Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Demografie und Ärztemangel

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In Deutschland gehen die Lichter aus. Noch nicht, aber demnächst. Demnächst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge alt und schwach und pflegebedürftig werden: dann gibt es nämlich niemanden mehr, der sie versorgen wird. Und Ärzte wird man dann mit der Laterne suchen können.
So ähnlich hört man es nicht nur in diesen Tagen immer wieder auf allen Kanälen…. wird es also wirklich so kommen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Denn was die Anzahl der Ärzte in Relation zur Bevölkerung in diesem Land angeht, da spielenwir weltweit an der Spitzenklasse und werden das wohl auch noch eine Weile tun, auch wenn ein paar tausend Kollegen in Rente und ein paar tausend abgewandert sind.
Keine Gefahr also?
Ob die Bevölkerung in zwanzig Jahren noch zu einem passablen Standard medizinisch versorgt sein wird, hängt von vielen Faktoren ab und das Thema ist zu vielschichtig um es hier auf die Schnelle in ein paar Sätzen abzuhandeln… trotzdem, wenn ich König von Deutschland wäre… dann hätte ich da durchaus ein paar Ideen.
Aber mich fragt ja keiner.
Wirklich nicht? Doch?
Okay:
Schafft uns endlich anständige Arbeitsbedingungen!
Das heißt nicht unbedingt mehr Geld. Im Gegenteil: Wen das Arbeitsklima und die Bedingungen stimmen, ist das Geld… nun ja, nicht unwichtig, aber weniger wichtig. Passable Arbeitszeiten, faire Arbeitsverträge, Faire Teilzeit-Möglichkeiten (Viele von uns haben Familie…), Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten… Das ist es, was zählt!

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28. Oktober 2010 at 05:56

Die Migrationskette

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Wieder mal.
Zustand nach Dienst, und Verarsche durch Verwaltung. Kalle und ich sitzen gefrustet in der Küche und dröhnen uns mit Krankenhauskaffeeplörre zu.
„Warum gehst Du eigentlich nicht ins Ausland?“ frage ich.
Kalle zuckt mit den Schultern.
„Wo kann man denn hingehen?“
„Schweiz. Schweden. Norwegen. USA…“
„Was soll ich dort?“
„Was Du dort sollst? Mehr Spaß im Leben haben! Mehr Geld, fairere Arbeitsbedingungen und überhaupt…“
„Ich weiß nicht, ob ich dort mehr Spaß hätte. Abgesehen davon wäre es unfair.“
„Unfair? Warum?“
„Unfair Euch gegenüber. Hier bleiben Stellen unbesetzt, alle reden vom drohenden Ärztemangel… und dann soll man sich einfach so aus dem Staub machen?“
„Da brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen! Die Verwaltung rekrutiert doch schon fleißig in Osteuropa…“
„Genau das ist ja das Unfaire an der Sache!“
„Warum?“
„Die Kollegen aus Polen, Rumänien und Russland…“
„Was hast Du gegen die?“
„Gar nichts habe ich gegen die. Aber warum kommen die wohl hierher?“
„Sie werden schon ihre Gründe haben, da weg zu gehen!“
„Genau. Und das sind dieselben Gründe, die Dich oder mich dazu bewegen, in die Schweiz oder nach Schweden zu gehen…“
„Das liebe Geld… und die Arbeitsbedingungen…“
„Genau. Und glaubst Du nicht, dass es in Rumänien oder Russland genauso viele kranke Menschen gibt wie hier? Und wer soll die versorgen?“
„Nun ja… vielleicht gibt’s ja irgendwo ein Land wo man noch weniger verdient…“
„Du sagst es. Es soll afrikanische Länder geben, aus denen die Hälfte aller Ärzte nach Amerika oder Europa abgewandert sind. Wer möchte es ihnen übel nehmen?“

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26. Oktober 2010 at 05:59

Die besten Krankfeierdiagnosen

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Okay, Du willst einfach mal ein paar Tage ausspannen. Hast aber Deinen Jahresurlaub längst aufgebraucht. Oder der Chef will Dir einfach keinen geben. Was könntest Du also tun?
Richtig, hol Dir einen Gelben!
Lerne klagen ohne zu leiden!
Also machst Du Dich auf den Weg zum Doktor. Und während Du jetzt im Wartezimmer sitzt, hast Du Gelegenheit, Dir ein Leiden einfallen zu lassen. Die Qual der Wahl ist nicht einfach:

  • Durchfall: – kommt immer gut. Du könntest ja andere Kollegen anstecken, wenn Du die zunächst Betriebstoilette und anschließend die Kaffeeküche verseuchst. Daher nimmt es Dir der Chef bestimmt nicht übel, wenn Du lieber zu Hause bleibst. Beim Hausarzt kriegst Du vielleicht Immodium verschrieben, das musst Du aber selbst bezahlen, also lass es weg. Und halte die Sache schön einfach: Kein Erbrechen, keine Bauchschmerzen, sonst bringst Du den verantwortungsvollen Arzt noch in Verlegenheit. Nach spätestens fünf Tagen muss der Durchfall aber wieder weg sein, sonst könnten unangenehme Unterschungen notwendig werden.
  • Erkältung, Husten, Schnupfen, Halsweh – läßt sich leider nicht ganz so einfach faken, denn eine Erkältung sieht man Dir ja an. Also vielleicht gegebenenfalls mit Zwiebeln nachhelfen. Wenn der Arzt knickerig ist, kriegst Du zwei bis 3 Tage Urlaub, bei einem netten Doktor kannst Du aber auch schonmal eine Woche rausholen, aber nicht mehr.
  • Ehrlich sein – Warum nicht? Die meisten Hausärzte sind doch gar nicht so böse! Und sie sind schließlich auch nur Menschen. Wenn Du offen zugibst, dass Du heute verschlafen hast oder einfach keine Lust weil Du gestern vom Chef einen Anschiss kassiert hast, lassen sie sich schon etwas einfallen. So ein gelber Schein für ein oder zwei Tage ist fast immer drin – sofern Du es nicht übertreibst!

Weitere Artikel:

Dieser Artikel ist satirisch gemeint und keineswegs als Aufforderung zu einer strafbaren Handlung zu verstehen!

Written by medizynicus

15. Oktober 2010 at 07:00

glückliche Ärzte

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Dass manche Ärzte unglücklich sind, ist hinlänglich bekannt. Aber was ist mit den Anderen? Gibt es glückliche Ärzte?
Klar gibt’s die. Einige von ihnen bloggen sogar. Als da wären:

  • Josephine-Chaos: glückliche Familienmutter und Gynäkologin mit Teilzeit-Beschäftigungsvertrag
  • Aufschneiderin Avialle: jung und optimistisch mit klarem Ziel vor Augen
  • Patrick „Hell im Hals“: nach Schweden ausgewandert – dort gibt’s zwar deutlich weniger Geld als in Deutschland (gemessen an der Kaufkraft), aber wesentlich bessere Arbeitsbedingungen.
  • Holzhammer-Kormak: hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, als Honorararzt, selbstbestimmt, auf eigenes Risiko. Seither sieht er den alltäglichen Wahnsinn viel lockerer.
  • Und dann gibt es noch den Anderen Hausarzt. Auch er wirkt zufrieden.

Diese Kolleginenn und Kollegen sind so unterschiedlich wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Und doch haben sie etwas gemeinsam. Gibt es also so etwas wie ein Rezept zum Glücklichsein?
Vielleicht. Was braucht man dazu?
Zunächst einen Job, der einem Spaß macht. Wer nur deshalb Medizin studiert hat, weil er halt einen entsprechend guten NC hatte oder weil das „in der Familie so üblich war“, sollte sich früh genug eine entsprechende Nische suchen, die den eigenen Neigungen entspricht (Und solche Nischen gibt es!). Wer sich seinen Studienplatz gegen Widerstände hinweg erkämpft und das Studium unter schwierigen Bedingungen durchgezogen hat mit einem klaren Ziel vor Augen hat hingegen gute Karten.
Und dann braucht man einen Job, der einem Luft zum Leben läßt: Stressige Dienste machen mir (zumindest manchmal) richtig Spaß – tödlich hingegen ist der Tag danach, wenn man mit dunkeln Augenringen weiterarbeiten muss. Und noch tödlicher ist es, wenn man wegen ständiger Dienstbelastung keine Zeit für Privatleben und nichtmedizinische Hobbies hat (zum Beispiel Bloggen). Also: Teilzeit-Verträge aushandeln, wenn irgendwie möglich. Oder zumindest auf die Einhaltung der Arbeitszeitrichtlinien achten.
Wichtig ist das Gefühl, halbwegs das Heft in der Hand zu haben und nicht Sklave der Umstände zu sein. Wer es geschafft hat, in eine Leitungsposition aufzusteigen ist zufriedener als jemand, der sein Leben lang der „Ewige Zweite“ ist.
Ach ja, und dann ist da noch das liebe Geld… aber das ist wieder ein ganz anderes Thema…

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29. September 2010 at 06:33

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Ist das Deutsche Gesundheitssystem noch zu retten?

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Das ist oft genug versucht worden.
Seit Jahrzehnten folgt eine Gesundheitsreform nach der Anderen. Politiker aller Parteien beißen sich regelmäßig die Zähne daran aus und noch kein Gesundheitminister hat es geschaft, sich dauerhaft die Sympathien von Ärzten, (potentiellen) Patienten und Krankenkassenbeitragszahlern zu sichern.
Dabei sind die Probleme seit langem bekannt:
Das deutsche System ist kompliziert, bürokratisch und getrieben von zahllosen Partikularinteressen.
Und die Lösung wäre: Bürokratie abbauen, die ganze Sache irgendwie einfacher machen und versuchen, die Partikularinteressenten an einen Tisch zu bringen.
Aber das ist eben nicht so einfach.
So wundert es auch nicht, wenn die Antwort auf die obige Frage ein klares „Nein“ ist, zumindest wenn man einer Ärzte-Umfrage der CompuGroup Medical (das ist die Firma, welche die Computersysteme für Arztpraxen herstellt) glauben mag.
Und die Antwort:
Am besten alles so lassen wie bisher.
Besser wird’s dann zwar nicht, aber man kann halt weiter jammern.

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1. August 2010 at 07:53

Wieviel dürfen wir Ärzte verdienen?

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Die heißen Diskussionen um diesen und diesen Artikel habe gezeigt: Wenn’s ums Geld geht, hört der Spaß auf. Und was man in den Medien über das Thema ist, ist widersprüchlich.
Also, jetzt mal Hand aufs Herz: Wieviel Geld sollen, wollen und dürfen wir Ärzte eigentlich verdienen?
Wir haben eine lange Ausbildung. Aber ehrlich gesagt: das Studium war schon eine tolle Zeit, wir haben zwar nix verdient, aber die meisten von uns sind halbwegs ohne Schulden durchgekommen, dank Eltern-Finanzierung oder Nebenjobs oder Beidem. Ich habe zwar kein Bafög gekriegt, kenne aber genug, die es gekriegt haben und keiner hat sich je über die Last der Bafögschulden beklagt. In anderen Ländern ist das bekanntlich anders.
Okay, dann also der erste Job. Was man da verdient?
Hab ich hier vor ein paar Monaten schonmal drüber berichtet. Nicht königlich, aber es reicht zum überleben. Lehrer, Juristen und andere Akademiker verdienen im öffentlichen Dienst auch nicht mehr.
Interessant ist, wie es dann weitergeht. Mit Glück hat man nach fünf, sechs oder sieben Jahren seine Facharztprüfung bestanden.
In der Wirtschaft wäre man dann vielleicht reif für den Posten eines Abteilungsleiters oder so. Im Krankenhaus heißt sowas Oberarzt. Und da verdient man so um die sechs Mille brutto. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Prinzipiell eigentlich ein ordentliches Gehalt.
Damit kann man prinzipiell zufrieden sein.
Wenn die Arbeitsbedingungen stimmen.
Was von einem Oberarzt verlangt wird? Theoretisch Vierzigstundenwoche… plus Dienste, die werden dann nämlich nicht mehr extra vergütet, wobei es sich hier meist um Hintergrunddienste handelt. Also: man schläft im eigenen Bett, muss aber raus, wenn’s Handy klingelt.
Und das ist der entscheidende Punkt: was einen auffrisst, sind nämlich diese Dienste. Ob man nun bei Anruf nachts in die Klinik muss oder zum Hausbesuch ist sich da gleich.

Written by medizynicus

29. Juni 2010 at 22:47

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Darf man im Krankenhaus an Sex denken?

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Ich freue mich über Kommentare. Eigentlich über jeden. Auch und gerade über die Kritischen. Und letztens gab es einen, über den ich lange nachgedacht habe. Ehrlich gesagt habe ich lange damit gezögert, ihn freizuschalten. Aber nicht weil ich vor diesem Kommentar Angst gehabt hätte, sondern weil ich den Kommentar nicht unkommentiert stehen lassen möchte.
Es geht um diesen Beitrag und der ist schon ein paar Monate alt. Der Kommentar der anonymen Autorin kam letzte Woche. Sie schreibt:

zufällig bin ich hier gelandet und muss einmal sagen – falls dieser blog wirklich medizinischem personal gehört – dass ich mich sehr wundern muss. (…) der ganze blog liest sich wie der eines pubertierenden spinners. das macht mir ehrlich gesagt angst vor meinen arztbesuchen, die ich wegen einer krankheit sehr oft antreten muss! es hat schon einen grund, warum ich nur zu frauenärtinnen gehe….

Worum geht es?
Ich treffe eine junge, gutaussehende Patientin. Ich sehe diese Patientin nackt und ich berühre sie.
Was denke ich dabei?
Was darf ich denken?
Bin ich ein Schwein oder ein pubertärer Spinner wenn ich das denke, was neunzig Prozent aller Männer, deren Testosteronspiegel noch nicht auf annähernd null herabgesunken ist, denken, wenn sie den nackten Körper einer jungen und attraktiven Frau sehen?
Einigen wir uns darauf:
Es gibt Kollegen, welche unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelegentlich Kommentare zum Besten geben, bei denen auch ein abgebrühter Matrose rot werden könnte.
Und doch: auch diesen Kollegen, und dafür lege ich meine Hand ins Feuer, würde es niemals, und auch wirklich niemals einfallen, eine Patientin falsch oder unangemessen zu berühren. Und auch zotige Kommentare in Anwesenheit einer Patientin dürften sehr selten sein.
Fassen wir zusammen:
Mindestens 99 Prozent aller mir bekannten Kollegen wissen, was sich gehört – und doch sind und bleiben wir Menschen und keine Maschinen.

Siehe auch hier oder hier.

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24. April 2010 at 22:33

Die Verwaltung an der Strippe

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Die Verwaltung ist am Telefon.
Irgendwie habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn die dran sind. Also, was wollen sie von mir? Fehlt die Steuerkarte?
Müssen sie mir bedauernswerterweise mitteilen, dass ich eine Gehaltskürzung in Kauf nehmen muss oder gleich die Kündigung?
„Es geht um Ihre Überstunden!“ sagt Frau Schuster.
„Ja?“
„Sie hatten einen Antrag auf Auszahlung gestellt…“
Nee, den Antrag hat der Chef gestellt. Jedenfalls hat der sich drum kümmern wollen, dass wir unser Geld kriegen.
Aber ist ja auch egal. Hauptsache, die Sache geht durch!
„Ja?“
„Leider können wir Ihrem Antrag nicht stattgeben!“
„Warum nicht?“
„Die angespannte finanzielle Lage unseres Hauses läßt es momentan nicht zu. Außerdem steht in Ihrem Arbeitsvertrag…“
„Das weiß ich, Frau Schuster. Aber unser Chef hat Ihnen doch mitgeteilt, dass der Freizeitausgleich bei unserer dünnen Personaldecke organisatorisch nicht durchzuführen ist?“
Am anderen Ende der Leitung bleibt es still.
Dann ein Räuspern.
„Sie bestehen also darauf, den Freizeitausgleich in Anspruch zu nehmen?“
„Aber ja… ich meine… es steht mir doch wohl zu, oder?“
„Nun, einige Ihrer Kollegen haben mit Rücksicht auf das Wohlergehen der Patienten verzichtet…“
„Entschuldigen Sie, aber die Patienten brauchen wache, ausgeschlafene Ärzte!“
Erneutes Räuspern.
„Wann möchten Sie denn Ihren Freizeitausgleich nehmen?“
Ist die Frage ernst gemeint?
Jetzt bin ich eine Sekunde lang baff.
„Ähem… wann… wann würde es denn gehen?“
„Am besten, Sie bauen Ihre Überstunden so schnell wie möglich ab. Nächste Woche?“
„Nächste Woche… da ist aber schon eine Kollegin in Urlaub!“
„Das macht nichts. Dann sage ich Ihrem Chef, dass die Abteilung die Woche lang ohne Sie beide auskommen muss. Also nächste Woche. Ich trage das dann ein!“
„Ähem… aber das geht wirklich nicht…“
„Machen Sie sich keine Sorgen! Wenn wir das so bestimmen, dann geht das klar. Also, einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen!“
Tja.
Und jetzt habe ich also nächste Woche frei und keine Ahnung, was man mit der freien Zeit anfangen könnte….

Written by medizynicus

3. Februar 2010 at 07:49

Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch

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Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch. Eine Krankenakte natürlich.
Die wartet darauf, diktiert zu werden, was heißt: irgendwer erwartet von mir, dass ich den entsprechenden Arztbrief diktiere, ganz dringend, am besten heute noch, am besten sofort.
Ich schlage das Ding auf.
Ganz vorn liegt ein Zettel. Genau gesagt, ein Vordruck: „Hiermit bestätige ich, dass ich das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat verlasse.“
In der Ecke klebt ein Aufkleber mit Namen und Personalien des Patienten: Müller, Hans-Georg.
Müller, Hans Georg?
Ach ja, das war doch der Alkie vom Wochenende, von dem ich mich nicht hab verarschen lassen wollen und der mich dann doch drangekriegt hat.
Aha. Müller, Hans Georg hat das Krankenhaus also gegen ärztlichen Rat verlassen. Den Zettel hat er übrigens nicht unterschrieben, was darauf hindeutet, dass er sich still und heimlich einfach aus dem Staub gemacht hat. Aber wann? Samstag früh war er bekanntlich noch da. Gestern bei der Visite war er weg. Komisch, dass mir das gar nicht aufgefallen ist!
Auf der Akte pappt ein Klebezettel.
„Chef bittet um Rücksprache!“
Chef räuspert sich am Telefon.
„Redense mal mit dem Hausarzt!“ sagt er, „damit der Bescheid weiss!“
Will sagen: Damit der Hausarzt Abstand davon nimmt, Herrn Müller, Hans-Georg irgendwann innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Entgiftung stationär bei uns einzuweisen.
Aber so einer wie Herr Müller, Hans-Georg, der braucht gar keinen Hausarzt. Der weiss schließlich selbst, wann er ins Krankenhaus will und dass man am besten dann wieder heimgeht, wenn es am schönsten ist.
Na gut. Bin nicht traurig drum. Besser so einer als jemand, welcher nachts plötzlich ins Delirium rutscht. Nee, das macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Written by medizynicus

2. Februar 2010 at 07:00

Überstundenmillionäre

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Montag Morgen.
Unausgeschlafen wie immer stolpere ich ins Dienstzimmer und schmettere mein „Guten Morgen!“ in den Raum. Kalle sitzt an seinem Schreibtisch über ein Schriftstück gebeugt und grummelt mir etwas Unverständliches entgegen.
Ich hole mir nebenan im Schwesternzimmer einen Kaffee, komme zurück und schaue meinem Kollegen über die Schulter.
„Was machst’n Du da?“
Kalle schaut auf.
„Überstundenzettel! Hast Du Deinen schon fertig?“
Natürlich nicht! Siedend heiß fällt mir ein, dass schon wieder ein Monat zu Ende gegangen ist. An jedem Ersten müssen wir die Überstunden des letzten Monats dokumentieren.
„Wie viele hast du denn?“
Kalle rechnet eine Weile.
„Zusammengenommen inzwischen fast hundertsechzig. Und Du?“
Ich nehme einen Vordruckbogen aus der Schublade, dazu die Kopie des Dokuments vom vorigen Monat und den Zettel, auf dem ich die Überstunden des laufenden Monats notiert habe.
„Nicht ganz so viele. Trotzdem genug. Gibt’s Neuigkeiten?“
Jeder von uns schleppt einen Berg von Überstunden mit sich herum und in jedem Monat wird dieser Berg größer.
Überstunden werden in Freizeit abgegolten, so steht es in unseren Arbeitsverträgen. Aber wann sollen wir das tun? Wenn es nach der Verwaltung geht, natürlich am liebsten gar nicht.
Letztens hat der Chef uns daher gefragt, ob wir einverstanden wären, wenn er sich dafür einsetzt, dass die Überstunden aus dem letzten Jahr ausbezahlt werden sollen. Viel Geld wird dabei zwar nicht herumkommen, aber immerhin besser als leere Versprechungen von Freizeitausgleich am Sankt-Nimmerleinstag.
Kalle hat seine Berechnungen beendet, nimmt das Papier und steht auf.
„Komm, wir müssen los!“
Ich nehme meinen eigenen Stundenzettel und den weißen Kittel, hänge das Stethoskop um den Hals und folge Kalle zur Frühbesprechung.
Der Chef nimmt unsere Zettel, die wir ihm verschämt und mit schlechtem Gewissen zustecken wortlos entgegen.
Gewissenhaft wird er sie mit Stempel und Unterschrift an die Verwaltung weiterreichen und dort werden die Schriftstücke dann erst einmal in irgendeinem Parallelluniversum verschwinden.
Ob wir in den nächsten Jahrzehnten wohl irgendeine Antwort bekommen?
Eher nicht. Trotzdem werden wir brav an jedem ersten ein neues Blatt Papier produzieren.

Written by medizynicus

1. Februar 2010 at 07:01

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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