Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Januar 2015

Schnorrerbescheinigung

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Der Feierabend naht, die Uhr im Blick will ich mich mit bereits abgelegtem Kittel der Arztzimmertür nähern, als….
„Herr Doktor?!“
Das Herz rutscht in Richtung Hose, als ich mich langsam umdrehe und Schwester Paula erblicke.
„Herr Doktor, da wartet wer auf Sie!“
„Wer denn?“
„Die Nichte von Herrn Schrumpelköter!“
„Herr Schrumpelköter?“
„Zimmer siebzehn!“
„Aha?“
„Wurde letzten Montag entlassen!“
„Und?“
„Wie schön, dass Sie noch da sind, Herr Doktor!“ flötet Nichte Schrumpelköter, die plötzlich aus dem Nichts vor mir aufgetaucht ist, „Ich wusste, dass Sie uns helfen würden!“
„So?“
Ich ziehe den Kittel wieder an.
„Wir brauchen noch die Bescheinigung von Ihnen!“
„Was?“
„Na, Sie müssen uns noch was bescheinigen!“
„Äh?“
„Also…“ Nichte Schrumpelköter holt tief Luft, „Als mein Onkel entlassen wurde, habe ich ihn abgeholt!“
„So?“
„Jawoll. im Auto.“
„Hmm.“
„Im eigenen Auto.“
„Das ist nett von Ihnen.“
„Genau. Jetzt habe ich aber erfahren, dass ihm ein Taxi zugestanden hätte!“
„Öh?“
„Jawoll. Wenn ich ihn nicht abgeholt hätte, im eigenen Auto, dann hätte man ihn im Taxi heimgeschickt…“
„Richtig…“
„…und weil er ja nicht mehr der Jüngste ist und auch nicht mehr ganz so gut zu Fuß, vielleicht sogar mit dem Krankenwagen, und der kostet pro Kilometer eine Menge Geld und weil wir in Einödshoven wohnen, kommen da eine Menge Kilometer zusammen, und das Geld für die Kilometer, also weil ich ja im eigenen Auto…“
„Äh…“
„…jawoll, im eigenen Auto, und wenn Sie, Herr Doktor, mir da jetzt eine Bescheinigung ausstellen könnten, und mir schriftlich bestätigen würden, dass ich im eigenen Auto und mein Onkel aus medizinischen Gründen eigentlich im Krankenwagen….“
Mein Gehirn beginnt zu arbeiten.
„Sie wollen also eine Bescheinigung von mir?“
„Jawoll, Herr Doktor!“
„Damit Sie damit Geld locker machen können!“
„Genau, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass für das Erstellen einer solchen Bescheinigung eine Bearbeitungsgebühr fällig ist?“
„Äh….“
„Keine Angst, es sind nur fünf Euro, aber…“
„…zahlt das nicht die Krankenkasse?“
„Vielleicht. Sie können versuchen, das Geld zurück zu fordern. Aber Sie müssten erstmal in Vorleistung treten. Jetzt. Hier. In bar…. hallo….. Frau Schrumpelköter…?“
Wohin sie wohl so schnell verschwunden sein mag?

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Written by medizynicus

27. Januar 2015 at 05:48

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

700 Euro pro Pille oder: ein Menschenleben kann ganz schön teuer sein…

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Hepatitis B und C sind fiese Krankheiten.
Das Virus fängt man sich über Kontakt mit Blut oder Körperflüssigkeit eines infizierten Menschen.
Wer Glück hat, der steckt die Sache locker weg und kann bald wieder ein normales Leben führen.
Den weniger Glücklichen zerfrisst das Virus die Leber und wer ganz viel Pech hat, der stirbt an Leberversagen oder Leberkrebs.
Viele Patienten überleben zwar die Infektion, werden das Virus jedoch nie mehr wieder los.
Manchen dieser Menschen kann man helfen.
Seit vielen Jahren schon sind Medikamente bekannt, die manchmal mehr und manchmal weniger gut wirken – allen gemeinsam jedoch ist, dass sie sehr teuer sind. Und die Behandlung ist lang und langwierig.
Ein neues Medikament verspricht Wunderdinge. Es wirkt besser, hat wenige Nebenwirkungen – und kostet 700 Euro pro Tablette. Eine komplette Behandlung kostet dabei locker so viel wie ein Einfamilienhaus in einer guten Wohnlage.
Nun ist eine Versicherung genau dazu da, notwendige Dinge zu bezahlen, die man sich normalerweise nicht so ohne Weiteres leisten kann. Aber auch eine Versicherung muss sich das erst einmal leisten können – und mit den Ressourcen der Beitragszahler sinnvoll umgehen.
In Deutschland sind Hepatits B und C zum Glück relativ selten.
Deutsche Krankenkassenbeitragszahler sind – im internationalen Vergleich – relativ reich.
In Ägypten sind Hepatitis B und C extrem häufig. Krankenkassen gibt es nicht.
Auch in Deutschland gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Einfamilienhäusern, die man an Krankenkassenbeitragszahler verfüttern kann.
Wer entscheidet also, welches Leben gerettet wird und welches nicht?

Written by medizynicus

19. Januar 2015 at 04:32

Veröffentlicht in Gewissensbisse

Bin ich Charlie? Ein paar verspätete Betrachtungen

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Ich mache Satire.
Ich schreibe manchmal gerne böse und ich freue mich, wenn man mich scharfzüngig nennt.
Ich lebe in einem freien und demokratischen Staat. Hier ist nicht alles Gold, was glänzt aber zumindest ist es hier nicht üblich, dass man sich gegenseitig die Köpfe abhackt und ich bin ziemlich froh darüber.
Hier darf jeder sagen, was er will. Das ist für mich Lebensqualität.
Hier muss sich jeder von jedem sagen lassen, was der andere will.
Wirklich?
Nein, ich brauche nicht zu dulden, dass man mich beleidigt.
Ich brauche es auch nicht zu dulden, dass man meine Religion oder andere Dinge, die mir wichtig sind, beleidigt.
Ein Moslem ist beleidigt, wenn man eine Karikatur des Propheten Mohamed veröffentlicht.
Das weiß ich, und wenn ich nach Saudi-Arabien fahre werde ich sorgfältig darauf achten, keine Mohamed-Karikatur im Gepäck zu haben und werde meine Zunge im Zaum halten.
Nun gehört der Islam nicht nur zu Saudi-Arabien sondern auch zu Deutschland.
Das ist nun einmal so. Der Islam gehört mittlerweile genauso zu Deutschland wie die katholische oder die evangelische Kirche, das Judentum oder der Atheismus.
Das ist nun einmal so. Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft und ich bin stolz darauf.
Ich bin stolz darauf, die katholische oder die evangelische Kirche oder den Atheismus oder den Materialismus nach Herzenslust zu kritisieren und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.
Ich darf auch den Islam kritisieren. Hier bei uns darf ich das.
Auch Dumpfbacken dürfen den Islam kritisieren.
Ich darf auch die Dumpfbacken kritisieren und ich tu das auch.
Auch die Dumpfbacken gehören zu Deutschland und ich freue mich über jeden, der sie kritisiert und trotzdem darf ich ihnen nicht verbieten, auf die Straße zu gehen, Deutschlandfahnen zu schwingen und dabei Weihnachtslieder zu singen.
Aber ich darf öffentlich sagen, was ich von ihnen halte.
Es mag Länder geben, in denen ich eine Gefängnisstrafe oder Schlimmeres riskiere, wenn ich etwas gegen den Papst sage. Wenn ich da hinfahre, dann weiß ich das und benehme mich entsprechend. Aber wohnen will ich da sicher nicht. Im Iran oder in Saudi-Arabien darf ich den Islam nicht kritisieren, das weiß ich, und da wohne ich auch nicht.
Hier bei uns in Europa darf ich jeden kritisieren, aber niemand braucht sich beleidigen zu lassen, und dafür gehe ich gerne auf die Straße.
Und deshalb bin ich Charlie.

Written by medizynicus

18. Januar 2015 at 02:16

Veröffentlicht in Das Leben an sich

Abgefrühstückt

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Nasskalter Wintermorgen. Schneeregen pladdert auf den Bahnsteig. Der Bummelzug kommt an, ich steige ein und schräg neben mir lassen sich zwei Jungs auf die schmierigen Sitze fallen: Stoppelhaar und Retro-Trainingsjacke mit Streifen der eine, knallgelbe Regenjacke und Wollmütze der andere.
„Na, ich muss dann mal!‟ sagt Stoppelhaar und Wollmütze wirft ihm einen mitleidigen Blick zu.
Stoppelhaar greift zum Handy.
„Du Baby, ich wollte Dir nur sagen, es tut mir leid, Baby, ich hab Scheiße gebaut, ja, war nicht in Ordnung, echt nicht, aber ich bin ehrlich zu Dir, weißt Du, und jetzt musst Du mir einfach noch eine Chance geben, Baby, wirklich Baby, es tut mir leid, ey, ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe, aber weißt Du, eigentlich wollte ich ja gar nicht, die anderen haben mich reingezogen, ja Baby, das war Scheiße, wirklich, also, Du gibtst mir doch noch eine Chance, jetzt wo ich schon so ehrlich zu Dir bin, ja, Baby?‟
Wollmütze schüttelt den Kopf.
Stoppelhaar sitzt da mit gesenktem Kopf.
„Ja… ja…. ja…‟
Er steckt sein Handy wieder weg.
Wollmütze zieht die Augenbrauen hoch.
„Und?‟
„Alles klar. Ham wa die Alte wieder abgefrühstückt!‟
Eine schnarrende Lautsprecherstimme kündigt den nächsten Halt an.
Die beiden stehen auf.
Am Bahnsteig steht eine junge Frau mit zerwuscheltem Haar und Augenringen.

Written by medizynicus

17. Januar 2015 at 10:02

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Dem Herrn Lehmann sein Kleinwagen

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Herr Lehmann ist wieder da.
Herr Lehmann ist Stammkunde: ein schmächtig gebauter Mittvierziger mit dicker Brille, dünnem, manchmal etwas fettigem Haar, Schnauzbart und Kunstlederjacke.
„Alles in Ordnung?“ frage ich.
„Alles in Ordnung!“ sagt Herr Lehmann und lässt sich auf einen der Wartestühle in der Notaufnahme fallen.
„Alles wie immer?“
„Alles wie immer!“
Wie immer hat er seine Butterbrotdose dabei und die Thermoskanne und eine Tageszeitung. Wie immer krempelt der den Hemdsärmel hoch und wie immer lege ich die Staubinde an, sprühe Desinfektionsmittel auf die Haut, reiße die Plastikverpackung der Injektionskanüle auf und steche zu. Herr Lehmann verzieht keine Miene. Die Venen auf seinem Unterarm kenne ich längst auswendig, mit Vor- und Zunamen.
Jenny hat die Infusionsflasche aus dem Kühlschrank geholt und einen Ständer gebracht, ich hänge das Zeug auf und schließe den dünnen Plastikschlauch an.
„Alles klar?“
„Alles klar!“
„Sie melden sich, wenn’s durchgelaufen ist?“
„Ich melde mich!“
Herr Lehmann beißt in sein Butterbrot und schlägt die Zeitung auf.
Herr Lehmann kommt dreimal pro Woche: immer Montags, Mittwochs und Freitags. Immer zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Nach einer knappen halben Stunde ist seine Infusion durchgelaufen.
„Wieder einen Kleinwagen verballert!“
„Wieder einen Kleinwagen!“
Herr Lehmann lacht.
Ich lache kurz.
Unser Standardwitz.
Dann steht Herr Lehmann auf, reicht mir die Hand und dreht sich um.
„Bis zum nächsten Kleinwagen!“
„Bis zum nächsten Kleinwagen!“
Immer die selben Worte. Dreimal pro Woche.
Man kennt sich.
„Was hat das mit dem Kleinwagen auf sich?“ hat Jenny einmal gefragt, damals, ganz am Anfang, als Herr Lehmann noch neu war.
Da hat mein Kollege Kalle ihr die Infusionsflasche gezeigt.
„Herr Lehmann leidet an einer extrem seltenen Stoffwechselerkrankung,“ hat Kalle erklärt, „…und bis vor ein paar Jahren hat es keine Möglichkeit der Heilung gegeben. Herr Lehmann wurde von einem berühmten Professor zum Nächsten gereicht. Überall war er die Sensation. Die Koryphäen waren begeistert, aber helfen konnten sie ihm nicht. Bis vor zwei Jahren. Da hat einer der Erleuchteten ein Mittel gefunden. Es gibt nur ein einziges Labor auf der Welt, welches in der Lage ist, dieses Medikament herzustellen. Dann wird das Zeug in einer Kühlbox aus Amerika mit dem Flugzeug eingeflogen, vom Flughafen per Taxi-Kurier zu uns gebracht und muss innerhalb weniger Stunden verabreicht werden. Jede Infusion kostet mehrere tausend Euro. Und das dreimal pro Woche!“
Jenny runzelte die Stirn
„Gibt es da wirklich keine Alternative?“
„Doch!“
„Und die wäre?“
Kalle grinste diabolisch.
„Man lässt das Zeug einfach weg!“
„Warum macht man das nicht?“
„Weil Herr Lehmann dann innerhalb von drei Monaten ins Gras beißen würde!“
Und weil Herr Lehmann das nicht möchte, kommt er weiter regelmäßig zu uns, dreimal pro Woche, immer Montags, Mittwochs und Freitags und pumpt sich den Wert eines Kleinwagens in die Venen.

Written by medizynicus

12. Januar 2015 at 05:30

vom szenigen Schreiben unterwegs

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Ich sitze in einer szenigen Kneipe in einem szenigen Szeneviertel in einer szenigen europäischen Metropole.
Um mich herum szenige schöne junge Leute, die an ihren Szenegetränken nippen, mit ihren szenigen Tischnachbarn szenige Gespräche führen oder szenig gelangweilt aus dem Fenster in die szenige Nacht schauen…
Ich selbst trage einen schwarzen Rollkragenpullover, ausgewaschene Jeans und einen Dreitagebart. Ob das wohl noch als szenig durchgeht?
Alles hier ist furchtbar szenig kreativ…. also will ich es aufschreiben. Könnte ja sein, dass mir gerade die szenige Inspiration für meinen nächsten Szenigen Bestsellerroman über den Weg läuft.
Ich nehme also einen Schluck Proletenbier – lange in mein abgeschabtes Aktentäschchen und…. nein, Du wirst hier doch jetzt nicht Deinen Laptop hervorholen!
Das wäre ja ganz furchtbar langweilig unszenig!
Okay, den Ipad hätte ich noch im Angebot.
Ob der wohl als szenig durchgeht?
Nee, nicht so richtig!
Vielleicht den Schreibblock?
Oh, wie megauncool!
Nebenbei: was ist eigentlich das Gegenteil von cool? Ich nehme mal an heiß? Oder eher lauwarm? Aber das tut jetzt nichts zur Sache, ich will endlich meine genialen Gedanken…. ein schweinsledergebundenes schickes Notizbüchlein wäre jetzt szenig, habe ich aber nicht, da es preislich gesehen ungefähr soviel kostet wie ein Mittelklasse-Handy… oh, genau, das wär’s! Auf dem Handy tippen, das darf man hier. Macht ja jeder, der gerade keinen Tischnachbarn zur Verfügung hat. Und auch manche, die einen Tischnachbarn haben, tippen gebannt vor sich hin. Darüber, dass Sozialnetzwerkfreunde wichtiger sind als Reallebensfreunde ist ja schon viel geschrieben worden. Ist ja auch egal. Heißt jedenfalls, dass auch ich jetzt ungestraft mein Handy…. aber wie kriege ich meine supergeialen Gedanken jetzt aus dem Handy raus und in die Welt hinein? Abgesehen davon, dass meine Supergenialen Gedanken natürlich mehr als hundertvierzig Zeichen haben und das Tippen auf dem virtuellen Mäuseklavierhandytouchscreen auf Dauer nicht unbedingt Spaß macht…. aber was tut man nicht alles, um szenig zu sein!

Written by medizynicus

6. Januar 2015 at 05:28

Veröffentlicht in Das Leben an sich

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Liebes Salzamt der Deutschen Bahn!

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Ja, ich weiß, es ist eine längere Geschichte, aber ich fange mal an.
Also, liebes Salzamt der Deutschen Bahn, jetzt stellen Sie sich mal folgendes vor: Ich wohne in A und ich will nach B. Verstanden? Sehen Sie, ist doch gar nicht so schwer!
So, und jetzt folgen Sie mir weiter: Also, ich will von A nach B und ich beabsichtige dabei, die Dienstleistungen Ihres Unternehmens in Anspruch zu nehmen. Draussen stürmt der Wind ums Haus und ich sitze auf meinem kuscheligen Sofa und schaue mir an, wie das geht: ist ja wunderbar! Starte ich um 6 Uhr früh in A Hauptbahnhof, bin ich um kurz nach 7 in C, wo ich umsteigen muss und kurz nach 9 bin ich in B, wunderbar rechtzeitig um meinen Termin um halb zehn wahrzunehmen. Ist nämlich ein wichtiger Termin um halb zehn. In B, wohlgemerkt!
Ich merke mir also die Verbindung, drucke sie mir vielleicht so gar auf ein Stück Papier aus und erwerbe eine Fahrkarte. Auch die kann ich mir selbst ausdrucken. Geht doch alles wunderbar mit der Bahn!
Gut gelaunt mache ich mich also auf den Weg zum Bahnhof. Frage dort vorsichtshalber mal nach, ob gerade gestreikt wird, aber es ist alles okay und gut gelaunt steige ich in den Bummelzug…. Verzeihung, in die Regionalbahn. Die fährt auch pünktlich los und pünktlich erreiche ich meine Umsteigestation.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie am übernächsten Gleis ein Zug einfährt. Den muss ich kriegen!
Die Türen öffnen sich, ich warte geduldig bis die Omi vor mir sich mit Gehstock auf den Bahnsteig bewegt hat und dann sprinte ich los…. raus aus dem Zug, die Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe rauf zum Nachbarbahnsteig, wo mein Anschlusszug… gerade dabei ist, ohne mich loszufahren.
Was mache ich jetzt?
Der nächste Zug geht in zwei Stunden. Dann ist mein Termin vorbei. Ein wichtiger Termin, wohlgemerkt, es geht um…. ist ja egal, um wichtige Dinge jedenfalls. Ob es noch eine Chance gibt?
Nee, gibt’s nicht!
Die junge Angestellte am Fahrkartenschalter – Verzeihung Reisezentrum – schüttelt bedauernd den Kopf.
„Nehmense doch den Zug in zwei Stunden!“ flötet sie.
Scherzkeks! Und mein Termin?
„Könnense den Termin nicht verlegen?“
Nochmal Scherzkeks!
„Dann nehmen Sie sich doch ein Taxi!“
Für fünfzig Kilometer? Auf Kosten der Bahn? Das nenne ich Service!
„Nein, das müssten Sie schon selber zahlen!“
Jetzt mal tief durchatmen.
Ist es vielleicht meine Schuld, dass mir der Zug vor der Nase weggefahren ist? Hätte ich die Oma doch lieber über den Haufen rennen sollen?
„Die Züge warten heutzutage nicht mehr aufeinander! Es gibt keine Anschlussgarantie. Steht alles so in unseren Beförderungsbedingungen, könnense nachlesen!“
Das heißt also….
„Wenn der Zug verspätet ist, müssense sich halt beim Zugbegleiter melden!“
War mein Zug denn verspätet? Soweit ich weiß, bin ich doch auf die Minute pünktlich hier angekommen.
Fahrkarten-Mäuschen lacht.
„Sehense, Sie hatten noch nicht einmal Verspätung, was regen Sie sich denn dann auf?“
Warum ich mich aufrege? Weil mir der Zug vor der Nase weggefahren ist! Weil sieben Minuten Umsteigezeit zwar normalerweise ausreichen, um die Treppe hinunter und wieder hinauf zu hechten, aber es nun einmal nicht von mir zu vertretende Umstände gibt, die bewirken, dass es auch schonmal siebeneinhalb Minuten dauern kann…
Mäuschen schaut mich mit herausforderndem Blick an.
„Wissense, sieben Minuten Umsteigezeit ist ja auch ganz schön sportlich, junger Mann, selbst wenn Sie etwas jünger und durchtrainierter wären!“
Das will ich jetzt aber überhört haben!
Also: Wenn in meiner Verbindung ein Anschluss von sieben Minuten angegeben ist…
„Es gibt keine garantierten Verbindungen mehr, junger Mann, das sagte ich Ihnen doch schon! Und garantierte Anschlüsse sowieso nicht. Wie gesagt, in unseren Beförderungsbedingungen….“
Inzwischen hat sich hinter mir eine längere Schlange gebildet.
„Nehmen Sie doch den nächsten Zug!“ zischt mir ein Typ von schräg hinten ins Ohr.
Der nächste Zug? In zwei Stunden? dann kann ich es auch gleich sein lassen!
„Wenn Ihr Termin so wichtig ist, dann müssen Sie halt nächstes Mal früher aufstehen!“ sagt Mäuschen noch bevor sie sich dem nächsten Kunden zuwendet.
Früher aufstehen…. also nächstes Mal nicht um sechs, sondern um vier Uhr losfahren? Zwei Stunden in einer zugigen Provinzbahnhofshalle verbringen, weil man ja nie wissen kann, ob gerade die Türen klemmen oder sonst irgendwas passiert ist?
Ich glaube, da schaut man sich dann lieber nach ernsthaften Alternativen um…
Also, liebe Damen und Herren von der Deutschen Bahn, ich weiß, dass es bei Ihnen kein Salzamt gibt.
In Österreich ist das so, da kann man sich beim Salzamt beschweren, wenn man das Bedürfnis hat, sich beschweren zu wollen. Aber auch da gibt es keine Salzämter mehr. Also kann man das Beschweren auch sein lassen.
In gewissen Regionen Deutschlands gibt es eine andere Ausdrucksweise, und so verbleibe ich
mit Schwäbischem Gruß,
Ihr
Medizynicus

Written by medizynicus

5. Januar 2015 at 05:46

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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