Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Arztbriefe

Prokrastination… oder: warten, dass nichts passiert

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Ja.
Hmmm.
Ja, ich könnte….
…könnte mich um den Stapel Krankenakten kümmern, die mich da von der der Ecke meines Schreibtisches aus angrinsen und darauf warten, diktiert zu werden. Was is’n das eigentlich für ein dämlicher Ausdruck? Alle diejenigen von Euch, die irgendwann im Leben einmal in professionaler Kapazität ein Krankenhaus von innen gesehen haben, wissen natürlich, worum es geht: Tatsache ist, dass Chef uns letztens erst mal wieder daran erinnert hat, dass die Arztbriefe „zeitnah“ fertig gemacht werden sollen. Also am besten vorgestern, aber Vorgestern ist jetzt vorbei und da man ja im Leben sonst nichts zu tun hat, kümmert man sich an seinen Wochenenddiensten darum, zum Beispiel dann, während der Rest von Bad Dingenskirchen gerade Karneval feiert. Oder Fastnacht, Fasching, oder wie auch immer sonst diese Veranstaltung heißen mag, Ihr wisst schon, diese Geschichte mit den mit den Pappnasen und so. Aber zurück zu den Entlassbriefen.
Dass die Hausärzte – also die formellen Adressaten jener Briefe – sich in der Regel einen feuchten Kerricht für unser Geschwurbel interessieren, hatte ich ja schon einmal erwähnt. Aber darum geht es ja nicht. Der Aktenstapel grinst mich an und stattdessen surfe ich verbotenerweise auf fachfremden Internetseiten herum, glotze fachfremdes Verdummungs-TV und überlege, ob ich mich auf den freigewordenen Beamtenjob in Berlin bewerben soll, Ihr wisst schon. Vor allem warte ich darauf, dass der Piepser nicht piepst. Und was ich alles ändern würde, wenn ich König von Deutschland wäre, das wisst Ihr noch nicht, aber ich werd’s Euch verraten…
Aber nicht jetzt. Denn der Piepser piepst gerade. Also, stramm gestanden, den Kittel von der Stuhllehne geholt, und auf geht’s in Richtung Notaufnahme.
Auf in den Kampf, Pappnasen, ich komme!

Written by medizynicus

18. Februar 2012 at 22:57

…und danke fürs Diktat. Ende.

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Das gibts doch nicht!
Draußen ist lacht die immer noch verhältnismäßig goldene Herbstsonne und ich sitze da am Fenster und schaue der Sonne beim Lachen zu. Ich habe die Visite beendet, bin auch mit dem Papierkram fertig, habe alle Untersuchungen gemacht, war Mittagessen, habe alle notwendigen Braunülen gelegt und dann sogar aus Langeweile noch den kompletten Stapel aller Artzbriefe wegdiktiert und es ist immer noch etwas übrig vom Tag.
Ich gehe raus, hole mir einen Kaffee und setze mich wieder an meinen Arbeitsplatz.
Am anderen Schreibtisch sitzt Sarah und diktiert.
„Magst Du auch einen Kaffee?“
Sie schüttelt den Kopf.
Ich tu so, als würde ich arbeiten, aber das wirkt nicht sehr überzeugend.
Also schaue ich wieder der Sonne zu. Sarah diktiert weiter.
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“
Sie schüttelt den Kopf.
Also schaue ich wieder der Sonne zu.
„Wirklich nicht?“
Ich stehe auf und gehe zu ihr hinüber. Neben ihr liegt ein beeindruckend hoher Stapel an Patientenakten.
„Komm, ich nehme Dir welche ab!“
„Nee, brauchste wirklich nicht!“
„Doch, is ja kein Akt…“
Beherzt greife ich in den Stapel und ziehe ein paar Akten heraus.
Und jetzt ist die Sonne längst tief blutrot über Bad Dingenskirchen untergegangen und ich sitze immer noch da in dem inzwischen leeren Arztzimmer vor meiner kaltgewordenen Kaffeeplörre und versuche die Handschriften meiner Kollegen zu entziffern.
„…und verbleibe mit kollegialen Grüßen, Unterschrift und danke fürs Diktat.“

geht die Sonne gerade blutrot über Bad Dingenskirchen unter und

Written by medizynicus

15. November 2011 at 14:30

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mal eben schnell diktieren

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Zwölf Uhr und vierzehn Minuten. Heute gibts Bandnudeln mit Ökomampf, der Hunger treibt’s runter.
Piepsidüdel, meldet sich der kleine Plagegeist in der Kitteltasche.
„Ja?“
„Herr Schmierdödel von Zimmer zwölf…“
Schwester Paulas unangenehme Stimme lässt meinen Blutdruck um zwanzig Punkte steigen.
„Ja?“
„Herr Schmierdödel!“
„Schon verstanden. Was ist los?“
„Der geht doch heute heim!“
„Richtig.“
„Wo ist denn der Entlassungsbrief?“
„Der existiert noch nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil ich ihn noch nicht diktiert habe!“
„Äh… und wann ist der fertig?“
„Nachdem ich ihn diktiert habe!“
Nachdem ich ihn diktiert haben werde, wäre die korrekte Aussage, aber das Futur Zwei ist, glaube ich ein wenig aus der Mode gekommen. Ist aber egal. Die Nudeln mit Ökopamps sind sowieso ungenießbar, also bringe ich mein Tablett weg, gehe rauf auf Station, schnappe mir wortlos die Akte von Herrn Schmierdödel und ziehe mich ins Arztzimmer zurück. Akte aufklappen, Diktiergerät einschalten.
„…wir berichten über den Aufenhalt von…“
Routinemäßig leiere ich die üblichen Phrasen runter.
„…aktuelle Medikation…“
Was ist soll denn das heißen, verdammt nochmal?
„…Sonographiebefund…“
Dieses saumäßige Gekritzel kann doch beim besten Willen niemand entziffern!
„…Echokardiographie…“
Mannomannomann, die Klaue vom Oberarzt ist noch schlimmer!
Piepsidüdel-pieps. Schwester Paula wieder.
„Und, ist der Brief jetzt endlich fertig!“
Jetzt die Augen schließen, an eine Gänseblümchenwiese denken und ganz langsam bis drei zählen!
Ein Kaffee wäre gut. Ist aber nicht.

Written by medizynicus

9. November 2011 at 19:15

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Krankenschwestermontagmorgensbegrüßung

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Die Sonne strahlt vom ungetrübt-blauen Frühlingsmorgenhimmel, die Vöglein zwitschern und frohen Mutes mache ich mich auf den Weg zu meiner Wirkungsstätte. Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Schwestern!
„’n Morgen, Doc!“ raunzt Schwester Paula, „Ist der Brief von Frau Wunsiedel schon fertig?“
„Äh, wer ist Frau Wunsiedel?“
„Die wird doch um acht Uhr abgeholt!“ sagt Schwester Paula vorwurfsvoll. Aber das war streng genommen noch keine Antwort auf meine Frage.
„’tschuldigung!“ sage ich leise. Ich fühle mich wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben vergessen hat. Oder eher wie ein Schüler, der gar nicht mitbekommen hat, dass es Hausaufgaben gegeben hat.
„Waren Sie gestern nach da?“
„Gestern war Wochenende!“
„Und am Freitag?“
„Am Freitag hatte ich frei.“ Sowas kommt vor. Ausnahmsweise.
„Wer hat denn die Frau Wunsiedel entlassen?“
„Sarah vielleicht?“
„Dann gibt’s doch bestimmt schon einen Brief im Computer!“
Das ist anzunehmen. Sarah ist in solchen Dingen immer sehr gewissenhaft. Wäre jedenfalls eine gute Nachricht. Jetzt müsste ich nur noch herausfinden, wie man den Brief aus dem Computer heraus bekommt.

Written by medizynicus

4. April 2011 at 05:48

Wichtig mit drei Ausrufezeichen

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„Naaa?“
Kalle schaut mich mit breitgrinsender Verschwörermine an.
„Was Naa?“
Worauf will er denn jetzt schon wieder hinaus?
„Hast Du Post gekriegt?“
„Post? Von wem?“
„Von wem schon? Von der Verwaltung natürlich!“
Ach so! Meine Stimmung fällt auf annähernde Gefrierpunkttemperatur.
„Du meinst den Blauen Brief!“
Kalle nickt und grinst noch breiter. Seit einiger Zeit hat der Herr Verwaltungsdirektor jedem von uns ein hochoffizielles Schreiben zukommen lassen. Darin steht geschrieben, dass man sich im Rahmen des Qualitätsmanagements dazu entschlossen habe, dafür zu sorgen dass alle Arztbriefe zeitnahestens fergiggestellt werden müssen. Von daher wolle man alle Ärzte doch noch einmal darauf hinweisen, dass diese Angelegenheit von höchster Wichtigkeit sei. Der Verwaltungsdirektor habe gemeinsam mit allen wichtigen Bürokraten eine entsprechende Zielvereinbarung getroffen undsoweiter blablabla. Jedenfalls kriegen wir Ärzte seither in regelmässigen Abständen eine Liste, in welcher die noch ausstehenden Briefe angemahnt werden.
„Welcher ist länger? Deiner oder meiner?“ grinst Kalle.
Ich zucke mit den Schultern. Das einzige was ich weiß ist, dass Sarahs Liste mit Abstand die Kürzeste ist, die macht nämlich seither täglich unbezahlte Überstunden. Kalle hingegen greift zielsicher ins Postfach, zieht meine Mahnliste heraus und steckt sie gemeinsam mit seinem eigenen Zettel ungesehen in den Schredder.
„War doch okay so, oder?“ fragt er hinterher.
Ich nicke. Gemeinsam gehen wir nach oben auf die Station. Auf meinem Schreibtisch im Arztzimmer liegt eine Patientenakte. Darauf klebt ein gelber Post-It-Zettel:
„Wichtig!!!“ steht da in der Handschrift unserer Sekretärin, „Sofort diktieren!“
Kalle seufzt. Er knibbelt den Zettel herunter, zerknüllt ihn und schmeißt ihn in den Papierkorb. Dann nimmt er die Akte und wirft sie auf den beindruckend hohen Stapel in der Ecke.

Written by medizynicus

18. März 2011 at 20:05

Das übliche Blabla

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Ich sitze vor meinem Schreibtisch, auf welchem sich ein Stapel Krankenakten befindet.
Die zugehörigen Patienten hat Martin in der letzten Woche entlassen. Und weil es vor meinem Urlaub „meine Patienten“ waren, „gehören“ die Akten jetzt mir, das heißt das Diktieren des zugehörigen Briefes ist meine Aufgabe.
Wenn Martin in Urlaub ist, dann mache ich natürlich im Gegenzug bei „seinen“ Patienten Visite.
Und sollte ich einen dieser Patienten entlassen, dann gehört die zugehörige Akte selbstverständlich mir.
Sollte ich es wagen, eine Akte still und heimlich auf Martins Stapel zu verfrachten, so liegt sie spätestens bei Martins Rückkehr wieder bei mir: „Du hast den Patienten ja entlassen, ich kenne den doch kaum!“
Diesbezüglich hat Martin da eine ganz raffinierte Taktik entwickelt.
Manchmal ist sein Stapel turmhoch, dann reduziert er sich oft in Windeseile allerdings habe ich ihn noch nie diktieren sehen: stattdessen werden die Akten in einem unbeobachteten Moment unter fadenscheinigen Begründungen auf die Stapel der Kollegen verschoben.
Und jetzt sitze ich da also.
Noch ein Schluck aus der Kaffeetasse. Pfui Teufel, das Zeug schmeckt grauenhaft, außerdem ist es kalt geworden.
Ich nehme das Diktiergerät in die Hand. Neue Kassette einlegen.
Eins, zwei, drei Test. Zurückspulen, Räuspern und los.
„…berichten wir Ihnen über den obengenannten Patienten, welcher sich vom… bis zum… in unserer stationären Behandlung befand. Stop.“
Aktenraschel.
Diagnose?
Wenn ich das wüsste! Ich kann mich an den Patienten kaum erinnern.
Ich blättere durch die Akte und versuche Martins Handschrift zu entziffern. Was hat der mit dem angestellt?
Aber irgendwas muss ich hinschreiben. Am besten gleich die zehn Dauerdiagnosen aus dem Arztbrief vom vorherigen Aufenthalt abdiktieren, darunter fortgeschrittene Demenz, schwere Pflegebedürftigkeit, Harn- und Stuhlinkontinenz und so weiter.
Ich schüttele den Kopf.
Stehe auf.
Nebenan im Schwesternzimmer riecht es nach frischem Kaffee.

Written by medizynicus

18. Februar 2010 at 06:51

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