Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Mit der Pferdekutsche zum Arzt

with one comment

Kleines Gedankenexperiment:
Es ist ein ganz normaler Montagmorgen, wir befinden uns in irgendeiner belebten Innenstadt. Vor unseren Augen klappt ein Passant plötzlich zusammen, röchelt kurz und dann liegt er da…
Was macht man? Gut aufgepasst beim letzten Erste-Hilfe Training? A-B-C und so weiter, rasch mit der Reanimation beginnen, und… natürlich Notruf absetzen. Wie gut, dass heutzutage fast jeder ein Handy dabei hat. Also, wir haben angerufen, alles korrekt durchgegeben, reanimieren fleissig weiter und… weiter… und weiter… und weiter.
Inzwischen werden wir ungeduldig. Wo bleibt denn der Rettungsdienst? Reanimieren ist bekanntlich verdammt anstrengend, bald wird uns die Puste ausgehen und dann…. nach einer geschlagenen halben Stunde zockelt endlich eine rotweiße Pferdekutsche mit Blaulicht auf dem Kutschbock heran.
Was für ein Blödsinn!
Richtig. Ist ja auch zum Glück nur ein Gedankenexperiment.
Pferdekutschen sind verdammt langsam und – zumindest für den notfallmäßigen Krankentransport – definitiv nicht mehr zeitgemäß, weil es schnellere Alternativen gibt. Eine Email ist ja auch deutlich rascher beim Empfänger als ein Brief, der vom Landpostillon zugestellt wurde.
Interessant ist allerdings, dass bei Arztbriefen und anderen medizinischen Dokumenten wie z.B. CD’s mit Röntgenbildern (die alten Filme haben ja zum Glück inzwischen fast überall ausgedient) auch heutzutage noch auf den Landpostillon vertraut. Zwar wird heutzutage Vieles per Fax erledigt, aber oft genug erinnert die Kommunikation doch sehr an die sprichwörtliche „Stille Post“, die Flüsterkommunikation von Ohr zu Ohr, bei der am Ende etwas ganz Anderes herauskommt als das, was anfangs beabsichtigt war: Wird ein Patient stationär aufgenommen, dann verbringt man viel Zeit damit, herauszufinden, welche Medikamente er nimmt. Im besten Fall hat er eine vom Hausarzt ausgedruckte Liste dabei, manchmal aber auch nur eine Plastiktüte voller Pillenschachteln, oder noch nicht einmal das.
Der Aufnahmearzt schreibt dann alles per Hand in den Aufnahmebogen, welcher dann – ebenfalls per Hand – auf den Anordnungsbogen kopiert und von den Pflegekräften in das Krankenblatt (die „Kurve“) übertragen wird… und vor Entlassung das selbe Spiel: die Liste aus dem Krankenblatt wird abgelesen und in den Arztbrief diktiert, welcher von einer Sekretärin ausgedruckt und dann von drei Ärzten gegen gelesen wird…
viel langsamer ist die Postkutsche wirklich nicht!

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Written by medizynicus

4. Februar 2018 um 18:57

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Antwort

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  1. […] Patientenkonto verknüpft sind. Und auch Ärzte hätten Sie sicher schnell an Bord, wie man diesem aktuellen Beitrag des Medizynicus entnehmen kann […]


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