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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Pharmaindustrie und Selbsthilfegruppen – Oder: Frau Wondraschek hat sich informiert

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Wir erinnern uns:
Frau Wondraschek ist an der heimtückischen Fiesofrieselose erkrankt, einer chronischen und sehr gefährlichen Form des fiesen Frieselfiebers.
Nachdem sie also in der Uni-Klinik von Herrn Professor Dr. Clark Kent untersucht worden ist, hat dieser sie nun heimgeschickt zum Hausarzt Dr. Kal-El. Und da sitzt sie nun, nach knapp zwei Stunden Wartezeit endlich in dessen Behandlungszimmer und kippelt nervös auf ihrem Stuhl.
„Sie müssen mir das Miraculin verschreiben!“ sagt sie, noch bevor der Herr Doktor Gelegenheit hatte, ihr einen guten Tag zu wünschen.
Der Herr Doktor runzelt die Stirn. Er weiß nämlich, dass die täglichen Therapiekosten etwa zweitausend Euro betragen. Das gibt eine Menge Scherereien mit der Krankenkasse!
„Schaun wir mal!“ brummt er, nimmt den Brief von der Uniklinik in die Hand und beginnt zu lesen.
„Ich habe mich nämlich informiert!“ sagt Frau Wondraschek und zieht eine kleine Broschüre aus ihrer Handtasche.
Der Herr Doktor schaut sie über den Goldrand seiner Brille hinweg an.
„So?“
„Hier sehen Sie! Das ist von der Internationalen Fiesofrieselose-Gesellschaft. Da steht drin…“
„Frau Wondraschek, Sie haben mittlerweile mit dem Rauchen aufgehört?“
Die Patientin wird rot.
„Warum sollte ich?“
„Sie wissen, dass die Prognose Ihrer Erkrankung….“
Frau Wondraschek schüttelt vehement den Kopf.
„Hier steht drin, dass man gar nicht mit dem Rauchen aufzuhören braucht. Man muss einfach nur die dreifache Menge Tabletten nehmen, wenn man weiter rauchen will!“
Herr Doktor Kal-El ist ein friedlicher Mensch.
„Okay. Ich schreibe Ihnen das Fiesofliximab von Knauserpharm auf.“
„Warum kein Miraculin?“
„Es handelt sich um den selben Wirkstoff, Frau Wondraschek. Wissen Sie, die Firma Knauserpharm hat ein sogenanntes Generikum hergestellt…“
„…wusste ich’s doch! Sie wollen Geld sparen! Nee, mit mir nicht, Herr Doktor! Sie schreiben mir gefälligst das Original auf.“
„Aber Frau Wondraschek….“
„Hier in dieser Broschüre steht genau drin, dass Sie das Kreuzchen machen müssen, wenn der Patient nicht will, dass Miraculin durch ein billiges Nachahmer-Präparat ersetzt werden soll…“
Der Herr Doktor verdreht die Augen und spricht ein Stoßgebet.

Written by medizynicus

24. Juli 2010 at 08:11