Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Blut Abnehmen

Ärztliche Aufgabe

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Es ist fünf Minuten vor zwei und ich versuche gerade, mich still und heimlich von der Station zu verdrücken um mir in der Kantine noch ein paar kullinarische Köstlichkeiten hinter die Kiemen schieben zu können. Fast habe ich es geschaft, unauffällig die Ecke in Richtung Treppenhaus zu passieren, als…
„Herr Doktor!“
Wie bitte? Bin ich das?
„Sie können noch nicht gehen!“
„Äh… warum nicht?“
„Da ist noch Blut abzunehmen!“
Langsam und mit gesenktem Kopf komme ich zurück in Richtung Schwesternstützpunkt. Da steht Schwester Paula, die Hände in die Hüften gestemmt und deutet auf ein Tablett mit fünf Blutröhrchen, sorgfältig in Plastikbecher sortiert.
„Die müssen bis vierzehn Uhr dreißig im Labor sein! Das wissen Sie doch!“
Klar weiß ich das… und ich weiß auch, dass mein Magen mir knurrenderweise unmissverständlich zu verstehen gibt, dass jetzt unbedingt ein paar Kalorien fällig sind, aber zack-zack!
„Äh… Schwester Paula?“
Sie schaut mich argwöhnisch an.
„Könnten Sie das nicht vielleicht ausnahmsweise mal abnehmen?“
Schwester Paula schüttelt unerbittlich den Kopf.
„Warum denn nicht?“
„Ist doch ärztliche Aufgabe!“
„Warum eigentlich?“
„Alles, was mit Venen zu tun hat, ist ärztliche Aufgabe. Das war schon immer so!“
„Warum war das denn schon immer so?“
„Weil… ja…. was denken Sie denn, was da alles passieren kann?“
Ja, was denn eigentlich?
Seit geraumer Zeit nämlich wird Schwester Paulas Meinung vom Management der Klinik nicht mehr geteilt. Blut abnehmen ist längst auch Aufgabe der Pflege. Und damit ist der obenstehende Dialog heutzutage höchst unwahrscheinlich geworden. Warum bloß?

Written by medizynicus

20. Oktober 2011 at 20:25

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Die Kunst des Nichtstuns

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Montag Morgen in Bad Dingenskirchen. Sarah rennt von Zimmer zu Zimmer und balanciert das Tablett mit den Blutröhrchen vor sich her. Kalle sitzt in der Küche und trinkt Kaffee.
Irgendwann steckt er dann mal gemächlich seinen Kopf ins Dienstzimmer und schüttelt den Kopf.
„Sag mal, was machst’n Du die ganze Zeit da?“
„Nimmst Du etwa kein Blut ab?“
Kalle deutet auf ein einsames kleines Tablett.
„Drei Röhrchen heute!“
„Äh… hast Du denn keine Patienten?“
„Mehr als Du!“
„Und…“
„Ich mag es halt nicht, meine Patienten unnötig zu quälen!“
„Das Labor muss doch bei jedem mindestens einmal pro Woche kontrolliert werden!“
„Warum?“
„Weil… wenn zum Beispiel das Kalium runtergeht…“
„Was machst Du dann?!“
„Natürlich substituieren!“
„Und dann?“
„Natürlich engmaschig kontrollieren…“
„Und dann?“
„Was soll jetzt Deine Frage?“
„Sag mal, behandelst Du Laborwerte oder Patienten?“
Sarah schaut ihn wortlos an.
„Also ich trinke lieber Kaffee!“
Und damit zieht er sich wieder in die Küche zurück.

Written by medizynicus

1. November 2010 at 05:50

Der Montagsvampir

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Es ist wieder mal Montag.
Und ich habe verpennt. Raketengleich senkrecht aus dem Bett geschossen, Turbo-Dusche, rein in die Klamotten, Frühstück muß ausfallen und – nur wenige Minuten verspätet bin ich auf Station.
Blut abnehmen.
Beim Anblick der zahlreichen Blutröhrchen wird mir schlecht. Habe ich das alles selbst angesetzt? Oder hat der Chef am Wochenende heimlich Visite gemacht?
Noch eine Viertelstunde bis zur Frühbesprechung. Los gehts. Zimmer drei. Wie heißt der Patient?
Ich schaue aufs Röhrchen-Etikett.
„Schönen guten Morgen, Herr Meier?“
Keine Antwort.
Ich schaue auf das Namensschild am Fußende des ersten Patientenbetts. Da steht nicht Meier. Da steht gar kein Name.
Neben dem zweiten und dritten Bett sitzen Gestalten auf dem Kackstuhl.
„Herr Meier?“
Keine Reaktion.
Her Meier muss der Mann im Bett am Fenster sein!
„Darf ich Ihnen Blut abnehmen?“
Keine Reaktion.
Ich greife den Arm.
„ich muss Ihnen mal Blut abnehmen, okay?“
Keine Reaktion. Ich lege den Stauschlauch an. Er zuckt den Arm nicht zurück. Aber drankommen an den Arm tu ich nicht so richtig. Immerhin entdecke ich eine Vene. Steche zu, kriege mein Blut, ziehe die Nadel wieder raus. Und noch einen Tupfer draufdrücken.
„So, und jetzt bitte selber noch eine Minute lang draufdrücken, Herr Meier!“
Macht er natürlich nicht. Ist ja dement.
Ich nehme die andere Hand des Patienten und drücke sie auf den Tupfer mit der Stichwunde drunter. Der Tupfer ist schon mit Blut vollgesabbert. Ich nehme einen neuen Tupfer.
Scheiße, ich habe mal wieder kein Pflaster dabei.
„Bitte weiter feste draufdrücken!“
Der Patient läßt die Hand los, das Blut tropft auf den Boden.
Scheiße, Scheiße, schnell weg hier.
Noch fünf Minuten bis zur Frühbesprechung und ich habe noch mindestens fünf weitere Blutentnahmen….

Written by medizynicus

18. Januar 2010 at 06:53

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Der Blutwurstwitz

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Bad Dingenskirchen, morgens um halb acht. Medizynicus balanciert ein Tablet über den Krankenhausflur. Darauf befindet sich alles, was man braucht um seine Patienten zu piesacken: Ein Sortiment von Nadeln, Tupfer, Pflaster, Desinfektionsspray. Und etwa zehn Plastikbecherchen. In jedem davon stecken ein, zwei oder drei mit Namen beschriftete Plastikröhrchen.
Kenner wissen Bescheid: Medizynicus dreht seine allmorgendliche Blutabnahmerunde.
„Der Vampir ist wieder unterwegs!“ grummelt Oma Tiedeböhl und humpelt schnell in ihr Zimmer.
Das war der Vampirwitz.
Geschätzte siebenhundertdreißigtausendmal gehört.
Medizynicus klopft am nächsten Krankenzimmer und tritt ein.
„Guten Morgen, die Herren…“
„Guten Morgen, Herr Doktor!“ schmettert mir Herr Mühlbauer entgegen, ein stattlich gebauter Mittsechziger mit KHK und akuter Bronchitis.
Dann krempelt er sein Hemd hoch, macht eine Faust, streckt mir seinen Arm entgegen und dreht den Kopf in die andere Richtung.
„Gibts bei Euch heute wieder Blutwurst?“
Das war der Blutwurstwitz.
Geschätzte achthundertneununddreißigtausendmal gehört.

Written by medizynicus

30. Juni 2009 at 08:35