Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schön, dass Sie noch da sind, Doc!

with 11 comments

Blick auf die Uhr. Kurz vor halb zehn. Abends.
Stöhn.
Griff zur Kaffeetasse.
Leer.
Griff zur Thermoskanne, nachgeschenkt.
Griff zur Keksdose. Den vorletzten Nürnberger Elisenlebkuchen hervorgeangelt, mit Zuckerguss, den letzten, mit Schokolade lasse ich noch übrig, als Belohnung für ganz zum Schluß.
Griff zum Diktiergerät.
„…undverbleibenmitfreundlichengrüßenunterschriftenendedanke. Punkt. Nächster Brief. Wir berichten über die Patientin Schlumberger, Anna, welche sich in unserer stationären Behandlung befand und…“
Klopf an der Türe und dann öffnet sich selbige auch schon ohne auf mein Herein zu warten, welches auch nicht gekommen wäre, jedenfalls nicht so bald.
„Tach Herr Doktor!“
Hä?
„Ja, ich wollt mich ma nach meiner Muttern erkundigen!“
Ähä?
„Ja, wat die so für Fortschritte macht un so!“
Eh…?
Schnüffel, schnüffel.
„Dat riecht aba gut hier!“
Hmmm!
„Ja, Sie ham dat aber echt gemütlich!“
Hööö!
„Ja, dann darf man doch ma, oda?“
Ähem…
Die Mittfünfzigerin schiebt ihre schwitzenden hundertzwanzig Kilo Lebendgewicht in mein Arztzimmer und läßt sich auf den Stuhl neben mir fallen.
„Ja, dann will ich ma…“
Sie rückt bedrohlich näher.
„Sagen Sie mal…“
Räusper.
„Ob da wohl noch n Tässken für mich drin is?“
Griff zur Thermoskanne. Griff zu Sarahs Kaffeebecher.
„Dat is aba man ’n echta Sööviss hier!“
Äh… hem…
„Ja, also um nochma auf Omma zurückzukommen, ja?“
Hö?
„Ja die hat doch sicha schon gute Fortschritte gemacht nich?“
Hö!
„Aba so ganz die allte isse noch nich…“
Hö?
„…also ich mein ja nur. Die kann doch noch n bissken bei Euch bleiben ja?“
Hö??
„…also, ich mein, so über die Feiertage, ja?“
Hö Hö Hö??
„Also, die braucht morgen noch nich nach Hause, ja?“
Schlüff. Schmatz. Aufstehen.
„Also gut, Herr Dokta, schön, dass Sie Zeit für mich haben, schönen Feierabend noch!“
Schmatz, schmatz, Tür klack.
Schmatz?
Halt!
Das war mein Lebkuchen!
Der letzte!
Der mit Schokolade!!!!

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Written by medizynicus

17. Dezember 2012 um 22:51

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

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  1. Nach dem Auftritt, darf sie doch sicher schon morgen heim, der geht’s doch wahrscheinlich schon wieder super gut …

    Karl

    17. Dezember 2012 at 22:56

  2. Wenn schon Mist, dann aber auch richtig, hm?! ;o)

    skriptum/skryptoria

    17. Dezember 2012 at 23:16

  3. Ein Oberazt in meiner Krankenhauszeit hatte für solche Fälle einen guten Therapievorschlag: Pes ad anum!

    oldsurehand

    18. Dezember 2012 at 08:08

  4. @oldsurehand: für die nicht-lateiner unter uns – was heißt das?

    silberträumerin

    18. Dezember 2012 at 10:15

  5. also wenn sich jemand DAS gefallen lässt, dann muss er sich nicht wundern, wenn ihm/ihr generell im Leben der Lebkuchen oder die Wurst vom Brot geklaut wird…….
    Gruss Landkrauter

    landkrauter

    18. Dezember 2012 at 10:49

  6. Selbst schuld! Das war grob fahrlässig. Schokoladenlebkuchen müssen immer unverzüglich gegessen werden. 🙂

    Thomas

    18. Dezember 2012 at 11:44

  7. @silberträumerin:
    – pes = fuß, bein, pfote
    – ad (adverb) = an, zu
    – anum (Akkusativ singular zu „anus“) = … 😉
    Mach was draus!

    @medizynikus: Mit Schokolade überzogene Elisen sollten wie Btm-Formulare aufbewahrt werden: Unter Verschluss! 😉

    Gedankenknick

    18. Dezember 2012 at 15:25

  8. @old surehand + Gedankenknick,

    ich konnte es bisher auch nur übersetzen mit: „Von Fuß zu Anus“ und habe nicht begriffen, was es bedeuten soll…

    Jetzt ist es klar: den „Fuss zum Anus“ bewegen, mir Schwung dahinter 😉

    sprinterfreund

    18. Dezember 2012 at 21:00

  9. Dreist!
    Und Lebkuchen künftig wegsperren.

    nadineswelt

    18. Dezember 2012 at 22:41

  10. Der Kaffee scheint dich nicht mehr munter zu machen. Die Leitung ist da ja ganz schön lang gewesen. Ich denke doch, dass du Muttern natürlich rechtzeitig zu den Feiertagen entläßt. Schließlich soll man ja Weihnachten im Kreise seiner Familie verbringen …

    ednong

    19. Dezember 2012 at 01:55

  11. Ohja, das beliebte Spiel zu den Feiertagen nimm du ihn ich will ihn nicht.
    Krankenhäuser entlassen alles was halbwegs wieder fit ist um den Patienten die Feiertage im KH zu ersparen und Pflegeheime und Angehörige belegen die Betten genau so schnell um auch ruhige Feiertage zu haben.
    Hochkonjunktur für die KTWs

    Flo

    19. Dezember 2012 at 19:38


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