Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Frühling in Bad Dingenskirchen

with 9 comments

Das weiße Zeug da draußen ist endlich weg. Stattdessen blühen in den Vorgärten endlich die ersten Krokusse. Den Weg zur Arbeit lege ich inzwischen im Hellen zurück und das Innenfutter aus der Winterjacke habe ich letztens waghalsigerweise herausgeknöpft. Vögel zwitschern und der Pförtner hat mir ein fröhlich-beschwingtes „Guten Morgen“ zugerufen. Sogar der Kaffeee hat heute richtig frisch geschmeckt.
Herr Schrothenkorn steht splitternackt vor mir in seiner ganzen fünfundachtzigjährigen Pracht.
Ich hocke tief gebückt vor ihm und versuche, die Leistenbruch-Fäden aus ihm heraus zu operieren. Der Chirurg wollte es besonders schön machen und hat daher besonders dünnes Nahtmaterial verwendet und einmal der Länge nach so durch die Haut gezogen, dass es beim Versuch des Entfernens sofort abreißt, was zur Folge hat, dass ich die einzelnen Fragment mühsam herausprokeln muss.
Meinem Patienten scheint das alles nichts auszumachen. Gleichmütig schaut er aus dem Fenster. Dann schaut er auf mich herunter und schüttelt den Kopf.
„Geht’s Doktor?“
Klar geht’s! Gehen tut immer. Geht nicht gibt’s nicht in unserem Job.
Herr Schrothenkorn greift nach seiner Körpermitte um die störenden Körperteile mit der Hand aus meinem Weg zu schaffen.
Wirft einen nachdenklichen Blick auf sein bestes Stück und schüttelt erneut den Kopf.
„Hat ja schon eine Menge erlebt, der Gute!“
Wie bitte?
Fast wären mir Pinzette und Fadenmesser aus der Hand gefallen.
„Damals im Krieg,“ fährt er fort, „Die Franzöinnen…“
Ach ja?
Herr Schrothenkorn schaut wieder aus dem Fenster.
„Wird Frühling!“ sagt er nachdenklich.

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Written by medizynicus

8. März 2013 um 08:30

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Der ist so schön! Diese alten Leute haben manchmal einen unbezahlbaren Humor…
    Gruss Landkrauter

    Landkrauter

    8. März 2013 at 10:29

  2. Aber Herr Schrothenkorn hatte damals einen anderen Reiseveranstalter. Der nannte sich „Wehrmacht“… 😉

    Gedankenknick

    8. März 2013 at 22:43

  3. jetzt 85 ? Dan war der bei Kriegende 17 .

    michael

    9. März 2013 at 05:03

  4. Dazu zerre ich spontan gleich 2 sinnvolle Erklärungen an ihren Haaren herbei:
    1) Mit zur Musterung und 14 3/4 angeben, 17 zu sein. Schließlich wollte man ja noch was erleben, bevor der Endsieg dem Abendteuerurlaub einen Strich durch die Rechnung machte…
    2) Nach der Kapitulation einfach ein falsches Alter angegeben. Papiere snd damals viele verschwunden, und wenn man sich schützen wollte, hatte man sein Alter einfach um 2-3 Jahre reduziert, und schon war man bei den schlimmsten Kriegsverbrechen nicht mehr dabei.

    Mischen wur jetzt 1 und 2, hat er sich mit 15 [angegeben 17] (1940) zur Wehrmacht einziehen lassen; war 20 [angegeben 22] als 1945 der Krieg zu Ende war, und er mit 20 gefangenen genommen wurde, hatte er „aus Versehen“ seinen Dienstausweis verlohren, und sein Alter mit 17 statt mit 20 angegeben. Im Krieg sind schlimmere Dinge passiert…

    Gedankenknick

    9. März 2013 at 16:44

  5. Naja,
    oder medizynicus hat einfach – wie in der Sidebar nachzulesen: „Personen und Ereignisse sind fiktiv“ – alles „erstunken und erlogen“. 😀

    ednong

    11. März 2013 at 21:45

  6. Zur damaligen Zeit verliess man mit 14 Jahren die Volksschule und fing an, zu arbeiten – und zu Kriegsende wurden auch 16-jährige schon eingezogen, weil der „Nachschub“ sonst fehlte – also musste unser guter Herr Schrothenkorn nicht mal beim Alter schummeln…

    Kerstin

    12. März 2013 at 07:55

  7. Gnihihihiii…herrlich. Vielen Dank für das Schmunzeln am Morgen 🙂

    strandkaddi

    13. März 2013 at 10:27

  8. oder die ganze Geschichte ist nicht dieses Jahr passiert sondern 2010 und er ist nicht 85 sondern 88 – schon haben wir 5 Jahre extra. Und Außerdem waren’s die Mädels in Odessa 🙂
    Aufgrund des Disclaimers und ohnehin vorhandener bloggerischer Freiheit wäre das sogar korrekt. Und nicht mal unnormal – oder glaubt ihr, jeder Blogger schreibt 1:1 ohne Abweichung korrekte Daten? Wenn’s ne bessere Geschichte ergibt mischen manche auch mal drei Personen zu einer (inklusive Geschlechtsumwandlung), verlegen Geschehnisse um zehn Jahre und um den halben Erdball.
    Bei journalistischen Blogs kann man sowas ernster sehen, bei einem Berufs-Blog dagegen?

    Engywuck

    14. März 2013 at 00:09

  9. Lieben Dank für die tatkräftige Unterstützung.

    In den Volkssturm wurde übrigens alles eingezogen, was ne Pistole hochhalten konnte – vom Opa mit noch noch einem Arm bis zum Jungen von 10 Jahren war da alles dabei, was als letztes Aufgebot erst Berlin verteidigen und anschließend zum Ende noch den Sieg erringen sollte….

    gedankenknick

    14. März 2013 at 22:36


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