Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sternsingerkarnevalterror

with 15 comments

Klopf an der Tür.
„Tach, Herr Doktor, hier sind wir!“
Vor mir steht eine illustre Kostümtruppe.
„Äh… Sie wünschen?“
„Wir singen doch. Jetzt gleich, um fünfzehn Uhr dreißig. So war’s vereinbart!“
„Vereinbart? Ähh….“
„Ja, von vierzehn Uhr bis sechzehn Uhr sind wir im Krankenhaus. Ihre Station kommt um fünfzehn Uhr dreißig dran. Haben Sie nicht unser Mitteilungsblatt gelesen?“
Karneval? Nee, das kommt doch erst im Februar! Aber ich bin ja nicht ganz auf den Kopf gefallen! Also gut, sollen die doch singen!
„Kein Problem. Tun Sie sich keinen Zwang an. Sie finden den Aufenthaltsraum? Geradeaus am Ende des Flures…“
„Herr Doktor, Sie haben den Patienten aber schon Bescheid gesagt, ja?“
„Jaja, die Patienten… ähem… die wissen schon Bescheid!“
„Weil… da ist doch noch niemand da, da drüben im Aufenthaltsraum!“
„Ist ja auch erst drei Minuten vor halb vier.“
„Wir wollen schließlich nicht vor leeren Stühlen singen, das verstehen Sie doch, Herr Doktor, ja?“
„Dann gehen Sie doch einfach durch die Zimmer durch, klopfen Sie überall und…“
„Neee, dazu haben wir keine Zeit! Wir haben schließlich noch drei andere Stationen zu besingen. Und danach noch das Altenheim, und dann….“
„Tut mir leid, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen…“
„Wie wär’s, wenn Sie den Patienten Bescheid sagen. Und dann mit Ihrer ärztlichen Autorität…“
…die Leute aus den Betten hieven und im Rollstuhl in den Aufenthaltsraum schieben? Sonst noch einen Wunsch? Allmählich wird’s nicht mehr lustig!
„Wissen Sie, wir haben da so einen Wettbewerb. Nämlich welches Sternsingerteam die meisten Spenden einwirbt. Wissen Sie, ist ja alles für einen guten Zweck!“
Ach, daher weht also der Wind!
„…und da dachten wir vielleicht… es gibt doch bestimmt hier auf Station so eine Kaffeekasse…“
„Tut mir leid. Da habe ich keinen Zugriff drauf. Die wird von Schwester Paula verwaltet!“
Und Schwester Paula hält den Daumen drauf. Soviel ist sicher!
„Ja, und Sie Herr Doktor? Haben Sie schon was gespendet? Ist doch für einen guten Zweck, wissen Sie? Und wenn Sie mit gutem Beispeil voran gehen….“
Jetzt reicht’s aber! Raus hier! Aber schnell!
„Tut mir leid…. hab leider gerade kein Portmonnee dabei…. und außerdem muss ich jetzt drinend in die Notaufnahme…“
„Da singen wir nachher, um vier! Dann sehen wir uns ja noch, Herr Doktor!“

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Written by medizynicus

6. Januar 2013 um 15:34

15 Antworten

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  1. Verkehrsunfall? So wie Sie aussehen war das ein schnelles Auto, da können Sie ruhig mal was Spenden.
    Passen Sie aber auf das Sie mit dem ganzen Blut nicht so rumsauen.

    Kenner des Reisbärn

    6. Januar 2013 at 15:46

  2. *lol* Also als guter und netter Doc müsstest du schon persönlich jeden einzelnen Patienten zu den Sternsinger bringen. Und dann gleich noch deren Geld als medizinische Autorität im Sinne der Wohltätigkeit erfragen. 😛 *hihi*

    Orthopaedix

    6. Januar 2013 at 15:53

  3. Hahaha, die singen in der Notaufnahme? Stell ich mir geil vor, wenn ich da blutend oder voller Schmerzen sitze und dann die Sternsinger antanzen. Sehr schön 🙂

    Sole Lunatique

    6. Januar 2013 at 16:06

  4. Ich würde im Aufwachraum singen!

    Da sind die Leute so komisch drauf und lassen sich seltsamerweise so leicht bequatschen…

    Netzstachel

    6. Januar 2013 at 16:26

  5. Das ist das negative Highlight des Blogs, soviel ist sicher.
    Heute kam im TV noch ein Bericht über ein Krankenhaus in Ruanda, das sich fast vollständig aus Sternsinger-Spenden finanziert. meine kleine Tochter läuft auch mit mit ihren Freunden, 10 Std, egal ob Eis oder Schnee oder Regen, und lässt sich auch gefallen, dass ihnen die Tür vor der Nase zugeworfen wird. Ich konnte mir nie vorstellen, was das für Menschen sind. aber wenn hier auch ehrenamtliches Engagement von KINDERN für KINDER mit Karneval und Terror in den Dreck gezogen wird, finde ich das unfassbar.

    Nina

    6. Januar 2013 at 17:56

  6. @Nina – der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und ob in der Notaufnahme oder im Krankenhaus wirklich gesungen werden muss?

    TickleMeNot

    6. Januar 2013 at 18:24

  7. Man kann an Gott glauben , oder nicht.
    Man kann die Kirche in Frage stellen …
    aber ich finde es ( wie Nina)
    nicht in Ordnung, sich über Kinder
    lustig zu machen , die bei Wind und Wetter
    stundenlang für andere sammeln und etwas bewirken wollen .

    Astrid

    6. Januar 2013 at 20:36

  8. @Nina und Astrid: diese Truppe bestand mindestens zur Hälfte aus Erwachsenen, und der Rest war, soweit erkennbar, zwischen 14 und 16 Jahre alt. Aber darum geht es ja nicht. Ich möchte mich weder über Kinder lustig machen noch über die privaten religiösen Gefühle irgendwelcher Leute (n.b.: ich habe auch in diesem Artikel an keiner Stelle über die Kirche gelästert!). Wenn ich das getan habe, bitte ich um Entschuldigung. Worum es mir aber geht: diese Selbstgerechtigkeit anzuprangern von Leuten, die angeblich im Namen des „guten Zweckes“ vor allem ihr eigenes Ego im Sinn haben. Also – zwar im Akkord singen und möglichst alle Stationen beglücken wollen, aber nicht die Zeit haben, mal eben in den Zimmern von bettlägerigen Patienten (die sich vielleicht wirklich gefreut hätten) vorbeizuschauen. Stattdessen von uns erwarten, dass wir ihnen die Bühne für eine perfekte Show bieten und die Patienten auch noch herankarren…. Als ob unsere Schwestern sonst nichts zu tun hätten. Und nicht zu akzeptieren, dass manche Patienten vielleicht auch einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Und das Offensive Spendensammeln bei teilweise Dementen Patienten war auch grenzwertig. Als wir (Pflegeteam und ich)selbst schließlich dann auch noch abgebaggert wurden, (mit diesem blöden Wettbewerbsargument) war für mich, Sorry, der Ofen aus.
    Ich respektiere, wie gesagt, jede religiöse Überzeugung (zumindest jede religiöse Überzeugung, die mit den allgemeinen Menschenrechten in Einklang steht), aber was ich selbst tu und lasse, das entscheide ich selbst!

    medizynicus

    6. Januar 2013 at 21:05

  9. So. Da möchte ich mich jetzt aber mal bei Dir bedanken, dass du nochmal geschrieben hast.
    Ich sehe zwischen “ euren“ Sternsingern und
    “ unseren “ hier ist ja ein ( Himmel) weiter
    Unterschied!!
    Bei uns gehen neun – bis sagen wir mal
    Höchstens zwölfjährige in Begleitung
    Eines Erwachsenen.
    Im Krankenhaus ( bin ja nun selbst
    Krankenschwester) wird von der Gruppe
    Höflichst!! gefragt , welche Patienten
    Interesse haben …
    dieses “ raffgierige “ Verhalten, welches du
    schilderst , kenne ich nicht und würde es auch nicht tolerieren !!!
    War aber in deinem ersten Beitrag so nicht zu
    lesen, deshalb war ich auch “ Not amused „.
    🙂

    Astrid

    6. Januar 2013 at 21:53

  10. Es geht nicht um die Verletzung religiöser Gefühle, sondern darum, sich über das ehrenamtliche Engagement von anderen zu mokieren, das finde ich pers. nicht i.O. Bei uns laufen Grundschulkinder – mit der Begeisterungsfähigkeit, wie man sie in dem Alter noch hat, Eisfüßen und klammen Fingern-, die Jugendlichen dann nochmal abends für die, die tagsüber nicht da sind (und man soll es kaum glauben, die Leute tragen sich vorher in ellenlange Listen ein, damit auf jeden Fall jemand vorbei kommt…)

    Hier freuen sich gerade die alten Leute, weil für sie die Sternsinger einfach zum Jahresanfang dazu gehören. dass alte Sitten und Gebräuche so negativ bewertet werden, ist ja eher ein Neuzeitphänomen und, wie man hier sieht, nicht unbedingt „sozial“. Wenn sich denn demnächst niemand mehr bei den Sternsingern engagiert und/oder sie nur noch die Tür ins Gesicht bekommen, spenden wir dann alle über RTL Spendenmarathon, weil man da auch noch rührselige Bilder gezeigt bekommt und Damen mit tiefem Ausschnitt im Abendkleid? Oder behalten wir alles für uns und machen das Krankenhaus in Ruanda zu?

    Den Wettbewerb finde ich auch etwas befremdlich, allerdings geht es ja um Spenden und nicht um die eigene Tasche :-/

    Nina

    7. Januar 2013 at 09:37

  11. Liebe Nina, das ehrenamtliche Engagement muss da Pause machen, wo das berufliche Engagement etwas zu sagen hat. Ich zumindest spende dann lieber über das DRK, als dass unsere medizinische Betreuung um ihre Zeit oder gar Kaffeekasse angegangen wird. Ich halte das sogar für ziemlich sozial, immerhin gehen ich und andere sehr selten ins Krankenhaus, damit ich dann da herumliegen und ein wenig für gute Sachen spenden kann.

    Ganz pragmatisch befürchte ich auch, dass das dankbare Personal des Krankenhauses in Ruanda das ähnlich sieht: wahrscheinlich sind ihnen im Krankenhaus ehrenamtlich sich bei der Behandlung oder dem direkten, der Gesundung förderlichen Besuch der Patienten Engagierende lieber als Leute mit anderen ehrenhaften Interessen. Selbst der gute, alte, ostdeutsche Kuchenbasar für die hungernden Kinder in Nicaragua müsste wohl draußen bleiben.

    gloinson

    8. Januar 2013 at 03:50

  12. So wie sich hier manche über den ggf. mißverständlichen Artikel aufregen, so reg ich mich regelmäßig über das „Krankenhaus in Ruanda“ auf oder über Tierschützer die regelmäßig Tiere aus dem Ausland importieren, um sie dann hier ins Heim zu stopfen.
    Zu 1) Gibt es hier nicht auch Probleme, die durch Spenden gelöst werden können ? Muß es IMMER das Ausland sein ? Oder geht nicht doch auch mal Arche und Co. ?
    Zu 2) Und auf der anderen Seite wird gejammert wie voll hier die Tierheime sind. Ok finde ich die vermittlung zwischen Tier und neuem Herrchen, weil die Tiere dan nicht auf Verdacht hergflogen werden. Und vllt. sollte sich hier auch mal rumsprechen das man nicht immer gewinnen kann (so wie auch in der (Notfall-)Medizin)

    Kracher am Rande: In meiner Familie wollte jemand ein Meerschweinchen haben um die Einzelhaltung wieder zu beenden (die Tierchen leben halt auch nicht ewig)gern auch nen älteres Tier. Was dann so an Hürden aufgbaut wurde im Namen des Tierschutzes geht auf keine Kuhhaut. Nur das Neue Herrrchen persönlich kann es abholen, Kontrollbesuch wei bei Hund und Katze (wo ich das ja noch ok finde) und astronomische Schutzgebühren weit über den üblichen Verdächtigen im Zoohandel…

    Fazit:

    Man KANN alles übertreiben, ob es der Sache hilft ist eine andere Sache…

    Hightower

    8. Januar 2013 at 09:58

  13. @Hightower, Gloinson, Nina, Astrid: Also, nochmal: es geht mir hier wirklich nicht darum, das ehrenamtliche Engagment oder die religiösen Gefühle von irgendwelchen Menschen in den Dreck zu ziehen – wohl aber über die Selbstgerechtigkeit und Bigotterie zu lästern, die sich gerne hinter ehrenamtlichem Engagement oder demonstrativ zur Schau getragener Religiösität verstecken.
    Ein virtuoses Beispiel hierfür ist übrigens die Gestalt der Frau Birnbaumer-Nüsselschweif im Bestatterweblog.

    medizynicus

    9. Januar 2013 at 08:25

  14. Ich wollte dich nicht angreifen, sonder nur aufzeigen, das sich manche auf eine art und Weise ehrenamtlich einbringen, die in meinen Augen irgendwie kontraproduktiv ist.
    Ich hab da übrigens grade ne Idee : Der Bau von BER wird an Ehrenamtliche übertragen 😉 wird auf jeden Fall billiger *scnr* obs klappt oder nciht ist da ja eher nebensächlich

    Hightower

    9. Januar 2013 at 09:05

  15. *kann gern zusammenmoderiert werden*

    Die Birnbaumer-Nüsselschweif scheint meine Vorstellungen recht gut zu verkörpern…

    Hightower

    9. Januar 2013 at 09:10


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