Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Doktor hinter Gittern

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Neulich habe ich meinen Kollegen Dr. Gutmensch im Knast besucht.
Da brummt er gerade fünf Jahre ab, wegen Verstoß gegen das Betäubungsmitelgesetz.
Was hat er getan? Vielleicht heimlich zur Aufbesserung seiner Kasse nachts hinterm Bahnhof bunte Pillen verkauft? Oder einen notorischen Querulanten mit einer gehörigen Dosis Morphium um die Ecke gebracht? Nein, nichts dergleichen.
Bei meinem letzten Besuch hatte mein Kollege den Tathergang ungefähr so beschrieben:
„Es war in einer kalten, stürmischen Winternacht: Dreißig Zentimeter Neuschnee und Windstärke acht. Ungefähr gegen drei Uhr nachts klingelt mein Handy, der Sohn von Frau Leidemann ist dran. Seine Mutter hat metastasierenden Darmkrebs im Endstadium und leidet höllische Schmerzen. Also bin ich hingefahren, hinaus nach Einödshofen, fünfzehn Kilometer über ungeräumte Landstraßen. Ich habe angeboten, ihr eine Spritze zu geben, aber das wollte sie nicht, denn sie hat wahnsinnige Angst vor Nadeln. Also habe ich ihr eine Tablette Morphium gegeben. Die hat sie gleich genommen und sie hat gut geholfen. Da hat sie mich gefragt, ob ich ihr nicht zwei oder drei Tabletten dalassen könnte. Das habe ich dann auch getan.“
„Und?“ fragte ich, „Was kam dann?“
„Nichts!“ sagt mein Kollege, „das war es. Das war mein Vergehen. Der Sohn hat die Polizei gerufen und die haben mich noch in derselben Nacht verhaftet!“
Okay, das stimmt nicht.
Natürlich ist die Geschichte (wie so vieles hier in diesem Blog) erstunken und erlogen. Aber sie ist möglich. Es klingt verrückt, aber es ist wahr: ein Hausarzt, welcher einem schwerkranken Patienten in einer Notsituation ein paar Tabletten Morphium überlässt, handelt illegal und riskiert eine Haftstrafe und wäre vermutlich auch im Falle einer Bewährungsstrafe erstmal seine Approbation los.
Weil nun die meisten Ärzte keine Lust haben, im Knast zu landen erhalten viele schwerstkranke Patienten nicht die Behandlung, die sie brauchen.
Wer diesen Zustand ändern möchte, kann eine Petition an den Deuschen Bundestag unterschreiben. Hier ein Auszug aus der Begündung dieser Petition:

Aus gutem Grund dürfen in Deutschland Betäubungsmittel nur durch den Apotheker an Patienten abgegeben werden. Dieses gilt derzeit leider auch in besonderen Notfällen von vernichtenden Schmerzen oder schwerster Atemnot außerhalb der Öffnungszeiten von Apotheken, so dass es hier häufig zu einer Versorgungslücke kommt. Ärzte müssen Betäubungsmittel vorab schriftlich rezeptiert haben. Das Rezept muss vor Auslieferung in der Apotheke vorliegen.
Ärzte dürfen Betäubungsmittel nur unmittelbar persönlich am Patienten anwenden, dürfen sie dem Patienten aber auch im Notfall niemals zur dringend notwendigen weiteren Anwendung überlassen. Dies gilt auch, wenn die erreichbaren Apotheken diese Medikamente nicht vorrätig haben und die Medikamente damit auf dem gesetzlich vorgesehenen Wege nicht ausreichend zeitnah in der Häuslichkeit verfügbar sind. Die Überlassung von z. B. Opioiden – auch im Notfall gegen schwerstes Leiden – ist nach § 29 Abs. 1 Ziffer 1 Betäubungsmittelgesetz immer noch ein Straftatbestand, der mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft wird.

Dank an die Leserin „Tänzerin“ für den Tipp und den Link!

Written by medizynicus

16. Februar 2011 at 05:19

Arzt sein ist doch gar nicht schwer…

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…und um zu lernen wie es geht, reicht ein Hauptschulabschluss aus. Okay, würde vielleicht nicht schaden, wenn man mal ein Krankenhaus von innen gesehen hat, zum Beispiel als Zivi oder im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Und wenn man dann auch noch Mitglied im Roten Kreuz ist, dann steht einer erfolgreichen Bewerbung ja eigentlich nichts mehr im Weg.
Die notwendigen Dokumente kann man sich notfalls auch selbst machen, in Zeiten von Photoshop ist sowas heutzutage ja kein Problem mehr. Ein junger Mann hat’s ausprobiert.
Der angebliche Arzt hat mehrere Monate lang in zwei verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet und dort Patienten betreut.
Wie hat er das geschafft? Vermutlich war er ein guter Schauspieler. Ein paar Sachen hat er sich vielleicht angelesen, den Rest von den Kollegen abgeguckt. Vor Therapieentscheidungen kann man sich mit etwas Übung durchaus drücken und alles was handwerkliche Geschicklichkeit erfordert kann man ja auch den Kollegen überlassen. Wenn man dann noch nett und höflich ist, dann kann man sich durchaus eine ganze Weile lang durchmogeln.
Jetzt ist er dennoch aufgeflogen und steht vor Gericht. Wenn er Pech hat, blühen ihm mehrere Jahre Knast, wenn er Glück hat, kommt er vielleicht mit einer Bewährungsstrafe davon.
Was lernen wir daraus?
Eigentlich kann unsere Arbeit ja auch vom Hausmeister erledigt werden… oder etwa nicht?

Written by medizynicus

3. Februar 2011 at 14:09

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Kurzinfusionen

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„Du sag mal,“ fragt Jeny, „kannst Du mir mal verraten, weshalb Ihr Ärzte das Furosemid immer als Kurzinfusion ansetzt?“
„Äh, wieso nicht?“
„Weil… irgendwo ist es doch widersinnig. Ein Diuretikum geben und gleichzeitig Flüssigkeit dazu!“
„Da hast Du Recht!“
Und ich bewundere Deinen scharfen Verstand. Also nochmal langsam, zum Mitdenken:
Furosemid ist ein Diuretikum. Ein Medikament, welches bewirkt, dass ein Patient vermehrt Wasser ausscheidet. Das gibt man zum Beispiel Patienten, die in ihrem Körpergewebe Flüssigkeitseinlagerunge, in den Beinen zum Beispiel oder in der Lunge oder anderswo. Oft sind es Patienten, deren Herz geschwächt ist, so dass das Blut nicht mehr richtig in den Kreislauf hinausgepumpt wird und sich stattdessen in der Lunge zurückstaut. Kurzatmigkeit bis hin zur Atemnot ist die Folge. Will man solchen Leuten rasch helfen, dann gibt man das entsprechende Medikamente – also zum Beispiel Furosemid – über die Vene. Da wirkt es am raschesten.
Nun wäre es logisch, dem Patienten einfach eine Spritze zu verpassen. Stattdessen bekommt er aber meist eine Infusion – das Medikament verdünnt in 100ml sterile Kochsalzlösung. Wozu das Ganze? Schließlich sollen die Patienten ja oft möglichst wenig Flüssigkeiten zu sich nehmen und man sagt ihnen, dass sie nicht mehr als eineinhalb Liter pro Tag trinken sollen. Wozu also zusätzlich Flüssigkeiten zuführen, wenn man doch genau das Gegenteil erreichen will?
„Der Grund,“ ich räuspere mich, „ist ebenso simpel wie logisch und hat nichts mit Medizin zu tun!“
Intravenöse Spritzen müssen wir Ärzte selber geben. Infusionen hingegen dürfen die Schwestern anhängen. Und wir wollen uns doch nicht mehr Arbeit machen als unbedingt nötig….

Written by medizynicus

25. Januar 2011 at 05:54

Wenn ich einmal groß bin…

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„Kommst Du heute Abend?“ fragt Sarah.
Äh… kommen? Heute Abend? Party? Mit Sarah? Nichts lieber als das!
„Heute Abend? Wohin denn?“
„Patho-Fortbildung! Hast Du das nicht gelesen?“
Richtig, da war was! Vor ein paar Tagen lag da ein Zettel im Postfach. Den hab ich gleich der fachgerechten Entsorgung zugeführt. Fortbildung in meiner Freizeit? Wo kommen wir da hin?
„Ich weiß noch nicht…“
„Soll sehr interessant sein. Und es gibt Häppchen! Also wenn Du noch nichts vorhast…“
Aha? Häppchen? Und Sarah? Habe ich schon etwas vor? Äh….
„Ich habe leider Dienst!“
„Macht doch nichts! Die Fortbildung findet doch hier im Haus statt!“
Das ist natürlich ein Argument.
Kurz vor acht drehe ich eine Runde durch das Haus und schärfe allen Schwestern bei Höchststrafe ein, mich innerhalb der nächsten Stunde bloß nicht anzuiepsen.
Kurz nach acht stehe ich dann im Foyer vor dem großen Seminarraum und mache Smalltalk mit Sarah, Kalle und Ute.
Wir haben unsere Namen in die Teilnehmerliste eingetragen und die Barcode-Aufkleber der Ärztekammer dazugeklebt. Zwei Fortbildungspunkte soll es für die Veranstaltung geben. Allerdings hat der Referent sich vespätet, deswegen dürfen wir uns schonmal an den Häppchen bedienen, die gibt’s normalerweise ja erst nachher.
Ute ist eine Studienfreundin von Sarah und arbeitet beim Ägidius-Stift in Sankt Anderswo. Sie ist noch jünger als Sarah aber sieht müde und abgearbeitet aus.
„Was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?“ fragt Kalle und kaut auf einem Lachsbrötchen.
„Kardiologin!“ kommt die Antwort, wie aus der Pistole geschossen.
„Ich glaube, Du hast die Frage nicht verstanden!“ sagt Kalle.
„Wieso?“
„Es geht nicht darum, was Du lernst, sondern wie Du arbeiten willst!“
Ute runzelt die Stirn.
„Willst Du Oberärztin werden? Willst Du dich niederlassen? Willst Du Familie?“
Ute schüttelt den Kopf.
„Hast ja noch ein paar Jahre Zeit!“ sagt Kalle und greift sich ein weiteres Brötchen.
Er will noch etwas sagen, aber inzwischen ist der Referent aufgetaucht und bittet uns in den Vortragsraum. Im selben Moment geht mein Piepser.
Ich nehme mir auch noch ein Brötchen und dann hechte ich zum nächsten Telefon.

Written by medizynicus

5. November 2010 at 05:16

Dürfen Ärzte bestechlich sein?

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Stellen wir uns folgendes Szenario vor:
Herr Maiermüllerschmidt möchte sich ein neues Auto kaufen. Also geht er zum Händler seines Vertrauens, das ist der mit dem dreizackigen Stern an seinem Laden.
Ich hätte gerne ein Auto, sagt Herr Maiermüllerschmidt. Gerne, sagt der Händler und zeigt ihm verschiedene Modelle, die alle einen dreizackigen Stern am Kühler haben.
Habense auch andere? fragt Herr Maiermüllerschmidt.
‚Türlich, sagt der Händler und zeigt ihm ein paar olle Ladenhüter draußen auf dem Hof.
Herr Maiermüllerschmidt kauft einen Wagen mit Stern und der Händler kriegt von der Firma mit dem Stern eine saftige Provision.
Bestechung! heißt es am nächsten Tag in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, und im Fernsehen sieht man, wie der Händler von Polizeibeamten in Handschellen abgeführt wird.
Äh… nicht?
OK also dann:
Herr Maiermüllerschmidt hat Rückenschmerzen und will Pillen. Also geht er zum Doktor seines Vertrauens, der verschreibt ihm Pillen von der Firma mit… Okay, sagen wir von Miraculopharm.
Der Herr Doktor kriegt von Miraculopharm eine saftige Provision.
Und am nächsten Morgen steht in der Zeitung… siehe oben.
Gibt’s nicht? Gibts doch!.
Erstmalig wurde jetzt zwei Ärzte verurteilt: Ein Jahr Knast und zwanzigtausend Ocken Geldstrafe.
Beamte dürfen sich nicht bestechen lassen. In der freien Wirtschaft aber, da darf man Provisionen annehmen. Ist vielleicht… sagen wir mal: nicht gerade die feine englische Art, aber fast überall Gang und Gäbe. Und niedergelassene Ärzte sind doch schließlich freie Unternehmer oder etwa nicht?
Gelten für die Gesundheitswirtschaft etwa andere Regeln? Oder wollen wir doch die böse, böse Staatsmedizin?
Wegen Bestechlichkeit verurteilt werden können nämlich nur Beamte oder andere Staatsdiener.

Written by medizynicus

30. Oktober 2010 at 06:00

glückliche Ärzte

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Dass manche Ärzte unglücklich sind, ist hinlänglich bekannt. Aber was ist mit den Anderen? Gibt es glückliche Ärzte?
Klar gibt’s die. Einige von ihnen bloggen sogar. Als da wären:

  • Josephine-Chaos: glückliche Familienmutter und Gynäkologin mit Teilzeit-Beschäftigungsvertrag
  • Aufschneiderin Avialle: jung und optimistisch mit klarem Ziel vor Augen
  • Patrick „Hell im Hals“: nach Schweden ausgewandert – dort gibt’s zwar deutlich weniger Geld als in Deutschland (gemessen an der Kaufkraft), aber wesentlich bessere Arbeitsbedingungen.
  • Holzhammer-Kormak: hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, als Honorararzt, selbstbestimmt, auf eigenes Risiko. Seither sieht er den alltäglichen Wahnsinn viel lockerer.
  • Und dann gibt es noch den Anderen Hausarzt. Auch er wirkt zufrieden.

Diese Kolleginenn und Kollegen sind so unterschiedlich wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Und doch haben sie etwas gemeinsam. Gibt es also so etwas wie ein Rezept zum Glücklichsein?
Vielleicht. Was braucht man dazu?
Zunächst einen Job, der einem Spaß macht. Wer nur deshalb Medizin studiert hat, weil er halt einen entsprechend guten NC hatte oder weil das „in der Familie so üblich war“, sollte sich früh genug eine entsprechende Nische suchen, die den eigenen Neigungen entspricht (Und solche Nischen gibt es!). Wer sich seinen Studienplatz gegen Widerstände hinweg erkämpft und das Studium unter schwierigen Bedingungen durchgezogen hat mit einem klaren Ziel vor Augen hat hingegen gute Karten.
Und dann braucht man einen Job, der einem Luft zum Leben läßt: Stressige Dienste machen mir (zumindest manchmal) richtig Spaß – tödlich hingegen ist der Tag danach, wenn man mit dunkeln Augenringen weiterarbeiten muss. Und noch tödlicher ist es, wenn man wegen ständiger Dienstbelastung keine Zeit für Privatleben und nichtmedizinische Hobbies hat (zum Beispiel Bloggen). Also: Teilzeit-Verträge aushandeln, wenn irgendwie möglich. Oder zumindest auf die Einhaltung der Arbeitszeitrichtlinien achten.
Wichtig ist das Gefühl, halbwegs das Heft in der Hand zu haben und nicht Sklave der Umstände zu sein. Wer es geschafft hat, in eine Leitungsposition aufzusteigen ist zufriedener als jemand, der sein Leben lang der „Ewige Zweite“ ist.
Ach ja, und dann ist da noch das liebe Geld… aber das ist wieder ein ganz anderes Thema…

Written by medizynicus

29. September 2010 at 06:33

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Warum sind Ärzte unglücklich?

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Ärzte sind unglücklich.
Nicht alle, aber ziemlich viele: Fast die Hälfte aller deutschen Krankenhausärzte würden den Beruf nicht noch einmal ergreifen. Neunundsechzig Prozent aller Niedergelassenen Ärzte haben schon einmal daran gedacht, auszuwandern. warum?
Die Antwort liegt klar auf der Hand: Zuviel Stress, zuviel Arbeit, zu wenig Geld. Sollte man meinen. Ist das wirklich so?
Oder wird da einfach auf hohem Niveau genörgelt und gejammert?
Die Diskussion ist nicht neu. Und sie wird nicht nur bei uns geführt, sondern interessanterweise auch dort, wo nach Ansicht vieler deutscher Kollegen paradiesische Arbeitsbedingungen herrschen: nämlich in Großbritannien und den USA.
Früher einmal galt: Ärzte nehmen eine lange und anspruchsvolle Ausbildung auf sich, arbeiten hart und haben dafür einen Beruf, in dem sie dann nach eigenem Gutdünken Entscheidungen treffen konnten, dabei hoffentlich stets das Wohl ihrer Patienten im Sinn haben, sich hohen Respekt verdienten und finanziell nicht schlecht gestellt sind.
Das war einmal.
Inzwischen hat sich das Berufsbild gewandelt.
Patienten können sich zunehmend leichter selbst informieren, werden kritischer und anspruchsvoller. Die Presse berichtet lang und breit über echten oder angeblichen Ärztepfusch, immer wieder gelangen neue Skandale an die Öffentlichkeit, die Anzahl juristischer Klagen nimmt zu. Das notwendige Vertrauensverhältnis zerbricht.
Gleichzeitig wird die Handlungsautonomie der Ärzte durch verschiedenste Leitlinien eingeengt. Immer häufiger müssen Ärzte medizinische Entscheidungen gegen wirtschaftliche und juristische Aspekte abwägen. Hierzu aber sind sie nicht ausgebildet.
Erlebt wird das Ganze als Kontrollverlust, Stress und Überforderung.
Und wie geht’s weiter?
Ich bin gespannt.

Lesestoff zum Thema:

Von der Schwanzgröße der Chirurgen

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Nachdem die Diskussion um diesen Beitrag von Sternenmond in den letzten Tagen wieder aufgeflammt ist, muss ich doch noch eine kleine Geschichte zum Besten geben.
Ort der Handlung: Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Bad Dingenskirchen, wie üblich.
Die Akteure: Frau X. mit Bauchschmerzen und schlechten Venen, Dr. Medizynicus, und last not least unser allgemein bekannter chirurgischer Oberarzt Dr. Biestig.
* Vorhang auf *
Auftritt Patientin und Dr. Medizynicus. Patientin stöhnt vor Schmerzen, hat ihren linken Arm von sich gestreckt. Auf dem rechten Arm und Handrücken prangen bereits zahlreiche Pflaster. Der Fachmann erkennt: Hier hat jemand mehrfach vergeblich versucht, einen venösen Zugang zu legen.
Dr. M. steht angestrengt über Frau X.’s linkem Arm gebeugt, Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn.
Endlich! Ein Freudenschrei! Dr. M. fühlt sich wie ein Goldgräber, der irgendwo in Klondike nach jahrelanger vergeblicher Schürferei endlich auf eine Goldader gestoßen ist. Er hat eine Vene gefunden, die Nadel liegt und die Infusion läuft. Dr. M. ist glücklich.
* Auftritt Dr. Biestig *
Mit offenem Kittel über blutbefleckter OP-Kluft stürmt er herein, in der einen Hand die Kaffeetasse, in der anderen Hand… nee, keine Zigarette, das traut selbst der sich nicht, aber sein Atem riecht eindeutig nach gerade beendeter Rauchpause.
Kurzer Blick auf die Patientin, dann auf Dr. M.
„Bist Du schwul, oder was?“
Dr. M. wird rot (nein, ich bin nicht schwul!).
„Wieso?“
„Die Nadel!“
„Was ist mit der?“
„Die Farbe!“
„Ist rosa…“
„Also Junge, ich sage Dir mal etwas: Rosa ist was für Schwuchteln. Grün ist für Internisten, Warmduscher und andere Weicheier. Ein Chirurg nimmt weiß. Okay?“
Sagt’s und ist auch schon wieder draußen.
Und Dr. M. ist wieder mal sprachlos.

p.s.: für Nicht-Insider: Die Farben stehen für die unterschiedlich großen Durchmesser der Nadeln. Eine weiße Kanüle ist also ein ziemlich dicker Brummer –

Written by medizynicus

28. Oktober 2009 at 13:31

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Unzufriedene Hausärzte: Warum tut Ihr denn nichts?

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„Jeder dritte Hausarzt ist unzufrieden!“, meldet die Ärztezeitung (Mittlerweile ist der Artikel allerdings wieder verschwunden.).
An solche Nachrichten sind wir ja gewohnt, fast täglich tönen sie uns aus der ärztlichen Standespresse entgegen und in den Blogs, zum Beispiel beim Landarsch klingt es ja nicht anders.
Die Kollegen sind überlastet, weil die Arbeit immer mehr und das Geld immer weniger wird (von den Kollegen, die sich durch Igel-Quacksalberei eine goldene Nase verdienen, will ich hier nicht reden). Das glaube ich den Kollegen gerne. Und was tun sie?
Sie jammern.
Und beißen die Zähne zusammen und geben weiter fleißig Spritzen und Infusionen, von denen sie wissen, dass sie medizinisch überflüssig sind und noch nicht einmal Geld bringen. Sie machen weiter nächtliche Hausbesuche obwohl auch die nicht mehr bezahlt werden und es dem Patienten nicht schlechter ginge, wenn er für seine Rückenschmerzen nachts erst einmal eine Tablette einwerfen und dann nächsten Morgen in die Praxis kommen würden.
Aber der Herr Doktor ist ja in den letzten zwanzig Jahren immer brav nachts rausgekommen. Und so ist es halt bequemer. Zumindest für den Patienten. Für den Arzt weniger. Aber der beißt die Zähne zusammen und kommt trotzdem. Warum?
Aus Angst vor dem Kadi? Erzählt mir nix, Kollegen! Mit der – gut dokumentierten – Aufforderung: „…und wenn es nicht besser wird, gehen Sie bitte sofort ins Krankenhaus oder rufen den Notarzt!“ seid Ihr immer aus dem Schneider.
Also ist es echte, ernst gemeinte Sorge um den Patienten, Gutmenschentum, Helfersyndrom, oder wie auch immer man es nennen darf?
Das spricht für Euch, Kollegen, Ihr seid super, toll, Spitze! Aber dann jammert gefälligst nicht!
Denn merke: Ihr seid nur dann gut, wenn es Euch selbst auch gut geht.

Written by medizynicus

7. August 2009 at 15:52

Die gute Fee: Was wünscht Ihr Euch? – Aktion zum Mitmachen

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Jeder lange Arbeitstag – auch ein Montag – geht irgendwann einmal zu Ende.
Gestern Abend saß ich dann also wieder einmal auf meinem Balkon und genoss den Feierabend. Es war ein richtig schöner, idyllischer Sommerabend, die Vöglein zwitscherten, die Sonne ging so richtig kitschig blutrot über den Dächern von Bad Dingenskirchen unter und dann ging der Mond auf, ein wunderschöner, kreisrunder Vollmond. Und Sterne hatten wir natürlich auch.
Medizynicus holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank.
Und die Sterne glitzerten und flimmerten und Glühwürmchen glühten und Medizynicus trank noch ein zweites Bier und als er merkte, daß er allmählich wohl besser ins Bett gehen sollte, da machte es plötzlich „wusch“ oder „Bumm“ oder „Tschaka“ und schwupps, da war sie also die gute Fee:
Medizynicus rieb sich ungläubig die Augen.
„Schönen guten Abend, Medizynicus!“ sagte die gute Fee.
„Schönen guten Abend, liebe Fee!“ sagte Medizynicus.
„Du hast einen Wunsch frei!“ sagte die gute Fee.
„Nur einen?“ fragte Medizynicus, „Normalerweise sind es doch immer drei?“
„Auch Feen müssen sparen!“ sagte die Fee.
Medizynicus schaute die Fee an und dachte nach, was er sich denn wohl wünschen könnte.
Und bevor ihm irgendwelche unkeusche Gedanken kommen konnten, sprach er schnell:
„Liebe Fee, ich wünsche mir, dass Du durch das Land ziehst und alle meine Kollegen – Studierende, Assistenzärzte (oder wie auch immer die künftige Bezeichnung lauten mag), Ober- und Chefärzte und Niedergelassene, nach ihren Wünschen fragst. Und die Krankenschwestern und Pfleger, Rettungsassistenten und Sanitäter, MTAs natürlich auch. Vielleicht auch die Patienten. Jedem von ihnen sollst Du drei Wünsche gewähren! Das ist mein Wunsch.“
Und plötzlich war die Fee verschwunden.
Sie hat mir nicht gesagt, ob sie meinen Wunsch erfüllen will oder nicht. Aber, liebe Leute, falls bei Euch demnächst eine gute Fee auftauchen sollte, dann wisst Ihr Bescheid.
Und falls nicht… dann könnt Ihr Eure Wünsche auch mir mitteilen, ich werde sie dann bei Gelegenheit weiterleiten.

Also:

    Was wünscht Ihr Euch von der Guten Fee?

Schreibt mir Eure Wünsche, entweder als Kommentar oder als Email.
Und schreibt mir bitte dazu, welche Rolle Ihr innerhalb des Gesundheitswesens einnehmt, also Studi oder Chefarzt, MTA oder Patient(in).
Die Ergebnisse werde ich Euch dann in wohlbekannter Weise mitteilen – in Form einer nicht randomisierten, nicht kontrollierten aber dafür Peer-Reviewten Studie.

p.s.: Gerne könnt Ihr die Frage natürlich auch in Eurem eigenen Blog beantworten!

Written by medizynicus

7. Juli 2009 at 10:17

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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