Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schnorrerbescheinigung

with 10 comments

Der Feierabend naht, die Uhr im Blick will ich mich mit bereits abgelegtem Kittel der Arztzimmertür nähern, als….
„Herr Doktor?!“
Das Herz rutscht in Richtung Hose, als ich mich langsam umdrehe und Schwester Paula erblicke.
„Herr Doktor, da wartet wer auf Sie!“
„Wer denn?“
„Die Nichte von Herrn Schrumpelköter!“
„Herr Schrumpelköter?“
„Zimmer siebzehn!“
„Aha?“
„Wurde letzten Montag entlassen!“
„Und?“
„Wie schön, dass Sie noch da sind, Herr Doktor!“ flötet Nichte Schrumpelköter, die plötzlich aus dem Nichts vor mir aufgetaucht ist, „Ich wusste, dass Sie uns helfen würden!“
„So?“
Ich ziehe den Kittel wieder an.
„Wir brauchen noch die Bescheinigung von Ihnen!“
„Was?“
„Na, Sie müssen uns noch was bescheinigen!“
„Äh?“
„Also…“ Nichte Schrumpelköter holt tief Luft, „Als mein Onkel entlassen wurde, habe ich ihn abgeholt!“
„So?“
„Jawoll. im Auto.“
„Hmm.“
„Im eigenen Auto.“
„Das ist nett von Ihnen.“
„Genau. Jetzt habe ich aber erfahren, dass ihm ein Taxi zugestanden hätte!“
„Öh?“
„Jawoll. Wenn ich ihn nicht abgeholt hätte, im eigenen Auto, dann hätte man ihn im Taxi heimgeschickt…“
„Richtig…“
„…und weil er ja nicht mehr der Jüngste ist und auch nicht mehr ganz so gut zu Fuß, vielleicht sogar mit dem Krankenwagen, und der kostet pro Kilometer eine Menge Geld und weil wir in Einödshoven wohnen, kommen da eine Menge Kilometer zusammen, und das Geld für die Kilometer, also weil ich ja im eigenen Auto…“
„Äh…“
„…jawoll, im eigenen Auto, und wenn Sie, Herr Doktor, mir da jetzt eine Bescheinigung ausstellen könnten, und mir schriftlich bestätigen würden, dass ich im eigenen Auto und mein Onkel aus medizinischen Gründen eigentlich im Krankenwagen….“
Mein Gehirn beginnt zu arbeiten.
„Sie wollen also eine Bescheinigung von mir?“
„Jawoll, Herr Doktor!“
„Damit Sie damit Geld locker machen können!“
„Genau, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass für das Erstellen einer solchen Bescheinigung eine Bearbeitungsgebühr fällig ist?“
„Äh….“
„Keine Angst, es sind nur fünf Euro, aber…“
„…zahlt das nicht die Krankenkasse?“
„Vielleicht. Sie können versuchen, das Geld zurück zu fordern. Aber Sie müssten erstmal in Vorleistung treten. Jetzt. Hier. In bar…. hallo….. Frau Schrumpelköter…?“
Wohin sie wohl so schnell verschwunden sein mag?

Written by medizynicus

27. Januar 2015 um 05:48

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

10 Antworten

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  1. hm, sind meine eltern dann auch verachtungswerte schnorrer? als ich als jugendliche zweimal wöchentlich zur therapie musste (einfache fahrtstrecke ~ 60km) und es aus verschiedenen gründen nicht möglich war, die strecke mit öffentlichen verkehrsmitteln zu bewältigen, hat mich immer mein vater gefahren. von der krankenkasse hatte er ein „fahrtenbuch“ bekommen: da wurde datum und fahrtstrecke eingetragen und von arzt/therapeut mit unterschrift bestätigt. am ende des jahres ging das fahrtenbuch zur krankenkasse und eine weile später eine gutschrift aufs konto meines vaters.

    für einmaliges hinfahren/abholen von angehörigen fände ich es übertrieben. aber bei häufigeren „fahrdiensten“ über längere strecken und einen langen zeitraum, finde ich das gar nicht mal so schlecht, wenn man sich einen teil der fahrkosten erstatten lassen kann.

    sternenpfad

    27. Januar 2015 at 07:42

  2. oh, ich sehe gerade, dass hier alles kursiv ist.. hast du irgendwo ein format-tag eingebaut, das zwar einen anfang, aber kein ende hat?

    sternenpfad

    27. Januar 2015 at 07:44

  3. Du hast die alte Gebührentabelle! Der Tarif liegt inzwischen bei 25 Euro.😉

    Der Maskierte

    27. Januar 2015 at 09:33

  4. @sternenpfad
    Na, in so einem Fall ist das ja was ganz Anderes, da geht es ja um sehr viel Geld! Gut, man müsste jetzt wissen, wie weit die Nichte fahren musste – aber immerhin war ihr der Weg nicht zu weit, um nochmal extra rumzukommen.
    Schwierig manchmal. Aber bei so „Einzelfahrten“ muss man denke ich auch einfach mal einen Punkt machen. Ich als Pampabewohner muss zB auch weit fahren, wenn eines der Kinder zum Arzt muss, da sind Stadtbewohner im Vorteil!
    Dafür ist das Leben „auf dem Land“ billiger, weniger feinstaubbelastet usw., wer will das ausrechnen? Kann man gar nicht, so ist es eben.
    Knapp 1000 Kilometer im Monat sind dagegen eine ganz andere Baustelle, da würde keiner von schnorren reden, das haut ja richtig rein!

    Molly L.

    27. Januar 2015 at 13:28

  5. Der Medizynicus ist also genauso ein ehrlicher Abzocker wie die Gewinnversprecher, erst Vorleistung dann Kohle. Ich bin büdder enttäuscht.

    Tobi-Opi

    27. Januar 2015 at 15:37

  6. @Medizynicus: Gebe gerne zu, dass ich bei meiner Steuererklärung auch sämtliche Fahrten mit einem Taxi oder den öffentlichen Verkehrsmitteln, die einen beruflichen Bezug haben, geltend mache. Beispielsweise zahlt meine Firma bei Fortbildungen nur die Fortbildung und die Übernachtung, aber nicht die dazu notwendige Anreise (das können mal durchaus 300 km Entfernung sein, die ich spätabends mit der Bahn zurücklege (das sind grob 50 Euro jeweils hin- und zurück); vom Bahnhof braucht man bei der Ankunft manchmal wirklich noch ein Taxi, um das Hotel zu erreichen).

    Die Frage einer Nichte eines Patienten an Dich finde ich nicht unbedingt verkehrt. Manche Fahrten mit einem Taxi wegen einer Erkrankung werden von der Krankenkasse übernommen. Und Benzinkosten für die prsönliche Abholung sind für die Kasse deutlich günstiger als eine Abholung durch das Taxi (zumal die Nichte auch noch Zeit investiert, die ihr von der Kasse sicherlich nicht entgolten wird).
    Schade finde ich eher, dass ein Arzt für das Ausstellen einer derartigen Bescheinigung noch Geld abrechnen möchte, auch wenn es nur 5 Euro sind („Der Maskierte“ erwähnt 25 Euro: Das fände ich jetzt echt unverschämt). Das ist ein Standardsatz, der im Rechner gespeichert ist, gepaart mit einer Unterschrift; Zeitaufwand sind 3 Minuten.

    Als Apotheker (wenngleich Industrie) von mir folgender Satz: Gerade von der AOK, aber auch allen anderen Krankenkassen, werden so viele Dinge nicht mehr gezahlt, die medizinisch einen Sinn ergeben, dass ich es für völlig legitim halte, zumindest mal bei der Kasse nachzufragen, ob einem die Benzinkosten erstattet werden. Als „schnorren“ würde ich das nicht bezeichnen.

    Die Dame wird deswegen so schnell weg gewesen sein, da der Antrag bei der Kasse eh wenig Erfolg haben wird, so dass sich die Zahlung weiterer 5 Euro nicht lohnen wird. Ich verdiene als Industrieapotheker so viel, dass ich mir den Antrag selbst auch schenken würde und ich nehme an, dass es Dir als Arzt finanziell ebenso geht. Ich weiß jetzt aber nicht, wie die finanzielle Situation bei den Schrumpelköters so aussieht.

    McCloud

    31. Januar 2015 at 22:11

  7. LiebeR McCloud,
    danke für Deinen ausführlichen Kommentar.
    Ich habe ja nichts dagegen, dass sich die Nichte Schrumpelköter das Geld von der Krankenkasse zurückholt.
    Nur: Warum soll ICH ihr dabei helfen?
    Okay, vielleicht tu ich das ja, wenn man mich freundlich darum bittet und ich gerade Zeit habe… aber das von mir einzufordern, finde ich schon ein starkes Stück.
    Überspitzt ausgedrückt: Warum soll ich unbezahlte Überstunden dafür machen, dass irgendwer irgendwo ein bisschen extra Geld rausschlägt?
    Es sind nämlich nicht mal eben dreißig Sekunden…. ich muss da einen Text aufsetzen, die Sekretärin muss den tippen, dann muss ich ihn unterschreiben…. da geht locker mal eine viertel bis halbe Stunde bei drauf, und diese Anfragen werden einfach immer häufiger.

    medizynicus

    31. Januar 2015 at 22:34

  8. nur so nebenbei…..wäre die zuständige Stelle fürs Ausstellen der Bescheinigung nicht da gewesen, wo sie ihn abgeholt hat? Die haben doch am ehesten seinen Zustand erfasst?

    sonst: Aufwand ist Aufwand und muß auch bezahlt werden.

    Sowohl bei der Nichte als auch beim Arzt….das hat sie wohl nicht gesehen….

    Aber ich muß auch MCCloud ein bisschen Recht geben – so ein Standard-Brief mit Leerzeichen ist im Rechner schnell mal erfasst und läßt sich dann im Akutfall mit Hand innerhalb 5 Min ausfüllen.

    Dafür find ich dann aber auch 5 Euro als Gebühr richtig!

    stuttgarterapothekerin

    1. Februar 2015 at 13:28

  9. @medizynicus: Mir ging es in erster Linie darum, dass ich den Begriff „Schnorren“ als falsche Bezeichnung empfinde. Es ist legitim, dass sich Nichte Schrumpelköter das Geld von der Kasse wiederholt, falls dieses Abholen bezahlt wird.

    Was die 5 Euro betrifft: Herr Schrumpelköter hat ja durch seinen stationären Krankenhausaufenthalt über seine Kasse schon mehrere 100 Euro im Krankenhaus gelassen. Die Bescheinigung für die Krankenkasse sehe ich daher ähnlich wie eine Art Quittung bei einer Taxifahrt. Ich stelle mir hier die Frage, ob man dafür jetzt unbedingt noch zusätzliches Geld verlangen muss.
    Exakterweise kannst Du der Nichte auch nur bescheinigen, dass eine Fahrt im Krankenwagen notwendig gewesen wäre (weil Schrumpelköter aufgrund seines Zustands nicht selbst fahren konnte) und nicht zusätzlich, dass die Nichte ihn abgeholt hat (da warst Du ja nicht dabei). Irgendwie halte ich das mit den bezahlten Gebühren für die stationäre Behandlung für abgegolten.
    Du kennst die Bürokratie: Ohne Beleg geht nichts.

    Um mal auf den Vergleich mit der Fortbildung zurückzukommen: Wenn ich eine Fortbildung für mehrere 100 Euro besucht habe, würde es mich auch ärgern, wenn die jetzt für das Zertifikat (den Nachweis dieser Fortbildung) noch Geld verlangen würden, auch wenn es nur 5 Euro sind.

    Anders würde die Sache natürlich aussehen, wäre Schrumpelköter nicht stationär gewesen und hätte einfach nur ein Attest benötigt (wie das z.B. bei der Ausstellung eines Attests für die Erteilung einer Approbatin der Fall ist). Da kann man dann ruhig die 25 Euro voll verlangen.

    Wo ich Dir aber uneingeschränkt Recht gebe: Der Ton macht die Musik. Wer in einem unmöglichen Tonfall anfragt, braucht sich nicht wundern, wenn er damit keinen Erfolg hat.

    McCloud

    2. Februar 2015 at 07:46

  10. ergänzend: Ich bin mir nicht sicher, ob die An- und Abfahrt in ein Krankenhaus für eine stationäre Behandlung nicht sowieso von der Kasse bezahlt wird – unabhängig von der Diagnose. Falls dies der Fall ist, sollte der Kundin eine Bescheinigung ausreichen a la „Hiermit bestätigen wir, dass Herr Schrumpelköter vom XX.XX:2014 bis XX.XX.2014 bei uns in stationärer Behandlung war“.

    Für diese Art der Bescheinigung bist Du als Arzt aber der verkehrte Ansprechpartner, das läuft über die Verwaltung. Dort muss sie aber kostenfrei sein – ähnlich wie eine Rechnung/Quittung (dafür darf man auch kein Geld verlangen).

    McCloud

    2. Februar 2015 at 07:57


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