Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Juni 2013

…wäre ja auch zu schön gewesen…

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Elf Uhr vormittags an einem durchschnittlich hektischen Tag: Mit der Visite bin ich noch lange nicht durch, dafür warten ein Stockwerk tiefer drei Zugänge auf meine Anwesenheit und der Chef will auch noch was von mir und dann gibt es noch diverse Sonos und Belastungs-EKG’s und den üblichen Scheiß… meine To-Do-Liste wird jedenfalls minütlich länger.
Telefon klingelt.
Meine rechte Hand steckt gerade in einem Patienten, die Linke fummelt den Quälgeist aus der Kitteltasche ans Ohr.
„Ja?“
„Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Doktor, hätten Sie einen Moment Zeit?“
Sie erwarten doch wohl hoffentlich keine ehrliche Antwort?
„Wer stört?“
„Mein Name ist Samantha, ich rufe an vom Internationalen Weltvereinigung der Super-Ärzte-Koryphäen-Kracher…“
Hollywood?
Endlich der ersehnte Buch-Vertrag?
„Moment!“
Ich ziehe den Gummihandschuh ab und schmeiße ihn auf den Boden.
„Sie können den Mund wieder schließen… nein, nicht Sie, Samantha, was kann ich für Sie tun?“
Ich renne aus dem Patientenzimmer, über den Flur ins Wäschelager und schließe mich da ein, da kann mich niemand stören.
„Ich möchte Ihnen unsere Mitgliedschaft anbieten!“
Die Mitgliedschaft bei den Super-Duper-Krachern…?
„Ist gebongt!“
„Sie können an unseren Studien teilnehmen und bekommen dann jeweils zwischen zwanzig und zweihundert Euro, je nach Zeitaufwand…“
Schätzchen, Du machst mich glücklich!
„Gibt’s da irgendeinen Haken?“
„Sie müssen sich nur kostenlos auf unserer Webseite registrieren…“
Wird gemacht!
Und siehe da: es gibt gleich zwei Studien, zu denen ich eingeladen bin, und jedes Mal gibt’s vierzig Ocken dafür. Also nichts wie hingeklickt!
Und?
„Leider ist diese Studie bereits abgeschlossen!“
Wie bitte? Na ja, macht nichts!
Ich klicke auf die zweite Studie – es scheint sich ja eher um Umfragen zu handeln – und bekomme die gleiche Antwort.
Schon wieder Pech gehabt! Genau hingeschaut: Die Einladung stammt erfolgte um elf Uhr dreiundzwanzig und es sollten genau fünfundsiebzig Leute befragt werden… ich lerne: man muss also schnell sein, wenn man vierzig Euro verdienen will.
Eine halbe Stunde später dingelt es in meinem elektronischen Posteingang. Und diesmal reagiere ich sofort.
Immerhin: ein Eingabefenster öffnet sich… allgemeine Geschäftsbedingungen… geschenkt… weiter: „Sind Sie: Professor / Chefarzt / Oberarzt / Facharzt / Stationsarzt?“
Ich klicke wahrheitsgemäß auf „Stationsarzt“.
Das nächste Fenster ist ernüchternd: „Es tut uns leid, Sie erfüllen leider nicht unser Anforderungsprofil…“
Das nächste Mal bin ich schlauer.
Also auf „Oberarzt“ geklickt. Und Spezialist für Lebererkrankungen bin ich auch. Aber welches Bundesland maximiert wohl meine Teilnahmechancen? Und wie viele Patienten mit akuter Hepatitis C habe ich im letzten Monat behandelt? Wie viele davon mögen wohl einem gestandenen Spezialisten über den Weg laufen?
Offenbar mehr als ich mich anzuklicken traue. Schon wieder eine Niete gezogen.
Nach fünf weiteren Nieten schreibt Samantha mir eine Mail: Zum Trost bekomme ich fünfzig Punkte geschenkt.
Fünfzig Punkte?
Was kriege ich dafür?
Erwartungsvoll klicke ich mich auf die Punkteseite. Da gibt’s IPads, dicke Autos, Luxusurlaube und elektrische Zahnbürsten. Die elektrische Zahnbürste kostet dreihundertsiebzehn Dollar. Aber mit Punktesammeln kriegt man tollen Rabatt.
Und das geht so:
Für hundert Punkte kann man sich, wenn man noch fünfzig Euro drauflegt, den Bronze-Status erkaufen, dann kriegt man dreißig Prozent Rabatt. Silber kostet hundert Euro und dreihundert Punkte, und dann gibt’s selbstverständlich auch noch Gold und Platin. Bei Platin kostet die elektrische Zahnbürste dann nur noch die Hälfte, vorausgesetzt man hat vorher…
…sagt mal, für wie blöd haltet Ihr mich eigentlich?

Written by medizynicus

27. Juni 2013 at 23:54

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Hitzefrei

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Noch gar nicht lange ist es her, da hatten wir noch tiefster Winter, dann folgten ein paar Wochen vorgezogener November mit sintflutartigem…. Ihr wisst schon… ja, und jetzt… jetzt sind wir plötzlich mit einem Urlaubsflieger in den Sommer katapultiert worden, da, wo wir hin gehören um diese Jahreszeit… endlich…
Schwester Paula wischt sich den Schweiß aus der Stirn und trauert den kühleren Zeiten nach, ich aber hänge jetzt endlich für heute den weißen Kittel an den Nagel und dann nix wie hin zu Giovanni, wo es das beste Eis der Stadt gibt… und damit schon wieder eine Ausrede, einen weiteren Vorwand… also, es tut mir ja wirklich leid… eigentlich wollte ich ja…
Ach was, ich gehe jetzt trotzdem Eis essen!

Written by medizynicus

18. Juni 2013 at 19:22

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Es werde Sommer

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„Tür zu!“
Ganz verschüchtert zieht Kalle den Kopf ein und schließt dann vorsichtig die Arztzimmertür.
Ich schaue ihn an und bemühe mich um eine Art Lächeln.
„Sorry, war nicht böse gemeint!“
„Klang aber so.“
Ich lege das Diktiergerät aus der Hand, nippe an der Tasse kaltgewordener Krankenhauskaffeeplörre und starre aus dem Fenster.
„Du hast schlechte Laune!“ stellt Kalle fest.
„Wundert Dich das?“
Draußen pladdert der Regen. Pladdert auf den Hof vor der Notaufnahme, wo sich tiefe Pfützen gebildet haben. Pladdert gegen die Fensterscheiben und pladdert seit über vierundzwanzig Stunden vor sich hin.
„…ich dachte nur….“
„Da gibt’s nichts zu denken!“
Vor mir auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Patientenakten, die muss ich alle heute noch fertig machen, also Arztbriefe diktieren, Diagnosen kodieren und den üblichen Scheiß. Alles heute noch. Kostet mich mindestens noch zwei Stunden.
„Ich dachte, Du hast doch demnächst Urlaub…“
„Na und?“
„Ja, das ist doch was…“
„Wie meinen?“
„Na, freust Du Dich nicht auf Deinen Urlaub?“
„Warum sollte ich?“
Ich starre wieder aus dem Fenster. Eigentlich ist Mairegen, Juniregen und Sommerregen doch etwas Romantisches… Gemütliches… Freundliches… aber das hier, das ist kein lauwarmer Frühlingsregen, das ist ein seit vierundzwanzig Stunden anhaltender Dauerwolkenbruch, verspäteter Nachwinter oder vorgezogener Frühherbst. Zwar sind wir bislang noch von größeren Flutkatastrophen verschont geblieben, doch ist auch unser Pieselbach längst über die Ufer getreten und die Feuerwehr musste schon ausrücken um den einen oder anderen Keller wieder leerzupumpen. Und mein Vermieter weigert sich standhaft, die Heizung wieder einzuschalten trotz gerade mal sieben Grad Außentemperatur.
„Na, weil Urlaub nunmal etwas ist, auf das man sich freuen soll!“ sagt Kalle.
Es klopft an der Tür und einen Sekundenbruchteil später ist selbige auch schon aufgerissen und Frau Krachtowil steht im Zimmer.
„Schön, dass Sie noch da sind, Herr Doktor, ja, wissen Sie, meine Schwiegermutter hat ja schon seit gestern keinen Stuhlgang mehr und da wollte ich mal fragen….“
„Heute nicht mehr!“ sagt Kalle und knallt die Türe zu.
Wider Willen muss ich jetzt doch lächeln.
„Nach Neunzehn Uhr gibt’s keine Angehörigengespräche mehr!“ sagt Kalle.
Ich greife nach der nächsten Patientenakte, aber Kalle ist schneller und klappt sie zu.
„…und Du widmest Dich jetzt Deinen Urlaubsplänen!“ sagt er mit bestimmendem Ton.

Written by medizynicus

3. Juni 2013 at 00:20

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Leute, es geht weiter!

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…natürlich geht’s weiter.
Irgendwie schon.
So wie bisher? Weiß noch nicht. Eher nicht. Will nicht zuviel versprechen. Will eigentlich gar nichts versprechen.
Leider alles schon viel zu oft gesehen…

Things Change – prices go up, schedules change, good places go bad and bad places go bankrupt – nothing stays the same

Sounds familiar? Schon mal gehört, diesen Spruch? Klar, natürlich: er findet sich im Vorwort von jedem Lonely-Planet-Reiseführer. Und so wie mit Touristenattraktionen, Kneipen, Cafés und Restaurants, so ist es auch mit Blogs. Die einen gehen, die anderen kommen.
Es ist so etwas wie der natürliche Lebenszyklus eines Blogs: zunächst einmal geht es aufwärts, immer weiter aufwärts, die Anzahl der Beiträge steigt, ebenso die der Kommentare und der Backlinks…
Und dann irgendwann mal ist plötzlich Schicht im Schacht.
Weil irgendwas passiert ist im Leben des Bloggers, irgendwas, was nichts ins Blog gehört. Das muss nichts Schlechtes sein – es kann auch ein neuer Job, eine Beförderung, eine neue Beziehung, ein Buchprojekt, ein Kind oder eine Reise ans Ende der Welt sein. Jedenfalls hat sich irgendwas verändert und damit hat das Blog plötzlich seine Grundlage verloren: wer keine Bienen mehr züchtet, mag auch nicht mehr übers Bienenzüchten bloggen.
Oft besinnt man sich dann aber doch noch einmal, schreibt einen großen Entschuldigungsbeitrag, gelobt Besserung und bloggt dann noch einmal eine Weile weiter, das kann gut gehen oder auch nicht… schaun wir mal!
In diesem Sinne:
Irgendwas wird hier schon geschehen.
Stay tuned!

Written by medizynicus

2. Juni 2013 at 22:03

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs, Nachdenkereien

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