Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Vampirfrühstück oder: die heiße Schlacht am kalten Blutbuffet

with 8 comments

…jeder, der irgendwann einmal ein Krankenhaus von innen gesehen hat, kennt das:
Da sitzt man morgens nichtsahnend am Frühstückstisch, noch ein bisschen blass von der OP, die man zum Glück gut überstanden hat, will gerade ins Marmeladenbrötchen beissen und die Krankenhausmarmelade mit einem Schluck lauwarmer dünner Blümchenkrankenhauskaffeeplörre hinunterspülen und dann…
…auf geht die Tür…
…es erscheint…
…eine hübsche junge Blondine?
…ein freundlicher Jüngling?
…ein genervt-gestresstes Arztgesicht?
Egal!
„MorgenHerrMüllerMüssenwamakurzblutabnehmnallesklar,ja?“
Und schon wird man am Handgelenk begrapscht, der Ärmel mit professionellem Griff nach oben geschoben und dann hat man eine schmuddelig-schmieriges Gummibinde um den Oberarm (woraus die dunklen Flecken bestehen, möchte man gar nicht wissen).
„Piekstjetztmalnbisschenallesklarokay,ja?“
Und dann pieksts.
Wenn man Glück hat, ist der Spuk schnell vorbei.
Wenn man weniger Glück hat und die Blondine vielleicht ein wenig zu blond oder der Jüngling ein wenig zu blauäugig und grün hinter den Ohren….
…dann dauert das Gepiekse halt…
…und wenn man ganz großes Pech hat, dann wiederholt sich das Spiel am nächsten Morgen. Und am übernächsten Morgen. Und am überübernächsten Morgen…
Warum?
Oft ist es tatsächlich so, dass irgendein Kollege – sei es ein übereifriger Stationsarzt oder ein megapedantischer Oberarzt – einfach irgendwann mal in die Akte geschrieben hat: „tägl. Lab. Kontr.“, oder so ähnlich.
Und weil es immer einfacher ist, eine Sache anzufangen als eine Sache aufzuhören, bleibt das dann auch so. Für immer und ewig. Auch wenn es längst keinen Sinn mehr macht…
Orthopädix hat dieses Phänomen in seinem Blog sehr treffend beschrieben. Also, liebe Patienten – wenn Ihr das nächste Mal gepiekst werdet.. fragt ruhig mal nach, ob es wirklich sein muss!

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Written by medizynicus

23. November 2012 um 11:13

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

8 Antworten

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  1. Also mir hat man damals nahe gelegt das Haus schnellstens zu verlassen, wenn ich mit der ärztlichen Fürsorge Probleme hätte.
    OK, mit einer Jugendlichen kann man sowas wohl noch machen, heutzutage wäre ich da wohl etwas unentspannter. Vor allem bei ausgeprägter Nadelphobie. :-/
    Gut zu wissen, dass man als Patient lieber mal hinterfragt. Würde ja in solchen Fällen auch Gelder sparen auf Dauer. 😉

    Katja

    23. November 2012 at 11:36

  2. genau DAS meinte ich. Zimmertür auf, Arm her, Stauen, Pieksen und hoffentlich auf Anhieb treffen.
    Aber: Nachfragen bitte an den Stationsarzt, denn der PJ’ler hat weder Macht noch Ahnung, ob die Abnahme immer indiziert ist (v.a. wenn er eigentlich auf einer anderen Station eingeteilt ist und nur zum Blutabnehmen zu Hilfe eilte). Deswegen lieber mal bei der Visite beim Stationsarzt nachfragen 🙂

    orthopaedix

    23. November 2012 at 12:23

  3. Richtig, das wollte ich gerade auch schreiben. Ich kann den Leuten da nur wenig Auskunft geben, ich bin ja nur das ausführende Personal. Aber es gibt schon Unterschiede zwischen den Ärzten das kann ich bestätigen. Einer lässt immer gefühlt jeden Montag der ganzen Station Blut abnehmen, während bei anderen teilweise maximal 3 Röhrchen pro Tag da stehen.

    Anna

    23. November 2012 at 13:48

  4. Na DEN (Stationsarzt) muss man erstmal zu Gesicht bekommen. War damals jedenfalls schwierig, der hat sich weder vorgestellt noch sonstwie zu erkennen gegeben.
    Nach 4 Tagen kam so’n älterer Herr im weißen Kittel mit großem Gefolge ins Zimmer gerauscht, hat noch nicht einmal die Tageszeit entbieten können und mir, nachdem er über meine Nierenbeckenentzündung aufgeklärt worden war, mit der Handkante in die Niere geschlagen (also nicht Gott-weiß-wie -fest aber ausreichend) und gefragt, ob es weh tut. (!)
    Das Ganze war danach Stationsthema, habe ich am nächsten Tag vom Lieblingspfleger erfahren. Toll! *grrrr*
    Aber heute wäre ich zumindest so nett, beim PJ’ler nicht die Dramaqueen zu geben sondern ihn lieb und nett wegzuschicken. Ohne Emla-Pflaster geht da inzwischen nix mehr! 😉
    BTW: wie muss man es eigentlich anstellen so Sch**-egal-Tropfen oder -Tabletten vor einer OP zu bekommen? Mit lila angelaufenen Händen und Unterarmen im OP-Vorraum zu liegen wegen der Aderkrämpfe, die ich vor Panik bekomme, ist nicht so schön. 😦

    Katja

    23. November 2012 at 15:13

  5. Erinnert mich an ein „Experiment“ zu Blutgaswerten und Nierentätigkeit im Studium. Am Probanden (ich) sollte die Auswirkung von zwei Hülsen Kaliber 05 getestet werden. So weit so gut. Blöderweise war als Treibstoff „Berliner Kindl“ verfüllt. BÄH! (Das Grauen hatte aber ein rech schnelles Ende – wir mußten das für insgesamt 7 Stunden geplante Experiment in 3,5 Stunden durchziehen – ich wurde also gebeten, möglichst druckzubetanken.) Ein Student der Medizin wollte mir zwischendurch Blut abnehmen. Armvene gestaut – Nadel rein – auf Anhieb getroffen (*staun* meinerseits) – beim Spritze aufziehen Nadel aus Vene gezogen – selbiges nicht gesehen, da sich die Nadelspitze noch in dem immer größer werdenden Blutstropfen (oder -berg?) befand – sich gewundert, dass es nicht mehr läuft…. – von Ausbildungs- und Praktikumsleiterin weggeschubst mit den Worten: „Wasndasfürnmist?! Lassmaprofiran!“ Ich hab mich gut amüsiert. Aber schmerzfreier stechen konnte der Anfänger!

    Aber die Jungs und Mädels Jungspunde müssen auch üben, denn nur selbiges macht den Meister. Nur deshalb schreibt Herr OA ein „Blutbild groß, täglich“ in die Patientenakte. Die PJler sollen es ENDLICH lernen! 😉

    Gedankenknick

    23. November 2012 at 15:24

  6. @Katja: man sagt dem anaesthesisten in der anaesthesiesprechstunde, dass man gerne ein bisschen dormicum gegen die nervoesitaet haben moechte..

    Ich

    23. November 2012 at 18:12

  7. Wenn der Patient auf nachfragen dann auch immer eine Antwort bekommen würde…
    ich musste auch schon mehrmals fragen bis ich wusste was alles bestimmt werden soll (obwohl es der anordnende Arzt selbst gemacht hat)

    absolutnormal

    23. November 2012 at 18:56

  8. Die Piekserei fand ich weit weniger schlimm als der morgendliche Ausruf „MoinFrauDingsbumshattensieheuteschonStuhlgang?“ in einem Dreibettzimmer mit anwesenden Fremdangehörigen an den Nachbarbetten…

    Jenny

    27. November 2012 at 12:56


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