Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Flash-Snob unterwegs: aus der Steppe zum Glamoursee

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Vor dem Containerhotelfenster ist es hell geworden.
Systemcheck: ich bin wach.
Status: ausgeschlafen und nicht mehr morgenmuffelmüde.
Fenster aufgerissen. Frische Luft. Dahinter eine langweilige Nicht-Landschaft. Felder. Gestrüpp. Wiesen. Immerhin sommerlich grün.
Ich klettere in meine Lady und gebe Gas.
Die Gegend ist flach wie ein leicht verzogenes Baumarktbrett, Rapsfelder, Wiesen, dreiflügelige Stromwindräder, ab und zu der eine oder andere Kirchturm.
Ab geht’s, eine Kurve und dann immer geradeaus. Links von mir ist Gestrüpp und irgendwo dahinter verbirgt sich eine Art Fluss.
Dahinter ist die Welt zu Ende.
Im nächsten Dorf gibt’s eine Fähre. Die führt hinüber nach Spelunkistan. Was will ich da?
Dann kommt ein Ort mit breitem, langgezogenen Hauptplatz, in der Mitte Grün, darauf Kastanienbäume. Links und rechts gelb getünchte und Stuckverzierte Häuser, links ein zünftiges Gasthaus, rechts ein Café. Der Besitzer ist soeben dabei, aufzusperren und stellt Tische und Sonnenschirme nach draußen.
Ich habe die Lady geparkt und ordere einen Kaffee. Der ist sogar ganz ordentlich.
„Waren Sie schon bei den Störchen?“ fragt der Wirt, als er mir die Tasse bringt.
Was hat es mit den Störchen auf sich?
„Ach, alle Fremden wollen doch die Störche sehen! Sonst gibt’s hier ja nichts…“
Danke für den Tipp… und wo…?
Der Wirt macht eine unbestimmte Handbewegung.
„Da drüben hinterm Schloss!“
Ich trinke aus.
Das Schloss ist ein ausladendes, niedriges gelbgetünchtes Gebäude mit einem parkartigen Hof davor, auch hier schattige Kastanienbäume, und dahinter ist ein Bach, der von einem Deich geschützt ist.
Jenseits des Baches ist Gebüsch und Gestrüpp. Darin klappert es. Einmal fliegt auch irgendwas auf… war das ein Storch?
Ich gehe am Bach entlang bis zu dessen Mündung in den größeren Fluss, und dessen anderes Ufer gehört schon zu Spelunkistan.
Damit habe ich ein Etappenziel erreicht: Ich habe dieses Land einmal der Länge nach durchmessen… bin so ziemlich die längste Strecke gefahren, die man in diesem Land fahren kann ohne zwischendurch eine Grenze zu überqueren.
Aber dieses Ende ist eher unspektakulär… reizlos… jetzt mache ich mich auf den Weg zum nächsten Ende!
Ich gehe zurück zum Auto, fahre weiter, parallel zur spelunkistanischen Grenze – hier und dort sieht man jenseits des Flusses in der Ferne die Häuser einer spelunkistanischen Hauptstadt hindurchblitzen, aber da will ich ja gar nicht hin, also biege ich ab, einmal rechts, einmal links, Landstraßen durch Raps- und Weinfelder… und dann gelange ich zum Steppensee.
Der Steppensee liegt inmitten einer weiten, leichtwelligen Ebene und die Straße führt ein wenig oberhalb an ihm vorbei. Der Steppensee verbirgt sich hinter einem kilometerweiten Schilfgürtel und einmal führt eine Stichstraße zu ihm hin – aber die endet prompt an einem kostenpflichtigen Schwimmbadparkplatz, das brauche ich jetzt nicht, drehe um und fahre durch den Schilfgürtel zurück.
Es ist heiß geworden.
Die Sonne brennt, die Alleebäume bieten ein wenig Schatten, in den Feldern knattert ein Traktor und irgendwo im Schilf liegt ein Boot.
Ich fahre weiter.
Ich will wieder zurück in die Berge.
Die Straße kurvt sich durch Dörfer und kleine Städtchen – eines davon trägt den stolzen Beinamen „am Gebirge“ und liegt doch mitten in einer der flachsten Ebenen, die dieses Land zu bieten hat.
Die Straße wird breiter, wird zur Schnellstraße, wird autobahnartig, und ich brause dahin, die Landschaft wird hügeliger, waldiger… und dann komme ich an einen Ort, dessen Name klingt nach Sommerfrische und Kaiserwetter, hier kann man Skifahren, hier fangen die Berge an!
Es gibt eine Panoramastraße, oben am Hang mit Blick über ein bewaldetes Tal und die Ebene aus der ich gerade gekommen bin, es gibt elegante Hotels an jener Panoramastraße und auf dem Parkplatz ist meine Lady in guter Gesellschaft… abgestellt… Knöpfchen gedrückt… Halt! Was ist das? Das Verdeck klemmt?
Am Armaturenbrett blinkt eine Warnleuchte und ein unangenehmes „Plins!“ fordert mich auf, unverzüglich eine Werkstatt aufzusuchen.
Ich erstarre. Mir läuft es siedend heiß den Rücken hinunter. Wenn das mal nicht…
Ich drücke den Knopf erneut, einmal auf, einmal zu… es plingt immer noch… nochmal auf, nochmal zu…
das plingen hört auf, mit gewohntem Surren schließt sich das Dach.
Mit wackeligen Knien steige ich aus, aber nach Sightseeing ist mir jetzt nicht mehr der Sinn, ich habe eh schon fast alles gesehen, also wieder eingestiegen und weiter.
Hinter der Paßhöhe bin ich tatsächlich wieder in den richtigen Bergen. Je weiter ich fahre, desto höher werden sie, dann hört die Autobahn auf, die Straße wird kurvig, idyllisch, romantisch und zieht sich Stunde um Stunde dahin.
Am frühen Abend erreiche ich den Glamoursee. Mein Hotel (Vier Sterne, fünfundvierzig Euro), liegt vielleicht fünfzehn Kilometer entfernt in einem Dorf, wo… eigentlich sonst nix los ist.
Ich checke ein und steige gleich wieder ins Auto und dann nix wie hin zum Glamoursee.
Und da tobt das Leben! Blauer Himmel, milde Sommerabendluft und endlich kann ich mit offenem Verdeck und cooler Sonnenbrille, die linke Hand locker aufs Fenster gelehnt ganz langsam die Uferpromenade entlangfahren und da schmeckt das Eis gleich doppelt so gut.

Written by medizynicus

3. August 2013 um 01:14

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn, Reise

5 Antworten

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  1. Okay, war dann wohl doch nicht Ungarn und die Wiener Neustadt. Muß ich dann mal morgen/später gucken. Der See dürfte wohl der Wörthersee sein, so blind getippt.

    2 Anmerkungen meinerseits:
    1. In diesem Text sehe ich nichts kursiv gedrucktes.
    2. Verlost du jetzt 1 Buch für den Rest bis zum Ende der Etappe? Das fände ich schade – nicht, weil ich denke, ich könnte verlieren. Vielmehr glaube ich,dass dann kein weiterer mehr mitmacht, da die bisherigen „Punkte“ ja nicht mehr einholbar sind. Oder sagen wir es mal so: Ich würde wohl zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr einsteigen, weil ich die Regeln so verstehen würde. Aber vielleicht stehe ich da gerade – um diese Uhrzeit sowieso – auf dem Schlauch. Ein paar klärende Worte wären sicher hilfreich (sofern du Internet hast😉 ).

    ednong

    3. August 2013 at 03:42

  2. Sind Sie durch die Ötschergräben nach Mariazell gefahren? Das ist ein berühmter Wallfahrtsort und Endstation der Mariazeller Bahn. Der Berg, den Sie gesehen haben, müsste der Ötscher (1893 m) sein und Sie könnten davor in den Ybbstaler Alpen übernachtet haben. Die Mariazeller Bahn endet in St. Pölten, wo Sie Pause gemacht und danach die Donau bei Krems überquert haben könnten. Wien haben Sie rechts liegen gelassen und sind ins Weinviertel abgebogen. Haben Sie im Containerhotel Mistelbach in Wilfersdorf geschlafen? Dann könnten Sie weiter über Angern (Fähre) nach Marchegg gefahren sein. Dort gibt es eine Storchenkolonie und ein Schloss. Auf Ihrem Weg zum Neusiedler See kann man Bratislava sehen. Vom Neusiedler See könnten Sie Richtung Semmering in Brunn am Gebirge vorbei gekommen sein. Das Skigebiet Zauberberg (Hirschenkogel) liegt am Semmering, genau wie das berühmte Hotel Panhans. Der Glamoursee müsste dann im Ausseerland – Salzkammergut liegen. Wahrscheinlich der glamouröseste davon, der Ausseer See …

    Frau K.

    3. August 2013 at 07:39

  3. Also….. Wenn Du die Störche in einem Ort mit den Initialen GM gesehen hast (oder auch nicht), sind mir die letzten 3 oder 4 Etappen Deiner Reise klar – Wenn dem so ist: Wie bist Du dorthin gekommen? Und vor allen Dingen: WANN?????

    Jeb

    3. August 2013 at 08:36

  4. OK: Fies fies fies! Bin mir ziemlich sicher, was Anfang und Ende der Reise angeht, bekomme aber die Mitte nicht hin. Na ja, dafür wieder ne Menge gelernt…. Kann jetzt mal bitte einer auflösen??????😉

    Jeb

    3. August 2013 at 19:10

  5. Oje ganz falsch geraten … Glamoursee = Wörthersee …
    Viel Spaß noch in Italien!

    Frau K.

    4. August 2013 at 04:13


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