Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kein Intranet für Bad Dingenskirchen

with 9 comments

Meine Hände zittern.
Ich schwitze, und das liegt nicht an der hochsommerlichen Außentemperatur. Der Raum, in dem ich mich befinde, ist nämlich klimatisiert. Genau genommen handelt es sich vermutlich um den einzigen klimatisierten Raum in diesem Haus, auf jeden Fall aber um den einzigen Raum mit Teppichboden.
Ich befinde mich im Olymp. Genau genommen, im Vorhof dazu.
„Einen Moment noch, Herr Doktor!“ sagt die Sekretärin.
Sie bietet mir keinen Stuhl an.
Warum denn auch? Die Tatsache, dass ich hier sein darf ist schließlich Ehre genug. Der Herr Direktor gibt sich nur selten in die Niederungen des Alltags hinab und als normalsterblicher Angestellter sieht man ihn eigentlich nur im Vorstellungsgespräch. Oder bei der Kündigung.
Dass mein Chef es geschafft hat, mir einen Termin bei ihm zu besorgen, grenzt an ein Wunder.
„Der Herr Direktor lässt bitten…“
Na, dann wollen wir mal!
Noch einmal tief einatmen… den Kittel zuknöpfen… das Namensschild gerade richten…
Ein kurzer Händedruck; seine Heiligkeit blickt vom Schreibtisch auf.
„Was wollen Sie?“
Ich nehme meinen Mut zusammen.
„Also, das ist so, Herr Direktor…“
Ich räuspere mich.
„…also, ich bin ja beauftragt worden…“
„Wozu?“
„Ich soll in unserer Abteilung ein Intranet anlegen!“
„Was?“
„Also, ein Intranet, das ist…“
„Ich weiß, was das Internet ist. Da muss man aufpassen, auf Viren…“
„Nein, Herr Direktor, kein Internet, sondern ein Intranet. Also ein Netz nur für die Mitarbeiter unserer Abteilung!“
„Wozu braucht man das?“
„Um die interne Kommunikation einfacher zu machen. All die Aushänge an schwarzen Brettern, wichtige Informationen, die man immer wieder mal braucht, Fortbildungen, Artikel aus Fachzeitschriften, Nachschlagwerke über Medikamente oder hausinterne Leitlinien…“
„Das gibt’s doch alles schon!“
„Natürlich, in Form eines Sammelsuriums von Zetteln und Aktenordnern…“
„Was sol das kosten?“
„Gar nichts, Herr Direktor, das ist es ja! Die Server existieren ja bereits und man kann von jedem Rechner in der Abteilung darauf zugreifen!“
„Was wollen Sie dann von mir?“
„Ich müsste eine Software installieren. Ein CMS, ein Content Management System, auf deutsch sagt man auch Redaktionssystem, also da gibt es zum Beispiel eines, das ist komplett kostenlos, es nennt sich WordPress, das müsste man nur installieren….“
„Installieren?“
„…wie gesagt, völlig kostenneutral, es müsste nur von einem Mitarbeiter der EDV-Abteilung installiert werden, das dauert vielleicht eine halbe Stunde, und wenn Sie dann daran denken, wie viel Arbeitszeit eingespart werden kann…“
„Abgelehnt!“
„Wie bitte?“
„Abgelehnt. In meinem Haus wird nichts installiert!“
„Entschuldigung, Herr Direktor….“
„Wegen der Viren. Illegale Sachen. Datenschutz.“
„Aber…“
„Sie können jetzt gehen!“
„Entschuldigung?“
„Gehen Sie jetzt!“

Tja, das war’s dann wohl!

Written by medizynicus

10. Juli 2013 um 14:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. 1. Warum braucht man für sowas die Erlaubnis vom Oberobermotz?

    2. Das erinnert mich hieran: http://www.catb.org/jargon/html/S/suit.html

    Murifex

    10. Juli 2013 at 14:39

  2. Im Krankenkhaus muss man eben vorsichtig sein wegen der Viren…^^

    erzaehlmirnix

    10. Juli 2013 at 14:40

  3. 😀 Aber einen Versuch war`s wert!

    Jeb

    10. Juli 2013 at 14:48

  4. jeh mich bloß wech mit dis neumodsche zeuch. ich sach nur Neuland, nech.

    Bei uns gibt es einen Prof, der sich seine Mails von seiner Sekretärin ausdrucken lässt, handschriftlich eine Antwort draufschreibt und das Ganze dann wieder seiner Vorzimmerdame zwecks Versendung per Mail rausgibt.

    Antje aus M an der E

    10. Juli 2013 at 14:56

  5. Ach, man muss nur regelmäßig cART und ein paar monoklonale Antikörper zusammen mit ein paar Interferonen auf die betroffenen Computer werfen, und schon dümpeln die Virus-Infektionen im nicht mehr nachweisbaren Bereich. Nur auf der Intensiv muss man besondere Vorsicht walten lassen, hauptsächlich wegen der Würmer…😀

    gedankenknick

    11. Juli 2013 at 00:53

  6. Ach neee. Aber Du kannst Dir nicht vorwerfen, dass Du es nicht versucht hast.
    Vielleicht hilft stetiges Erwähnen: einfach jeden einbläuen, wie gut so ein Intranet wäre und dass sie das bei jeder Gelegenheit und jedem Chefkontakt wieder einfliessen lassen …

    Pharmama

    11. Juli 2013 at 15:21

  7. Der Mann hat zwar keine Ahnung … aber ganz unrecht hat er ja nicht. So ’ne sich selbst überlassene WordPress-Installation käme mir als Admin auch nicht in die Tüte😉

    Mal im Ernst: falls es doch noch was wird und du vielleicht sogar ein Budget bekommst: optimal für sowas ist Confluence von Atlassian — http://www.atlassian.com/de/software/confluence/

    Jan

    11. Juli 2013 at 21:35

  8. Je nachdem, was Du ablegen/zur Verfügung stellen willst, kommt vielleicht auch SharePoint in Frage. Eine Art Zusatz zu MS Office. Oder ein Wiki.

    Hesting

    12. Juli 2013 at 19:58

  9. So eine ähnliche Diskussion hatten wir auch schon. Sie scheiterte eine Stelle tiefer. So wie das meiste scheitert, was von unten kommt. Ein halbes Jahr später kreist es dann plötzlich nach irgendeinem Stichwort in der Presse in den Synapsen eines Mitglieds der oberen Etagen, wo du es vorher reingepflanzt hast ohne eine Reaktion zu ernten, und dann ist es revolutionär, sensationell, einzigartig, fortschrittlich…

    Wieder ein Beweis, das Fortschritt und Entwicklung in Krankenhäusern an Hierarchien scheitert.

    Assistenzarzt

    14. Juli 2013 at 22:21


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