Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Arzt-Patienten Kommunikation

Einmal im Kreis herum

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Die Patientin schaut mich kurz an, dann weicht sie meinem Blick aus, schaut zur Decke, aus dem Fenster und dann auf den Boden.
„Was ist mit meinen Kopfschmerzen?“ fragt sie.
„Ja wissen Sie, Frau Bernsdorf, wir haben bislang noch keine Ursache finden können, aber…“
Die Patientin fällt mir ins Wort.
„Und mein Schwindel?“
„…auch bezüglich Ihres Schwindels kann ich Sie beruhigen, dass wir die wichtigsten gefährlichen Dinge weitgehend ausgeschlossen haben und…“
„…diese ständige Unruhe, Herr Doktor…“
„Genau, Frau Bernsdorf. Und deshalb denken wir, dass es vielleicht an Ihren Nerven liegen könnte!“
Endlich ist es raus. Aber sie verstanden hat, weiß ich nicht.
„Warum ist mir immer so übel?“
Ich überhöre den Einwand.
„Wissen Sie, ich wollte den Vorschlag machen, Sie mal einem Nervenarzt vorzustellen…“
Sie starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Nein!“
„Warum nicht?“
„Die sind böse auf mich!“
„Aha?“
„Ja, die sind böse auf mich. Und deshalb traue ich mich da nicht mehr hin!“
„Äh… Sie waren also schon einmal bei einem Nervenarzt?“
„Da komme ich doch gerade her!“
„Also, jetzt bitte noch einmal von vorn…“
„Ich habe Angst. Da will ich nicht wieder hin!“
„Also, Sie waren in nervenärztlicher Behandlung…?“
„Ich war in der Psychiatrie. Bin gegangen. Gegen ärztlichen Rat. Und deshalb sind die böse auf mich. Da gehe ich nicht mehr hin.“
„Gut, Frau Bernsdorf, ich verstehe natürlich…“
„Was ist jetzt mit meinen Kopfschmerzen?“

Written by medizynicus

24. Juni 2011 at 22:08

Sex mit Patienten – die Geschichte von Robert

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Ja, ich wollte Euch ja noch die Geschichte von Robert erzählen, dem armen Kerl. Also, der Robert ist Psychiater und Psychotherapeuth. Ausserdem ist er Mitte Vierzig und frisch geschieden. Jetzt hat er eine Menge grauer Haare, zwei pubertierende Kinder die nichts von ihm wissen wollen und eine Ex-Frau, die ständig mehr Unterhalt haben möchte. Ja, und dann hat er die Marion kennengelernt.
Genauer gesagt: er hat sie behandelt. Nun muss man eines klarstellen: Nicht alle Leute, die einen Psychiater aufsuchen, sind verrückt oder haben einen an der Waffel. Die Marion jedenfalls nicht. Die steckte einfach auch gerade in einer Krise wegen ihrer noch nicht allzu lange zurückliegenden Scheidung. Kurz und gut, die beiden haben sich ineinander verliebt – oder wie auch immer man das nennen mag. Jedenfalls hatten sie etwas miteinander. Eine Zeitlang. Dann haben sie sich getrennt. Und zwar so richtig böse, in einem Rosenkrieg mit allen Schikanen. Die Marion hat den Robert verklagt.
Wegen Missbrauch seines Therapeuten-Auftrages und wegen sexueller Nötigung. Die Marion leidet nämlich an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit gelegentlich manisch-depressiven Zügen. Und Robert wusste das, auch wenn die Diagnose von wem anders stammt und Robert sie als „geheilt“ betrachtet hatte. Jetzt geht es Gutachten gegen Gutachten, und im Schlimmsten Fall kann Robert seine Approbation verlieren. Sein guter Ruf ist jedenfalls schon lange angeknackst.

Written by medizynicus

14. Juni 2009 at 08:51

verliebt in eine (Ex-) Patientin… danke für die vielen Rückmedlungen!

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Jetzt ist sie also weg.
Und ich habe sie nicht angerufen.
Und das werde ich auch nicht mehr tun.
Warum?
Hmmm. Erstmal weiss ich nicht, ob ich das darf, rein rechtlich gesehen. Da müsste man mal nachfragen, bei der Rechtsabteilung der Ärztekammer oder bei einem guten Rechtsanwalt. Und ethisch?
Euer Votum ist ja überwältigend.
Aber wie sehen das die diversen Ethikkomissionen der Ärztekammern und Kliniken? Tatsache ist: Es gibt so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, welches besagt: keine sexuellen Beziehungen mit Patienten. Und das Tabu gilt auch für die Zukunft. In einigen Ländern ist das sogar gesetzlich geregelt, oder zumindest „standesrechtlich“. Und das hat seine Gründe. Aber ich wollte Euch ja noch die Geschichte von Robert erzählen…

Written by medizynicus

13. Juni 2009 at 23:09

Liebe und Sex im Krankenhaus… Die Sache mit der Stewardess

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Inzwischen ist es halb vier und ich kann immer noch nicht schlafen. Stattdessen träume ich. Träume davon, dass sie jetzt an meine Tür klopft, leise die Klinke hinunter drückt und hereinkommt, mit offenem Haar undwehendem Nachthemd. Trotz Hinkebein ist sie eine Sekunde später bei mir, klettert zu mir ins Bett und kuschelt sich zu mir. Und dann… Die Sache ist: Ich weiss ja ganz genau, wie sie unter ihrem Nachthemd aussieht! Ich kenne das kleine Muttermal am linken Oberschenkel und die Narbe auf ihrer rechten Schulter. Und ihre Brüste kenne ich auch. Wunderschöne Brüste. Ich habe sie untersucht – während ich Herz und Lunge abgehört und ihren Bauch abgetastet habe hatte sie natürlich noch ihre Unterwäsche an, aber später im OP lag sie splitterfasernackt vor mir. Ich habe ihr in die Augen geschaut, dann ihre Hand gedrückt und ihr alles Gute gewünscht. Und dann habe ich mich nur noch für den gebrochenen Fuß interessiert und habe brav Maul und Haken gehalten. Sie hat von mir erwartet, dass ich mich professionell, sachlich und kühl verhalte. Ich war für sie ein Dienstleister, ein Profi, der weiss, was er zu tun hat, der seine Aufgabe erfüllen soll, nicht mehr und nicht weniger. Und sie war für mich ein gebrochener Fuß..
Wirklich?
Nur ein gebrochener Fuß? Heißt es nicht immer, wir Ärzte sollen unsere Patienten als Menschen sehen? Sie ist ein Mensch.
Und ausserdem eine verdammt attraktive Frau.
Nein, ich darf sie nicht anrufen.
Ich muss an Robert denken, und auf das, was ihm passiert ist, habe ich keine Lust.

Written by medizynicus

13. Juni 2009 at 16:42

Wie man schlechte Nachrichten überbringen sollte (Teil 3)

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Es ist nun einmal so: Ab und zu müssen wir Ärzte unseren Patienten schlechte Nachrichten überbringen. Das tun wir nicht gern. Und manche von uns drücken sich gerne davor.
Früher glaubte man einmal, es sei „schonender“ für die meisten Patienten, schlechte Nachrichten nicht zu erfahren und in einigen Ländern hat sich bis heute eine Kultur des „nicht wissen Wollens“ erhalten. Patienten werden über ihre Diagnosen im Unklaren gelassen.
Gut ist das nicht.
Es gibt nämlich inzwischen mehrere wissenschaftliche Studien darüber, und dabei ist herausgekommen, daß die meisten Menschen die Wahrheit – auch wenn es eine Unangenehme ist – besser ertragen können als die Ungewissheit. Die meisten wenigstens. Nicht alle.
Aber wie bringt man „es“ dem Patienten bei?
Also gut. Medizynicus ist heute einmal Musterschüler.
Er nimmt sich Zeit.
Zuvor hat er die Krankenakte sorgfältig durchgelesen und alle Befunde geprüft und eventuell noch einmal mit Oberarzt und anderen Kollegen gesprochen.
Außerdem hat er in den letzten Tagen mit dem Patienten und seinen Angehörigen gesprochen und versucht, herauszufinden, ob der Patient die Diagnose wissen will. Gegebenenfalls hat er einen Gesprächstermin vereinbart, bei dem auch einer der Angehörigen anwesend ist.
Und er hat einen Ort ausgeguckt, an welchem man ungestört ist: ein Arztzimmer, eine Sitzecke, und wenn es denn das Krankenzimmer sein muss weil der Patient z.b. bettlägerig ist, dann hat er dafür gesorgt, dass möglichst kein unerwünschter Zuhörer zugegen ist.
Und dann atmet er einmal tief durch.
Er betritt das Zimmer, ohne Hektik, begrüßt den Patienten und die Angehörigen und stellt sich gegebenenfalls noch einmal vor.
Nach einer kurzen Einleitung (z.b. „Sie wissen ja, wir haben verschiedene Tests durchgeführt…“) kommt er zur Sache. Und zwar knapp, präzise und in allgemeinverständlichen Worten.
Und dann hält er erst einmal den Mund.
Er ist darauf gefaßt, daß es Tränen geben könnte, vom Patienten selbst oder von seinen Angehörigen.
Er beantwortet Rückfragen knapp, präzise und Verständlich.
Er schaut seine Gesprächspartner an.
Und er beendet das Gespräch, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, nicht zu früh und nicht zu spät.
Und er sorgt dafür, daß der Patient in der nächsten Zeit nicht allein ist, dass entweder Angehörige bei ihm sind oder falls nicht dann ab und zu jemand nach ihm schaut.
Und: Er sagt den Schwestern und seinen Kollegen, was er getan hat. Natürlich dokumentiert er es auch in der Akte, aber das ist jetzt erst einmal nicht ganz so wichtig…

Written by medizynicus

5. Juni 2009 at 09:10