Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Grippewelle

with one comment

Ja, Herr Strunzbichler, ich bin der behandelnde Arzt Ihrer Mutter!
Nein, eigentlich habe ich keine Zeit, Sie sehen doch, dass hier gerade Landunter ist, aber wenn es Ihnen wichtig ist, nehme ich mir natürlich Zeit für Sie.
Sie haben völlig Recht, Ihre Mutter liegt immer noch auf dem Flur. Wobei wir allerdings klarstellen müssen: Ihre Mutter liegt keineswegs auf dem Boden, sondern sie liegt in einem Bett, und dieses Bett steht derzeit noch auf dem Flur und wird demnächst in ein Patientenzimmer geschoben.
Wann das geschieht? Genau dann, wenn eine Pflegekraft Zeit dazu findet. Nein, vermutlich nicht innerhalb der nächsten zwei Minuten. Auch nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten. Ja, es ist gut möglich, dass es noch eine Stunde dauert, weil das Zimmer erst noch gereinigt werden muss. Sie wollen doch, dass Ihre Mutter in einem sauberen Zimmer liegen soll, nicht wahr?
Nein, sie bekommt kein Einzelzimmer. Ja, das Zimmer ist mit vier Leuten belegt, obwohl eigentlich nur drei hineinpassen und auch das schon viel zu eng ist.
Richtig, das ist nicht schön. Weder für Ihre Mutter, noch für die anderen Zimmernachbarn.
Nein, wir können die anderen drei Zimmernachbarn nicht anderswohin schieben, und schon gar nicht auf den Flur.
Nein, ich wusste nicht, dass Ihre Mutter Privatpatientin ist, aber jetzt weiß ich es und bin genau so nett zu ihr wie zu allen anderen Patienten auch.
Nein, ich wusste auch nicht, dass ihr Schwager ein guter Freund von Herrn Großkopfert ist, der regelmäßig mit unserem Landrat golfen geht, aber ich finde, dass diese Information nichts zur Sache tut.
Ja, ich finde auch, dass die Zustände in diesem Haus absolut furchtbar sind, was vielleicht daran liegen könnte dass wir doppelt so viele Patienten haben wie üblich und nur halb so viele Mitarbeiter, und Sie können sich gerne darüber beschweren, gerne auch beim Landrat persönlich, da brauchen Sie gar nicht erst Ihren Schwager oder den Herrn Großkopfert vorzuschieben, und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie gesund bleiben, und falls nicht, sind auch Sie bei uns jederzeit herzlich willkommen, auch nachts um drei, allerdings könnte es sein, dass auch Sie eine Stunde auf dem Flur verbringen müssen, bevor die letzte gesunde Pflegekraft Sie in ein überbelegtes Vierbettzimmer bringt.

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Written by medizynicus

17. März 2018 um 14:38

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Antwort

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  1. Ach die Grippewelle dieses Jahr dauert auch in der Schweiz ewig.
    Bei uns im riesigen Bürogebäude mit mehr als 2000 Mitarbeitern, grassiert sie zum Glück nicht, aber dafür wieder Magen Darm Noro Grippe, die grassierte letztes Jahr 6 Monate und steckte die Kollegen mehrfach an, der Scheiss Virus wandelt sich so schnell. Ich blieb bisher verschont, aber irgendwann erwischt es jeden 😏

    anneinsideoffice

    17. März 2018 at 16:34


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