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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Opa kriegt die Spritze: Sterbehilfe in Spelunkistan

with 12 comments

Wir befinden uns immer noch in Spelunkistan. Genau genommen in einer schicken Arztpraxis im Zentrum einer großen Stadt. Der Herr Kollege ist übrigens kein Hausarzt, sondern ein Facharzt für Deanimation und Thanatologie. Also ein Experte auf dem Gebiet, um das es jetzt geht. Die Tür zum Sprechzimmer geht auf und ein Paar in den Fünfzigern kommt rein.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragt der Doktor.
Die beiden nehmen Platz und drucksen ein wenig herum.
„Wir wollen uns um Opa kümmern!“ sagt der Mann schließlich.
„…also, es geht um meinen Vater!“ fügt sie hinzu.
„Sie wollen also….?“
Der Doktor schaut sie aufmunternd an.
„Wir wollen, dass er….“ die Frau räuspert sich, „…dass er in Frieden gehen kann!“
So, jetzt ist es endlich raus.
Der Arzt nickt sachlich-professionell.
„Sie haben die notwendigen Unterlagen dabei?“
Die Frau seufzt.
„Das ist es ja gerade!“
„Er hat also nicht unterschrieben? Es gibt keine Patientenverfügung?“
Die Frau schüttelt den Kopf.
„Nein. Als er noch fit genug war, hat er gesagt, das hat noch Zeit. Er hat sich um die Entscheidung gedrückt. Und jetzt ist er dement. Weiß gar nicht mehr, wo er ist, erkennt sogar seine eigenen Kinder nicht mehr und will ständig weglaufen!“
„Er hat doch keine Lebensqualität mehr!“ fügt ihr Partner hinzu.
Der Arzt lehnt sich zurück, legt die Hände zusammen und schaut nachdenklich von Einem zum Anderen.
„Wenn er selbst nicht in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen, dann müssen Sie in seinem Sinne entscheiden!“ sagt er.
Die Frau nickt heftig.
„Das wollen wir doch tun!“
„Er ist inkontinent und pflegebedürftig,“ fügt ihr Partner hinzu, „und trotzdem will er ständig aufstehen und weglaufen. Dabei kann er gar nichts mehr. Er ist schon mehrfach gestürzt. Eigentlich muss man ihn ständig beaufsichtigen. Aber das können wir einfach nicht! Unsere eigenen Kinder sind gerade aus dem Haus, inzwischen haben wir zwei kleine Enkel, die wir jeden Tag betreuen weil unsere Tochter berufstätig ist…. wir schaffen es einfach nicht mehr!“
„…wir haben ja schon überlegt, ihn in ein Heim zu geben!“ sagt die Frau, „Aber das ist ja wahnsinnig teuer. Das Geld haben wir einfach nicht.“
Ihr Partner seufzt.
„…und jetzt mal im Ernst: was hat Opa denn noch zu erwarten im Leben? Besser wird es doch nicht!“
Der Doktor nickt.
„Wenn die Demenz von fachärztlicher Seite bestätigt worden ist, werden Sie vom Amt eine entsprechende Bescheinigung bekommen. Dann dürfen Sie an seiner Stelle entscheiden. Das wird noch ein paar Tage dauern, aber wir können ja trotzdem schon einen Termin vereinbaren!“
Die Frau runzelt die Stirn.
„Die Deanimation muss in einer zugelassenen Einrichtung durchgeführt werden!“ erklärt er Arzt und schaut auf seinen Computerbildschirm, „Warten Sie einen Moment…. hier, im ‚Haus Abendrot‘ wäre noch etwas frei für Anfang nächster Woche… ein sehr schönes Haus, stilvoll und exklusiv, allerdings nicht ganz billig….“
Die Frau wirkt ein wenig irritiert.
„….aber ich sehe hier, im ‚Last Exit‘ würde es auch gehen. Das ist etwas…. sagen wir, etwas rustikaler. vor allem preislich auch viel günstiger. Die Bestattungskosten entfallen ja sowieso, sofern Sie sich für eine nachhaltige Verwertung entscheiden!“
Die Beiden Angehörigen schauen sich an.
„…Sie brauchen keine Sorge zu haben,“ fügt der Arzt leutselig hinzu, „das mit den grünen Keksen, das war nur ein blöder Film, das hat hat natürlich absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun!“

Written by medizynicus

28. Oktober 2014 um 05:09

12 Antworten

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  1. Wenn man das so liest, bekommt man regelrecht Beklemmungen. Wird es wirklich irgendwann so aussehen? Ich finde es beängstigend. Wie kommst du auf solch Gedanken?

    NeuMama

    28. Oktober 2014 at 08:36

  2. Ich ergänze meinen gestrigen Kommentar: Wenn man aktive Sterbehilfe erlauben würde – werden die, die sich dagegen entscheiden, nicht unter einen Rechtfertigungszwang gesetzt und sind ebenso wie die, die sich nicht mehr selbst entscheiden können, weiterhin ausreichend “geschützt”? Wenn ich das oben lese, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

    Beanie

    28. Oktober 2014 at 14:10

  3. „Gefällt mir“ ist wohl eigentlich falsch, aber das Szenario ist die Gefahr, wenn aktive Sterbehilfe erlaubt wird und der Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf.
    Es ist zu befürchten, dass auch Patienten, die noch selber einwilligen können, auf Druck der Umgebung oder auch weil sie ihren Kindern nicht zur Last fallen wollen, den Freitod wählen werden.
    Wehret den Anfängen!
    Unser früherer Ärztekammerpräsident Vilmar hat vor einigen Jahren für den ironisch gemeinten Satz über das „sozialverträgliche Frühableben“ enorme Prügel bezogen. Aber nichts anderes wird doch aus der Freigabe der aktiven Sterbehilfe resultieren.

    Old_Surehand

    28. Oktober 2014 at 16:08

  4. Jetzt wird es interessant hier …

    Jede Sache hat (mindestens) 2 Seiten. Und es kristallisiert sich heraus, dass alles eine Frage von Grenzen ist. Die eigentliche Frage ist dann nur: Wer legt diese Grenzen fest?

    Ein absolut schwieriges Thema, wie ich finde. In manchen Situationen mag eine Entscheidung für ein Ableben wirklich Sinn machen. Aber oft dürfte die Frage sein: Ist sie wirklich frei getroffen? Kann man so eine Entscheidung wirklich frei treffen?

    ednong

    28. Oktober 2014 at 18:41

  5. Meine Mutter hatte Alzheimer, eine frühe, schnelle Form. Nach ca 4 Jahren konnte sie auch keinen Brei mehr schlucken, war zu schwach um aus dem Bett zu kommen.

    Wie froh waren wir, von ihr gewusst zu haben, dass sie keine künstliche Ernährung gewollt hätte.
    Die 4 langenTage, welche sie dann nur noch mit Nebel bedampft wurde, waren trotzdem grässlich für mich. Aber es war besser so.
    Und mein Vater, Ihre Schwester und ich, welche dabei waren können heute gut damit leben. Es war in ihrem Sinn.
    Mit ein Grund warum ich gerne in der Schweiz lebe, hier haben wir solche Freiheiten.

    anneinsideoffice

    28. Oktober 2014 at 22:21

  6. @Anne: Ja, das Thema ist sehr kontrovers. Ich werde auch das Thema Palliativmedizin im Blog noch behandeln.

    medizynicus

    29. Oktober 2014 at 06:46

  7. @Ednong – die Frage ist ja: so eine Entscheidung für sich selbst zu treffen ist eine Sache. Aber diese Entscheidung für jemanden anders zu treffen oder jemandem dabei zu „helfen“, oder nicht zu schauen, ob man ihm nicht auch noch auf andere Weise helfen kann, ist eine andere Sache.

    medizynicus

    29. Oktober 2014 at 06:48

  8. @Old Surehand: Ich warte mit Erschrecken auf die Zeit, in der dieses „sozialverträgliche Frühableben“ genau so diskutiert wird… Ansätze gibt es ja schon

    medizynicus

    29. Oktober 2014 at 06:49

  9. @NeuMama: Solche Gespräche finden statt! In jeder Arztpraxis, in jedem Krankenhaus…. natürlich nicht so krass, aber die Gedanken sind da… und das ist das Erschreckende.

    medizynicus

    29. Oktober 2014 at 06:50

  10. Es ist wirklich interessant: Ich hatte diese Fragebisher nur unter dem Aspekt derjenigen betrachtet, die sterben WOLLEN und nicht unter dem Gesichtspunkt, dass damit auch jede Mensche Schindluderei betrieben werden könnte. Ich für meinen Teil fände es nach wie vor gut, mich im schlimmsten Fall „einschläfern“ lassen zu können. Wie man ein entsprechendes Gesetz allerdings so gestaltet könnte, dass Mißbrauch ausgeschlossen ist, ist natürlich die zentrale Frage schlechthin.

    Molly L.

    29. Oktober 2014 at 13:13

  11. was mich bei der sterehilfediskussion immer stört, ist, dass auf einmal der mensch nicht mehr frei entscheiden darf. wer, wenn nicht betroffene selbst, kann entscheiden, dass die Schmerzen zu gross, die lebensqualität nicht mehr reicht, der erstickungstod zu qualvoll ist.
    es wird wahrscheinlich schon in etwa so sein, wie medizynicus beschreibt, denn das arztgespräch ist auch dort, wo sterbehilfe erlaubt ist, obligatorisch. ich frage micht, warum? mir wär es lieber so, wie medizynicus es beschreibt..schnell, desinteressiert. dann muss man sich nicht bei einem völlig fremdne menschen noch lange rechtfertigen
    gruss landkrauter

    landkrauter

    29. Oktober 2014 at 23:24

  12. und noch ein addendum vom landkrauter als jurist. es gibt keine rechtssicherheit, es gibt kein gesetz, das nicht missbraucht oder umgangen wird. damit müssen wir menschen leben
    gruss landkrauter

    landkrauter

    29. Oktober 2014 at 23:25


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