Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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…und danke fürs Diktat. Ende.

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Das gibts doch nicht!
Draußen ist lacht die immer noch verhältnismäßig goldene Herbstsonne und ich sitze da am Fenster und schaue der Sonne beim Lachen zu. Ich habe die Visite beendet, bin auch mit dem Papierkram fertig, habe alle Untersuchungen gemacht, war Mittagessen, habe alle notwendigen Braunülen gelegt und dann sogar aus Langeweile noch den kompletten Stapel aller Artzbriefe wegdiktiert und es ist immer noch etwas übrig vom Tag.
Ich gehe raus, hole mir einen Kaffee und setze mich wieder an meinen Arbeitsplatz.
Am anderen Schreibtisch sitzt Sarah und diktiert.
„Magst Du auch einen Kaffee?“
Sie schüttelt den Kopf.
Ich tu so, als würde ich arbeiten, aber das wirkt nicht sehr überzeugend.
Also schaue ich wieder der Sonne zu. Sarah diktiert weiter.
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“
Sie schüttelt den Kopf.
Also schaue ich wieder der Sonne zu.
„Wirklich nicht?“
Ich stehe auf und gehe zu ihr hinüber. Neben ihr liegt ein beeindruckend hoher Stapel an Patientenakten.
„Komm, ich nehme Dir welche ab!“
„Nee, brauchste wirklich nicht!“
„Doch, is ja kein Akt…“
Beherzt greife ich in den Stapel und ziehe ein paar Akten heraus.
Und jetzt ist die Sonne längst tief blutrot über Bad Dingenskirchen untergegangen und ich sitze immer noch da in dem inzwischen leeren Arztzimmer vor meiner kaltgewordenen Kaffeeplörre und versuche die Handschriften meiner Kollegen zu entziffern.
„…und verbleibe mit kollegialen Grüßen, Unterschrift und danke fürs Diktat.“

geht die Sonne gerade blutrot über Bad Dingenskirchen unter und

Written by medizynicus

15. November 2011 at 14:30

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Das übliche Blabla

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Ich sitze vor meinem Schreibtisch, auf welchem sich ein Stapel Krankenakten befindet.
Die zugehörigen Patienten hat Martin in der letzten Woche entlassen. Und weil es vor meinem Urlaub „meine Patienten“ waren, „gehören“ die Akten jetzt mir, das heißt das Diktieren des zugehörigen Briefes ist meine Aufgabe.
Wenn Martin in Urlaub ist, dann mache ich natürlich im Gegenzug bei „seinen“ Patienten Visite.
Und sollte ich einen dieser Patienten entlassen, dann gehört die zugehörige Akte selbstverständlich mir.
Sollte ich es wagen, eine Akte still und heimlich auf Martins Stapel zu verfrachten, so liegt sie spätestens bei Martins Rückkehr wieder bei mir: „Du hast den Patienten ja entlassen, ich kenne den doch kaum!“
Diesbezüglich hat Martin da eine ganz raffinierte Taktik entwickelt.
Manchmal ist sein Stapel turmhoch, dann reduziert er sich oft in Windeseile allerdings habe ich ihn noch nie diktieren sehen: stattdessen werden die Akten in einem unbeobachteten Moment unter fadenscheinigen Begründungen auf die Stapel der Kollegen verschoben.
Und jetzt sitze ich da also.
Noch ein Schluck aus der Kaffeetasse. Pfui Teufel, das Zeug schmeckt grauenhaft, außerdem ist es kalt geworden.
Ich nehme das Diktiergerät in die Hand. Neue Kassette einlegen.
Eins, zwei, drei Test. Zurückspulen, Räuspern und los.
„…berichten wir Ihnen über den obengenannten Patienten, welcher sich vom… bis zum… in unserer stationären Behandlung befand. Stop.“
Aktenraschel.
Diagnose?
Wenn ich das wüsste! Ich kann mich an den Patienten kaum erinnern.
Ich blättere durch die Akte und versuche Martins Handschrift zu entziffern. Was hat der mit dem angestellt?
Aber irgendwas muss ich hinschreiben. Am besten gleich die zehn Dauerdiagnosen aus dem Arztbrief vom vorherigen Aufenthalt abdiktieren, darunter fortgeschrittene Demenz, schwere Pflegebedürftigkeit, Harn- und Stuhlinkontinenz und so weiter.
Ich schüttele den Kopf.
Stehe auf.
Nebenan im Schwesternzimmer riecht es nach frischem Kaffee.

Written by medizynicus

18. Februar 2010 at 06:51

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