen und Blümchen hineingeschneit und dann schreiend wieder hinausrennt oder, schlimmer noch, im Angesicht des verblichenen Anverwandten in Ohnnmacht fällt, sich womöglich noch das Genick bricht und…. okay, vergessen wir das.
Außerdem sollte das Schild natürlich… nun ja, ein wenig zur Stimmung passen. Und vielleicht auch uns Mitarbeitern einen ganz diskreten Hinweis darauf geben, was passiert ist. Und andererseits sollten die anderen Patienten natürlich nicht unbedingt mit der Nase darauf gestoßen werden…
Verschiedene Krankenhäuser lösen dieses Problem auf unterschiedliche Weise.
Mal ist es ein nüchernes, schmuckloses laminiertes Plastikschild, anderswo hingegen ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, oder irgendein religiöses Utensil. Manchmal hängt auch einfach eine Schleife (nicht schwarz) an der Türklinke oder es steht eine Laterne davor (natürlich an der Seite, so dass man noch hineinkommt ins Zimmer). Manchmal ist das Zimmer auch einfach abgeschlossen. Dies ist allerdings eher selten, einfach weil sich in vielen Krankenhäusern die Patienteinzimmer gar nicht absperren lassen, weder von innen noch von außen (und wenn doch, dann weiß selten jemand, wo sich die Schlüssel befinden).
Was ich damit sagen will:
In Krankenhäusern gibt es Rituale.
Und es gibt noch viel mehrere davon… einige wirken einfach nur logich, andere eher skurill.

Written by medizynicus

5. September 2012 at 00:56

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An Tagen wie Diesen…

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Dienstag Morgen, etwa halb acht.
Durch die Glastür treten, wie an jedem Tag. Kurzer freundlicher Blick in Richtung zum Pförtner, der nickt zurück.
Treppe rauf, Küche, Kaffee holen, wieder auf den Flur in Richtung Arztzimmer…
Innehalten.
Was ist denn das?
Ein unscheinbares kleines Schild von Zimmer Dreizehn:
„Vor Betreten des Zimmers bitte bei Pflegekraft melden!“
Genau das werde ich jetzt tun.
…obwohl…
…eigentlich…
…eigentlich weiß ich längst Bescheid.
Trotzdem Richtung Schwesternzimmer.
Tür auf.
Da plärrt das Radio. Ich stelle es lauter, nippe an meinem Kaffee, schaue auf die Tafel mit den Patientennamen und warte bis das Lied zu Ende ist.
„Zimmer dreizehn?“
Jenny schaut betreten zu Boden.
„War ja abzusehen.“
„Wann denn?“
„Heute Nacht um halb drei.“
Alles klar.
Ohne weitere Worte.

Written by medizynicus

4. September 2012 at 08:27

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