Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Recht auf Abzocke

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„Sie müssen was tun!‟, schallt es flehentlich aus dem Telefon.
Ja, mit wem spreche ich denn überhaupt?
„Binswanger hier, meine Mutter liegt gerade auf Ihrer Station und das geht so nicht weiter, Herr Doktor, da müssen Sie unbedingt was tun!‟
Und was genau soll ich tun?
„Ja, das muss aufhören, Herr Doktor, unbedingt! Machen Sie Ihren Einfluss geltend. Sagen Sie ihr, dass damit Schluss sein muss, unbedingt, sofort, oder es passiert noch eine Katastrophe, wenn es nicht schon zu spät ist, aber Herr Doktor, Sie sind doch Arzt, Sie haben doch bestimmt Möglichkeiten….‟
Okay, okay, okay, jetzt mal ganz langsam! Frau Binswanger senior ist gerade dabei, sich von einer schweren Lungenentzündung zu erholen, und im Grunde geht es ihr gar nicht mal so schlecht. In ein paar Tagen wollen wir sie entlassen. Unsere Sozialdienst-Dame ist noch dabei, herauszufinden, ob sie zu Hause noch irgendwelche Hilfen braucht, und wenn sie damit fertig ist, mit dem Herausfinden, dann wird Frau Binswanger wieder in ihr kleines Häuschen am Stadtrand zurückkehren.
Also, wo ist das Problem?
„Ja, da muss ich wohl ein bisschen ausholen, Herr Doktor, ich hoffe, Sie haben ein paar Minuten Zeit?‟
Nein, eigentlich nicht. In fünf Minuten fängt die Röntgenbesprechung an. Die ist zwar strunzlangweilig und mir fallen da regelmäßig die Augen zu, aber schwänzen ist trotzdem nicht, es sei, denn man hat einen sehr guten Grund, zum Beispiel den furchtbar wichtigen Anruf einer aufgebrachten Angehörigen. Also, schießen Sie los!
Räuspern am anderen Ende der Leitung.
„Vor zwei Jahren hat es angefangen, Herr Doktor. Da hat meine Mutter auf so eine Anzeige geantwortet. So eine Anzeige in einem von den Klatschblättern, wo sie einem das Blaue vom Himmel versprechen. Jedenfalls hat dann so eine Wahrsagerin geantwortet. Die hat gleich am nächsten Tag angerufen und sich dann immer wieder gemeldet. Meine Mutter hat sich gefreut, sie hat ja sonst niemanden, mit dem sie reden kann. Naja, und dann hat die Wahrsagerin natürlich Geld haben wollen, also natürlich nicht so direkt, sie hat das ganz geschickt angestellt, ihr ständig Briefe geschickt und wertlose Geschenke, angebliche Wunder-Kristalle und so…. wir haben das ja sofort durchschaut, aber unsere Mutter war da einfach viel zu gutmütig!‟
Haben Sie nicht mit ihr reden können?
„Natrürlich habe ich ihr das erklärt. Und mein Bruder auch. Wir haben uns den Mund fusselig geredet. Aber wissen Sie, Herr Doktor, wir sind ja beide über dreihundert Kilometer weit weg und sehen unsere Mutter nur wenige Male im Jahr, da geht das nicht so einfach!‟
Ja, und was soll ich jetzt tun?
„Machen Sie Ihren Einfluss geltend! Als Doktor haben Sie doch Autorität. Und können Sie nicht einen Psychiater dazu ziehen? Sowas ist doch nicht normal, oder was meinen Sie, Herr Doktor?‟
Frau Binswanger ist zwar über achtzig, aber geistig voll auf der Höhe. Die braucht ganz bestimt keinen Psychiater… kann es sein, dass sie einfach einsam ist?
„Natürlich, Herr Doktor, sie hat ja sonst niemanden mehr…. aber muss sie deshalb ihr ganzes Vermögen mit so einer Wahrsagerin durchbringen?‟
Es gibt zugegebenermaßen spannendere Wege, sein Geld auszugeben.
Aber erstens muss ich jetzt wirklich zur Röntgenbesprechung und zweitens…. im Rheinland würde man sagen: jeder Jeck ist anders!

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Written by medizynicus

31. Januar 2019 um 05:15

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Antwort

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  1. Wie traurig und verständnislos von der Tochter. Ihre Mutter ist einsam! Gesellschaft zu haben ist ein Grundbedürfnis, so wichtig, dass es sich anscheinend für sie lohnt, viel Geld dafür auszugeben. Was soll sie denn sonst mit dem Geld in der kurzen verbleibenden Lebenszeit machen, es fressen? Nein, sie wendet es auf, um grundlegende menschliche Bedürfnisse zu stillen – verständlich.
    Hat die Tochter denn Angst um ihr Erbe? Statt medizynicus einzuspannen sollte sie doch lieber schauen, dass ihre Mutter weniger einsam ist. Alters-WG, Mutter in die Nähe holen, Freizeitaktivitäten organisieren, Verein suchen …
    Solche Kurzsichtigkeit auf’s Geld macht mich sprachlos. Schaut doch mal ’n bisschen dahinter, schaut eure Mitmenschen mal richtig an.

    AK

    2. Februar 2019 at 12:59


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