Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Puppe quetschen

with 19 comments

Letztens war es mal wieder so weit: Reanimationstraining.
Wir sind nämlich ein modernes Krankenhaus.
Wir sind gut.
Und dafür, dass wir gut sind, haben wir letztens einen Stempel bekommen… und damit wir auch weiter gut bleiben, muss jetzt jeder von uns einmal im Jahr antreten.
Der jährliche Drill gehört halt einfach dazu und ich will mich auch gar nicht beklagen, schließlich gibt es Schlimmeres und ab und zu lernt man ja auch wirklich noch etwas dazu.
Ich trage mich also brav in die Liste ein und setze mich mit Ipad in die letzte Reihe.
Eine Powerpointfolie nach der Anderen zieht an mir vorbei.
Vorne auf der Matte liegt Klein-Anne, die ehemalige Wasserleiche, die wohl meistgeküsste Frau der Welt und wartet auf ihren Einsatz…
Äh, ich glaube, das muss ich jetzt erklären:
Die Reanimation – also die Herz-Lungen-Wiederbelebung – bekommt man ja nicht nur theoretisch erklärt, sondern das ganze soll man ja üben. Und dafür gibt es ein Modell, eine Puppe, kennt ja fast jeder vom Führerschein oder Erste-Hilfe-Kurs.
Diese Puppe ist meist weiblich und trägt den Namen Anne. Ihr Gesicht ist dem Gesicht einer Wasserleichte nachgebildet, einer zugegebenermaßen sehr hübschen jungen Frau, die vor etwa hundert Jahren in Paris aus der Seine gezogen wurde… und zur Reanimation gehört bekanntlich der „Kiss of Life“, die Mund-zu-Mund-Beatmung…
Aber… Momentmal… halt… was erfahre ich da?
„Das wird gar nicht mehr gelehrt?“
Der freundliche Anästhesie-Pfleger vorne nickt.
„Richtig. Die Mund-zu-Mund-Beatmung wird zumindest im Krankenhaus nicht mehr empfohlen. Was man tut, wenn man zufällig draußen in eine Unfallsituation gerät, ist jedem selbst überlassen!“
Zugegeben, ich fand die Sache schon immer eklig.
Leider sind ja nicht alle Frischverstorbenen so jung und hübsch wie die kleine Anne.
Und ehrlich gesagt, bin ich ziemlich froh, dass ich bislang noch nie in die Situation kam… und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, ob ich….
…also, was würdet Ihr tun?
Also: Verkehrsunfall… und das Opfer sieht nicht gerade lecker aus..?

p.s.: …gerade läuft übrigens die Aktion 100 pro Reanimation – Dank an den Narkosearzt für den Tipp.

Written by medizynicus

17. September 2013 um 18:32

19 Antworten

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  1. Gute Frage. Ich würde mir was suchen, was ich zwischen mir und dem „unleckeren“ legen kann. Man kann ja einerseits keinen sterben lassen, aber manches ist echt jenseits der Ekelgrenze, ich weiß nicht, ob ich die ohne zu kotzen überwinden könnte, wahrscheinlich nicht, zumal es wohl eher ein Fremder sein wird zu dem man keine emotionale Bindung hat.

    Aber sterben lassen is auch doof – sich immer fragen müssen: Hätte ich nicht doch…? Und wäre er/sie dann vielleicht…?

    Ich glaube, JETZT ist die Zeit, mein Erste-Hilfe-Täschi im Rucksack mal um eine kleine Beatmungsmaske aufzustocken.

    Damit würds gehen.

    Tante Jay

    17. September 2013 at 18:51

  2. als wenn es medizinisch nicht notwendig ist, wieso soll man es dann trotzdem machen?
    Der Landkrauter ist hiermit verwirrt..
    Gruss Landkrauter

    landkrauter

    17. September 2013 at 19:02

  3. Öhh, ich dachte man würde ohnehin Mund-zu-NASE Beatmung machen?! Damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Luft in die Lunge statt in den Magen gelangt reduziert wird?! Jedenfalls hab ich das damals in meiner Sanitätsausbildung so gelernt…
    Manche Leute haben im Verbandskasten so einen Mundaufsatz den man beim erhöhten Ekelfaktor benutzen kann – oder tragen den so bei sich. Und im Krankenhaus dachte ich, hätte man so Beatmungsmasken?!
    Ohne Aufsatz/Maske käme es bei mir auf den Einzelfall an. Wobei ich mich in einer Situation wie dieser noch nicht kennengelernt habe. Vielleicht lege ich in diesem doch recht ernsten Fall auch mein Ekel-Gefühl beiseite, denke nicht weiter drüber nach und mach einfach… Da liegt schließlich ein Mensch für den es um alles geht.

    wupperwasser

    17. September 2013 at 19:03

  4. Öhh, also Lunge und Magen andersrum, woll?! Luft nicht in Magen sondern in die Lunge. So rum.😉

    wupperwasser

    17. September 2013 at 19:05

  5. Oh, ich finde ja schon, dass auch Superhelden sich ekeln dürfen😉

    Bei meinem letzten 1.Hilfe-Kurs gab es so Einweg-Schutzmasken für Mund zu Mund oder Mund zu Nase – Beatmung als Schlüsselanhänger für 4 oder 5 Euro. Fand ich relativ teuer, aber mei, wenns doch Leben rettet OHNE Ekel :)) Fände ich ja toll, wenn es das in jedem 1.HIlfekasten fürs Auto gäbe..

    Wobei ich auch denke, dass man in einer Situation, in der man begreift, dass ein Mensch im Begriff ist zu sterben und man als einzige/r die „Verantwortung“ trägt, gibt das schön viel Stresshormon, das einen funktionieren lässt und „Dinge“ ausblenden.. ich weiss es nicht.
    Die Ekelgrenzen sind ja auch sehr verschieden..

    Muckeltiger

    17. September 2013 at 19:51

  6. Ich hab ein Beatmungstuch am Schlüsselbund und damit entweder immer in der Tasche oder griffbereit. Den Verbandkasten im Auto (bzw. das Pack für längere Fahrrad- oder Geocaching-Touren habe ich um eine Einmal-Maske ergänzt…
    Und wenn alle Stricke reißen, kann man ja immer noch über die Nase beatmen. Am Ende macht man sich doch eigentlich sowieso keine Gedanken darüber, sondern handelt einfach.

    Nobelix

    17. September 2013 at 21:47

  7. ich hab immer ein faceshield und untersuchungshandschuhe (in einem ü-ei, hab ich bei meinem letzten erste hilfe kurs gelernt und geschenkt bekommen :D) dabei, just in case. wenn einer bewusstlos ist und ich ihn nicht wieder beleben muss, heisst das ja noch nicht, dass ich alles an ihm gerne mit blossen haenden anfassen moechte. stichwort sphinkter, die nicht mehr funktionieren und so.

    Ich

    18. September 2013 at 11:39

  8. Das Mund zu Mund Beatmung nicht mehr „notwendig“ ist, ist ja mittlerweile schon ein etwas älterer Hut.

    Ansonsten wurde immer gelehrt, dass man nicht beatmen muss (rechtlich), so man die Person nicht kennt bzw. sich davor ekelt bzw. man Angst vor welcher Krankheit auch immer hat – sozusagen Selbstschutz geht vor.

    Ein Beatmungstuch am Schlüsselbund trage ich immer bei mir.

    Menschenhandwerkerin

    18. September 2013 at 16:45

  9. Hallo Medizynikus,
    das mit der Wasserleiche war mir neu! Spannend. Vor allem wenn man da mal ein wenig die Hintergründe recherchiert. Der Mann heißt übrigens Andy.
    Ich habe (vor den 2010er Leitlinien) mal draußen auf dem Heimweg von der Arbeit vorm Schlecker eine ältere Dame umfallen sehen. Ich habe dann gemeinsam mit zwei Frauen mittleren Alters reanimiert, bis der RTW kam und da wir zu dritt waren habe ich auch Mund-zu-Nase beatmet (Mund zuhalten, Esmarchhandgriff, pusten). In dem Moment selbst war mir das egal, als ich zuhause war habe ich aber dann doch eine ausgiebige Mundspülung vorgenommen😉
    Seitdem habe ich so ein Schlüsselbund-Beatmungstuch dabei und wie Murphy’s law es so will ist seitdem nie mehr was passiert.

    Der Narkosearzt

    18. September 2013 at 17:22

  10. Ich bin auch mal auf dem Nachhauseweg in die Situation gekommen, als Ersthelfer einen recht jungen Mann zu reanimieren. In dem Moment war mir der Ekelfaktor beim Mund-zu-Mund-Beatmung egal. Als die Rettungskräfte übernommen hatten und mein Katecholaminspiegel etwas im Sinken war wollte ich aber erstmal nur nach Hause, Zähne putzen, Mund desinfizieren. Immerhin hat der Typ wohl wenigstens überlebt und ist geistig wieder voll auf der Höhe, also war es das Ekeln wert (werde mir dennoch unbedingt so nen Beamtungstuch für den Schlüsselbund besorgen! ;))

    Rhaenys

    18. September 2013 at 19:38

  11. Mund zu Nase, habe ich vor 10 Jahren (oh Gott ist das schon lange her) beim Erste Hilfe Kurs gelernt. Und bei Pharmama habe ich gelernt, dass es da so Tücher gibt, die man zwischenlegen kann.
    Ich hab damals beim Kurs allerdings nur mit Ach und Krach geschafft, der Puppe in die Lunge zu pusten, das meiste ging in den Bauch. Daher bete ich für eventuelle Verletzte, dass sie noch selber atmen können oder jemand helfen kann, der das besser beherrscht als ich.

    Blogolade

    18. September 2013 at 20:23

  12. Bei meinem letzten Erste Hilfe-Kurs (im Rahmen der Ersthelferausbildung), wurde uns auch gesagt, dass man das nicht mehr unbedingt machen muss, weil in den ersten paar Minuten nur die Herzmassage wichtig wäre. (oder irgendwie so) Beim Puppentraining durften wir uns auch entscheiden, ob lieber Mund/Mund oder Mund/Nase. Ich fand Mund/Nase besser und bin damit auch gut zurecht gekommen. Ob ich im Ernstfall jemand den ich nicht kenne, und den ich als eklig empfinde, helfen würde? Ich denke schon, hab immer so ein kleines Täschen mit Beatmungstuch und Handschuhen dabei.

    Maggy

    18. September 2013 at 21:44

  13. Ich denk schon, daß ich mich überwinden könnte, aber ich hatte im Erste Hilfe Kurs anno 1998 auch Mund-zu-Nase gelernt, ist vielleicht nicht ganz so eklig. Ich bevorzuge allerdings, gar nicht erst in die Situation zu kommen. Und die Frequenz, wie oft pumpen, wie oft blasen weiß ich auch nicht mehr ganz, ich glaub 15 Pumpen, 3 Blasen oder so?

    De Benny

    19. September 2013 at 10:35

  14. Als Trainer für Erste-Hilfe Kurse, umreiße ich kurz, die Lehrmeinung „meiner“ Organisation für Laien:
    Idealerweise ist natürlich eine Reanimation nach ERC Guidelines, also je 30 Herzudruckmassagen und anschließend 2 BeatmungsVERSUCHE. Da ein großer Teil der Reanimationen im eigenen Verwandten- oder Bekanntenkreis stattfindet, ist der Ekelfaktor meist kein allzu großes Thema.
    Bei einem Wildfremden Menschen (oder falls potentiell infektiöse Krankheiten bekannt sind) sollte aus Gründen des Selbstschutzes ein Beatmungstuch oder eine Beatmungsmaske verwendet werden. Gibts, zumindest bei uns, in fast jeder Apotheke für wenig Geld (ca 5€) als Schlüsselanhänger zu kaufen.
    Hat man trotzdem keines dabei, oder scheitert mehrmals mit seinen Beatmungsversuchen, beschränkt man sich auf Hands-only CPR. Taschentücher, T-Shirts und ähnliches bieten KEINEN Schutz vor Infektionen und erschweren zusätzlich die Beatmungsversuche.

    Das schlechteste ist immer, nichts zu tun. Also lieber etwas zu schnell oder zu langsam (ideal ist eine Geschwindigkeit von 100 Herzdruckmassagen die Minute), oder auch in einem anderen Verhältnis als 30:2 drücken, bevor gar nichts geschieht.

    Mund-zu-Nase lehren wir nicht, um die Ersthelfer nicht zu überfordern oder zu verwirren. Immerhin lernen sie doch in ziemlich kurzer Zeit (16 bzw 6 Stunden) eine Menge neues, deshalb beschränken wir uns auf möglichst einfache und unkomplizierte Maßnahmen.

    In einem modernen Krankenhaus ist allerdings – hoffentlich – auf jeder Station ein Notfall-Wagen, der einen Ambu-Beutel und Güdeltuben enthält, vorhanden, sodass man nicht auf Mund-zu-Mund zurückgreifen muss. Ebenso sollte das Herzalarmteam nicht allzu lange brauchen, so dass, in der Regel, nur eine kurze Zeit bis zum Eintreffen der wirklichen Profis überbrückt werden muss.

    cbrotu

    21. September 2013 at 14:11

  15. Hm. Mein letzter Erste Hilfe-Kurs ist zwei Wochen her. Mund-zu-Nase hab ich nur einmal gelernt: vor 17 Jahren beim Führerscheinkurs, der damals noch der zweitägige war. Ich würde das heute aus Unsicherheit nicht anwenden, weil ich denke, der Mund nimmt mehr Luft auf.
    Geübt wurde im letzten Kurs übrigens an einer Puppe mit männlichem Antlitz, die eine „Erfolgsanzeige“ fürs Drücken (richtige Tiefe, richtige Stelle) und fürs Beatmen (richtige Menge) hatte, geblasen wurde in eine Frischhaltefolie …

    Hesting

    22. September 2013 at 17:28

  16. Der Urlaub ist lange her, der Job hat den Medizynicus fest im Griff und so bleibt keine Zeit mehr zum Bloggen… Oder raubt die Herbstdepri die Motivation dafür?

    Antje

    9. Oktober 2013 at 17:08

  17. Jemand sollte Medizynicus wiederbeleben🙂

    Frau K.

    13. Oktober 2013 at 14:21

  18. Ich habe bei mir im Arbeitszimmer immer noch einen Beatmungsbeutel liegen. Ich sollte mir dafür endlich die Erwachsenenmaske zulegen und ihn ins Auto unter den Vordersitz zum Erste-Hilfe-Täschchen packen.

    Marquel

    22. Oktober 2013 at 22:38

  19. Ganz einfach lieber Medidingens, es gibt in Apotheken und den verschiedenen Hilfsorganisationen wie DRK und Malteser und so weiter, teile die man über das Gesicht des Wiederzubelebenden ziehen kann. Leider finde ich gerade kein Bild, weil ich auch gerade nicht weiß wie die Teile genau heißen und Google bei so allgemeinen Sachen immer das falsche Teil zeigt, nicht finden kann. Die Dinger gibt es in kleinen Beuteln in der Größe eines Schlüsselanhängers, ich hab so ein Teil, nein besser hatte so ein Teil, am Schlüsselbund und das funktioniert, hab es beim EH Kurs ausprobiert. Jetzt ist das Teil kaputt und ich sollte mir mal ein neues besorgen, wenn mir der Name wieder einfällt.😀

    A.F.

    14. Januar 2014 at 17:17


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