Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Diebstahl!

with 11 comments

Freitag Morgen.
Ich sitze in der Stationsküche, starre hinaus in die spätwinterliche Trübnis und trinke einen Schluck Krankenhauskaffeeplörre.
Die Tür geht auf. Kalle kommt rein, greift reflexartig nach Kaffeetasse und Teller und setzt sich.
„Na, schon wieder nicht Papst geworden?“ lästert Jenny.
Kalle schnappt sich ein Brötchen aus dem Korb auf der Tischmitte und beginnt, es dick mit Butter zu bestreichen.
„Nee, waren wohl zu viele Sünden!“
Schwester Paula schaut ihn scheel von der Seite her an.
„Und soeben begehen Sie schon wieder eine!“
Kalle hält im Brötchenstreichen inne.
„Wie bitte?“
„Du sollst nicht stehlen!“
„Äh?“
Kalle klappt das Brötchen zusammen und beißt das erste Stück ab.
„Woher kommt dieses Brötchen?“ fragt Schwester Paula mit inquisitorischem Unterton.
„Aus der Küche!“
„Und wozu ist es da?“
„Hä?“
Kalle schaut etwas verwirrt in die Wäsche.
„Dieses Brötchen ist allein für den Verzehr durch unsere Patienten bestimmt!“ doziert Schwester Paula, „und wenn Sie das essen, Herr Doktor, dann begehen Sie Diebstahl!“
„Höchstens Mundraub!“ verbessert Kalle.
„Ist aber egal. Wenn jemand von der Direktion sieht, kassieren Sie im besten Fall eine Abmahnung. Oder sogar die fristlose Kündigung!“ fährt Schwester Paula ungerührt fort.
„Aber das machen doch alle!“ wirft Jenny ein.
Das ist richtig. Wenn unsere Patienten mit dem Frühtück fertig sind, legt uns eine von den Küchendamen eine große Tüte mit Brötchen auf den Tisch. Das war schon immer so. Dafür bekommt die Küchendame von uns Krankenhauskaffeeplörre bis zum abwinken und wird mit zur Weihnachtsfeier eingeladen. Die Brötchen sind übriggeblieben, wenn sie zurück in die Küche gehen, werden sie weggeworfen. Aus hygienischen Gründen. Und Krankenhausbrötchen dürfen auch nicht kostenlos an Obdachlose verteilt werden, weil… könnten ja fiese böse Bazillen dran sein. Hatten wir schon, diese Diskussion. Und weil wir nun einmal nicht so pingelig sind und an Krankenhausbrötchen nichts auszusetzen haben, essen wir die halt.
„Dürfen wir aber nicht!“ sagt Schwester Paula und öffnet die Tupperdose mit ihren mitgebrachten Vollkornbrotstullen.
Kalle kaut weiter und seufzt.
„Okay, ich habe gesündigt!“ sagt er, „Sechstes Gebot!“
„Achtes Gebot!“ verbessert Schwester Paula.
„Wieso?“
„Das sechste Gebot heißt: Du sollst nicht töten!“
Kalle spült den letzten Bissen mit einem Schluck Krankenhauskaffeeplörre runter und steht auf.
„Sagte ich doch!“

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Written by medizynicus

15. März 2013 um 10:16

11 Antworten

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  1. wir durften auch das Mineralwasser aus der Schwesternküche nicht als Studenten/Ärzte trinken – das stand dort nur für die Patienten und wer ne Flasche nahm, machte sich schuldig. Fürs Personal gabs nur Leitungswasser….
    Im Zivi haben wir aber auch immer die Reste der Patientenessen weggeputzt, da hats niemanden gestört gehabt – immer noch besser das Personal isst es, als wenn es in der Küche in den Müll geworfen wird, weil spät. dort niemand mehr weiß, welches Essen bereits beim Patienten stand und welches schon vorher aussortiert wurde (weil der Pat. z.B. nüchtern bleiben musste).

    Orthopaedix

    15. März 2013 at 10:23

  2. Lebensmittel sollten wirklich nicht weggeworfen werden. Dass es verschenkt wird, ist aus Sicht der Krankenkassen sicher ebenfalls nicht akzeptabel. Vielleicht können überzählige Portionen zu einem fairen Preis an das Personal abgegeben werden?

    Thomas

    15. März 2013 at 11:30

  3. Ich sag mal so, bei uns essen wir auch die übrig gebliebenen Brötchen. Werden sonst eh weg geworfen. Fände ich auch echt zu schade.

    schwesterle

    15. März 2013 at 11:51

  4. Zumindest bei mir im Haus ist es so, dass man sich als Mitarbeiter auch Essen aus der Küche auf Station bestellen kann. Und das ganze Patientenessen-essen wurde erst dann ein Problem, als Mahlzeiten nicht mehr vollständig bei Patienten auf dem Tisch ankamen, bis dahin war das ganze auch geduldet/ignoriert (wie es auch in vielen Bereichen weiterhin so ist, abhängig vom Bereichsleiter)

    minuq

    15. März 2013 at 12:06

  5. also von Unterschlagung haben die 10 Gebote aber nix gesagt, und was Kalle
    tut ist Unterschlagung, nicht Diebstahl.
    also straffrei.. *KLUGSCHEISSMODUS AUS* (-;
    Gruss Lankrauter

    Landkrauter

    15. März 2013 at 13:51

  6. Ich habe die Patientenessensverteilung eher als eine weitere Privilegie betrachtet (wie Thrombosespritzen, Verbandswechsel und Aufnahmegespräche), bei der man querulanten Pflegepraktikanten zeigen konnte, wo deren Platz ist, ganz ohne Mobbingverdacht- ist ja offiziell nicht erlaubt…

    Mademoiselle Butterfly

    17. März 2013 at 18:07

  7. Es heißt übrigens nicht, „du sollst nicht töten“, sondern es heißt: „Du sollst nicht morden!“
    Alter Übersetzungsfehler.

    docangel

    18. März 2013 at 12:44

  8. Ich finde es immer schlimm, wenn Essen weggeworfen wird. Und leider dürfen die Tafeln e.V., die Suppenküche o.ä. nichtverpacktes, schon am Patienten gewesenes Essen nicht annehmen.Daher finde ich das ganz und gar nicht schlimm, man isst es den Patienten ja nicht weg.Zumal die meisten Stationen sich bei uns beim Bäcker Brötchen kaufen und Aufschnitt mitbringen, da das Patientenessen nicht besonders lecker ist. 😉

    Avialle

    24. März 2013 at 14:10

  9. das sechste Gebot ist: du sollst nicht ehebrechen………. obwohl man von manchen Klinikessen durchaus brechen könnte……

    Micha I

    24. März 2013 at 21:00

  10. Docangel irrt – es heißt tatsächlich „du sollst nicht töten“. Und interessanterweise wird dasselbe Wort auch benützt, um eine Vergewaltigung zu beschreiben. Die waren ihrer Zeit um 2500 Jahre voraus, zumindest psychologisch.

    Micha hat recht – nach dem katholischen oder dem lutherischen Katechismus. Die Reformierten und die aus ihnen hervorgegangenen Freikirchen zählen anders, die haben das Bilderverbot als eigenes Gebot und darum alle folgenden eine Hausnummer später, um 9 und 10 „Haus begehren“ und „sonstiges begehren“ zusammenzufassen.

    Als ich zuletzt im Krankenhaus war – als Patient -, waren die Brötchen allerdings holländisch: van gestern. Und schmeckten ungefähr gleich wie der Speiseplan an der Wand, nur ohne die Würze des Toners.

    Wolfram

    14. April 2013 at 05:54

  11. Ich hoffe, die Brötchen lagen nicht schon auf den Tabletts von Patienten. Dann fände ich es wirklich problematisch.

    Ansonsten finde ich es durchaus sinnvoll, wenn nicht verteilte Brötchen auch gegessen werden.

    Blöd ist es für die Klinik nur dann, wenn die Bestellungen künftig so gemacht werden, damit auch was für das Personal „übrig bleibt“.

    LG vom Wannsee,

    Sebastian

    Sebastian

    16. April 2013 at 10:48


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