Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Oma Müller und der Bahnstreik

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Oma Müller ist glücklich.
Oma Müller ist nämlich gerade nochmal Oma geworden, zum vierten Mal. Und um ihrer Tochter, die in Bad Sowienoch wohnt, ein wenig zu helfen – die ist nämlich alleinerziehend mit drei kleinen Kindern – ist Oma Müller also hingefahren. Mit der Bahn, denn Oma Müller hat keinen Führerschein.
Jetzt aber muss Oma Müller wieder nach Hause fahren, um dort ein wenig nach dem Rechten zu sehen, außerdem hat sie morgen einen wichtigen Arzttermin wegen ihrer Hüfte und neue Tabletten muss sie sich auch verschreiben lassen.
Natürlich hat sie sich lange vorher die Fahrkarte besorgt, natürlich an alles gedacht, auch an die Reservierung…. ja, und jetzt ist sie mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren, mit dem Taxi, und extra eine halbe Stunde vorher…. und dann steht sie da.
Kein Zug.
Das Taxi ist wieder weggebraust und Oma Müller wartet da am zuglosen Bahnhof im strömenden Regen am Sonntagmorgen. Die Bahnhofshalle und den Wartesaal hat man ja schon vor zehn Jahren wegrationalisiert und die einzige Sitzbank hat man kapputtvandalisiert.
Aber Oma Müller hat ja Zeit. Sie wartet geduldig. Im Regen. Im Stehen. Irgendwann wird schon ein Zug kommen.
Irgendwann kommt auch ein Zug, der ist brechend voll und Oma Müller bekommt natürlich keinen Sitzplatz und sie muss stehen, obwohl ihr inzwischen schwindelig ist.
Dann muss sie umsteigen. Da am Bahnsteig stehen viele hundert Leute. Oma Müller ist inzwischen ein wenig kurzatmig, und die Schmerzen in der Brust sind auch wieder da, aber was soll’s, damals in der Schlechten Zeit nach dem Krieg, da war alles noch viel, viel schlimmer.
Dann kommt der Zug und alles drängt zu den Türen und Oma Müller passt einen Moment lang nicht auf und…
Schenkelhalsfraktur.
Operation.
Nix mehr mit Babysitten. Stattdessen hat Frau Müller Junior nicht nur drei Kinder, sondern auch noch eine pflegebedürftige Mutter am Hals.
Aber:
„Wir können auf solche bedauernswerten Einzelschicksale leider keine Rücksicht nehmen,“ sagt der Gewerkschaftsboss, „Wo gehobelt wird, da fallen Späne!“

Written by medizynicus

19. Oktober 2014 um 12:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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3 Antworten

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  1. Lieber Medizynicus,

    Danke für diese hervorragende Darstellung. Für die ältere Bevölkerung ist es in der Tat total Mist. Genauso ist es für junge Mütter, die dann auch noch den Kinderwagen dabei haben. Das Bahnfahren mit Kind macht sowieso keinen Spaß, weil einem keiner helfen mag und man auch noch angepöbelt wird, weil man einen sperrigen Kinderwagen dabei hat. Langsam nervt mich die ganze Geschichte mit den Streiks.

    NeuMama

    19. Oktober 2014 at 12:56

  2. Ich kann zwar den Unmut jedes Einzelnen verstehen, dennoch finde ich das Anliegen der Lokführer legitim und das Streikrecht elementar hierfür. Wir hätten ja auch die Lokführer verbeamtet lassen können, dann gäbe es dieses Problem nicht.

    Der Maskierte

    20. Oktober 2014 at 09:14

  3. @Der Maskierte: Die Nummer, dass die Lokführer streiken, finde ich in Ordnung, auch wenn es mir als Fahrgast selbst nicht passt. Das ist Tarifrecht. Streik per se ist okay.

    Was ich überhaupt nicht in Ordnung finde, ist die Tatsache, dass diese Streiks jedesmal erst kurzfristig am Dienstag um 18 Uhr für Mittwoch ab 14 Uhr und am Freitag um 11 Uhr für Samstag ab 2 Uhr angekündigt wurden. Man kann als Fahrgast nicht mal vernünftig umplanen (Auto benutzen oder einen Tag früher fahren). Ich unterstelle der GDL, dass es von ihr politisch gewollt ist, die Fahrgäste möglichst hart zu treffen. Dementsprechend finde ich die Aussage der GDL, dass ihr die Unannehmlichkeiten der Fahrgäste leid tut, einfach verlogen.

    Ich selbst besuche morgen und übermorgen eine Fortbildung, die mich knapp 700 Euro Euro gekostet hat (ohne Ticket und Hotel) und für die ich mir 3 Tage Urlaub genommen habe. Dementsprechend werde ich mich in ein paar Stunden ebenfalls in den Zug setzen. In kluger Voraussicht habe ich mir vor einer Woche für heute noch zusätzlich ein zweites Ticket mit dem Fernbus und am Mittwoch eine vorab bezahlte Mitfahrgelegenheit gebucht, um heute sicher hinzukommen und am Donnerstag wieder pünktlich auf der Arbeit zu sein. Für die entstandenen Mehrkosten meinen besten Dank an die GDL.

    Zwei Dinge noch:
    a) Weselsky: Das war doch der Typ, der vor ein paar Wochen diesen total unmöglichen Vergleich zwischen der Konkurrenzgewerkschaft EVG und Behinderten gezogen hat, oder?
    b) Die GDL zieht ihr Anliegen knallhart durch. Sie selbst sind allerdings ziemliche Mimosen, wenn eine Privatperson auf Facebook einen Eintrag postet: http://www.gdl.de/Aktuell-2014/Telegramm-1413579275 Der Facebookeintrag ist unpassend und geht so nicht, keine Frage. Aber darauf derart kleinlich zu reagieren, finde ich auch albern. Wenn man sein Anliegen schon derart knallhart durchzieht, muss man auch mit Kritik leben können. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nochmals den Vergleich der GDL mit körperlich beeinträchtigten Menschen.

    Manuel

    20. Oktober 2014 at 10:56


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