Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sofi ohne e

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Bad Dingenskirchen, 07:30 Uhr. Frühbesprechung.
Chef: “….dann wäre ja alles klar. Oder gibt’s sonst noch was Wichtiges zu besprechen?”
Kollege Heimbach – bekennender Technik-Freak und Marathonläufer – räuspert sich, meldet sich zu Wort: “Ja, ich wollte noch mal erwähnen, also wegen der SoFi…”
Chef: “Äh? Wer ist das? Ihre Tochter?”
Heimbach: “…Nein, ich meine, also, wegen der Sonnenfinsternis heute Vormittag….”
Chef: “Ja?”
Heimbach: “…also, da könnte es zu Schwankungen im Stromnetz kommen, möglicherweise auch zu Stromausfällen, vielleicht sollten wir nach Möglichkeit keine Aufzüge…”
Chef: “Wer hat Ihnen das gesagt?”
Heimbach: “Äh… also, das kam in den Nachrichten und in der Zeitung…”
Chef: “Solange unsere Haustechnik keine Warnung ausspricht, besteht keine Gefahr! Wir haben schließlich ein Notstromsystem. Die Aufzüge können benutzt werden wie gehabt!”
Chef steht auf und strebt dem nächsten Aufzug zu.
Heimbach nimmt die Treppe.

Written by medizynicus

20. März 2015 at 11:00

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Warum diese Schweinkram-Pille-danach ganz furchtbar ist

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Ja. Nee. Nicht.
Oder?
Muss ich doch nicht begründen, weiß doch jeder!
Wie jetzt? Verstehen Sie nicht? Wollen Sie wohl nicht verstehen, ist klar. Na gut, dann sage ich jetzt mal, was gesagt werden muss:
Also, es gibt so so Sachen, äh, also da hat sich die Natur was bei gedacht. Also zum Beispiel bei so Sachen wie wo die kleinen Kinder herkommen. Also, hat ja niemand was dagegen, dass man auch ein bisschen Spaß haben darf dabei, aber bitte dann mit Moral! Also gerade jetzt, wo das Abendland so in einer Krise ist, da ist es doch wichtig zu zeigen, dass wir das auch können mit der Moral.
Und Moral, das heißt, das Sachen, die wo man zu zweit macht, da macht man dann gefälligst die Vorhänge zu, und natürlich alles unter der Bettdecke und Licht aus und geredet wird da auch nicht drüber, weil das gehört sich nunmal nicht, geht ja keinen sonst was an.
Und überhaupt, wenn man sowas macht und nicht verheiratet ist, dann muss man auch für die Folgen einstehen. Ja, und überhaupt ist das ja gar nicht gut, was diese jungen Leute heute alles so machen, ohne verheiratet zu sein, igittigitt, jeder mit jedem und Sodom und Gomorrha und wie bei den Karnickeln, nein, ist doch klar, dass das nicht immer gut geht.
Ja, und der Doktor, der soll’s dann richten!
Haben sie also ihren Spaß gehabt, diese jungen Dinger, und dann kommen sie zum Arzt, und meistens dann ja noch mitten in der Nacht oder am Wochenende, und ist ja nicht so, dass die Doktors sonst nichts zu tun hätten…. also wissen Sie was? Das war nämlich wirklich so, hat man mir erzählt und im Fernsehen ist’s auch gekommen, dann wird’s ja schon stimmen!
Also: kommt da so’n Flit… also, kommt da so’n blutjunges Früchtchen in die Ambulanz, nachts natürlich, am Wochenende, und sagt sie dem Arzt doch ins Gesicht: wissen Sie was?, sagt sie ihm, Wissen Sie was, Herr Doktor? Während Sie sich Hier die Hacken ablaufen und sich die Hände blutig machen, während Sie sich also die Nacht in diesem Laden um die Ohren schlagen, da habe ich….. Nee, das wollen Sie jetzt gar nicht hören, was die dem noch alles erzählt hat, hätte man der gar nicht zugetraut, blutjung war die und faustdick hatte die es hinter den Ohren, und der Doktor ist knallrot geworden, so rot wie die Laterne vorm “Club Jaqueline”.
Naja, auf jedenfalls ist da so’n Gummidingsda geplatzt und jetzt wollte sie was verschrieben kriegen damit sie kein Kind kriegt.
Ist klar, was der gemacht hat, der Doktor: Dir zeig ich’s, hat er sich gedacht, gesagt hat er natürlich nichts, aber untersucht hat er die, von innen und von außen, das war schon nicht mehr feierlich und nachher hat er ihr das Rezept doch nicht gegeben, weil hätte ja sein können, dass sie schon schwanger war – also musste sie dann noch zum anderen Doktor und danach dann in die Apotheke, und natürlich alles selbst bezahlen, aus eigener Tasche, ist ja auch klar, geht ja nicht, dass die Krankenkasse, also die Allgemeinheit, also Sie und ich noch für deren Privatvergnügen bezahlen müssen. Wo kämen wir da hin? Was kommt als nächstes? Zahlt mir die Kasse dann auch den Besuch bei Mademoiselle Jaqueline? Aber ich schweife ab….
Hat sie natürlich nicht gemacht, das Flit… also die Kleine, die hat das Rezept nicht eingelöst.
Und ist trotzdem nicht schwanger geworden. So’n Mist aber auch, das hätte man ihr doch echt gegönnt. Und überhaupt gehören diese Pillen verboten, weil, wer rummacht, der soll gefälligst aufpassen, und wo kommen wir da hin, wenn demnächst alle Babys chemisch entsorgt werden, wer pflegt uns dann mal, wenn wir alt geworden sind?

Written by medizynicus

16. März 2015 at 14:49

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Pille danach ab heute rezeptfrei erhältlich

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Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben – zumindest unter allen Menschen, die in irgendeiner Form Nachrichten hören, sehen oder lesen: Seit heute, Sonntag, dem 15. März 2015 ist die “Pille danach” in Deutschland rezeptfrei zu bekommen.
Was in anderen Ländern schon seit Jahren möglich ist, hat bei uns ein wenig länger gedauert. Über die Gründe soll an anderer Stelle diskutiert werden, hier und heute nur ein kurzes: Geht doch!
Wer einmal in einer Notaufnahme, einer Notfallpraxis oder Ambulanz gearbeitet hat – also in irgendeiner Einrichtung, die nachts und an Wochenenden die medizinische Versorgung sicherstellen, der kennt diese Situation: diese junge Frau, die sich in diesem nächtlichen Notfallchaos ein wenig deplatziert vorkommt, natürlich ist ihr diese Angelegenheit furchtbar peinlich und nach Wartezeit, rüder Abfertigung und schlimmstenfalls noch einem zynisch-bitterem Kommentar eilt sie dann mit ihrem Privatrezept zur Apotheke…
ab heute kann sie sich den Umweg in die Notaufnahme sparen.
Hier also die wichtigsten Infos noch einmal zusammengefasst:

  • Die “Pille danach” ist eine Notfallverhütung – die möglichst rasch nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden sollte
  • Die “Pille danach” ist keine Abtreibung
  • Jede Frau ab 14 Jahren kann die “Pille Danach” in der Apotheke ohne Rezept bekommen – sollte wer persönlich dort vorbeikommen und muss sich dort aber durch den Apotheker/die Apothekerin beraten lassen.
  • Die “Pille Danach” kostet Geld. Junge Frauen bis 20 Jahren können sich das Geld aber durch ein nachgereichtes Rezept zurückerstatten lassen
  • Die “Pille Danach” hat, wie jedes andere Arzneimittel auch, Nebenwirkungen und ist nicht für jede Patientin geeignet. Sie wirkt auch nicht immer. Sie ist nicht als regelmäßiges Verhütungsmittel geeignet und auch nicht dazu gedacht.

Written by medizynicus

16. März 2015 at 00:41

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Das. Wochenende. Beginnt. Jetzt.

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Jetzt.
Genau jetzt.
Alles erledigt?
Alle Krankenakten noch einmal durchgeschaut?
Noch ein Blick zum Faxgerät: alles leer? Keine weiteren Befunde mehr eingetrudelt?
Alle Patienten versorgt?
Der Dienst habende Kollege über alle Problemfälle instruiert?
Blick auf die Uhr: Mann, diesmal liege ich ja super in der Zeit!
Also: ich hauche noch ein fröhliches “Bis Montag!” in die Runde und dann…
…umdrehen….
…Abmarsch!
Kittel ausziehen.
Zivilklamotten anziehen.
Kittel in den Schmutzwäscheabwurf. Halt! Vorher nicht vergessen, das Namensschild abzunibbeln und alle Kugelschreiber, Essensmarken und Geldscheine rauszuholen.
Diensthandy ins Ladegerät stecken.
So, da steckt es!
….und….
….blinkt…
Handy blinkt!
Ton ist natürlich abgeschaltet, aber das Ding blinkt und vibriert.
Blick aufs Display: Natürlich die Station.
Wenn es der Chef wäre oder ein anderer Kollege würde ich drangehen.
Aber die Station?
Was wollen die?
Muss da noch irgendein Entlassbrief oder ein Formular unterschrieben werden?
Wollen die Angehörigen von Herrn Schrumpelköter einen Doktor sprechen, und zwar unbedingt genau jetzt und hier und gleich sofort? Weil, wir kennen unsere Rechte und Schwiegersohn war ja bis jetzt noch auf der Arbeit!
Oder kriegt Herr Dietzmüller etwa plötzlich keine Luft mehr, ist blitzblau angelaufen, verdreht die Augen und stirbt soeben den schrecklichsten aller Tode bloß weil der Doktor immer noch tatenlos aufs Display starrt anstatt endlich zu…
Nein!
Herr Dietzmüller wird nicht sterben. Also… zumindest jetzt noch nicht… Aber falls doch…?
Und was ist mit Frau Plauzinger, die kriegt jetzt womöglich die falschen Tabletten, bloß weil der Doktor nicht erreicht werden konnte und…. Nein!
Auch Frau Plauzinger wird nicht sterben.
Das Handy hört auf zu blinken.
“1 verpasste Anrufe” steht jetzt auf dem Display.
Ich drehe mich um, lasse die Arztzimmertür hinter mir ins Schloss fallen, springe die Treppe hinunter, nicke dem Pförtner zu….
Ob Herr Dietzmüller wirklich nicht gestorben ist?
Meine Hand langt in die Hosentasche, greift das Privathandy und…
….und lässt es wieder los.
Jetzt. Ist. Wochenende. Genau. Jetzt.

Written by medizynicus

13. März 2015 at 19:19

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Wenn der Doktor zweimal klingelt

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Kennt Ihr den?

Also: Kommt’n Mann zum Arzt….

…nee, stimmt gar nicht. Andersrum. Also: kommt’n Arzt zum Mann, klingelt an der Haustür, sagt: “Hallihallo, ich bin der Herr Doktor, der den wo Ihr Arbeitgeber schickt!”
Dem Mann, also dem, wo die Haustür und das Haus gehört, dem fällt die Kinnlade runter.

Sagt der Arzt: “Sie sind doch krankgeschrieben, mein lieber Mann, da wollen wir doch mal sehen, ob das stimmt, also ob sie wirklich krank sind oder nur so tun!”
Sagt der Mann…. erstmal gar nichts.
Sagt der Arzt: “Wissense was, ich komm dann mal rein und Sie machen sich dann mal frei und ich untersuche Sie!”
Sagt der Mann: “Zeigen Sie mir erstmal Ihren Ausweis!”
Sagt der Arzt: “Hier ist ein Brief von Ihrem Arbeitgeber. Der hat mich geschickt. So, und jetzt lassen Sie mich gefälligst rein, sonst kreuze ich hier an, dass Sie unkooperativ sind, und dann gibt’s mächtig Ärger!”
Sagt der Mann: “Aber ich habe doch einen Krankenschein abgegeben!”
Sagt der Arzt: “Höhöhö, Krankenschein, das kann doch jeder! Ob Sie krank sind oder nicht, das entscheide allein ich. Und wenn Sie jetzt nicht…”
Sagt der Mann: “Darf ich Sie jetzt höflich bitten, wieder zu gehen?”
Sagt der Arzt: “Gar nichts dürfen Sie! In Ihrem Arbeitsvertrag haben Sie dem Arbeitgeber das Recht eingeräumt, jeden Krankenstand durch einen ärztlichen Gutachter überprüfen zu lassen!”
Sagt der Mann: “Tut mir schrecklich leid, aber ich muss jetzt dringend weg!”
Sagt der Arzt: “Na, wohin wollen wir denn? Ich denke, wir sind krank?”
Sagt der Mann: “Ich habe einen Termin bei meinem Arzt! Und danach muss ich noch zur Apotheke!”
Sagt der Arzt: “Nix da, ich bin doch der Arzt. Sie brauchen keinen Anderen. Außerdem sind Sie verpflichtet, sich zwischen 10 und 12 Uhr vormittags und zwischen 14 und 16 Uhr zu Hause aufzuhalten!”
Sagt der Mann: “Wo ich mich aufhalte, ist meine Sache! Und wenn ich vom Arztbesuch zurückkomme, dann gehe ich zu meiner Freundin und lasse mich von der gesundpflegen!”
Sagt der Arzt: “Nönönö, so einfach geht das nicht! Jede Abwesenheit von Ihrer Meldeadresse muss dem Arbeitgeber kommuniziert und begründet werden.”
Sagt der Mann: “Wissen Sie was? Recht auf Freizügigkeit! Unverletzlichkeit der Wohnung…. Recht auf körperliche Unversehrtheit… Grundgesetz… Das was Sie hier machen, das dürfen Sie doch gar nicht…. das sind doch Methoden, die jedem Recht und Gesetz widersprechen…”
Sagt der Arzt: “Ist aber so! Ätsch! Und Sie lassen lassen Sie mich jetzt rein, oder es gibt was auf die Ohren!”

Wie jetzt?
Ist gar nicht witzig, sagt ihr?
Utopisch?
An den Haaren herbeigezogen?
Nein! In einer deutschen Stadt gibt es einen Arbeitgeber, der genau dies von seinen Angestellten verlangt:

“Der Arbeitgeber räumt sich das Recht ein, Krankenstände durch Hausbesuche eines Arztes, den es zu diesem Zwecke beauftragt, zu verifizieren bzw. durch Dritte verifizieren zu lassen. Gemäß internen Regelungen sind Angestellte verpflichtet, sich zwischen 10 und 12 Uhr Vormittags und zwischen 14 und 16 Uhr Nachmittags zu Hause aufzuhalten. Jede Abwesenheit muss dem Arbeitgeber kommuniziert werden. Werden die Mitarbeiter nicht zu Hause angetroffen, müssen sie eine Begründung abgeben, die dann vom ärztlichen Berater auf ihre Fundiertheit hin überprüft wird.”

Written by medizynicus

12. März 2015 at 08:40

Zivilcourage – oder lieber doch nicht?

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Ja, ich schnuppere mal wieder Großstadtluft.
Es ist ein lauschiger Abend, ich habe mich ein bisschen schick gemacht und mit ein paar Leuten zum Kino verabredet und jetzt bin ich in der U-Bahn unterwegs. Zum Glück habe ich mich rechtzeitig auf den Weg gemacht, weil man weiß ja nie, aber bis zum Beginn der Vorstellung ist es noch eine halbe Stunde hin, und das sollte ja reichen, und vielleicht reicht die Zeit ja noch für einen kleinen Espresso vorweg.
Die Bahn ist voll, ich halte mich an einer Haltestange fest und bin eifrig damit beschäftigt, niemanden anzusehen, weil das macht man ja so in der U-Bahn.
Die Bahn hält an, düdelüdüt, Türen schließen sich, es geht weiter, eine sympathische Frauenstimme kündigt die nächste Station an, Tür geht auf, kühler Luftzug von draußen, ein paar Leute steigen ein und ich warte auf das Düdelüdüt, welches das Türschließen ankündigt.
Aber das Düdelüdüt kommt nicht.
Die Türen bleiben offen.
Noch mehr Leute steigen ein, weitere Leute kommen die Treppe herunter, dankbar, dass da eine abfahrbereite Bahn steht, aber….
Knack.
Krächzende Stimme aus dem Lautsprecher, nicht die sympathisch-computergesampelte Frauenstimme sondern das ist jetzt ein echter U-Bahn-Lokführer. Und der hat definitiv keine Opernsängerausbildung.
“Sehr geehrte Damuntherrn, unsere Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten, wir bitten um Ihr Verständnis!”
Blick auf die Uhr – also nicht auf die Armbanduhr natürlich, sondern aufs Handy. Immer noch reichlich Zeit. Sind ja nur noch drei Stationen.
Nochmal Knack.
“Also, meine Damunthern, tut mir leid, aber unsere Weiterfahrt verzögert sich leider immer noch, also, das ist so, da ist – Nuschelnuschelnuschel – da könnenwa jetzt ja nicht einfach so weitermachen, also tut mir leid, dauert noch eine Weile!”
Äh…. was hat der jetzt gesagt?
Blick nach links, Blick nach rechts. Leute tippen auf ihren Handys herum. Der eine oder andere telefoniert.
“Da ist wohl wer umgefallen! Geht grad nicht weiter!”
Wie bitte?
“Da vorne, auf dem Bahnsteig, da liegt einer!”
Wo genau?
“Dort, am Treppenaufgang. Da liegt er. Warum drücken die nicht einfach den Notruf und fahren weiter?”
Ich springe raus, geht ja eh gerade nicht weiter. Sprinte zum Treppenaufgang.
Tatsächlich, da liegt jemand auf dem Boden. Sieht nicht so richtig lecker aus und riecht deutlich nach Alkohol. Ich beuge mich hinunter zu ihm.
“Nee, tunse das nicht!”
Warum nicht?
“Der ist doch besoffen!”
Kann sich aber trotzdem den Kopf angeschlagen haben!
“Nee, hat er nicht. Hab ich genau gesehen!”
Was haben Sie genau gesehen?
“Also, der ist die Treppe runter, dann hat er sich ganz langsam auf den Boden gesetzt und hingelegt!”
Warum legt sich ein Mensch einfach so auf den Boden?
“Na, weil er besoffen ist, sehnsedoch, oder?”
Der U-Bahn-Fahrer steht mit quäkendem Funkgerät daneben und schaut wichtig in die Luft.
“Fassense den bloß nicht an!”
Andere stehen respektvoll im Halbkreis um das Opfer herum und nicken zustimmend.
Ich tippe dem Liegenden vorsichtig auf die Schulter.
Alles in Ordnung?
Er schlägt die Augen auf.
Alles in Ordnung?
Er schaut sich um, sagt nichts. Schädel-Hirn-Trauma, Zustand nach Prügelei oder Überfall, Schlaganfall, Stumpfes Trauma, Magen-Darm-Blutung, Vergiftung durch was weiß ich für Substanzen, epileptischer Anfall… was sonst noch käme in Frage? Oder ist er wirklich einfach nur besoffen? Immerhin, er bewegt sich, blutet nicht, zumindest nicht nach außen hin und scheint halbwegs bei Bewusstsein zu sein.
Von oben höre ich das vertraute Lalü-Lala eines Rettungswagens und dann kommen auch schon die Jungs in Rot die Treppe herunter.
“Jetzt kommense aber, wir fahren weiter!”
Das tun wir dann auch.
Und ins Kino schaffe ich es auch noch – wie üblich auf den letzten Drücker.

Written by medizynicus

5. März 2015 at 08:47

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Der Kugelschreiber (Gruß ans Salzamt)

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Der Brief muss unbedingt noch weg! Heute noch! Und zwar per Einschreiben, weil … damit Don Corleone ein für alle Male kapiert, dass ich sein Angebot abgelehnt habe, und zwar ein für alle Male, aber weil Don Corleone halt so ist wie er ist, hat er mir eine Frist gesetzt und die ist Morgen zu Ende und bis dahin muss der Brief bei ihm angekommen sein.
So, und jetzt wird’s Zeit: schnell das Ding ausgedruckt, aus dem Sekretariat einen Briefumschlag stibitzt und dann nix wie los zum Postamt, das ist nämlich nur bis achtzehn Uhr geöffnet und inzwischen ist es schon fast zwanzig vor.
Ich hechte also die Straße entlang, am Bahnhof vorbei zu dem wuchtigen Behördenklotz, der dort immer schon stand, seit Kaiser Wilhelms Zeiten schon. Ich sprinte die Freitreppe hoch, durch das Portal in den Vorraum und … Dong!
Die Glastür, die mich jetzt noch von der ehemals kaiserlichen Briefmarkenverkaufsanstalt trennt, ist geschlossen. Blick auf die Uhr: Fünf Minuten vor sechs. Blick auf die Glastür: Geschlossen. Blick auf das Schild daneben: Geöffnet werktags bis achtzehn Uhr. Blick auf die Glastür: Immer noch geschlossen. Blick auf das kleine Schildchen über dem Reklameplakat: Heute geschlossen wegen Istnicht. Istnicht? Betriebsversammlung ist. Höre ich von drinnen leises Kichern, Gläserklirren und Schlager-Polonäse-Musik? Kann auch Einbildung sein. Aber die Tür ist zu.
Und mein Brief muss morgen früh bei Don Corleone sein.
Okay, dann halt nicht per Einschreiben.
Immerhin, einen Briefmarkenautomaten gibt es ja hier im Vorraum und ein Briefkasten ist auch vorhanden. Also hole ich meinen stibizten Briefumschlag aus der Tasche, dazu den inzwischen etwas zerknitterten Ausdruck und ein paar Münzen im Wert von fünfundachtzig Cent, schnell ist die Briefmarke beleckt und auf den stibitzten Umschlag gepappt und den Brief in den selbigen gesteckt, muss ich nur noch schnell Don Corleones Adresse draufkritzeln, Momentmal, schnell einen Kugelschreiber finden…..
Äh…. einen Kugelschreiber?
Handy, Laptop, Ipad samt Ladegeräten ist alles vorhanden, aber einen Kugelschreiber….? Wozu braucht man sowas? Wer schreibt heutzutage denn noch auf Papier? Nur weil Don Corleone keine Kündigungen per Email akzeptiert muss ich doch noch lange nicht Papierschreibgeräte mit mir herumführen! Aber jetzt muss ich irgendwie seine Adresse aus dem Handy-Adressverzeichnis aufs Papier gebrannt kriegen, und das geht in diesem Umfeld hier nur mit der Hilfe eines schnöden Kugelschreibers. Und da hab ich keinen. Hilft alles nix. In meiner Dienstkleidung steckt jetzt mit Sicherheit ein halbes Dutzend davon und in der obersten Schublade meines Schreibtisches liegen die Dinger kiloweise herum, aber hier vor Ort… Fehlanzeige.
Und der öffentliche Kugelschreiber – also so ein abgegriffenes Ding mit Kette fest an der Wand verdübelt gibt’s hier nicht, wurde wegvandalisiert, hängt nur noch die Kette von herum.
Zaghaft klopfe ich an die Glastür. Ob sich einer der Betriebsversammelten vielleicht erbarmen mag…?
Aber nein, die hören mich gar nicht.
Verzweifelt suchend schaue ich mich um.
Und dann … hey, presto, wir sind doch modern, kundenorientiert, haben ein Qualitätsmanagement und ein offenes Ohr für die Anliegen unserer Kunden … und dieses Offene Ohr hängt in Form eines Telefonhörers in einer Nische herum. Man muss auf einen Knopf drücken, dann meldet sich nach dreimaligem Tuten eine menschliche Stimme.
“Hier ist die Serviceinformationszentrale, stets zu Diensten, was können wir für Sie tun?”
“Ich brauche einen Kugelschreiber!”
“Äh… wo sind Sie denn?”
“Hier in der Post.”
“Äh… ich meine, in welcher Stadt? Sie sprechen mit der Serviceinformationszentrale in Ganzweitweg, da müssen Sie uns schon sagen, wo Sie sich gerade befinden!”
“Äh… in Bad Dingenskirchen…”
“Bad Dingenskirchen am Pieselbach? In welcher Straße?”
“Im Postamt, sagte ich doch, also gegenüber vom Bahnhof!”
“Gegenüber vom Bahnhof, das sagt mir nichts… ich brächte schon den genauen Straßennamen!”
Wie das hier wohl heißen mag? Vermutlich Bahnhofsplatz?
“Gut, am Bahnhofsplatz sind Sie, jetzt hab ich’s gefunden! Was genau ist Ihr Anliegen?”
“Ich bräuchte mal eben einen Kugelschreiber!”
“Einen Kugelschreiber?”
“Ja, um die Adresse auf einen Brief zu schreiben!”
“Warum fragen Sie nicht die Kollegen am Schalter?”
“Weil da geschlossen ist obwohl eigentlich offen sein müsste!”
“Ah, verstehe, vermutlich Betriebsversammlung. Das machen wir öfters, wissen Sie…”
“Können Sie nicht einfach da drinnen mal fragen, ob einer vielleicht mal eben an die Tür kommt und…”
“Bedaure, Sie sprechen mit der Serviceinformationszentrale in Ganzweitweg, wir haben keinerlei Kontakt zu den Filialen vor Ort, wir können nur per Internet….”
“Entschuldigung, aber Internet habe ich selbst. Ich brauche einen Kugelschreiber!”
“….ich sehe gerade, im Gewerbegebiet an der Autobahn gibt es eine Postfiliale…”
“Mit Kugelschreiber?”
“…die welche bis Achtzehn Uhr dreißig geöffnet ist. Und die haben erst morgen Betriebsversammlung. Wenn Sie sich also beeilen….”
Und wie soll ich da hinkommen? Das sind immerhin sieben Kilometer und ohne Auto…. aber bevor ich weiter fragen kann, hat die Serviceinformationszentrale auch schon aufgelegt.
Vor der verschlossenen Glastür steht eine junge Frau mit einem großen Paket und tippt hektisch auf ihrem Handy herum.
“Wenn ich Ihnen einen Tipp geben kann: die Filiale im Gewerbegebiet an der Autobahn….”
“Da komme ich gerade her. Die nehmen keine Pakete. Sie haben mich hierher geschickt!”
Immerhin hat sie einen Kugelschreiber.
Und so schafft es mein Brief vielleicht doch noch bis morgen früh auf Don Corleones Schreibtisch.

Warum einen Gruß ans Salzamt?
Spätestens seitdem die Tage von Kaiser Franz Joseph und Sissi Vergangenheit sind, gibt es auch auf dem Territorium der ehemaligen Donaumonarchie keine Salzämter mehr.
Wenn sich heute zwischen Bregenz und Wien jemand über irgendwas aufregt und erzählt, wie furchtbar dies oder jenes sei, dann sagt man zu ihm: “Jo mei, geh, do konnst Di beim Salzamt beschwern!” Das kann man auch sein lassen. Oder man belästigt halt seine Blogleser mit der Geschichte…

Written by medizynicus

24. Februar 2015 at 22:17

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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