Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Stimmen im Kopf, ein Mensch stirbt…. und die Ärztin ist schuld

with 13 comments

Ein Moment der Unaufmerksamkeit…
…und schon ist ein Mensch tot und eine Ärztin steht mit einem Bein im Knast beziehungsweise ist so gerade mal noch mit einer Geldstrafe davon gekommen.
Was ist passiert?
Es ist der frühe Morgen nach dem Nachtdienst in einer psychiatrischen Klinik.
Die Diensthabende Ärztin wird von der Pflegekraft angerufen.
Der Patient M. möchte die Klinik verlassen. Er ist ruhig, er lächelt. Er möchte zu seiner Mutter fahren um Geld und Kleidung zu holen.
Ob es einen Unterbringungsbeschluss – also eine Zwangseinweisung – gebe, fragt die Ärztin.
Die Pflegekraft verneint. Der Patient sei freiwillig hier.
Dann darf er auch wieder gehen, sagt die Ärztin.
Der Patient geht.
Er verlässt die Klinik, fährt zu seiner Mutter und bringt sie um.
Wer ist schuld?
Die Ärztin, sagen die Richter.
Der Patient habe am Vortag mehrfach – gut dokumentiert – vor verschiedenen Zeugen davon gesprochen, Stimmen zu hören, die ihm die Tötung seiner Mutter befahlen. Aber wusste die Ärztin davon?
Es ist zu vermuten, dass sie es wusste oder zumindest hätte wissen müssen.
Wer einmal in einer psychiatrischen Klinik – oder auch in einer beliebigen Notaufnahme – gearbeitet hat, weiß, dass es da ziemlich viele Menschen gibt, die wüste Geschichten erzählen, und man weiß auch, dass es gar nicht so einfach ist, einen richterlichen Unterbringungsbeschluss durchzusetzen….
Also, wenn ein Patient, der am Abend zuvor noch von Todesengeln schwadroniert hat, jetzt ganz ruhig dasteht…
„Wie ich es mache, mache ich es falsch.“ sagte die Ärztin in ihrem Schlusswort.
Da ist was dran.

Written by medizynicus

11. Dezember 2013 um 00:32

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

13 Antworten

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  1. Sorry mal, aber ich verstehe das Problem hier nicht?
    Der Ärztin tut es sicher leid und alles, aber… klar ist die mitschuldig!
    Angenommen, ich würde hier rumrennen und allen erzählen, ich würde jemanden umbringen wollen: Irgendwer ruft (hoffentlich) die Polizei und die steckt mich (da ich psychisch gesund bin) erstmal in U-Haft oder so.
    Da erzähle ich wieder allen, ich wolle eine Person umbringen…
    Und mitten in der Nacht – nach einem wohltuenden Schläfchen – überlege ich es mir scheinbar anders, bin lieb, nett und freundlich und sage, ich würde jetzt gerne mal shoppen gehen und… der diensthabende Beamte sagt: „OK, kein Problem, ich schließ dann mal die Zelle auf! Wünsche einen schönen Tag, soll ich Ihnen vielleicht auch noch ein Taxi rufen?“
    Hallo?????

    Jeb

    11. Dezember 2013 at 08:56

  2. Hat dies auf Psychiatrie to go rebloggt und kommentierte:
    Danke Medizynicus, für diesen interessanten link und den post.

    Ich selbst denke, dass das Urteil richtig ist. Es ist milde, und das ist angemessen, da die Ärztin ohne böse Absicht gehandelt hat.
    Aber es macht auch deutlich, dass sie in dieser Situation nicht die erforderliche Sorgfalt hat walten lassen. Alleine zu fragen, ob ein Patient freiwillig in Behandlung ist, reicht für die Entscheidung, ob er wieder gehen darf, eben gerade nicht aus. Sie hätte sich ein genaueres Bild machen müssen. Daher war es aus meiner Sicht richtig, sie zu verurteilen.
    Die Konsequenz aus diesem Urteil für uns Psychiater darf nun aber nicht sein, dass wir restriktiver mit Freiheitsentziehungen umgehen. Die Konsequenz kann nur sein, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst machen und entsprechend sorgfältig handeln.
    Nicht mehr und nicht weniger.

    psychiatrietogo

    11. Dezember 2013 at 08:59

  3. @Jeb: Eine komische Sichtweise der Dinge. Wenn du rumrennst und jedem erzählst, du willst Jemanden umbringen wird man dich erst Mal als Spinner abtun. Wenn du „geistig gesund“ bist (bzw. ein Arzt dies so entscheidet) wird dir erstmal nichts passieren. Im schlimmsten Fall wird dich die Polizei in Schutzhaft nehmen, muss dich dann aber je nach Bundesland nach 24 oder 48 Stunden wieder freilassen. Alles Andere wäre ein Übergang zum Gesinnungsstrafrecht, damit haben die Deutschen ja schon ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht.

    Ich frage mich eher, welche Auswirkungen dieses Urteil mit sich bringt. Wenn die Hürden, einen freiwilligen Patienten zu entlassen höher gelegt werden bedeutet das erst einmal, dass das Argument „du gehst ja freiwillig hin, wenn es dir nicht gefällt / passt kannst du jederzeit wieder gehen“ nicht mehr zutrifft und das eventuell einen Patient davon abhält, überhaupt ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn der Patient das genauso gesehen hätte, wäre seine Mutter jetzt wohl genauso tot, wohingegen bei einer Behandlung immer noch die Möglichkeit besteht, ihm zu helfen und die Tat zu verhindern.
    Generell scheint mir das Urteil die Sicht der Psychatrie als Ersatzgefängnis und Sicherheitsverwahrung zu bestärken. Eine Sichtweise, die ich zumindest teilweise sehr bedenklich finde, da viele der Patienten als irre Verbrecher abgetan werden, was sie sicherlich nicht sind.

    Jens

    11. Dezember 2013 at 09:27

  4. @Jens
    Ja, hm, verstehe, was Du meinst. Und wie in einem solchen Falle das Prozedere ist, weiß ich ja auch gar nicht. Ich denke bzw. hoffe nur, dass es nicht ganz so „einfach“ ist… Denn dann kann es so enden, wie leider schon so oft etwa bei Amokläufen: Die „Tat“ wird vorher groß angekündigt, keiner nimmt es ernst und hinterher heißt es nur von überall: „Warum habt Ihr nichts getan, der hat das doch angekündigt, die Tat hätte doch verhindert werden können…?“

    Jeb

    11. Dezember 2013 at 11:26

  5. […] hat dieser Beitrag von medizynicus und auch die Antwort von psychiatrietogo ziemlich beschäftigt. Ich weiß […]

  6. Ich sehe es so, wie Jens: jemand, der sich freiwiliig zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik begibt, sollte nicht einfach so „zwischen Tür und Angel“ festgesetzt werden dürfen – sonst wird er oder sie es sich tatsächlich zweimal überlegen, von selber Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ausserdem: wieviele Leute haben in Zorn bereits einmal Sprüche wie, „den bringe ich um“, „die kann etwas erleben“, etc. von sich gelassen. Sollte man die dann alle sicherheitshalber mal festsetzen? Das darf ja wohl nicht die Lösung sein.
    Ich persönlich würde den „Fehler“ bei diesem Vorfall nicht ausschliesslich bei der Ärztin, sondern bei der Klinik an sich suchen. Denn wenn sich im Vorfeld abgezeichnet hat, dass der Klient in einem psychotischen Schub fremdgefährdend sein könnte, wäre nicht bereits da eine adäquate Reaktion angezeigt gewesen? Ja, die Ärztin hätte auf jeden Fall einen Blick in die Akten werfen sollen. Vielleicht hätte sie dann eine andere Entscheidung getroffen (muss ja nicht gleich Zwangseinweisung sein). Nur, hätte nicht auch die Pflegekraft die Ärztin auf die dokumentierten Vorfälle hinweisen können? Auch als Pflegekraft darf man den Kopf einschalten und seine Meinung vertreten. Und genau hier liegt in meinen Augen viel Fehlerpotenzial in den Kliniken: in der unzureichenden Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Stellen. Denn die Zeit, bei jedem (Vor)Fall die entsprechenden Akten zu studieren, bleibt in der heutigen Zeit anscheinend manchmal nicht.

    fiirvogu

    11. Dezember 2013 at 12:11

  7. Jemand der sich freiwillig in eine psychiatrische Klinik begibt sollte nicht einfach so festgesetzt werden dürfen (kann er ja auch nicht), er sollte aber auch nicht einfach so wieder gehen können. In anderen Bereichen ist das doch auch nicht anders!!
    Beispielsweise bin beim Zahnarzt einmal umgekippt -> Ich durfte nicht einfach so gehen als ich mein Bewusstsein wieder hatte mit dem Argument ich wäre ja freiwillig hier, nein mir wurde erst nochmal, Blutdruck, Puls… kontrolliert und sich vergewissert dass ich ohne Gefahr für mich gehen kann.

    absolutnormal

    11. Dezember 2013 at 13:46

  8. wie du es machst, machst du es falsch.. in diesem Fall kann ich dem nur zustimmen. Das tut mir wirklich leid für diese Ärztin. Die meisten hätten wahrscheinlich so gehandelt.

    Spam

    11. Dezember 2013 at 14:18

  9. Hier wird immer von Freiwilligkeit gesprochen – ist das jetzt eine Grundsatzdiskussion?
    Der Typ aus dem Artikel jedenfalls wurde von der Polizei eingeliefert und war zunächst sicher nicht freiwillig da…
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/schuldspruch-gegen-aerztin-aus-geesthacht-a-938296.html
    Außerdem sollte auch mal kurz festgehalten werden, dass es sich bei dem Krankenhaus immerhin um eine Psychiatrie handelte, in dem ein Störungsbild, wie das des Patienten, hätten bekannt sein müssen… Die gute Frau hat einfach einen Fehler gemacht, der schlimme Konsequenzen hatte. Ich finde den Schuldspruch auch richtig.
    Und generell denke ich auch, dass man Menschen, von denen eine potentielle Fremdgefährdung ausgeht, nicht einfach so aus der Psychiatrie lassen sollte, ohne vorher *gründlich* nachgeschaut zu haben, was dahinter steckt. Freiwilligkeit hin oder her.

    wupperwasser

    11. Dezember 2013 at 21:38

  10. Deprimierende Geschichte!
    Aber, ich finde das die Ärztin in dem Fall keine schuld trifft:
    Der Patient hat sich freiwillig einliefern lassen, also gibt es wohl keinen Grund ihn
    gegen seinen Willen fedst zu halten. Anders währe es bei einer Zwangseinweisung , dort hätte die Ärztin wahrscheinlich genauer aufgepasst.

    MR. ZET

    11. Dezember 2013 at 22:16

  11. Ich finde das Urteil verständlich. Ob es zu 100% richtig und fair ist, möchte ich nicht unbedingt behaupten, zb hätte man evtl eine niedrigere Strafe verhängen können, die dann keine Vorstrafe nach sich zieht.

    Aber vom Grundsatz her wird im Urteil gesagt wird, dass eine Sorgfaltspflicht verletzt wurde. Und das sehe ich hier schon. Es hätte ja auch so ausgehen können, dass die Ärztin kurz die wichtigsten Symptome abfragt und der Patient sich dann doch so weit unter Kontrolle hat, dass er „die richtigen Sachen“ sagt und gehen darf. Dann wäre die Ärztin unschuldig, der Mord aber leider trotzdem geschehen. Es geht bei dem Urteil ja nicht darum, dass die Ärztin einen Mord hätte verhindern können, nur dass sie mit ein paar einfachen Fragen, die sich mit ihrer Berufserfahrung und ihrem angestrebten Facharzt geradezu aufdrängen, die Wahrscheinlichkeit für den Mord deutlich hätte reduzieren können.

    Medizinstudent

    12. Dezember 2013 at 10:42

  12. Nicht jeder, der von der Polizei in der Psychiatrie abgeliefert wird, ist unfreiwillig dort. Die Polizei wird oft gerufen, wenn sich jemand „auffällig“ verhält und man mit der Person nicht wirklich reden kann, ohne dass diese Person aber etwas rechtswidriges oder schlimmes tut.

    Das Stichwort lautet „Fremdgefährdung“ und man muss hier den Fall Mollath als Gegenbeispiel nehmen, wie es auch (anders) schief laufen kann.

    Oft weiß man auch nichts von der bisherigen Krankheitsgeschichte, wenn der Patient vorher nicht in der selben Klinik behandelt wurde.

    Das Problem liegt aber im System: Die Ärztin hat (vorhersehbar) menschlich gehandelt. Leider werden diese Fälle trotzdem auf persönliches Versagen zurückgeführt, fundamentaler Attributionsfehler eben… Darauf ist auch unser Rechtssystem ausgerichtet. Es bräuchte klare Richtlinien, wie Ärzte in solchen Situationen reagieren sollen. Die gibt es nicht, nur ein paar Ratschläge, die je nach Einrichtung unterschiedlich sind, wenn sie überhaupt vorhanden sind.

    Erfahrung ist eben nicht alles, selbst die Mutter ist auf ihren Sohn „hereingefallen“, obwohl sie laut Berichterstattung von seinem Zustand wusste.

    Die Schwester hätte ruhig auch ihr Wissen um den Zustand des Patienten an die Ärztin weiter geben dürfen – aber Schwestern/Pfleger gelten zu oft noch als „Handlanger“ und sehen sich selbst leider auch oft so. Aber das ist müßig…

    Kern ist, dass die „Sicherheitssysteme“ bzw. „Puffer“ in diesem Prozess fehlen.

    Markus

    15. Dezember 2013 at 18:33

  13. Es stellt sich mal wieder die Frage: Können die Menschen nicht lesen oder nicht denken?

    Zitat:

    „Der junge Mann, der die Polizei rief, als M. im Linienbus von bösen Stimmen berichtete und vom Todesengel, der ihm die Tötung seiner Mutter befehle. Die Beamten, die den Verwirrten in die Psychiatrie nach Geesthacht brachten. Die Krankenschwester, die nach eigener Aussage die Informationen über die Tötungsabsichten pflichtgemäß weitergab…..
    Demnach wurde L. vor dem Aufnahmegespräch mit Babak M. mindestens zweimal auf die Stimmen hingewiesen, die ihm angeblich die Tötung seiner Mutter befahlen….
    Gutachter Wilhelm Tophinke hatte in dem Prozess vorgetragen, dass Menschen mit einer paranoid halluzinatorischen Schizophrenie durchaus in der Lage sind, normale Dialoge zu führen. Aber wenn man sie auf ihre Probleme anspreche, im Fall von Babak M. auf seine Mutter und die bösen Stimmen im Kopf, dann würde die Krankheit zu Tage treten. Und im Fall von Babak M. dessen Gefährlichkeit….
    Babak M. hat eine lange Krankengeschichte. Über einen Zeitraum von 17 Jahren war er immer wieder in psychiatrischer Behandlung, doch dauerhaft konnte ihm kein Arzt helfen. Er war ein erfahrender Patient, auch das wurde im Prozess deutlich….“

    Der Fall hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Fall Mollath gemein.

    Typisch die Reaktion der Ärztin: Ich bin das arme Opfer, ich bin an gar nichts schuld.

    dasentlein

    3. Januar 2014 at 16:48


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