Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Bin ich Charlie? Ein paar verspätete Betrachtungen

with 3 comments

Ich mache Satire.
Ich schreibe manchmal gerne böse und ich freue mich, wenn man mich scharfzüngig nennt.
Ich lebe in einem freien und demokratischen Staat. Hier ist nicht alles Gold, was glänzt aber zumindest ist es hier nicht üblich, dass man sich gegenseitig die Köpfe abhackt und ich bin ziemlich froh darüber.
Hier darf jeder sagen, was er will. Das ist für mich Lebensqualität.
Hier muss sich jeder von jedem sagen lassen, was der andere will.
Wirklich?
Nein, ich brauche nicht zu dulden, dass man mich beleidigt.
Ich brauche es auch nicht zu dulden, dass man meine Religion oder andere Dinge, die mir wichtig sind, beleidigt.
Ein Moslem ist beleidigt, wenn man eine Karikatur des Propheten Mohamed veröffentlicht.
Das weiß ich, und wenn ich nach Saudi-Arabien fahre werde ich sorgfältig darauf achten, keine Mohamed-Karikatur im Gepäck zu haben und werde meine Zunge im Zaum halten.
Nun gehört der Islam nicht nur zu Saudi-Arabien sondern auch zu Deutschland.
Das ist nun einmal so. Der Islam gehört mittlerweile genauso zu Deutschland wie die katholische oder die evangelische Kirche, das Judentum oder der Atheismus.
Das ist nun einmal so. Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft und ich bin stolz darauf.
Ich bin stolz darauf, die katholische oder die evangelische Kirche oder den Atheismus oder den Materialismus nach Herzenslust zu kritisieren und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.
Ich darf auch den Islam kritisieren. Hier bei uns darf ich das.
Auch Dumpfbacken dürfen den Islam kritisieren.
Ich darf auch die Dumpfbacken kritisieren und ich tu das auch.
Auch die Dumpfbacken gehören zu Deutschland und ich freue mich über jeden, der sie kritisiert und trotzdem darf ich ihnen nicht verbieten, auf die Straße zu gehen, Deutschlandfahnen zu schwingen und dabei Weihnachtslieder zu singen.
Aber ich darf öffentlich sagen, was ich von ihnen halte.
Es mag Länder geben, in denen ich eine Gefängnisstrafe oder Schlimmeres riskiere, wenn ich etwas gegen den Papst sage. Wenn ich da hinfahre, dann weiß ich das und benehme mich entsprechend. Aber wohnen will ich da sicher nicht. Im Iran oder in Saudi-Arabien darf ich den Islam nicht kritisieren, das weiß ich, und da wohne ich auch nicht.
Hier bei uns in Europa darf ich jeden kritisieren, aber niemand braucht sich beleidigen zu lassen, und dafür gehe ich gerne auf die Straße.
Und deshalb bin ich Charlie.

Written by medizynicus

18. Januar 2015 um 02:16

Veröffentlicht in Das Leben an sich

3 Antworten

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  1. Interessanter Standpunkt. Kann ich gut nachvollziehen. Nur die Schlussfolgerung verstehe ich nicht. Viele Muslime fühlen sich durch Charlie Hebdo beleidigt.

    Übrigens: Wegen Kritik am Papst ist wohl schon länger keiner mehr in den Knast gewandert.🙂

    Old_Surehand

    18. Januar 2015 at 19:16

  2. „Nein, ich brauche nicht zu dulden, dass man mich beleidigt.
    Ich brauche es auch nicht zu dulden, dass man meine Religion oder andere Dinge, die mir wichtig sind, beleidigt.“

    So einfach ist es nicht. Bei dem Satz beißt sich die Katze in den Schwanz. Wann eine Beleidigung vorliegt, darüber bestehen ja unterschiedliche Meinungen. Schönes aktuelles Beispiel: Marcel Reif. Er hat kritisiert, den Fans ist ihr Verein wichtig, sogar heilig und sie sehen sich beleidigt. Da wäre es mit Meinungs-und Kunstfreiheit schnell zu Ende.

    „Ein Moslem ist beleidigt, wenn man eine Karikatur des Propheten Mohamed veröffentlicht.“

    Es gibt im Koran kein Bilderverbot. Das ist eher der Ausdruck des politisch missbrauchten Islam.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bilderverbot_im_Islam

    Wer den Propheten Mohammed mit einem Bombenturban abbildet, kritisiert den politisch missbrauchten Islam und nicht die Religion, darüber könnte man auch einen Dialog führen. Aber diese Diskussion wird nicht geführt, weil alle glauben, es gäbe ein Bilderverbot und man hätte es zu respektieren und es mit Gewalt durchgesetzt wird, die auch uns nicht unbeeindruckt lässt.

    Die nächste wirklich brisante Frage, die zu diskutieren wäre, ist: Weshalb müssen wir in unserem säkularen Staat uns an religiöse Regeln einer Gruppe halten? Und wenn wir das nichtexistente Bilderverbot akzeptieren, warum dann nicht all die anderen Regeln? Steinigung nach Ehebruch? Die Antwort kann nur sein: In unserem Staat gelten religiöse Regeln nur für die Mitglieder der entsprechenden religiösen Gruppe, anders geht es überhaupt nicht und wir sind gut beraten, das mit den Muslimen zu klären, diese Diskussion fehlt uns auch bis jetzt.

    Die Mohammed-Karikatur der ersten Charlie-Ausgabe nach der „Stunde Null“ ist künstlerisch hervorragend. Das können wir diskutieren, weil für uns die religiösen Regeln dieser Gruppe nicht gelten.
    Alle religiösen Gruppen sind enorm bestrebt, ihre Regeln möglichst auf die ganze Gesellschaft auszudehnen. Dem muss entgegengetreten werden. Siehe Beschneidungsdebatte, siehe kreuz.net, siehe die Probleme, die der Karikaturist Gerhard Haderer mit seinem Jesus-Buch hatte.

    Extreme religiöse Vorstellungen können auch die säkulare Gesellschaft bedrohen, wenn man da nachgiebig ist, siehe die Hetze gegen Homosexuelle, die ja durchaus wieder mehr Fuß fasst auch bei uns.
    Bei uns sind Kirche und Staat nicht wirklich streng getrennt und das ist ein Versäumnis, weil wir nämlich Gefahr laufen, dass die Grenze immer mehr – zunächst in den Köpfen der Menschen – in Richtung Unfreiheit verschoben wird. Kann man ja bereits beobachten.

    dasentlein

    13. März 2015 at 11:39

  3. Ich finde den Beitrag super und muss meinem Vorposter uneingeschränkt Recht geben! Ich hätte es nicht besser schreiben können.

    schwesterirgendeine

    22. April 2015 at 22:11


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