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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch

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Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch. Eine Krankenakte natürlich.
Die wartet darauf, diktiert zu werden, was heißt: irgendwer erwartet von mir, dass ich den entsprechenden Arztbrief diktiere, ganz dringend, am besten heute noch, am besten sofort.
Ich schlage das Ding auf.
Ganz vorn liegt ein Zettel. Genau gesagt, ein Vordruck: „Hiermit bestätige ich, dass ich das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat verlasse.“
In der Ecke klebt ein Aufkleber mit Namen und Personalien des Patienten: Müller, Hans-Georg.
Müller, Hans Georg?
Ach ja, das war doch der Alkie vom Wochenende, von dem ich mich nicht hab verarschen lassen wollen und der mich dann doch drangekriegt hat.
Aha. Müller, Hans Georg hat das Krankenhaus also gegen ärztlichen Rat verlassen. Den Zettel hat er übrigens nicht unterschrieben, was darauf hindeutet, dass er sich still und heimlich einfach aus dem Staub gemacht hat. Aber wann? Samstag früh war er bekanntlich noch da. Gestern bei der Visite war er weg. Komisch, dass mir das gar nicht aufgefallen ist!
Auf der Akte pappt ein Klebezettel.
„Chef bittet um Rücksprache!“
Chef räuspert sich am Telefon.
„Redense mal mit dem Hausarzt!“ sagt er, „damit der Bescheid weiss!“
Will sagen: Damit der Hausarzt Abstand davon nimmt, Herrn Müller, Hans-Georg irgendwann innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Entgiftung stationär bei uns einzuweisen.
Aber so einer wie Herr Müller, Hans-Georg, der braucht gar keinen Hausarzt. Der weiss schließlich selbst, wann er ins Krankenhaus will und dass man am besten dann wieder heimgeht, wenn es am schönsten ist.
Na gut. Bin nicht traurig drum. Besser so einer als jemand, welcher nachts plötzlich ins Delirium rutscht. Nee, das macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Written by medizynicus

2. Februar 2010 at 07:00

Ich lasse mich nicht gerne verarschen!

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Schade, dass ich nicht zwei Köpfe größer bin.
Ich stemme die Hände in die Hüften und versuche, furchteinflößend wie möglich auszusehen.
„Also gut,“ sage ich mit betont strenger Stimme, was mir aber nicht so recht gelingen will, „Was ist los?“
Der Patient liegt wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett.
„Nichts ist los, Herr Doktor!“
„Was ist nichts?“
„Gar nichts, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass Sie zur Entgiftung da sind?“
„Natürlich, Herr Doktor!“
„Und Sie kennen unsere Regeln?“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
„Regel Nummero eins lautet: Sie kriegen von uns Medikamente – und verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken!“
Der Patient nickt schweigend.
„Regel zwei lautet: Wenn Sie doch Alkohol trinken, dann fliegen Sie raus!“
Der Patient schweigt immer noch und starrt mich reglos an.
„Dann frage ich Sie mal direkt: Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Und wenn ich Ihnen jetzt Blut abnehme?“
Der Patient zuckt zusammen.
Wenn ich ihm jetzt Blut abnehmen würde, dann hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Promille. Eigentlich müßte ich ihn dann rausschmeißen, wenn ich konsequent sein will. Aber der Chef mag keine Rausschmisse. Abgesehen davon ist draußen Wochenende und unser Labor ist am Wochenende nur notfallmäßig besetzt. Und wenn ich diesen Patienten am Wochenende bei Schnee und Minusgraden in seine vermutlich eiskalte und aller Wahrscheinlichkeit nach fürchterlich vergammelte Wohnung entlassen würde…
„Also gut,“ sage ich, „Ich glaube Ihnen. Aber wenn ich noch einmal erfahren sollte, dass Sie hier Alkohol zu sich nehmen…“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
Die Erleichterung ist ihm an der Nase anzusehen.
Schwester Paula allerdings wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als ich am Dienstzimmer vorbei zurück in die Notaufnahme stapfe.

Written by medizynicus

30. Januar 2010 at 10:23

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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