Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Danke schön auch, Du Hausar*** !

with 5 comments

„…Guten Tag. Leider rufen Sie außerhalb unserer Praxis-Öffnungszeiten an. Diese sind Montags bis Freitags….“
Wütend knalle ich den Telefonhörer zurück auf die Gabel… sagt man heutzutage eigentlich noch Gabel? Aber eigentlich kann mir egal sein, wie das Ding heißt, auf welches ich soeben meinen Telefonhörer geknallt habe, das knallen ändert nämlich nichts daran, dass ich ein Problem habe, und das Problem heißt Frau Karagöz.
Karagöz, Fatima, schätzungsweise achtzig Jahre alt, aber so genau kann sie das nicht sagen, zumindest nicht auf deutsch.
Der Hausarzt hat sie vor einer Stunde eingewiesen. Will sagen, er hat angerufen und gesagt: „Ich schick Euch da jemanden!“
Dummerweise hat er nur die Sekretärin an der Strippe gehabt, die hat sich noch schnell den Namen aufgeschrieben und ist dann ab ins Wochenende. Kurz darauf kam die Patientin, gebracht von einer geheimnisvollen Person, welche gleich wieder verschwand um mal eben schnell das Auto aus dem Halteverbot wegzufahren und nie wieder gesichtet ward.
Und jetzt sitzt Frau Karagöz da und lächelt uns an.
Einen Einweisungszettel hat sie nicht dabei. Auch keinen Medikamentenplan. Nur ein Schächtelchen mit Tabletten, nach Farben sortiert, vorn die kleinen roten und hinten die dicken weißen.
Was will sie von uns? Hat sie Schmerzen?
Oh ja, bisschen Rücken. Und manchmal schwindelig und Magen war auch mal, vor ein paar Jahren…. geht doch mit der Sprache!
Ob sie sich jetzt an ihr Geburtsdatum erinnern kann? Fehlanzeige. Nur unverständliches Kauderwelsch.
Gibt es Angehörige? Ehemann? Kinder? Sonst irgendwen? Irgendeine Telefonnummer?
Unsere Patientin schüttelt nur lächelnd den Kopf.

Advertisements

Written by medizynicus

25. Januar 2013 um 21:03

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , , ,

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Medizynicus, Du bist nicht allein. Auch wenn ich das Problem anders herum kenne: Patient wird Freitag vormittag 11.00 Uhr aus der Klinik entlassen. Bekommt die neu eingestellten Medis für 2 Tage mit (in schlecht beschrifteter Tüte). 2 Tage? Moment: 24h -> Samstag mittag. 24h -> Sonntag mittag. Aha. Und was nimmt er Sonntag abend und Montag früh? Genau, das klärt er am Freitag nach 2 Stunden Heimfahrt gegen 13.00Uhr mit dem Hausarzt. Huch – da ist genau der gleiche Anrufbeantworter, der Dich so frustriert zurückgelassen hat?

    Medizynicus, volles Verständnis von mir für Dich! Ich kenne genau das Problem, bloß eben anders herum. Schlimm ist es aber nicht nur für das „Betreuungspersonal“, sondern auch und vor allem für den Patienten, der sich allein gelassen fühlt und durch den Wahnsinn des Versorgungssystems mehr oder weniger hilfl- und verständnislos irrt, und der schon manchmal an einer Sprachbarriere scheitert, die für den Patienten genau so schlimm ist wie für den Hilfe leistenden…

    *duck´n´cover – gleich gibs Haue*

    gedankenknick

    26. Januar 2013 at 09:31

  2. hab’s hier in der psych mal mitbekommen, als mitten in der nacht ’ne patientin vom rettungsdienst gebracht wurde… sprach fließend türkisch, aber kein einziges wort deutsch… rettungsdienstler, arzt, pflegepersonal wussten nicht so recht, was der dame überhaupt fehlt, und die frau selbst war auch vermutlich ebenso durcheinander und hilflos… keine schöne situation, für beide seiten nicht.
    (ende vom lied: die patientin blieb über nacht da und ein türkisch-sprechender arzt von einer anderen station hat sich am nächsten morgen ihrer angenommen und herausgefunden, dass es eigentlich keinen grund gibt, warum die gute in der klinik sein müsste… tja.)

    silberträumerin

    26. Januar 2013 at 10:39

  3. Vielen Dank lieber Klinikar…!

    Frau Müller wird am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen, Frau Müller ist dement, die Angehörigen haben keine Ahnung was im Krankenhaus mit ihr angestellt worden ist, Ärzte hätten sie ja keine gesehen und gesprochen habe ja auch keiner mit ihnen. Frau Müller hat einen krakeligen (Kurz-) Arztbrief anbei, auf dem kaum die Diagnosen zu lesen sind, geschweige denn, dass aus dem Haken als Unterschrift hervorgeht wer der Urheber der Krakel war, auch ist fraglich ob der Schreiber wirklich der deutschen Sprache mächtig ist. Wie lange Frau Müller das in der Mediliste kaum entzifferbare Antibiotikum nun schon bekommen hat ist nirgends vermerkt, noch ist ersichtlich wie lange es noch gegeben werden sollte, bzw. warum überhaupt es gegeben wurde. Ein Telefonat mit der Klinik scheitert schon mal daran, dass man nicht weiss wer die Paientin denn eigentlich gesehen hat. Der Versuch über die Station einen Verantwortlichen zu finden mündet in ca. 20 minütigen lustigem Hin und Herverbinden und der Beteuerung der Gegenseite nicht zuständig zu sein. Nach ca. 30 min. und zweimaligen Landen in der telefonischen Verbindungssackgasse mit notwendigem Neuanruf kann immerhin festgestellt werden, dass der wahrscheinliche Schreiber nicht im Dienst ist, der Oberarzt sei gerade nicht ansprechbar, würde aber irgendwann zurückrufen, versprochen! Nachdem natürlich kein Rückruf kommt und erneut versucht wird jemand verantwortlichen an die Strippe zu bekommen erhält man dann die Auskunft: ach der Oberarzt
    Dimpflhuber ist jetzt nicht mehr da. Man könne es ja am Montag nochmal probieren.

    Ja ,ja die (Nicht)Kommunikation unter Medizinern, ein beliebtes Spiel, wir lieben es alle und spielen es doch gerne!

    Moby

    1. Februar 2013 at 15:46

  4. @gedankenknick. Whow, Tabletten für 2 Tage! Das ist ja echt fürstlich…
    Ich wurde schon samstagmittags aus dem KH entlassen, hochschwanger mit einem HWI (war V. a. Gestose), seit 3 Tagen mit Antibiose. Soll ich noch 2 Tage weiternehmen, sagt der Arzt. Tabletten für „außerhalb des KHs“ dürfe er mir nicht mitgeben. Ein Rezept kann er mir nicht ausstellen, aber es gäbe ja den Bereitschaftsdienst für Notfälle am Wochenende…

    Da bin ich dann auch hin, in einen Ort 25 km vom KH entfernt. Was sollte ich machen?! Eine Resistenz riskieren, wenn ich das AB nicht weiternehme?! Der Arzt war alles andere als begeistert, weil echter Notfall sieht eben anders aus. Zum Glück hab ich das AB dann auch in der Bereitschaftsapotheke bekommen, die übrigens im Ort des Krankenhauses war. Ich fuhr also an diesem Samstag kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erstmal 25 km zum Bereitschaftsarzt, dann 25 km zurück zur Bereitschaftsapotheke und dann 15 km nach Hause – das lag genau zwischen den beiden Orten. 65 km Rumgegurke und 3 Stunden verbratene Zeit für 6 Tabletten….

    Sue

    26. Februar 2013 at 17:55

  5. Leider jetzt erst gelesen, aber die Folge davon ist, dass ich jetzt einfach zur Selbstmedikation greife.
    Lokaler Arzt nicht erreichbar („Sie erreichen uns von 8:30 bis 8:35 zur Terminvereinbarung.“), das Krankenhaus mag nicht „heute leider nicht, gehen Sie mal da hin“ – da gibt’s nichtmal ’n AB, da wird das Telefon einfach gar nicht abgehoben.

    Also nachgeschaut, die verschreibungspflichtigen Augentropfen vom letzten Mal sind noch da, lt. Packung auch noch verwendbar, der Beipackzettel ist natürlich entschwunden, der Wirkstoff ist bestimmt irgendwas seltsames. Also rein damit und auf das Beste hoffen.

    Ich weiß schon, warum ich gerne mal zwischen 20 und 21 Uhr in der Notaufnahme im Krankenhaus am Rande des Wahnsinns aufschlage: Da werden auch akute Fälle von Leuten, die nicht drei Tage (oder Monate) warten können, behandelt. Dafür bezahle ich dann auch die 10 EUR jedes Mal. In diesem Sinne: Keep Sane!

    Marquel

    24. April 2013 at 09:59


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: