Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for November 2012

Wochenendküche: Pasta Funghi a la Medizynicus

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…und heute zur Abwechslung – ist ja Wochenende, und da sind Off-Topic-Beiträge erlaubt – mal wieder ein leckeres Kochrezept aus der Reihe Nicht-mehr-als-zehn-Minuten (CityGirl kennt’s schon, der hab ich’s in einem Kommentar verraten). Also, für alle Anderen, voilá:

1.) Man nehme einen Haufen FRISCHE Champignons (um diese Jahreszeit eigentlich überall erhältlich, wohl dem, der in einem Bundesland lebt, in welchem die Geschäfte bis 22 Uhr geöffnet sein dürfen) und brate sie in einem leckeren Öl (Olivenöl, Rapsöl) an. Gerne auch die eine andere Zwiebel oder Knoblauchzehe mit anbraten.
2.) In separatem Topf Nudeln kochen. Besser keine Spaghetti, die dauern zu lange, außerdem braucht man einen großen Topf und bekleckert sich nachher beim Essen.
3.) Einen Becher Sourcream, Saure Sahne, Creme Fraiche oder ganz gewöhnliche Sahne (natürlich nicht gesüßt) über die Pilzsosse kippen.
4.) Einen Schuss Weißwein oder trockenen Sherry – in der allergrößten Not auch von Station geklauten Pepsinwein – hineinkippen. Noch besser: Kirschwasser oder so etwas ähnliches.
5.) Noch eine Weile brutzeln lassen.
6.) Mal schauen, was es so an Gewürzen gibt. Irgendwas Oreganoartiges findet sich in den meisten Küchen. Vielleicht gibts sogar einen Käse, den man drüber reiben kann. Nach Geschmack salzen.
7.) Soße über Pasta kippen und genießen.
8.) Dazu ein alkoholisches Getränk konsumieren. Snobs nehmen Weißwein. Rotwein ist bekanntlich gesünder, schmeckt auch besser, auch wenn der Knigge auf Weißwein besteht. Genießer trinken Bier.

Prost!

Written by medizynicus

24. November 2012 at 12:50

Veröffentlicht in Das Leben an sich

Vampirfrühstück oder: die heiße Schlacht am kalten Blutbuffet

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…jeder, der irgendwann einmal ein Krankenhaus von innen gesehen hat, kennt das:
Da sitzt man morgens nichtsahnend am Frühstückstisch, noch ein bisschen blass von der OP, die man zum Glück gut überstanden hat, will gerade ins Marmeladenbrötchen beissen und die Krankenhausmarmelade mit einem Schluck lauwarmer dünner Blümchenkrankenhauskaffeeplörre hinunterspülen und dann…
…auf geht die Tür…
…es erscheint…
…eine hübsche junge Blondine?
…ein freundlicher Jüngling?
…ein genervt-gestresstes Arztgesicht?
Egal!
„MorgenHerrMüllerMüssenwamakurzblutabnehmnallesklar,ja?“
Und schon wird man am Handgelenk begrapscht, der Ärmel mit professionellem Griff nach oben geschoben und dann hat man eine schmuddelig-schmieriges Gummibinde um den Oberarm (woraus die dunklen Flecken bestehen, möchte man gar nicht wissen).
„Piekstjetztmalnbisschenallesklarokay,ja?“
Und dann pieksts.
Wenn man Glück hat, ist der Spuk schnell vorbei.
Wenn man weniger Glück hat und die Blondine vielleicht ein wenig zu blond oder der Jüngling ein wenig zu blauäugig und grün hinter den Ohren….
…dann dauert das Gepiekse halt…
…und wenn man ganz großes Pech hat, dann wiederholt sich das Spiel am nächsten Morgen. Und am übernächsten Morgen. Und am überübernächsten Morgen…
Warum?
Oft ist es tatsächlich so, dass irgendein Kollege – sei es ein übereifriger Stationsarzt oder ein megapedantischer Oberarzt – einfach irgendwann mal in die Akte geschrieben hat: „tägl. Lab. Kontr.“, oder so ähnlich.
Und weil es immer einfacher ist, eine Sache anzufangen als eine Sache aufzuhören, bleibt das dann auch so. Für immer und ewig. Auch wenn es längst keinen Sinn mehr macht…
Orthopädix hat dieses Phänomen in seinem Blog sehr treffend beschrieben. Also, liebe Patienten – wenn Ihr das nächste Mal gepiekst werdet.. fragt ruhig mal nach, ob es wirklich sein muss!

Written by medizynicus

23. November 2012 at 11:13

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Arzt an Bord? Nicht mehr nötig!

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Ja, ich hatte schon so etwas wie eine Vorwarnung, als mein Zug mit zwanzig Minuten Verspätung in Bad Dingenskirchen eintraf.
Ein erfahrener Eisenbahnbenutzer versorgt sich in so einem Fall tunlichst am Bahnhofskiosk noch schnell mit ausreichend Proviant. Längere Durst- und Hungerstrecken sind nicht auszuschließen. Unser Regionalzug hat natürlich selbstverständlich keinen Speisewagen.
Naja. Verspätungen sind bekanntlich immer sehr kommunikativ.
Bald komme ich mit einem tätowierten Jüngling ins Gespräch, auf dem Weg zu einem Auftritt, Pardon Sportwettkampf: er ist nämlich Gewichtheber und fährt zur deutschen Meisterschaft. Wer weiß, vielleicht kommt er ja noch ganz groß raus!
Naja. Jetzt telefoniert er erstmal mit seinem Trainer und dann mit seinem Manager und Kaderführer, und wie das alles heißt und ich suche mir einen ruhigeren Platz, döse eine Weile vor sich hin und wache auf, als der Schaffner die Ansage macht für den Anflug auf Sankt Anderswo, da muss ich umsteigen und wenn ich mich beeile und ganz viel Glück habe schaffe ich vielleicht noch…
„…Ausstieg in Fahrtrichtung links!“ sagt der Schaffner, und dann gibt es einen Ruck.
Stillstand.
Knacken im Lautsprecher.
„Guten Tag meine Damenundherren…. ist hier vielleicht ein Arzt an Bord?“
Na, dann schauen wir mal. Unter bewundernden Blicken meiner Mitreisenden mache ich mich auf den Weg in den letzten Waggon.
Der Zugchef hat eine orangene Warnweste angezogen und steht in der hintersten Tür.
„Was is’n los?“
Er seufzt.
„Wir haben soeben jemanden überfahren!“
Er lugt vorsichtig nach draußen. Telefoniert. Schüttelt den Kopf.
„Zu spät!“
Dann berichtet er:
„Wir haben gerade einen Bahnhof passiert. Da ist jemand vom Bahnsteig gesprungen. Aufgrund des langen Bremsweges sind wir aber inzwischen fast einen Kilometer weiter…“
„Und jetzt?“
Der Zugchef lächelt dünn.
„Aus Erfahrung sage ich Ihnen: das kann dauern!“
Wir bleiben also erstmal stehen.
Rechts und links von uns sind Schrebergärten, weiter weg ein kleines Wäldchen, Nieselregen…
Zugchef macht seine Durchsage. Meine Damenundherrn, ich bitte Sie um etwas Geduld…
Die meisten Riesenden sind inzwischen aufgestanden und stehen im Gang herum. Schauen mehr oder weniger ratlos in die Gegend und telefonieren.
Derweil rollt am Bahndamm das erste Feuerwehrauto an. Und noch eins, und noch eins, und Rettungsdienst, und Polizei, alle sind da, ganz großes Kino.
Feuerwehrleute sichern mit Seilen einen Zugang von der Straße zum Bahnsteig, die Leute vom Rettungstrupp klettern hinauf und wenige Minuten später wird der Lokführer hinauseskortiert und in den wartenden Krankenwagen gebracht.
Vor der einzigen geöffneten Tür diskutiert der Zugchef mit den Einsatzkräften und mit Reisenden, die aussteigen wollen, aber nicht dürfen.
Einer schafft es doch, indem er rotzfrech behauptet, ein Angehöriger des Lokführers zu sein, ein Anderer schafft es nach einer längeren Diskussion mit einem Polizeibeamten.
Der Gewichtsheber ist auch wieder aufgetaucht, steckt sich eine Zigarette an und plaudert mit mir über seine Doping-Tricks.
Dann wendet er sich einem blondgelockten Mädel zu, die hat auch eine Zigarette im Mundwinkel, er gibt ihr Feuer und lässt ein paar Bemerkungen über seine sportliche Karriere fallen, natürlich ohne Doping, aber sie springt nicht drauf an und erwähnt ziemlich rasch ihren Freund, zu dem sie gerade unterwegs ist.
Zwei Italiener rauchen ebenfalls, schauen dem Treiben zu und diskutieren ein wenig mit dem Zugführer. Der schnorrt sich vom Gewichtsheber eine Zigarette und bittet uns, die Tür zu bewachen, damit keiner unbefugt aussteigt.
Draußen haben sich die wichtigen Leute mit ihren Funkgeräten aufgebaut: Jede Menge Einsatzleiter von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, dann gibt es noch einen Notfall-Manager, dazwischen Polizei, martialisch uniformierte Feuerwehrleute und das Zugteam. Ein Hilfsschaffner verteilt drinnen Mineralwasser, greifen Sie zu, meine Damen und Herren, es wird noch eine Weile dauern!
Wie lange denn?
Weiß ich nicht!
Ein Freund von einem Kollegen, dem seine Schwiegermutter hat gesagt, sie haben mal fünf Stunden gestanden bei so einer Sache…
Nee, so lange wohl nicht, aber…
Drei Stunden?
Vielleicht.
Gibt’s hier Leichenteile zu sehen?
Nee, die Leiche liegt einen Kilometer hinter uns…
Aber tot isse?
Mausetot!
Mann oder Frau?
War das Absicht?
Natürlich war das Absicht!
Nee, kann ja auch geschubst worden sein!
Deswegen muss die Polizei ja noch kommen..
Die Feuerwehr fährt Drehleitern aus, baut Flutlichtmasten auf und alles wartet auf ganz furchtbar wichtige Leute von der Polizei.
Die ganz wichtigen Leute kommen und dann wartet man auf noch viel wichtigere Leute.
Der Gewichtsheber verteilt freigiebig Zigaretten, telefoniert und erzählt einem weiteren blondgelockten Mädel, dass da unten unter der Plane die Leiche liegt.
Nee, das stimmt nicht, die Leiche liegt einen Kilometer… der Gewichtsheber funkelt mich böse an.
Einer von den beiden Italiener fotografiert die Szene mit seinem Handy. Kommt auf meine Facebook-Seite, sagt er, O, Scheiße, jetzt ist mein Akku leer, hat zufällig wer ein I-Phone-Ladegerät?
Der andere Italiener hat erfahren, dass unsere Story hier schon längst getwittert oder gefacebookt worden sind.
Inzwischen hat man einen Ersatzlokführer organisiert, aber der darf natürlich noch lange nicht losfahren.
Auftritt ganz wichtiger Oberpolizist.
Der geht ganz langsam einmal um den Zug herum und muss dann auf einen noch wichtigeren Beamten warten. Zum Glück hat sich noch kein Staatsanwalt eingeschaltet, sagt der Zugführer, die brauchen erfahrungsgemäß Stunden, bis sie kommen.
Endlich taucht der ganz wichtige Oberpolizist auf, geht einmal durch den Zug, muss noch irgendeinen Zeugen vernehmen, dann erteilt er die Freigabe, wie es auf behördendeutsch heißt und die Feuerwehr fängt damit an, den ganzen Zinnober wieder abzubauen.
Zugchef macht seine Durchsage, meine Damen und Herren, in wenigen Minuten…
…als der Zug dann endlich anruckt, gibt’s von den Fahrgästen Applaus.
Mit gut zwei Stunden Verspätung erreichen wir Sankt Anderswo, mein Anschlusszug ist natürlich schon lange weg, aber es geht doch noch einer, und dort begebe ich mich schnurstracks in den Speisewagen und brauche erstmal ein großes Bier.

Written by medizynicus

9. November 2012 at 10:28

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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