Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Alkohol, Glatteis und maximal drei Synapsen (oder: das übliche Blabla, Teil 3)

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Sehr geehrter Herr Dr. Hausarzt,
hiermit berichten wir über den Patienten Hein Schnapsbichler, der sich irgendwann am letzten Wochenende in unserer stationären Behandlung befand.
Diagnose: zeh-zwo-Intoxikation, multiple Prellungen und diverse Blessuren und Morbus Bahlsen
Epikrise: Der Patient wurde gegen dreiundzwanzig Uhr nach einem Sturz bei Bad Dingenskirchener Glatteis stationär aufgenommen. Das heißt, wir hatten vor, ihn stationär aufzunehmen. Wir hatten auch vor, die Platzwunde an seiner Stirn mit einer Naht zu versorgen, das lehnte der Patient jedoch aus ungeklärten Gründen ab. Auch eine Tetanus-Impfung hielt er für überflüssig, wobei wir ihn selbstverständlich über die Konsequenzen einer nicht durchgeführten Impfung aufgeklärt haben. Ob er es verstanden hat, wissen wir nicht, zugehört hat er jedenfalls nicht. Als er aus der Notaufnahme auf die Station gebracht werden sollte, verließ er unbemekt das Krankenhaus um sich an der Tanke mit weiteren Alkoholreserven zu versorgen. Aufgrund der Außentemperaturen und der spärlichen Bekleidung des Patienten hielten wir es für sinnvoll, die Polizei zu verständigen. Der Patient kam jedoch nach etwa eineinhalb Stunden wieder zurück. Der Rest der Nacht verlief verhältnismäßig komplikationslos. Nach dem Frühstück verließ er erneut das Krankenhaus und ward seither nicht mehr gesehen so daß wir ihn Ihre weitere hausärztliche Obhut entlassen konnten, wir bitten um Verlaufskontrolle oder was auch immer sonst Ihnen noch einfällt, aber bitte halten Sie uns den Kerl nach Möglichkeit vom Leibe… ähem, zurückspulen, letzten Satz bitte streichen, mit freundlichen kollegialen Grüßen undsoweiter.

Written by medizynicus

23. Februar 2010 at 06:15

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch

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Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch. Eine Krankenakte natürlich.
Die wartet darauf, diktiert zu werden, was heißt: irgendwer erwartet von mir, dass ich den entsprechenden Arztbrief diktiere, ganz dringend, am besten heute noch, am besten sofort.
Ich schlage das Ding auf.
Ganz vorn liegt ein Zettel. Genau gesagt, ein Vordruck: „Hiermit bestätige ich, dass ich das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat verlasse.“
In der Ecke klebt ein Aufkleber mit Namen und Personalien des Patienten: Müller, Hans-Georg.
Müller, Hans Georg?
Ach ja, das war doch der Alkie vom Wochenende, von dem ich mich nicht hab verarschen lassen wollen und der mich dann doch drangekriegt hat.
Aha. Müller, Hans Georg hat das Krankenhaus also gegen ärztlichen Rat verlassen. Den Zettel hat er übrigens nicht unterschrieben, was darauf hindeutet, dass er sich still und heimlich einfach aus dem Staub gemacht hat. Aber wann? Samstag früh war er bekanntlich noch da. Gestern bei der Visite war er weg. Komisch, dass mir das gar nicht aufgefallen ist!
Auf der Akte pappt ein Klebezettel.
„Chef bittet um Rücksprache!“
Chef räuspert sich am Telefon.
„Redense mal mit dem Hausarzt!“ sagt er, „damit der Bescheid weiss!“
Will sagen: Damit der Hausarzt Abstand davon nimmt, Herrn Müller, Hans-Georg irgendwann innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Entgiftung stationär bei uns einzuweisen.
Aber so einer wie Herr Müller, Hans-Georg, der braucht gar keinen Hausarzt. Der weiss schließlich selbst, wann er ins Krankenhaus will und dass man am besten dann wieder heimgeht, wenn es am schönsten ist.
Na gut. Bin nicht traurig drum. Besser so einer als jemand, welcher nachts plötzlich ins Delirium rutscht. Nee, das macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Written by medizynicus

2. Februar 2010 at 07:00