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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Die traurige und gar schauerliche Geschichte des Phineas Gage

with 4 comments

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als Jules Verne und Edgar Allen Poe noch unter uns weilten und es fernen Amerika noch Cowboys und Indianer gab und das Feuerross sich anschickte, das Land zu erobern.
Damals also, zu jener Zeit, da begab es sich, dass….
Also.
Zeitsprung.
Wir schreiben den 13 September 1848.
Der fünfundzwanzigjährige Phineas Gage ist Vorarbeiter auf einer Eisenbahn-Baustelle. Gerade bereitet er eine Sprengung vor: Ins Bohrloch wird Schießpulver gefüllt, dann kommt eigentlich Sand darauf, welcher mit einer schweren Eisenstange festgeklopft wird. Doch der junge Mann vergisst den Sand und schlägt direkt auf das Pulver. Dieses explodiert und die Eisenstange schießt durch die Luft – trifft den jungen Vorarbeiter unterhalb des linken Auges, durchquert den Schädel und tritt am Hinterkopf wieder aus.
Man kann sich vorstellen, was da jetzt los ist im Lager der Bauarbeiter: Entsetzte Gesichter, Schrecken, Schockstarre, das ganze Programm.
Aber Phineas Gage ist nicht tot.
Wie ein wahrer Westernheld steht er auf und fährt mit dem Ochsenkarren zum Doktor.
„Hier gibt es ordentlich was zu tun für Sie!“, soll er gesagt haben.
Phineas Gage überlebt.
Zwar ist er von nun an auf dem linken Auge blind, aber er lebt.
Und doch ist es nicht mehr wie zuvor:
Phineas Gage ist ein anderer Mensch geworden.
War er zuvor ein zuverlässiger Vorarbeiter, so ist er von nun an unfähig, sein Leben zu organisieren: Er zieht unstet umher und wechselt ständig seinen Job. Er sei ungeduldig, leicht erregbar und vulgär, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht seines Arztes John Martyn Harlow.
Phineas Gage wird zum sozialen Außenseiter. 12 Jahre nach seinem Unfall stirbt er – vermutlich an einem epileptischem Anfall.
Der junge Mann mit seinem ungewöhnlichen – und letztendlich tragischen – Schicksal schrieb Geschichte.
Die genanten Wesensveränderungen beschreiben ziemlich genau das, was man heute als „Frontalhirnsyndrom“ bezeichnet, also eine Schädigung des vordern, ummittelbar hinter der Stirn gelegenen Gehirn-Anteils.
Wohl zum ersten Mal wurde hier beschrieben, dass die Schädigung bestimmter Gehirnregionen das Wesen und die Persönlichkeit eines Menschen beieinträchtigen kann.

Heute lernt das jeder Medizinstudent im ersten oder zweiten Studienjahr.

Weiterlesen:

Written by medizynicus

8. März 2016 um 19:44

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

4 Antworten

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  1. Er ist halt ein guter, der moralische präfrontale…

    Alice Wunder

    8. März 2016 at 21:11

  2. Bääh! Und jetzt bitte als Ausgleich die Geschichte eines medizinischen Wunders, wenn ich bitten dürfte!

    Molly L.

    8. März 2016 at 22:42

  3. Nicht nur ein Klassiker im Medizinstudium, sondern auch gerne in Biologie und Psychologie zitiert. Ich empfehle auch mal den englischen Artikel bei Wikipedia zu lesen, der sehr schön zeigt wie sich der Fall entwickelt hat.

    schwer-verstaendlich

    9. März 2016 at 08:08

  4. Uh,
    klingt ja ein wenig grausam und doch interessant.

    ednong

    10. März 2016 at 22:26


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