Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Endlich Zeit

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Endlich Feierabend. Endlich umgezogen. Endlich Tasche gepackt und im Lauschritt los zum Bahnhof. Bin knapp dran. Wie immer am Freitag Nachmittag, das mit dem delegieren muss ich noch lernen. Die Sonne knallt vom Himmel, der Bahnhof rückt ins Blickfeld. Noch schnell ein Ticket gezogen, dann Sprint zum Bahnsteig. Da steht schon ein Zug. Ein gutes Zeichen? Laut Fahrplan hätte ich doch noch zwei Minuten…. auf dem anderen Bahnsteig steht noch ein Zug. Moment mal, da stimmt doch irgendwas nicht! Ich drücke den Türdrücker. Eine Wolke aus Schweißdunst und schlechter Laune wabert mir entgegen. Leute stehen dicht an dicht, dazwischen Fahrräder und Kinderwagen. Kinderwagenmuttis bemühen sich, ihre quängelnde Brut bei Laune zu halten.
„Wie lange stehen Sie hier schon?“, frage ich fröhlich in die Runde.
„Anderthalb Stunden!“, kommt es zurück.
„Sowas hab ich in fünfzig Jahren nicht erlebt!“, meint ein Anderer.
Mein Gehirn schaltet um auf Alarmbereitschaft.
Blick auf die Anzeigetafel: Keine Verspätung angezeigt. Dieser Zug müsste in einer Minute losfahren.
„Hat jemand was gehört, ob und wann es weitergeht?“
„Im Internet steht nur: Verzögerung auf unbestimmte Zeit!“, sagt ein vielleicht sechzehnjähriger Jüngling.
Die Intuition sagt mir, dass es zwecklos ist, hier einzusteigen. Besser, die Sachlage vom Bahnhof aus zu erkunden!
Gibt’s hier irgendwo einen Schaffner – äh, Verzeihung, Zugbegleiter? Natürlich nicht. Und der Lokführer? Vermutlich auf dem Klo. Gibt’s auf Lokomotiven Klos? Egal, jedenfalls hat er sich gut versteckt.
Aus der Ferne schraddelt ein weiterer Zug heran. Aha, das wäre der, der jetzt abfahren sollte! Zug schraddelt aus, Bremsen quietschen, Lautsprecher plärrt: „Bitte nicht einsteigen, diese Zugfahrt endet hier!“
Aha. Schon klar, hier stimmt was nicht! Also mache ich mich auf den Weg zum Fahrkartenschalter… äh, Reisezentrum. Das ist angenehm kühl klimatisiert. Zwei uniformierte Damen starren angestrengt ins Leere.
„Entschuldigung?“
„Ja?“
„Der Zug da draußen…“
„Fährt nicht!“
„Äh, ja. Also, wie komme ich dann nach…“
„Weiß ich nicht!“
„Also, ich meine, wann…“
„Keine Ahnung!“
„Schon verstanden, aber könnten Sie mir netterweise…“
„Nein!“
„Richtig. Also, jetzt mal angenommen, es gäbe irgendwo auf der Welt einen Menschen, der mehr weiß als Sie…“
„Nicht möglich!“
Inzwischen hat sich hinter mir eine lange Schlange gebildet. Zu den gestrandeten Insassen des frisch hier aufgehörten Zuges gesellen sich mehr und mehr Reisende aus dem Zug, der schon eine Stunde hier herumsteht. Ich trete zur Seite und überlasse den anderen die Show.
„Wir wollen…!“
„Geht nicht!“
„…Bus! Taxi! Mietwagen! Irgendwas….“
„Nein!“
„…Frechheit, Sauerei, verdammt nochmal!“
Ich räume das Feld. Wahre Klugheit besteht darin, das Unumgängliche zu akzeptieren. Hier in Bad Dingenskirchen ist’s ja auch schön. Erst mal Kaffee trinken, Eis essen und dann die Wochenendpläne stornieren.
Beim Herausgehen fällt mein Blick auf eine kleine rote Broschüre:
„Endlich Zeit“, steht auf dem Titel.
Es geht um „Kurzgeschichten rund um die Bahn“.
War wohl ein Schreibwettbewerb. Wäre diese Geschichte letztes Jahr passiert, hätte ich sie einsenden können. Gewonnen hätte ich wohl  mit Sicherheit nicht.

Written by medizynicus

27. August 2016 um 17:52

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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