Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Arztkarrieren: die Beta-Player

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Also, liebe Kollegen,
nehmt Euch einen Kaffee, setzt Euch und macht es euch gemütlich. Ein paar Kekse sind auch noch da, aber den Streuselkuchen, von dem würde ich die Finger lassen, den hat nämlich die Schwiegertochter von Herrn Chromsky gebacken, da wäre ich vorsichtig!
Ja, herzlich Willkommen hier in Bad Dingenskirchen!
Wie das so funktioniert und was man so macht als Stationsarzt, das wisst Ihr ja und wenn Ihr es nicht wisst, dann könnt Ihr es auf meinem Blog nachlesen, da habe ich ja inzwischen eine Menge drüber geschrieben, oder?
Was ich Euch heute erzählen möchte ist: Wie es denn weitergeht.
Ja, Leute, Ihr wollt doch nicht Euer Leben lang Stationsarzt bleiben, oder?
Früher war es ganz einfach: Da hat man sechs Jahre als Assistenzarzt gearbeitet, dann war man sieben, acht Jahre lang Oberarzt und dann wurde man Chef. Wenn’s denn stimmt, was die alten Knacker sagen, die inzwischen im besten kardiologischen Patientenalter sind. Aber damals wurde schließlich nicht jeder Chef. Und auch nicht jeder Assistent wurde automatisch Oberarzt. Nee, das war weder damals noch heute so!
Wenn man sich die ganze Sache genauer anschaut, dann braucht man nicht lange, um festzustellen, dass es deutlich weniger Chefs als Oberärzte gibt. Und deutlich weniger Oberärzte als Assistenzärzte…. und wenn man einmal nachrechnet, dann fragt man sich irgendwann mal unwillkürlich: was wird eigentlich aus den Anderen?
Nehmen wir mal an – ja, ich weiß schon, was jetzt kommt, und ja, ich werde auch darauf noch eingehen, aber nehmen wir mal an….. die zehn Prozent Besten eines jeden Studien-Absolventen-Jahrgangs werden irgendwann einmal Chefärzte oder Professoren (oder Beides). Dann gibt es Neunzig Prozent, die nicht zu den Besten gehören. Im Manager-Sprech nennt man solche Leute „Beta-Player“.
Auch die haben ihre Lebensberechtigung. Aber wo?
Ja, es gibt Oberärzte, die niemals Chefs werden. Und es gibt auch Stationsärzte, die niemals Oberärzte werden.
Ist das wirklich die Schlechteste aller Berufsperspektiven?
So, liebe Kollegen, jetzt trinkt Euren Kaffee mal schnell aus, wir müssen wieder an die Arbeit.
Denkt mal nach über das, was ich Euch gerade erzählt habe. Und wenn ihr mit dem Nachdenken fertig seid, dann rede ich weiter….

Written by medizynicus

20. November 2014 at 20:24

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Wie man als Arzt Karriere macht

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Ja, liebe Leute, ich weiß, Ihr wollt es wissen. Ihr wolltet es schon immer wissen, wie wir Ärzte das so hinkriegen, also das mit der Rolex am locker aus dem Fenster des vor einer Villa an der Costa Soundso geparkten Luxus-Cabrios baumelnden Handgelenks…. okay, okay, ich weiß schon, dass glaubt uns heute niemand mehr und diese Zeiten jemals gegeben hat, dann sind sie heutzutage endgültig vorbei. Aber für ein schnuckeliges Einfamilienhäuschen in guter Lage sollte es trotzdem ausreichen, das Gehalt, wenn man ein paar Jahre lang fleißig war und ein paar Ratschläge beherzigt hat.
Was für Ratschläge?
Genau die will ich Euch jetzt geben. Seid doch nicht so ungeduldig, liebe Leute! Ich schlage ja schon… äh, ich erzähle ja schon!
Also, Ratschlag Numero eins:
Seid zielstrebig. Haltet Augen und Ohren offen. Überlegt Euch früh genug, wo Ihr später einmal landen wollt…. Identifiziert Euer Ziel und haltet stetig darauf zu…..
….okay, okay, ich sehe schon, das brauche ich Euch nicht zu sagen, liebe Kolleginnen und Kollegen, Ihr seid ja längst viel zielstrebiger als die zwei, drei Generationen vor Euch, die seit Achtundsechzig hauptsächlich Kiffen, Saufen und Party im Kopf hatten, dafür habt Ihr heute gar keine Zeit mehr, denn Ihr müsst ja studieren, wollt ja vorwärts kommen und wenn Onkel Medizynicus Euch jetzt ein paar Tipps geben will, dann soll er sich gefälligst nicht lange mit dieser blöden Vorrede aufhalten sondern endlich auf den Punkt kommen!
Also, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wie Ihr Euch durchs Studium wuselt, das haben Andere Leute besser und ausführlicher beschrieben (zum Beispiel Saskia in ihrem Studienführer) und wie man sich eine Stelle sucht, dazu gibt’s auch genügend Tipps, z.B. im Blog von Arzt-an-Bord.
Fangen wir also da an, wo man gewöhnlich anfängt, nämlich am Anfang.
An Eurem ersten Arbeitstag.
Zum Beispiel im Krankenhaus Bad Dingenskirchen.
Da stehst Du also, im frisch gewaschenen und gebügelten weißen Kittel, das Stethoskop um den Hals und schaust noch ein bisschen dumm aus der Wäsche, bis Dich einer der etwas älteren Kollegen mal an die Hand nimmt, Dir eine Tasse Kaffee in die Hand drückt, ins Arztzimmer schiebt und die Tür schließt….

J… morgen geht’s weiter!

Written by medizynicus

18. November 2014 at 08:54

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Lass Dich Nieder!

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Gehe ich doch nichtsahnend durch die Fußgängerzone und…. strahlt mich da eine hübsche junge Frau an.
Okay, das tun hübsche junge Frauen öfters, vor allem wenn sie sich auf Plakaten an Litfasssäulen befinden… aber diese Frau… die war anders, die hatte nämlich weder Bikini noch ein knappes Kleidchen an sondern einen weißen Kittel plus Stethoskop – allgemein bekannt als Symbole meines Berufsstandes.
Na Hoppla, denk ich mir, was macht die Kollegin denn da auf der Plakatwand?
Reklame natürlich, was sonst!
Und wofür?
Für’s Arztsein natürlich. Genauer: Für’s Landarztsein. Nee, stimmt nicht, nicht nur für’s Landarztsein sondern für das Ambulante Arzt-Sein. Also: Studierende und junge Kollegen sollen dazu motiviert werden, sich in eigener Praxis nieder zu lassen.
…sowas kennen wir doch, oder? Gab’s da nicht vor ein paar Monaten schon mal etwas Ähnliches?
Was soll diese Aktion?
Dazu muss man wohl ein wenig ausholen:
Das deutsche Gesundheitssystem ist bekanntlich in zwei Teile gespalten, die einander in inniger Feindschaft gegenüberstehen.
Auf der einen Seite sind da Leute wie meine Kollegen und meine Wenigkeit, die ihren Dienst in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen versehen, also im stationären Sektor.
Wir arbeiten und knechten so vor uns hin…. Über uns thront der Chef und ganz oben die Verwaltungsdirektoren, die vom Landkreis, von Kirchen oder in zunehmendem Maße von privaten Firmen eingesetzt werden.
Draußen, vor unseren Türen, im ambulanten Sektor, da tobt das wahre Leben, da werkeln die niedergelassenen Kollegen in ihren Praxen, die sind ihre eigenen Chefs und sie lachen und strahlen und machen eine Menge Geld.
Geld, das wir – die Leute aus den Krankenhäusern – nicht kriegen. Und das Geld, das wir kriegen, das fehlt im ambulanten Sektor. Kurz und gut: beide Seiten konkurrieren um dasselbe Geld, und das kommt von den Krankenkassen oder genaugenommen von den Leuten, die dort ihre Beiträge zahlen.
Warum diese Konkurrenz so unversöhnlich ist?
Gute Frage! Aber das ist eine spezifisch deutsche Spezialität – anderswo ist es anders, wirklich, Ehrenwort, aber das erkläre ich Euch ein anderes Mal. Für heute halten wir fest: es ist nun einmal so.
Jetzt kann man sich vorstellen, dass es billiger ist, einem Menschen draußen in freier Wildbahn ein paar Pillen zu verschreiben und ihn von Papa, Mama, Oma, Opa, Tochter oder Enkelin gesund pflegen zu lassen als ihn für teures Geld im Krankenhaus zu behandeln.
Prima, denken sich diejenigen, die das Geld verwalten, also bauen wir in den Krankenhäusern Betten ab und stecken mehr Geld in den ambulanten Sektor.
Prima, denken sich die niedergelassenen Kollegen, jetzt werden wir alle reich, gönnen uns was Feines und drehen den Klinik-Knechten eine lange Nase.
Prima, denken sich den Klinik-Knechte, wir wollen uns auch was Feines gönnen und machen auch unsere eigenen Praxen auf.
Pustekuchen, sagen die Krankenkassen, genug ist genug und ab jetzt darf sich keiner mehr neu niederlassen. Genaugenommen sagen das nicht die Krankenkassen, sondern die kassenärztlichen Vereinigungen, aber das ist wieder ein anderes Thema.
Tatsache ist, dass man irgendwann einmal begonnen hat, das Sich-Niederlassen-in-eigener-Praxis deutlich schwieriger zu machen. Plötzlich – das ist so ungefähr zwanzig Jahre her – ging das nicht mehr so einfach.
Die Kollegen, welche sich vor zwanzig Jahren niedergelassen haben, nähern sich jetzt dem Rentenalter. Und auf einmal merkt man, dass der Nachwuchs ausbleibt.
Warum das so ist?
Nun, das ist eine laaaange Geschichte….

Written by medizynicus

17. November 2014 at 05:00

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Wer hat das erste Herz transplantiert? Eine sehr südafrikanische Geschichte – und was wir daraus lernen können

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Im Dezember 1967 wurde in Kapstadt einem 55jährigem Gemüsehändler das Herz einer jungen Frau implantiert, die kurz zuvor an einem Verkehrsunfall verstorben war. Der Chirurg Christiaan Barnard wurde schlagartig weltberühmt und er hat seinen Ruhm genossen: Er trat im Fernsehen auf, trieb sich auf den angenagtesten Jet-Set Partys herum, hatte Affären mit Starlets, ließ sich feiern, wurde vom Papst empfangen und gilt auch heute noch als zweitgrößter Volksheld Südafrikas, nach Nelson Mandela.
Aber kein Chirurg kann eine derartig komplizierte Operation alleine durchführen. Christiaan Barnard brauchte ein gutes Team.
Wer also hatte ihm geholfen?
Und gab es da nicht Gerüchte, dass Barnard an Rheumatoider Arthritis litt und dadurch in seiner manuellen Geschicklichkeit deutlich eingeschränkt war?
Es gibt Photos von Barnard’s Team, auf denen ganz im Hintergrund ein unauffälliger Mann zu sehen ist. Ein Mann mit schwarzer Hautfarbe. Fragte man den großen Chirurgen nach diesem Mann, so erhielt man ausweichende Antworten. Irgend so eine Putzhilfe, sei das.
Der unauffällige Schwarze Mann im Hintergrund hieß Hamilton Naki.
Offiziell war er als Gärtner angestellt.
Aber er war weder Gärtner noch Putzhilfe. Seine Mitarbeit in Barnards Transplantationsteam musste streng geheim bleiben, denn Menschen schwarzer Hautfarbe durften damals niemals, auf gar keinen Fall an der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit weißer Hautfarbe mitwirken. Das war damals so im Südafrika zur Zeit der Apartheid.
Hamilton Naki hatte seine Schullaufbahn mit vierzehn Jahren abbrechen müssen. Ehrgeizig und intelligent war er aus der Provinz nach Kapstadt getrampt und hatte sich einen Job gesucht. So war er schließlich im Krankenhaus gelandet. Im Tierversuchslabor hatte er seine Fingerfertigkeit und sein chirurgisches Geschick beweisen können, hatte für mehrere Wissenschaftler gearbeitet und war schließlich auch Christiaan Barnard aufgefallen, der ihn in sein Team aufgenommen hat.
Hamilton Naki behauptete, auch bei der ersten Herztransplantation nicht nur anwesend gewesen zu sein, sondern das Spenderherz präpariert und damit den technisch schwierigsten Teil der Operation übernommen zu haben. Das wird zwar inzwischen bezweifelt, aber Tatsache ist, dass Naki ein begnadeter Chirurg hätte werden können, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, Medizin studierten zu dürfen.
So aber hat er wohl nur an Versuchstieren operiert – hat hier aber neue Operationsmethoden entwickelt und Ärzte ausgebildet.
Kurz vor seinem Tod hat man ihm deshalb die Ehrendoktorwürde verliehen. Da war er aber längst im Ruhestand zurück in der tiefsten Provinz und lebte von einer Rente von ein paar hundert Dollar.

Was wir daraus lernen können?

Erstens: Medizin ist immer Teamwork. Auch Star-Chirurgen sind keine Einzelkämpfer
Zweitens: Ein Studium ist nicht Alles. Auch Leute ohne Schulabschluss können hochqualifizierte und unverzichtbare Arbeit leisten

Written by medizynicus

10. November 2014 at 05:40

Lauter gute Nachrichten

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Jetzt will ich es mal Molly nachtun und nach den doch sehr schwermütig-nachdenklich-vor-novemberigen Artikeln der letzen Tage etwas Schöneres schreiben. Immerhin ist ja heute noch goldener Oktober und der ist bei uns in Bad Dingenskirchen wirklich golden, also so mit Sonne, buntem Laub und allem, was dazu gehört….
Also:

  • Oma Meiermüllerschulze hat das Krankenhaus verlassen. Lebendig und auf eigenen Füßen. Und dabei stand es verdammt auf der Kippe für sie!
  • Herr Müllermeierschmidt hat seine Reha genehmigt bekommen – nachdem sie zweimal abgelehnt worden war. Aber unsere Sozialtanten haben sich echt ins Zeug gelegt!
  • Jenny hat richtig gute Laune. Sogar Schwester Paula hat letztens mal öffentlich gelacht.
  • Oberarzt Biestig hat eine Beule in seinem Porsche. Aber er war nicht schuld und die Versicherung zahlt.
  • Morgen gibt’s wieder Gehalt. Und Weihnachtsgeld
  • Als ich gestern das Krankenhaus verlassen habe, war es noch hell. Und die Sonne hat geschienen.
  • Als ich heute früh zum Dienst kam, hat die Sonne schon wieder geschienen.
  • Frau Schulzemüllermeier hat nicht nur einen Fünfziger in die Kaffeekasse getan, sondern auch noch eine ganz liebe Karte dazu geschrieben, in der sie sich für die wunderbare Behandlung bedankt. Was insofern bemerkenswert ist, als sie nach ihrem Schlaganfall nicht in der Lage war, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen ohne sich zu verschlucken – und niemand wagte davon zu träumen, dass sie jemals wieder in der Lage sein würde, einen Stift zu halten.

…..und es gibt noch viele weitere Sachen. Vielleicht sollte man das öfters machen: einfach mal die positiven Seiten betrachten!
Danke, Molly!

Written by medizynicus

30. Oktober 2014 at 05:21

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freiwillige Todesstrafe?

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„Angeklagter, erheben Sie sich! Im Namen es spelunkistanischen Volkes ergeht folgende Urteil:
Das Gericht erkennt Sie in allen Punkten für schuldig und verhängt deshalb eine lebenslange Freiheitsstrafe. Und lebenslänglich heißt bei uns lebenslänglich! Machen Sie sich keine Illusionen, Sie kommen da nicht mehr raus. Und Sie wissen: ein spelunkistanischer Knast ist kein Ponyhof! Machen Sie sich also darauf gefasst, für Ihre furchtbaren Verbrechen lange und schwer zu büßen!
Aus Gründen der Menschlichkeit läßt Ihnen das Gericht aber einen Ausweg: Nach Ablauf eines Jahres haben Sie die Möglichkeit, sich für eine freiwillige Deanimation zu entscheiden. Dieses Grundrecht steht jedem unserer Bürger zu und soll auch Ihnen nicht genommen werden. Das ist alles. Setzen Sie sich, Angeklagter!“
Die lange erwartete Urteilsverkündung gegen den Furchtbarsten aller spelunkistanischen Gangsterbosse wurde life im Fernsehen übertragen. Das ist so üblich in Spelunkistan.
Irgendwo in einer kleinen Provinzstadt starrt Oppa Kasuppke fassungslos auf die Mattscheibe. Er schüttelt den Kopf und schaltet die Glotze aus.
„Unfassbar!“ sagt er, „Freiwillige Deanimation! Die lassen dem Kerl doch glatt die Möglichkeit, sich einfach so davon zu machen!“
„Lass Ihn doch!“ sagt Omma Kasuppke und macht eine wegwerfende Handbewegung, „Hauptsache, der Kerl ist aus dem Verkehr gezogen!“
„Aber er doch muss büßen für das, was er angestellt hat!“ sagt Oppa.
Omma lächelt.
„Sieh das mal von der anderen Seite,“ sagt sie, „Was glaubst Du, was so ein Jahr im Gefängnis kostet! Wenn Du das auf seine zu erwartende Lebenszeit hochrechnest, kommen da ein paar hunderttausend Spelunki-Dollars zusammen. Das Geld fehlt anderswo. Zum Beispiel bei unserer Rente. Sei doch froh, wenn er freiwillig bereit ist, den Löffel abzugeben!“

….wieder so eine fiese Gedankenspielerei?
Nein, manchmal liegt Spelunkistan gleich um die Ecke!

Written by medizynicus

29. Oktober 2014 at 05:38

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Opa kriegt die Spritze: Sterbehilfe in Spelunkistan

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Wir befinden uns immer noch in Spelunkistan. Genau genommen in einer schicken Arztpraxis im Zentrum einer großen Stadt. Der Herr Kollege ist übrigens kein Hausarzt, sondern ein Facharzt für Deanimation und Thanatologie. Also ein Experte auf dem Gebiet, um das es jetzt geht. Die Tür zum Sprechzimmer geht auf und ein Paar in den Fünfzigern kommt rein.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragt der Doktor.
Die beiden nehmen Platz und drucksen ein wenig herum.
„Wir wollen uns um Opa kümmern!“ sagt der Mann schließlich.
„…also, es geht um meinen Vater!“ fügt sie hinzu.
„Sie wollen also….?“
Der Doktor schaut sie aufmunternd an.
„Wir wollen, dass er….“ die Frau räuspert sich, „…dass er in Frieden gehen kann!“
So, jetzt ist es endlich raus.
Der Arzt nickt sachlich-professionell.
„Sie haben die notwendigen Unterlagen dabei?“
Die Frau seufzt.
„Das ist es ja gerade!“
„Er hat also nicht unterschrieben? Es gibt keine Patientenverfügung?“
Die Frau schüttelt den Kopf.
„Nein. Als er noch fit genug war, hat er gesagt, das hat noch Zeit. Er hat sich um die Entscheidung gedrückt. Und jetzt ist er dement. Weiß gar nicht mehr, wo er ist, erkennt sogar seine eigenen Kinder nicht mehr und will ständig weglaufen!“
„Er hat doch keine Lebensqualität mehr!“ fügt ihr Partner hinzu.
Der Arzt lehnt sich zurück, legt die Hände zusammen und schaut nachdenklich von Einem zum Anderen.
„Wenn er selbst nicht in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen, dann müssen Sie in seinem Sinne entscheiden!“ sagt er.
Die Frau nickt heftig.
„Das wollen wir doch tun!“
„Er ist inkontinent und pflegebedürftig,“ fügt ihr Partner hinzu, „und trotzdem will er ständig aufstehen und weglaufen. Dabei kann er gar nichts mehr. Er ist schon mehrfach gestürzt. Eigentlich muss man ihn ständig beaufsichtigen. Aber das können wir einfach nicht! Unsere eigenen Kinder sind gerade aus dem Haus, inzwischen haben wir zwei kleine Enkel, die wir jeden Tag betreuen weil unsere Tochter berufstätig ist…. wir schaffen es einfach nicht mehr!“
„…wir haben ja schon überlegt, ihn in ein Heim zu geben!“ sagt die Frau, „Aber das ist ja wahnsinnig teuer. Das Geld haben wir einfach nicht.“
Ihr Partner seufzt.
„…und jetzt mal im Ernst: was hat Opa denn noch zu erwarten im Leben? Besser wird es doch nicht!“
Der Doktor nickt.
„Wenn die Demenz von fachärztlicher Seite bestätigt worden ist, werden Sie vom Amt eine entsprechende Bescheinigung bekommen. Dann dürfen Sie an seiner Stelle entscheiden. Das wird noch ein paar Tage dauern, aber wir können ja trotzdem schon einen Termin vereinbaren!“
Die Frau runzelt die Stirn.
„Die Deanimation muss in einer zugelassenen Einrichtung durchgeführt werden!“ erklärt er Arzt und schaut auf seinen Computerbildschirm, „Warten Sie einen Moment…. hier, im ‚Haus Abendrot‘ wäre noch etwas frei für Anfang nächster Woche… ein sehr schönes Haus, stilvoll und exklusiv, allerdings nicht ganz billig….“
Die Frau wirkt ein wenig irritiert.
„….aber ich sehe hier, im ‚Last Exit‘ würde es auch gehen. Das ist etwas…. sagen wir, etwas rustikaler. vor allem preislich auch viel günstiger. Die Bestattungskosten entfallen ja sowieso, sofern Sie sich für eine nachhaltige Verwertung entscheiden!“
Die Beiden Angehörigen schauen sich an.
„…Sie brauchen keine Sorge zu haben,“ fügt der Arzt leutselig hinzu, „das mit den grünen Keksen, das war nur ein blöder Film, das hat hat natürlich absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun!“

Written by medizynicus

28. Oktober 2014 at 05:09

Geben Sie mir doch die Spritze!

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Neulich irgendwo in Spelunkistan: Es ist Montag Morgen und die Praxis unseres ungenannt bleibenden Hausarztkollegen brummt. Der Herr Doktor drückt von seinem Schreibtisch aus die Taste der Wechselsprechanlage

„Der Nächste bitte!“
Ein schmächtiges Männlein fortgeschrittenen Alters schlurft mühsam am Gehstock hinein ins Sprechzimmer.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragt der Doktor in gelangweiltem Ton.
Der Patient seufzt, setzt sich, seufzt noch einmal.
„Doktor, geben Sie mir die Spritze!“
„Äh…“
„Sie wissen schon, damit ich einschlafe!“
„Sie wollen ein Schlafmittel?“
„Zum Schlafen und nie wieder aufwachen!“
„Ah so… gut, jetzt weiß ich, was Sie meinen. Drücken Sie sich doch am besten gleich von Anfang an klar aus, das erspart uns dann lästige Kommunikationsprobleme. Ich darf annehmen, Sie haben die notwendigen Bescheinigungen dabei?“
„Sie meinen diesen Schrieb vom Psychologen?“
„Vom Psychiater, nicht Psychologe! Sie brauchen ein Attest, dass Sie im Vollbesitz Ihrer geistigen Kräfte und in der Lage sind, eine derart endgültige Entscheidung zu treffen. Und dann bräuchte ich noch die von Ihnen unterschriebene Erklärung, dass Sie diese Entscheidung aus freiem Willen treffen…“
Der Patient zieht ein paar zusammengefaltete Papiere aus seiner Brusttasche und legt sich vor dem Arzt auf den Schreibtisch. Der fasst die Formulare mit spitzen Fingern an, überfliegt sie kurz und runzelt die Stirn.
„Halt, Sie haben keinen Grund angekreuzt!“
„Ach, diese Schmerzen, Herr Doktor…“
Der Doktor nickt zufrieden.
„Sehr gut. Schmerzen sind immer gut. Damit werden wir schon keine Scherereien bekommen. Dann ist ja alles in Ordnung!“
Er macht das Kreuzchen an der entsprechenden Stelle und schaut auf.
„Sie haben alles Notwendige organisiert?“
„Sie meinen…. Testament und so?“
„Genau. Testament erstellt, Bestattungstermin vereinbart, Schulden beglichen, Verträge gekündigt…. ich weiß, es ist nicht meine Aufgabe, Sie darauf hinzuweisen und es geht mich auch gar nichts an, aber Sie würden Ihren Hinterbliebenen eine Menge Ärger ersparen!“
„Aber ich habe doch niemanden…“
„Noch besser. Sehr schön. Kein Problem also. Sie können dann gleich nebenan Platz nehmen, die Schwester kommt sofort. Aber jetzt müssen Sie mich kurz entschuldigen, ich muss dringend aufs Klo…. dauert zwar nicht lange, aber wenn ich fertig bin, dann sind Sie ja wahrscheinlich nicht mehr da. Also, dann ich verabschiede mich schonmal: machen Sie’s gut! Guten Abgang und… äh, ja, viel Erfolg im Jenseits, bei… hmm, also an was auch immer Sie glauben!“
Der Arzt springt auf und öffnet die Tür zum Nebenzimmer.
Bevor er zur Toilette entschwindet, drückt er den Knopf auf dem Schreibtisch.
„Der Nächste bitte!“

Written by medizynicus

26. Oktober 2014 at 23:03

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Ist Ahmed ein Terrorist?

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Ahmeds Großvater war Gastarbeiter. Als junger Mann kam er in den Sechziger Jahren nach Deutschland. Um im Betrieb mit dem Vorarbeiter und dem Meister kommunizieren zu können, reichten die paar Brocken Deutsch, die er sich bald angeeignet hatte, völlig aus. Wenn er abends in der schäbigen Gastarbeiterunterkunft mit seinen Kollegen zusammensaß, Tee trank, Zigaretten rauchte und Backgammon spielte, sprach man ausschließlich türkisch. Später folgte Achmeds Großmutter ihrem Mann nach Deutschland und kurz darauf kam Achmeds Vater zur Welt.
Ahmeds Vater spricht fließend Deutsch. Immerhin ist er hier geboren und zur Schule gegangen. Trotzdem ist er Ausländer geblieben. Als Deutscher galt er nur, wenn er daheim in der Türkei Urlaub machte, was mit den Jahren immer seltener wurde, denn schließlich gibt es auch genügend andere Orte in der Welt, wo man Urlaub machen kann. Ahmeds Vater hat Abitur und Maschinenbau studiert, später machte er mit seiner eigenen Firma Karriere und inzwischen ist er sogar Mitglied im Gemeinderat. Ja, er hat längst einen deutschen Paß. Trotzdem ist er Ausländer geblieben, obwohl die Türkei für ihn inzwischen kaum mehr ist als ein fernes Märchenland.
Ahmed ist Mitbürger mit Migrationshintergrund. Er spricht viel besser türkisch als sein Vater. Die Schule hat er nach dem Realschulabschluss verlassen, dann eine Frisörlehre gemacht, aber weil Ahmed nicht dumm ist, gehören ihm inzwischen drei Frisörläden und ein aufgemotzter BMW. Im Gegensatz zu seinem Vater geht Ahmed regelmäßig in die Moschee.
Was er da wohl macht?
Wissen wir doch, dass sich da bloß die Terroristen treffen, die dann…. ab nach Syrien und so, oder?
Und überhaupt, dieser Frisörladen: das ist doch bestimmt bloß ein konspirativer Treffpunkt, wo Ehrenmorde und Bombenanschläge geplant werden!
Man muss schließlich vorsichtig sein heutzutage…

Written by medizynicus

15. Oktober 2014 at 22:14

Ziemlich viele Leichen – oder: wie anno dazumal belästigt wurde

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Es war einmal eine schöne junge Frau.
Oh wie appetitlich und lecker, dachte sich der Fürst, die würde ich gerne mal vernaschen! Nicht gleich heiraten: nur mal so einfach so zwischendurch vernaschen!
Natürlich wollte sie nicht. Also, nicht, dass er sie gefragt hätte, er wusste ja, was sie gesagt hätte, und unnötige Worte mit Frauen sind sowieso überflüssig.
Aber der Fürst war schließlich Fürst und hatte also seine Mittel und Wege. Das Mittel war Herr Fiesewicht, der Mann fürs Grobe und der Weg war… naja, und der hat das dann mal so geregelt, also, es wurde halt ein wenig herumgeballert (Moment, damals gab es ja noch gar keine Schusswaffen!) und nachher waren ziemlich viele Menschen tot.
Die schöne Frau wollte immer noch nicht, aber der Fürst war jetzt kurz vorm Ziel. Doch er hatte die Rechnung ohne den Herrn Papa gemacht: Niemals wirst Du es schaffen, die Ehre meiner Tochter…. und so weiter, sagte der und erdolchte sein Kind. Dankeschön fürs Erdolchen, sagte die Kleine noch vorm Erdolchtwerden, ist besser so, denn auf dem Heiratsmarkt hätte ich eh keine Chance mehr gehabt!
….das ist, kurz zusammengefasst, der Inhalt der Verginia-Legende, die man sich schon vor über zweitausend Jahren bei den alten Römern erzählte. Im 18. Jahrhundert hat Lessing die Story zu seinem Drama „Emilia Galotti“ verarbeitet.
Dass da irgendwas schief gelaufen ist, hat man schon vor zweitausend Jahren kapiert:
Die unschuldige Frau tot, der Vater zwar lebendig, aber mit einer furchtbaren Schuld (ziemlich bald wird er vor einem Gericht stehen und die waren damals ja nicht gerade zimperlich!) und der fiesewichtigste Fiesewicht ist lebendig.
Wie würde die Geschichte wohl heutzutage hierzulande ausgehen?
Vermutlich wäre nacher niemand tot und der Fiesewicht hätte sich zu Recht eine dicke Backpfeife eingefangen.
Aber wenn er er lieb gefragt, ein bisschen charmant geflirtet und ein dickes Auto gefahren hätte, dann wäre die schöne Frau ja vielleicht sogar mitgegangen. Aber möglicherweise hätte sie ihm dann am nächsten Morgen den Laufpass gegeben, wer weiß…

Written by medizynicus

8. Oktober 2014 at 07:43