Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Mit Fünfundneunzig in den OP?

with 6 comments

Schwester Paula schüttelt den Kopf.
„Die spinnen doch, die Chirurgen!“
„Warum?“
„Die haben die Frau Schumpeter operiert! Das ist doch Leichenfledderei!“
„Frau Schumpeter ist keine Leiche!“, gibt Kalle zurück und wirft ihr einen strafenden Blick zu.
Frau Schumpeter ist gesegnete fünfundneunzig Jahre alt und quicklebendig. Also so lebendig, wie man mit fünfundneunzig noch sein kann. Ein bisschen dement ist sie schon, also ein bisschen viel dement, man könnte auch sagen stockdement, aber es geht ihr offenbar ganz gut damit, abgesehen von ihren Gallensteinen.
Die Gallensteine hatten wir mehr oder weniger zufällig beim Ultraschall gefunden, und irgendein Spaßvogel hat unsere Patientin dann den Chirurgen vorgestellt.
Jetzt hat sie keine Gallensteine mehr. Und auch keine Gallenblase.
„Warum hat man sie operiert?“, fragt Schwester Paula.
„Na, weil sie Gallensteine hatte!“
„Hatte sie irgendwelche Beschwerden?“
„Gesagt hat sie nichts… aber wer weiß, vielleicht hatte sie ja Koliken und konnte sich bloß aufgrund ihrer Demenz nicht mehr äußern?“
„Aber muss man ihr in dem Alter noch eine Operation zumuten?“
„Warum nicht, wenn es ihr nutzt?“
„Mit fünfundneunzig ist so eine Operation doch mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden!“
„Na, Herz und Kreislauf sind noch erstaunlich gut bei ihr, und so eine Gallen-OP ist doch heutzutage wirklich keine große Sache mehr…. warum sollte man ihr das verweigern?“
„Weil irgendwann auch irgendwo mal Schluss sein muss!“, sagt Schwester Paula und verlässt kopfschüttelnd den Raum.

Written by medizynicus

10. Juli 2016 um 05:25

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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6 Antworten

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  1. Das sehe ich genau wie Schwester Paula. Das ewige Leben kann man nicht herbeioperieren und nur weil Dinge machbar sind, muss man sie ja nicht alle ausführen.
    Schwieriges Thema

    sweetkoffie

    10. Juli 2016 at 07:48

  2. Ja, schwieriges Thema, da hat sweetkoffie recht. Aber 95 ist nun mal auch nicht zwingend das Ende des Lebens, Menschen können noch ein ganzes Stück älter werden. Ist es richtig, zu sagen, eine Operation lohnt sich nicht mehr, weil der Mensch ist ja schon so alt? Was ist, wenn die gute Frau noch 10 Jahre weiterlebt und tatsächlich Koliken hatte? Wer entscheidet denn, ab wann man zu alt ist, als dass es sich noch lohnt? Man könnte auch sagen, ab Eintritt in die Rente haben Leute keine medizinische Hilfe mehr verdient, weil das kostet nur und ein Mehrwert entsteht nicht mehr daraus. Außer natürlich für den Menschen selbst, aber der ist ja schon zu alt und würde nur noch mehr Kosten verursachen…
    Sicher, es gibt den Punkt, ab wann man es gut sein lassen sollte, zum Beispiel bei lebensverlängernden Maßnahmen kann der kommen. Aber eine Gallenstein-OP verlängert das Leben nicht, sie macht es vielleicht besser. Und der Begriff Leichenfledderei ist völlig unangebracht, da er impliziert, dass die Frau doch eh mit einem Bein im Grab steht und jeder Versuch ihr zu helfen, falsch sei. In dem Beispiel mag die liebe Schwester Paula das als Mitgefühl empfinden, aber tatsächlich ist es nur zynisch.
    Aber andererseits, vielleicht hatte die alte Dame auch einfach eine gute Krankenversicherung und die Chirurgen brauchten noch etwas Geld. Ja, tatsächlich sehr schwierig.

    Eva

    10. Juli 2016 at 08:43

  3. das beispielist vielleicht etwas extrem gewählt und dürfte in dieser Form ausgesprochen selten vorkommen: Keine dringende OP-Indikation und keine objektivierbaren Beschwerden. Da wäre man auch bei einem 40 jährigen Patienten, sofern gesetzlich versichert sicher nicht so schnell bei der Sache. Und Schmerzen können auch hochgradig Demente noch äußern, muss man nur genau beobachten.

    Ansonsten: mit 95 in den OP ist heute zwar noch immer mit einem erhöhten Risiko verbunden, die Aussichten eine OP auch in dem Alter, selbst bei eingeschränktem Allgemeinzustand gut zu überstehen, sind hervorragend wie nie.

    In der eigenen Verwandschaft wurde einer greisen Dame mit 90 nach einem Oberschenkelhalsbruch noch ein neues Hüftgelenk verpasst, und sie ist im Rahmen ihrer sonstigen komorbiden Möglichkeiten wieder mobil. Ein Verzicht auf die OP hätte weitestgehende Immobilisierung im Bett bedeutet,was sie sicher nicht mehr lange überlebt hätte. Da kommt irgendwann die Lungenentzündung bei schlechtem Allgemeinzustand, und das war’s dann nach einer zuvor überschaubaren aber von miseralbler Lebensqualität geprägten Bettlägerigkeit.

    Solange die Chancen, dass jemand mit höherer Wahrscheinlichkeit lebend vom OP-Tisch kommt als in kurz absehbarer Zeit an der OP-Indikation zu versterben oder mit einer miserablen Lebensqualität zu rechnen hat, sehe ich keine Notwendigkeit von einer OP abzuraten oder sie, wie in manchen Fällen in GB gar zu verweigern.

    Bei meiner eigenen Mutter wurden die kaputten und schmerzenden Hüftgelenke nicht mehr ersetzt, weil sie so viele Komorbiditäten hatte, dass das OP-Risiko wirklich extrem hoch war. Allerdings war sie trotz der behandelbaren Schmerzen noch mobil. Bei einem akuten Bedarf nach einem Sturz mit Bruch hätte man es vermutlich aber doch gemacht und ich hätte keine Bedenken gehabt ihr zuzuraten.

    Karl

    10. Juli 2016 at 10:14

  4. Ob die Frage so gestellt würde, wenn keine Demenz-Diagnose gestellt wurde?
    Ich vermute, dann würde man eher über Altersdiskriminierung reden.

    Noga

    10. Juli 2016 at 11:54

  5. Kalle mag recht haben, dass die Demenz klare Äußerungen wie mir tut x oder y weh verhindert. Aber vermutlich alle, die schonmal real mit hochdementen zu tun hatten, werden wohl bestätigen können, dass die sehrwohl schon noch durch Verhalten zeigen können „hier passt was nicht“. Das „was“ ist dann zugegeben schwerer zu ermitteln als bei vollrorientierten, die auf Fragen noch sinnvoll antworten können.

    Olli

    10. Juli 2016 at 13:47

  6. Ich find das Thema sehr schwierig, weil ich mich in beide „Lager“ hineindenken kann und einerseits sehr gegen den Gedanken, dass ein Krankenhaus Wirtschaftlichkeit als Entscheidungsgrundlage nimmt, bin, andererseits aber auch finde, dass man jemanden, der (höchstwahrscheinlich) beschwerdefrei ist, nicht unbedingt operieren sollte, wenn die OP die Situation für den Patienten nicht verbessert.
    Argh. Ergibt das Sinn, kann man verstehen, was ich meine?

    Wenn die Patientin (auch nur wahrscheinlich) Schmerzen hätte oder ihr durch die OP ein paar Wochen oder Monate mehr gegeben wären, oder sich ihre Lebensqualität dadurch verbessert hätte, dann bitte.

    Zu dem konkreten Beispiel ist meine Meinung genau so, nämlich ambivalent. Ich kann die Situation nicht einschätzen und deswegen nicht klar sagen, auf welcher seite ich stehe.

    „Irgendwann muss es ja mal vorbei sein“ finde ich als Argument nicht ausreichend, auch wenn es natürlich irgendwann mal vorbei sein muss und man nicht jede lebensverlängernde OP durchführen muss, nur weil man es heutzutage kann, ohne Rücksicht darauf, ob man vielleicht einfach nur das Leiden verlängert und dem Patienten mit jeder weiteren OP mehr Lebensqualität nimmt. Das kann man (weder in die eine noch in die andere Richtung) über den Patienten hinweg entscheiden, da muss gut und umfangreich beraten werden und die Konsequenzen jeder Entscheidung deutlich gemacht werden.

    Hermione

    11. August 2016 at 03:47


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