Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Stairway to Heaven

with 7 comments

„Hallo?“
Am anderen Ende des Telefons gähnt es. Das ist nicht weiter verwunderlich, immerhin ist es gerade halb vier. Halb vier Uhr in der Nacht.
„Hallo, guten Morgen!“ sage ich betont fröhlich. Das ist eigentlich eine Lüge, denn zur Definition von Morgen gehört meiner Ansicht nach, dass ich zuvor geschlafen habe. Aber das kann man sich manchmal nicht aussuchen.
„Jaaaa…?“
„Spreche ich mit dem Diensthabenden Geistlichen?“
„Hmmmm..“
„Guten Morgen…“ – zwar bin ich längst lange genug im Geschäft, aber die Anrede will mir immer noch nicht leicht über die Zunge kommen. Sagt man heute noch „Hochwürden“? Ich zumindest weigere mich beharrlich.
„Guten Morgen, Herr Pfarrer. Wir haben einen Sterbefall!“
Schweigen.
„Hallo?“
„Ja?“
„Wir haben einen Sterbefall!“ wiederhole ich.
Erneutes Schweigen
„Einer von unseren Patienten ist verstorben!“
„Hab schon verstanden!“
Wieder Schweigen.
„Was wollen Sie von mir?“
Wie bitte?
Ich bin verwirrt. Na gut, Begeisterung erwarte ich nicht, das ging mir nicht anders, als ich vor einer knappen Stunde aus meinem Bettchen telefoniert wurde. Aber davon abgesehen…
„…also, ich dachte…. vielleicht die letzte Ölung…?“
„Letzte Ölung gibt es nicht mehr!“
„Aha?“
„Wir sprechen heute von der Krankensalbung. Damit meinen wir die letzte Wegzehrung für einen schwer kranken Menschen vor seiner letzten Reise. Wie ich aus Ihrer Rede entnehme, hat der Betreffende seine letzte Reise allerdings bereits vollendet…“
„Hmmm. Aber die Angehörigen…“
„…die Angehörigen benötigen in dieser schweren Stunde vor allem Trost und Beistand. Das kann jeder Christnmensch spenden, auch Sie, junger Mann. Also gehen Sie hin, stehen Sie ihnen bei, beten Sie gemeinsam!“
„Ja, aber…“
„…und sagen Sie ihnen, wenn sie einen Termin für die Beisetzung vereinbaren sollen, sollen sie nach der Frühmesse im Pfarramt vorbeikomen!“
Aber…
Er hat schon aufgelegt.

Written by medizynicus

12. September 2013 um 08:27

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

7 Antworten

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  1. „Also gehen Sie hin zu ihnen, stehen Sie ihnen bei“ ich hab mich schlapp gelacht😛 da hat sich der Herr Pfarrer aber gut aus der Affäre geredet😀

    seelensupergrau

    12. September 2013 at 15:55

  2. Beelzebub und seine Musikauswahl sind mir wesentlich sympathischer!

    Teuflische Grüße

    Frau K.

    12. September 2013 at 23:30

  3. Uffz wollte ich tippen, urgs macht das Smartphone daraus.
    Egal, passt beides.

    Hesting

    13. September 2013 at 00:06

  4. Der hatte wohl gerade was Besseres zu tun. Einen Termin mit dem Weihrauchfass vielleicht?

    Patty

    13. September 2013 at 08:00

  5. Und ich so: Alter…. HACKTS?

    Der Narkosearzt

    15. September 2013 at 21:04

  6. Bin zwar von der anderen Pfarrei (protestantisch), aber ein Geistlicher, der um Beistand gerufen wird und nicht kommt. Das geht nicht. Allerdings bei einem hat er Recht. Es heißt nicht mehr letzte Ölung, aber wenn ich recht informiert bin (wie gesagt, andere Pfarrei, bei uns ist das nochmal ganz anders) ist es das gleiche unter anderem Namen. Und demnach wär das wohl auch früher bei Toten nicht mehr gegangen. Weiß ich jetzt aber nicht.
    Ich hätt wahrscheinlich den Angehörigen die Nummer vom Pfarrer gegeben, dann kann er ihnen die rituellen Details genau erklären und sie können ihn selbst um Beistand bitten.

    De Benny

    15. September 2013 at 22:14

  7. Den Tag, an dem mich ein Krankenhausarzt für einen Verstorbenen anruft, werde ich rot im Kalender anstreichen – das tun die nämlich nicht, wegen Laizität und so. Eine Krankenschwester hat mich allerdings schon mal ans Sterbebett (nicht ans Totenbett) gerufen; die war aber auch evangelisch und hat’s von ihrem Handy aus getan.

    Ist ja auch Sache der Hinterbliebenen; Ärzte haben sich um Lebende zu kümmern. Geistliche übrigens auch…

    Unsere rechtlichen und kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen sind auch noch geringfügig anders als bei euch, und deshalb durfte der gute Mann vielleicht gar nicht so einfach…
    amüsant finde ich aber seine Prämisse, wonach sein Gesprächspartner unbedingt ein „Christenmensch“ sein sollte – davon gehe ich erst mal überhaupt nicht aus, wenn ich mit Unbekannten rede.

    Wenn mich aber ein Anruf erreicht, ich würde im Krankenhaus gebraucht, dann bin ich auch schnellstmöglich da. Weil ich nämlich zu den Lebenden und nicht zu den Toten gesandt bin…

    Wolfram

    8. Januar 2014 at 18:29


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