Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Krampf und dünnes Blut

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„Darf ich heim, Doktor?“ fragt Herr Kümmelkorn und schaut mich bettelnd an.
Ob das so eine gute Idee ist, weiß ich nicht. Herr Kümmelkorn ist gestern von der Polizei in der Nähe des Bahnhofs aufgefunden worden, in seiner eigenen Scheiße liegend. Passanten hatten zuvor so etwas wie einen Krampfanfall beobachett, aber nichts dabei gedacht weil Herr Kümmelkorn sowieso immer ein bißchen komisch ist und sich oft zusammen mit Fusel-Franze am Kiosk gegenüber vom Bahnhof ein paar Bier oder auch mal eine Flasche Wodka hinter die Binde kippt.
Die Polizei hat den Notarzt gerufen und der hat Herrn Kümmelkorn dann zunächst in die Chirurgie gebracht, wegen einer Platzwunde und überhaupt weil er ziemlich blutverklebt war.
„Nix für uns!“ sagt Kollege Martin Bückling, näht die Wunde schnell mit ein paar Stichen zusammen und übergibt den Patienten an uns Internisten, „seid doch noch ein bißchen lieb zu ihm, lasst ihn ausschlafen und dann wieder ab mit ihm auf den Bahnhofsvorplatz…“
Und weil wir Internisten schließlich irgendwas tun müssen, schreiben wir erstmal ein EKG. Und das ist nicht normal: Tachyarrhythmia Absoluta bei Vorhofflimmern.
„Sie haben Herzrhythmusstörugen!“ sage ich.
„Hab ich doch öfters!“ grummelt Herr Kümmelkorn.
„Gerade deshalb sollten die untersucht werden….“
Herr Kümmelkorn macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Darf ich jetzt endlich heim?“
„Wenn Sie das wirklich öfters haben, dann sollten Sie vielleicht ein Medikament zur Blutverdünnung einnehmen…“
„Ich will keine Pillen, Herr Doktor!“
„Aber ohne Blutverdünnung könnten Sie einen Schlaganfall bekommen…“
„Ach was, Doktor, lassen Sie mich jetzt heim!“
Ist vielleicht auch besser so, denke ich. Ich male mir aus, wie wohl der nächste Krampfanfall unter Blutverdünnung ablaufen könnte und unterschreibe schnell den Entlassungsschein.

Written by medizynicus

31. März 2011 at 22:57

Nein Sagen

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Montag Abend, neunzehn Uhr dreißig, Pfleger Marvin hat mich in die Ambulanz hinuntergepiepst.
„Was haben wir?“
„Schau selbst. Aber tu uns einen Gefallen: sorg bitte dafür, dass der Kerl möglichst bald wieder verschwindet!“
Der Kerl ist vielleicht Mitte dreißig und sturzbesoffen.
„Herr Doktor, ich brauche Diazepam!“ lallt er.
Ach nööö!
Nicht schon wieder so einer! Ich gebe mir Mühe, mich zu beherrschen.
„Warum denn?“ frage ich.
„Wegen meiner Angst! Ich habe doch immer so Angststörungen!“
„Aha?“
„Ja, und mein Hausarzt verschreibt mir da immer Diazepam…“
Wer’s glaubt, wird selig.
„Und?“
„…aber der ist gerade in Urlaub!“
Ein kurzer Kontrollanruf bei der genannten Praxis ergibt, dass der Herr Doktor tatsächlich in Urlaub ist.
„Und sein Vertreter?“
Mein Patient nuschelt etwas Unverständliches. Fünf Minuten lang höre ich mir seine Ausreden an. Dann atme ich einmal tief durch.
„Tut mir leid, ich kann Ihnen kein Diazepam geben!“
„Können Sie wirklich nicht?“
„Jedenfalls werde ich es Ihnen nicht geben!“
Er bleibt ganz ruhig sitzen. Macht keinerlei Anstalten, aufzustehen. Denkt gar nicht daran. Schaut mich mit großen Augen an.
„Was bieten Sie mir stattdessen an?“ fragt er.
Und jetzt muss ich noch einmal ganz tief durchatmen und bis zehn zählen…

Written by medizynicus

17. Mai 2010 at 20:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Ich lasse mich nicht gerne verarschen!

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Schade, dass ich nicht zwei Köpfe größer bin.
Ich stemme die Hände in die Hüften und versuche, furchteinflößend wie möglich auszusehen.
„Also gut,“ sage ich mit betont strenger Stimme, was mir aber nicht so recht gelingen will, „Was ist los?“
Der Patient liegt wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett.
„Nichts ist los, Herr Doktor!“
„Was ist nichts?“
„Gar nichts, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass Sie zur Entgiftung da sind?“
„Natürlich, Herr Doktor!“
„Und Sie kennen unsere Regeln?“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
„Regel Nummero eins lautet: Sie kriegen von uns Medikamente – und verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken!“
Der Patient nickt schweigend.
„Regel zwei lautet: Wenn Sie doch Alkohol trinken, dann fliegen Sie raus!“
Der Patient schweigt immer noch und starrt mich reglos an.
„Dann frage ich Sie mal direkt: Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Und wenn ich Ihnen jetzt Blut abnehme?“
Der Patient zuckt zusammen.
Wenn ich ihm jetzt Blut abnehmen würde, dann hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Promille. Eigentlich müßte ich ihn dann rausschmeißen, wenn ich konsequent sein will. Aber der Chef mag keine Rausschmisse. Abgesehen davon ist draußen Wochenende und unser Labor ist am Wochenende nur notfallmäßig besetzt. Und wenn ich diesen Patienten am Wochenende bei Schnee und Minusgraden in seine vermutlich eiskalte und aller Wahrscheinlichkeit nach fürchterlich vergammelte Wohnung entlassen würde…
„Also gut,“ sage ich, „Ich glaube Ihnen. Aber wenn ich noch einmal erfahren sollte, dass Sie hier Alkohol zu sich nehmen…“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
Die Erleichterung ist ihm an der Nase anzusehen.
Schwester Paula allerdings wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als ich am Dienstzimmer vorbei zurück in die Notaufnahme stapfe.

Written by medizynicus

30. Januar 2010 at 10:23

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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